Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 960 (28.9.1921)
- Date
- 1921-09-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6<Bt 4 SBieit, Mittwoch Wiener Mrrsentemms <SIogb# begrüßt die Vermittlungsaktion Italiens und -er Tschecho-Slowakei und erklärt, an Oesterreich allein liege es nun, über die Zukunft seiner Beziehungen zu Ungarn zu entscheiden. Diesmal sei es nicht mehr möglich, der Verantwortung auszuweichen. „Hesti Hirlap* schreibt unter dem Titel „Trianon ist keine .heilige Schrift*: Die Entrevue Banffy-Benesch M überraschend. Eine überraschende Wendung bedeutet überhaupt diese friedliche Vermittlungsrolle der tschechischen Politik, da doch noch vor einige« Tagen die bewaffnete Einmischung der Tschecho-Slowakei als die gefährlichste Eventualität hingestellt wurde. Das Behalten Oedenburgs werden wir sicherlich mit herzlicher Genugtuung aufnehmen, aber dies cülein bezeichnen wir niemals als eine günstige Wendung der Situativ n und «och weniger als einen Sieg der Gerechtigkeit der ungarischen - Sache. Oedenburg kann nicht den Ablöspngspreis für das übrige verlorene Gebiet bilden. Wir erblicken bloß eine tröstliche und erhebende Erscheinung in dem Ergebnis, daß die s ch r i f tlichen Feststellungen des Trianoner Vertrages sich nicht als ein unantastbares Heiligtum erwiesen h a b e n in dem Augenblick, wo sich der Volksin stinkt dagegen evrpörte. Warten und vertrauen wir also auf die Macht der Gerechtigkeit, welche noch bezüglich vieler vertragsmäßiger Räubereien und Ungerechtigkeiten beweisen wüdj daß der Trianoner Buchstabe Leine heilige Schrift ift. „Magyar Ujsag" erklärt, als konkretes politisches Ergebnis muß die Tatsache festgestellt werden, daß der heldenmütige Widerstand der west ungarischen Freiwillige« nicht nur da§ Eis des österreichischen Wider st ander gebrochen, sondern auch die kleine Entente uns gegenüber nachgiebiger gemacht hat, von der jedes Mitglied mit der h o chm ütigerGeste balkanischer Ueberlegenheit und des Selbstgefühls des Siegers in jedem Augenblick bereit war, uns zu demütigen und Rumpfungarn einer neuerlichen Zerstückelungsoperation zu unterwerfen. Im „Magyar Hirlap" sagt Stephan Friedrich: Die jüngste Demarche der Entente ändert nichts an der Situation. Die Bevölkerung von Westungarn wird bis zum letzten Atemzug für ihr Selb stbestim- Mungsrecht kämpfen. Die feilschenden Regierungen werden endlich' gezwungen sein, sich auch mit den Beauftragten des Volkes in Unterhandlungen einzulassen, untsomehr, als es sich um das HMpt des Volkes von Westungarn handelt. Die ungarische Regierung hat Keine Macht über die Ansurgenten. Paris, 27. September. Der „Temps" meldet aus Budo- Pest: Die neue Note der Botschafterkonferenz, hätte in Budapest den lebhaftesten und tiefsten Eindruck ausgeübt, wenn sie nicht mit dem diplomatischen Versuch, schwebende Fragen zwischen Oesterreich und Ungarn durch ein Kompromiß zu lösen, Lusamnrengefallen wäre. Im allgemeinen würbe man zufrieden sein, wenn diese diplomatischen Bemühungen zum Ergebnis führen würden, baß Oesterreich auf Oedenburg verzichte. Man erklärte in gut unterrichteten Kreisen, daß ein derartiges Abkommen die Aufgabe der Regierung gegenüber den Banden, die.jetzt die Herren des offiziell evakuierten. Westnngarn sein, sehr erleichtern und der Regierung ermöglichen würde,'die Banden zum Räumen dieses Gebietes in angemessener Frist, wenn nicht die Botschafterkonferenz eine Frist festsetze, zu bewegen. Indessen sei die Frage lehr bestritten, ob sich die Insurgenten um Befehle und Bemühungen der Regierung überhaupt kümmern würben. Eine kurze Enquete, die der Korrespondent des „Temps" in den Couloirs der Natiotnalversammlung' veranstaltet habe, erlaube festzustellen, daß die Ansichten der ungarischen Politiker sehr geteilt seien. Die meis^n hätten Zweifel ausgesprochen. Selbst Optimisten hätten zugegeben, daß die Ausgabe der Regierung Sehr schwierig, sehr peinlich und dornenvoll sei. Man wisse nicht einmal genau, «ob alle Jnsurgentengrupen gleiche Ziele verfolgen. Außerdem kompliziere die König Ufr atze merkwürdig die ganze Angelegenheit. Man wisse, daß diese Frage jetzt um keinen Preis ausgerollt tverden dürfe. Sie sei aber doch infolge unterirdischer Treibereien der Legitimisten ein A lpdruck, der auf allen laste. Zu gleicher .Seit beginne eine seltsame Auffassung der Lage sich der Oesfentlichkeit zu bemächtigen. Man verbreite mit großer Bereitwilligkeit den ganz falschen Gedanken, daß nicht die diplomatischen Bemühungen der Mächte, sondern der mi liltärijche Druck der Banden Oesterreich Veranda sfen werbe, ein Kompromiß anzunehmen, «nd natürlich folgere man daraus, daß die Banden einer Patriotischen Sache dienen, ja man frage sich bereits, ob nicht ein ähnliches Vorgehen gegebenenfalls anderswo Aussicht auf Erfolg biete, und.man begegne seit zehn Tagen tollsten Projekten, so daß man dem hohen ungarischen Funktionär beipslichlen müsse, der eines Lages in. Gegenwart des Korrespondenten des „Temps" gestand, daß seine Landsleute leider von Illusionen und nicht ha der Wirklichkeit leben. Eine „Einheitspartei". Budapest, 27.Sept(Pno.) Graf Belhleu -nacht die giötzieA Anstrengungen, zur Unterstützung der Regierung eine „Einheitspartei" zu gründen. Die Regierung WgerMeirüich mit der Absicht, die Mandats- Zeichnet Jährlich 2 Haupttreffer von je LL 5,000.000 Jedes Los gewinnt! Sämtliche Gewinste vollkommen abzugs- und einkommensteuerfrei Kein Legitimationszwang! Zeichnungspreis: für ein ganzes Los und für ein Viertellos. ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■■IBHllBinBaiBlllBlllllBHIIIlIRBIlRIBM bauet der jetzigen Nationalversammlung zu verlängern, um den für sie jetzt unbequemen Wahlen auszuweichen. - Telegramms. Die Washi«gto«er Konferenz. London» 27. September. (Tel.'Komp.) Den „Daily Mail" zufolge, wird die Washingtoner Konferenz, die am 11. November eröffnet wird,-ausschließlich von den Vereinigten Staaten, Japan und Großbritannien beschickt werden und die Debatte wird sich auf die pazifische Frage und die Einschränkung der Rüstungen beschränken. Eine Teilnahme anderer alliierter Staaten und die Aufwerfung sonstiger Probleme, wie es ursprünglich Hardings Plan war, erscheint heute nicht mehr wahrscheinlich. Die Randstaaten und der MinoritLtenschütz. Genf, 24. September. (ILd. Korr.-Bur.) Wie wir erfahren, haben. L e 111 o n b, Litauen und E st l a n b vor deren Aufnahme inden V ö l k erbund dem Völkerbundrate. der sich zuerst mit der Frage ihrer Zulassung zum/Völkerbunde befaßt hat, erklärt, daß sie die Verpflichtung übernehmen» alle auf den Schutz der Minoritäten Bezug habenden Grundsätze in ihren Ländern zur Geltung zu bringen. Diese Frage tauchte nur infolge der von gewisser Seite erfolgten Vorstellungen, betreffend die unfreundliche Haltung Estlands und Lettlands ihren Minoritäten gegenüber, auf. Der Völkerbundrat rbird zu gehöriger Zelt die Einzelheiten der ihm von denÄegierungen der in Betracht kommenden Staaten unterbreiteten Minoritätsklaufeln in Erwägung ziehen. Das Komitee der jüdischen Delegationen hat dem Völkerbund ein M e m or and um in dieser Sache unterbreitet, das besonders auf Lettland und Litauen Bezug hat. Die staatsrechtliche Stellang Ostgaliziens. Genf, 27. September. (Privat.) Die Völkerbundversammlung hat folgende Resolution gefaßt: Die Vollversammlung des Völkerbundes spricht den Wunsch aus, der Völkerbundrat möge den Obersten Rat auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, in Kürze über die staatsrechtliche Stellung Oftgaliziens eine Entscheidung zu treffen. Sowjetrutzland und Polen. Kraka«, 27. September. (Tel.-Komp.) Me der Warschauer Korrespondent der „Nova Reforma" berichtet» hat Tschitscherin dem polnischen Vertreter in Moskau Filipowicz eine Note überreicht, welche als Antwort auf die polnische Note vom 18. d. M. gedacht ist. In dieser Note wird ausgeführt, die Sowjetregierung sei nicht im Stande, ihre Verpflichtungen bezüglich der Ausbezahlung von 29 Millionen in Gold zu erfüllen, da die polnische R e g i e r u n g auf ihrem Territorium antibolschewikische Kampforganisationen unter st ü tz e. Tschitscherin schlägt die Einberufung einer gemischten Kommission für den 5. Oktober zwecks gemeinsamer Beratung über die gegenseitigen Rekriminationen vor. Wenn sich die polnische Regierung bereit erklärt, die eventuelle Entscheidung dieser Kommission anzuerkennen, werde die Ausbezahlung der ersten Rate der im Rigaer Vertrag festgesetzten Zahlungen erfolgen. j Ei« neuer polnischer Finanzminister. Warschau, 27. September. (Funkspruch.) Doktor Michalowski ist zum Finanzminister ernannt worden. Marsch««, 27. S?v1ember. lTel.-Komv) Der n?winatmtc ' voMche^KMWBiMtst« Dr.. MiÄalowch^hal, wie die „Gazeta 28. September 1921 Nr. 960 Darszawska* berichtet, in einer vor seiner Ernennung abgehaltenen Sitzung de- Ministenates sein Programm entwickelt und seine Bedingungen fornmlürt. Die wichtigsten Punkte seines Programmlauten: Eine allgemeine Vermögensabgabe, Erhöhung der direkten Steuern, Einführung neuer Steuern, weitgehende Ersparnisse in allen Msiorts. Dr. Michalowiki hat sich tiefgreifende Einflußnahme auf ^ämilrche Verwaltungszweige gesichert. Machuo taucht wieder auf. Warschau, 25. September. (Iüd. Korr.-Bur.) Hier eingetroffenen Nachrichten zufolge ist der be-, rüchtigte Pogromheld und Räuberhauptmann, Atamans M a ch n o, wieder aufgetaucht und soll den Marsch angetreten haben, um sich mit den <5ttettfcräften. Petlj uras zu vereinigen. Das Wiedererscheinen' Machnos auf ukrainischem Boden bedeutet eine neue Pogromgesahr für die schwergeprüften ukrainischen Juden. Staatliche FlüchtliugsfSrsorge in Rumäuieu. Bukarest, 25. September. (Iüd. Korr.-Bur.) „Monitorul Offieial* publiziert eine Regierungsverordnung, welche die Registrierung aller jüdischenHeimlosen aus dem Osten vorschreibt und die Vorsorge für deren Unterkunft anördnet. Der syrisch-arabische Kongreß. Genf, 26. September. (Iüd. Korr.-Bur.) Der hier tagende syrisch-arabische Kongreß verteilte unter die Mitglieder des Völkerbundes viele Flugschriften und Memoranden über die arabischen Forde-, r u n g e n in bezug auf Palästina und Syrien. Der Kongreß überreichte auch offiziell dem Völkerbund folgende drei Forderungen: 1. Abschaffung der Mandate über Palästina und Syrien. 2. Unverzügliche Zurückziehung der britischen und franzö fischen Garnisonen von Palästina und Syrien. 3. Die Annullierung der Bälsour- Deklaration. Kämpfe in Zrlaud. London, 27. September. (Tel.-Komp.) Infolge, der letzten blutigen Zusammenstöße sind in Dublin englische Truppenverstärkungen mit Maschinengewehren eingetroffen. Ueber das Arbeiterviertel von Dublin w.'rde der B e l a g e r u,n g s z u st a n d verhängt. In B e l f a st wird seit Samstag ununterbrochen gekämpft. - \ London, 27. September. lTel.-KomP.) G'stci n abends ist es abermals zu schweren Unruhen in Belfast gekommen- ES entspannen sich Straßenkämpfe, bei denen beide Parte en van Gewehren und. Revolvern Gebrauch mochten. Anch Bomben wurden geworfen. Zwei Personen wurden getötet mib 40 verletzt. Vor der Entscheidung des Völkerbundrates Wer Oberschlesieu. Paris, 27. September. Nach einer Genfer Privatmeldung der Blätter erwartet man für den Beginn der kommenden Woche die Entscheidung des Völkerbundrates in der oberschlesischen Frage, von der Ministerpräsident Vriand als-Vorsitzender des Obersten Rates zunächst verständigt werden wird. Man nimmt an, daß Vriand daraufhin für einen neuen Zeitpunkt eine neue Sitzung des Obersten Rates .einberufen werde, in der von der Entscheidung des Völkerbundrates offiziell werde Kenntnis genommen und die notwendigen Verfügungen zur Durchführung des Beschlusses werden getroffen werden. Eski Schehir von den KemaUsteu genommen. KonPantriwVel» 27. September. (Havas.) Nach einer türkischen Meldung soll die große Schlacht bei Eski Schehir zugunsten der Türken geendet haben. Die Kemalisten sollen die Stadt besetzt haben. Faszisteuattentat auf eiueusozialistischeu Ahgeordueten. Mailand, 27. September. (Tel.-Komp) Gestern wurde in B a r i aus offener Straße der sozialistische Kammerabgeordnete diVagno von Faszisten überfallen und durch Revolverschüsse schwer verwundet. Man hegt Besorgnis für sein Leben. Infolge dieses Attentats ist heute früh die ganze Provinz in den Generalstreik getreten. Auch die Eisenbahnen sind stillgelegt. Tote und Verwundete in Modena. Mailand, 27. September.' (Tel-Komp.) Etwa 500 Faszisten veranstalteten in M o d e n a eine Protestkundgebung gegen die strengen Ordnungsmaßnahmen der Regierung. Der Abgeordnete V i e i n i hielt eine Gedächtnisrede für früher gefallene Faszisten. Während der Kundgebungen kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Eine Abteilung Gardepolizer schoßauf die Demonstranten. Fünf Faszisten wurden getötet, zahlreiche verletzt. Unter den Schwerverletzten befindet sich auch der Abgeordnete Vieini. Sein Zustand ift besorgniserregend. Die Stadt wurde militärisch besetzt. Die Gesamtzahl der Verletzten beträgt 25. Eine Stunde nach dem ersten Zwischenfall ereignete sich ein zweiter Zusammenstoß, als sich die Faftisten einer Kaserne näherten. Zwei Karabinieri wurden verletzt.