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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-02 · Heft 964 (2.10.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 964 (2.10.1921)
Date
1921-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelpreis S Kronen ^ränumerationspreise: B feil: Zu« Tlbhoken in der Expedition, 8. Bezirk, Taborpratze 1 diS 3» oder - in einer - BerslbleihstrUe iTrafik): Monatlich . Kronen LOv^- Bit Postrersand für Wim und Oesterreich r Monatlich. Kronen 260 — rschecho-Llowakei: Monatlich. . Kronen 18.— Dterteljährltch 54.— i» lschech».>lowaki!cher WStzrunx Ungar«: Monatlich. . Kronen V«.- «tertelltiihrltch . *io.- ia »vgirischer Währung Jttgvsiaw.ienr Monatlich. . Dinar 13.- Vierte!jährlich 8»r- Einzelpreis @ Kronen Aränumerattouspreife r Pole«: Monatlich. . Mark 400»- in polnischer Wührung Dmtjchlaud: Monatlich. . . Mark 10«- ^renkreich: Monatlich. . . AraneS Jtalim: Monatlich.... Lire 0.- Rnmänirn: Monatlich. . . . Lei 25.— Schweiz «. La» übrige Autland Monatlich. . . Francs S.— Redaktion «.Administration Wie«, -r.Bez.,Taborstr. 1—» relephone: 4403«, 4381» >b 6 Uhr abendS Nr. 16301 Vostfparkafienkonto 150.6W Nr. 964 Wien, Sonntag den 2. Oktober 1921 3. Jahrgang Vorbereitende Beratungen in Belgrad. Berlin, 1.- Oktober. Der Korrespondent der „Vossischen Zeitung" in Belgrad meldet unter dem 30. September: Die Begegnung des Ministers Dr. B e n e s ch mit dem Grafen Ban f f y hat Anlaß zu einem regen Gedanksnanstausch zwischen den Negierungen der kleinen Entente gegeben. Im Verfolg dieses Gedankenaustausches haben.gestern und -heM ^mehrere,.„Zn^mmankünste. der diplomatischen Äertreter der Ententemächte in Belgrad stattgesunden. Der Vertreter Frankreichs, S i m o n, der Vertreter Italiens, M a n 3 o n t, der derzeitige tfchecho-slowakische Geschäftsträger Dr. C e r n h und der rnmä- Deutscher Nelchstag. Berlin, 1. Oktober. Der Reichstag setzte heute die Beratungen über die Interpellation der Deutschnationalen fort und verband mit der Besprechung der bisherigen Interpellationen auch jene über den Antrag der Unabhängigen, betreffend einen Gesetzentwurf zum Schutz d e r R ep ublik, und über einen Antrag der Kommunisten auf eine allg emeine Amnestie.^ / Zunächst' sprach der WöHtzenme der Zentrumsfraktion M arx, der sich vdrnehmlich gegen die antirepüblikanische -und. nationa l i ft if ch e Hetz e sd'e r- R echten wandte -Ml"?betvnte, daß das Zentrüm völlig hinter dem Reichskanzler stehe. Hierauf sprach für die deutsche Volkspartei Abgeordneter T h i e l, der an den Schutzoerordnungen des Reichspräsidenten viel auszufetzen hatte. Reichsminifter des Innern Dr. Gradnauer erklärte: Alle unliebsamen Vorfälle der letzten Wochen sind auf die unselige Tat von Grießbach zurückzuführen. Die Verordnungen waren veranlaßt durch das Treiben der r e ch t s b o l f ch e w i k i f ch e n Organe. Angewandt wurden sie nach allen Seiten hm ohne Unterschied der Partei. Namens der Demokraten sprach der ehemalige -Reichsminifter des Innern Dr. Koch, der an die Parteien die Aufforderung richtete, sich zu gemeinsamer .Arbeit züfammenzufinden, ° da ohne eine gefestigte Innenpolitik an eine gute Außenpolitik nicht zu denken sei. Abgeordneter Bayerle (deutsche Volkspartei) warf dem Kanzler vor, in der Angelegenheit mit Bayern zu hitzig vorgegangen zu fein. Frau Zetkin (Kommunistin) trat bei der Begründung des Amnestieantrages unter großer Unruhe des Hauses für eine vollkommene Amnestierung des Max Hölz ein. Im weiteren Verlauf der Aussprache schob Abgeordneter Dr. Rosenfeld (U. S. P. D.) den Deutschnationalen die Verantwortung für den Mord an dem Abgeordneten Erzberger wie 'auch für die Tat des Fähnrichs v. Hirschfeld zu. In der Verteidigung der Republik seien sich die ganze Arbeiterschaft und die anderen Parteien einig. Graf W e s t a r p gab namens seiner Paiei eine Erklärung ab, wonach der Reichskanzler nicht die Ehrenerklärung gegeben habe, auf die die Deutschnationalen Anspruch hätten. Wenn die Abgeordneten Scheidemann und Rosenfeld die Deutschnationalen beschuldigen und ihnen den Meuchelmord zuschieben, so sei dies eine bewußte; wider besseres Wiffen vorgebrachte Unwahrheit, die er zurückweise. Redner führte ferner nische beboÄmächtigte Minister Diamanvr hatten eingehende Berat««gen miteinander. Sie besuchten zusammen den Ministerpräfidenken Paste, mit dem sie eine längere Besprechung hatten. Nach dem diplomatischen Empfang fand ein Minifterrat statt. . Der Korrespondent meldet fchlietzlich, die Auffassung in den Kreisen der kleinen Entente gehe dahin, daß der Zeitpunkt für eine energische Aktion geg e « Anga r n gekommen sei. Die kleine Entente könne Aendernngen am Wortlaut des Vertrags von Trianon nicht dulden. Beschwerde darüber, daß den Deutschnationalen jeder Schutz versagt werde. Redner bat schließlich, den Antrag der Deutschnationalen auf Aufhebung der Verordnung des Reichspräsidenten anzunehmen. Nach längeren persönlichen Bemerkungen wurde der Antrag, alle Anträge dem Reichsausschuß zu überweisen, gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Komm u n i st e n angenÄmmen. Weiters wurde die Haftentlastung desAbgedrdNetenWendelinT h o m a s mit den Stimmen der Linken beschlossen. Der Völkerbund für Abrüstung. Genf, 1. Oktober. (Korr.-Bur.) Die mit den Abrüstungsfragen befaßten Kommissionen haben die Ergebnisse ihrer Beratungen in Beschlüssen zusammengesaßt, die von der Versammlung angenommen wurden und deren wichtigste folgende sind: Die gemischte Abrüstungskommission hat dem Rate einen Entwurf für die Einschränkung der Rüstungen der Staaten vorzulegen, desgleichen eine - internationale Konferenz zur Ausarbeitung einer Konvention über die Privaterzeugung und den Handel mit Waffen einzuberufen. Die im Vorjahr ausgesprochene Empfehlung an die Staaten, deren Militärbudget nicht zu erhöhen, wird wiederholt. Alle Staaten werden eingeladen, der Konvention von Saint-Germain, betreffend den Handel mit Waffen, beizutreten. Die Gelehrten der Welt sollen aufgefordert werden, ihre Entdeckungen auf dem Gebiet der Giftgase und ähnlicher Fragen vorbehaltlos zu veröffentlichen. Schließlich wird das Programm für die Abrüstung in allen Ländern empfohlen. Schanzer (Italien) begrüßte die Beschlüsse im Namen Italiens. Noble maire (Frankreich) betonte, daß seine Delegation den Beschlüssen im Geiste derselben Haltung zr stimme, die Frankreich im Jahre 1919 eingenommen habe. Warum sollen Deutschland und Frankreich nicht Seite an Seite in Frieden und Freih eit leben können? Wenn man aber diesen Frieden haben wolle, dann gelte das Wort: Li vis pacem, para pacem! Fisher (England) stimmte den Vorrednern darin bei, daß der Frieden gesichert sein werde, wenn Deutschland und Frankreich die zwischen ihnen bestehenden Gegensätze vergessen werden. England wolle den Frieden 'wie Frankreich, wenn auch nicht immer volle Uebereinstimmung über die Wege zu ita herrsche. Die nächste Ausgabe der „Wiener MorgenzeiLung" erscheint am Mittwoch den 5. Oktober zur gewöhnlichen Stunde. Das Buch des Lebens. —y. W je«/2. Okober. In dem jüdischen Jahre, das heute zu Ende geht, hat sich in der Stellung des jüdischen Volkes zu seiner Umgebung kaum etwas aeändert. Die Verfolgung hat nicht ausgesetzt, in die jüdische Wanderung ist Ratlosigkeit gekommen. In den Ländern des Leidens zeigt sich das alle, uns schon so lange Zeit vertraut gewordene Bild eines unbarmherzigen, ungehemmten und höchst einseitig geführten-Krieges." Im- Osten geht der Vemichtungskampf gegen das Judentum weiter Er wird in Rußland, soweit es den Kommunisten gehorcht, von den Kommunisten, im anderen Ausland von den Antikommunisten betrieben. .Der Effekt ist stets der gleiche. Ganze Städte jüdischen Lebens werden ausgelöscht, was den Mördern entgeht, stirbt in Hunger und Seuchen, erliegt auf der Flucht.' In Polen ist die gewaltsame Methode des Pogroms durch 'den Boykott abgelöst worden, in Ungarn geht die Verdrängung des Judentums aus dem Leben der Gesellschaft weiter ihren unheimlichen Weg, in Oesterreich ist der Haß gegen das Judentum, bereits in die Regierung eingedrungen, in Deutschland sucht die große Masse der durch das Kriegsende aus ihrer Geltung geworfenen Nntionalisten ihre frühere Macht auf dem Umweg-über das Judentum mit Hilfe.- einer maßlosen Hetze wieder zu erreichen. Unsere Geschichte wiederholt sich' ununterbrochen. Dann aber siegt für uns die - UeberzeuMNg, baß Mch diese schreckliche Zeit Vorbeigehen- Äirö. ' Unzählige, Male f-ifidie Welle des. . Massenmordes und, der Entrechtung über das Judentum hinweggegangen, ebenso oft hat sich das Volk wieder aufgerichtet, weil es treu war seinem innersten Wesen und nie an sich und seiner Kraft verzweifelte. Durch die Geschichte . des Judentums stürmen die. Jahrhunderte. ÄW sie sahen nie, daß das Volk W sich selbst irre 'Hürde, daß es den Glauben an. sich selbst verlor. 'Und "auch die Tage, die wir jetzt durchleben, sind ooüü'eines unerhörte« stillen Heroismus des Höffens. In unser nationales Leben ist ein neuer Zug getreten, der des bewußten Widerstandes gegen die Brandung, die uns umspült. Wir sind nicht mehr passiv und suchen unsere Zukuyft nicht mehr in der Abwehr. Wir haben bas große Ziel der Wiedergeburt der Nation in ihrem Lande und die Arbeit an dem Werke der Errichtung des jüdischen Heims hat uns ein Ideal gegeben, das die Not des Tages hell überstrahlt. Ein Volk. das sich nicht aufgeben will, überwindet alles, auch Zeit und Raum. Wir sind in diesem Jahre unserem Ziele, wieder nähergekommen. Die übergroße Mehrheit des jüdischen Volkes ist von dem Gedanken der jüdischen Freiheit bewegt und hat durch ihre gewählten Vertreter auf dem letzten Zionistenkongreß aller Welt ihre Entschlossenheit kundgegeben, von dem Weg ins Vaterland nicht abüren zu wollen. Wir wollen den letzten Hauch, die letzte Kraft an dieses Werk setzen, dessen Gelingen eine neue Epoche im Schicksalsgang des jüdischen Volkes und in der Entwicklung der Menschheit einleiten soll. Kein Druck konnte uns die innere Freiheit nehmen und der Zionistenkongreß hat es bewiesen: Auch die Leiden dieser letzten Jahre konnten unsere Entschlußkraft nicht lähmen. Wir gehen geraden Weges und offenen Auges in die Zukunft, die unserem Volke auch die äußere Freiheit bringen wird. Daß wir die letzten geistigen und, materiellen Reserven der Nation aufbieten müssen, kann uns nicht schrecken. Das Judentum hat noch nie versagt, wenn an seinen Opfermut, an seinen selsenfesten Freiheitssinn der Ruf erging. Unsere Jugend will das Land der Väter mit der Arbeit ihrer Köpfe und ihrer Hände erschließen, sie wartet mit brennenden Augen auf bas Oeffnen der Tore zu einer großen und freien Zukunft. Soll sie enttäuscht werden? Ihre Entmutigung wäre der Tod für unser Volk. Wir aber wollen leben, wollen unseren Kindern ein besseres Los bereiten und die letzte-/.Spur' vergangener Schrecknisse aus ihrer Erinnerung nehme». Nichts brauchen wir dazu — als die Seele des VMeH, das niemals überwunden wurde. das die Schare« seiner Feinde sterben sah und das immer aufrecht und ungebeugt blieb, weil es den Traum von der einstigen Rückkehr ins zugeschworene . Land niemals aufgab. Dieser Traum muß Leben werden, " er wird es werden, wenn wir alle unsere Pflicht tun. Die Stunde der Entscheidung ist gekommen. Das Vatetland wartet unser, die heilige- Erde Kanaans will ihren Kindern ihren Segen weihen. Auch dort gibt es Schwierigkeittn. 'Sie sind 'entstanden, weil wir iauwitlig und zaghoK waren. weil wir unsere Jugend nicht unterstützten, weil wir unser Hoffen allzusehr auf fremde Hilfe gesetzt hatten. Dem jüdischen Volke kann nur durch die jüdische Arbeit geholfen werden. Wenn das Judentum zioMifch denkt, wenn es das jüdische Leben umgestaltenyzsll von Grund auf, damit all sein Fleiß und seine Mühe nur dem jüdischen Interesse dient, wenn es sein Geld, sein Sinnen und Trachten seiner Jugend weiht, dann wird es sich in. das Buch des Lebens einfchreiben. * *.

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