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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-24 · Heft 956 (24.9.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 956 (24.9.1921)
Date
1921-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Er hat eine Stelle geschaffen, vor welcher ein Staat gegen einen anderen Klage erheben und ein Urteil erzielen kann, das vollstreckbar ist/ Damit wird der Gedanke ‘ des Haager Schiedsgerichtes weiter ausgebaut und man kommt der Idee des ewigen Friedens, dieses Traumes der bedeutendsten Geister aller Zelten, wieder einen Schritt näher. Groß ist dieser Schritt sicherlich nicht. Eine Reihe von Staaten hat den Gerichtshof nicht anerkannt und die Teilung her Welt in Sieger und Besiegte mit all ihren unglückseligen Konsequenzen verhindert es, daß der neue'Gerichtshof den deutschen und russischen Rechtskreis in sich einbezieht. Trotz dieses Mangels ist die neue Institution dem Haager Schiedsgericht dadurch überlegen,'daß sie nicht wie dieses auf dem Willen der Pgtteien bericht'. sondern auf dem Willen das Völkerbundes, der ja doch einmal, wenn auch in langsamer Entwicklung, zur Völkergemeinschaft ausreifen wird. 43 Staaten haben das Protokoll über die Einsetzung des ständigen Gerichtes" unterfertigt. Die Existenz dieses Gerichtes wird auch - für:. die heute . noch nicht angeMüfsenen Staaten, noch mehr aber für ihre Völker eine/ sehr wirksame Btesiise in - allen Streitfragen sefn. Das Statut des Internationalen' Gerichtshofes spricht aus, daß in seinem Schoß die großen Formen der Zivilisation und die hauptsächlichsten Rechtssysteme der Welt vereinigt sein sollen. Dieses Statut wird nach der Seite hin ergänzt werden müssen, ob sich die Kompetenz des Gerichtshofes nur auf die Streitigkeiten zwischen Staaten erstreckt oder ob auch die Lebensfragen der Völker hier entschieden werden können, wenn sie mit der Gesetzgebung der Staaten in Widerspruch geraten. Es muß ausgesprochen werden, ich. auch die Beschwerden der vielen nationalen Minderheiten, die der Friedensvertrag erzeugt hat, vor diesen Gerichtshof kommen können und ob. in öffentlicher, kontradiktorischer Verhandlung eine Aufhellung des Tatbestandes erzielt werden könnte. Das Leben dieser Minoritäten ist in allen neuen Staaten zu einer die politische und wirtschaftliche Entwicklung hemmenden Sorge geworden. Die Institution des ständigen Gerichtshofes, der bei Rechtsstreitigkeiten rvenigstens der angeschlossenen Giraten obligatorisch in Wirksamkeit tritt, ist die erste Durchbrechung des Prinzips des Nichteinmischens in - die sakrosankte innere Politik. Aber die Fragen, die er regeln soll, betreffen nur Streitigkeiten über Grenzen, über die wirtschaftlichen Beziehungen der Staaten. Biel Notwendiger aber wäre es» die Angelegenheiten der Kulturpolitik und der nationalen Spannungen in den Staaten selbst dem Urteil des großen Gerichtes vorzulegen. Die letzten Monate sind reich an Ereignissen, die nach einer solchen unparteiischen Behandlung schreien. Die Entwicklung in Oberschlesien, das. Schicksal der jüdischen Stadt Wilna, Westungarn, * Smyrna und Thrazien, di^mlbanische Frage — das sind Angelegenheiten, die Direkt vor das Forum eines ständigen Gerichtshofes gehörtem Aber auch die Lage der jüdischen Bevölkerung im Osten Europas wie in Ungarn, die Rechtsbeugungen gegen die Juden in Oesterreich werden keine Milderung erfahren, wenn nicht der Gerichtshof der Völker einschreitet und dem 'Treiben chauvinistischer Horden ein Ende setzt. Wenn die Welt gesunden soll, so kann dies nur dadurch erreicht werden, daß der Völkerbund und sein jüngstes Organ zu einer moralischen Aniorität ausgestaltet werden, die sich gegen die Politik des Krieges im Frieden zur Wehr setzt und dem Verbrechen am Recht mit der ganzen Macht ihrer Exekutive entgegentntt. Der internationalen Hetze der Berufspolitiker, der Mährungsverderber, der Brotwucherer und der Raffenlügner kann nur durch internattonale Waffen der Boden entzogen werden. Wenn der Internationale Gerichtshof cmch Sünden am Geist wird strafen Könne«, daun wird es keinen Waber mehr gebe« können. Paris, 23. September. Die. Pariser und die amerikanische Ausgabe des „New Bork Herold" bringen zu gleicher Zeit auf der ersten Seite des Blattes ein Interview mit dem österreichischen Bundeskanzler Schober, worin dieser einen Appell an die amerikanische Nation richtet, die Kredithilse durch Intervention der Vereinigten Staaten zu e rm ö g l i ch e n und O e st e r r e i ch vordem vollständigen wirtschaftli che n Z u s a m m e nbruch zu bewahren. Der Friede mit Amerika, sagte der Kanzler, fft für Oesterreich von großer Bedeutung. Mit den Vereinigten Staaten so lange, wenn auch nur formell, in Krieg leben zu müssen, war für Oesterreich bedrückend. In vornehmer Großmut, die immer ein Ruhmestitel Amerikas fein wird, haben sich die Vereinigten Staaten der Not Oesterreichs gleich nach dem Zusammenbruch angenommen und ' sie' haben dem Lande auf die schönste Art den Glauben an ein neues Leben geschenkt, indem sie ihre Haupttätigkeit der Jugend Mwandten und den österreichischen Müttern die schlimmste. Sorge, Nahmen, 'die Sorge um ihre Kinder. Zuversichtlich - hofft Oesterreich, daß- -jenes Amerika, das Mildtätigkeit übte, als „Eharity" das einzige Gebot der Stunde war, nun auch die Hilfe nicht versagen werde, da es daraufankommt, endlich Oesterreichs Zukunft auf Dauer versprechende wilLschaft. liche Grundladen zu stellen. Die Haltung der Vereinigten Staate« m beit wirtschaftlichen und finanziellen Krisen, die die Welt erschüttern, ist für ganz Europa von höchster Wichtigkeit, für Oesterreich ist sie entscheidend. Die Wirtschaftschastliche Kraft Amerikas wirkt überall lebenspendend; aber die Hilfe, deren Oesterreich bedarf, ist Hilfe in höchster Not, und die Existenzmöglichkeit Oesterreichs ist vom amerikanischen Eintreten bedingt. Oesterreich hofft, daß der Kongreß die Rückstellung des Generalpfandrechtes dringlich beschließen und die österreichische Kredithilfe ermöglichen wird, noch bevor die - großen Finanzfragen Europas zur Verhandlung gelangen und die pazifische Konferenz die gesamte Aufmerksamkeit der leitenden amerikanischen. Staatsmänner in Anspruch nehmen wird. Es ist zu hoffen, daß Amerika gerade dem wirtschaftlich so geschwächten Oesterreich den unerläßlichen Vorranq . zugestcht.. Die Hilfe,, die Oesterreich , erbittet, soll 7 keineswegs M eigE/Mast^ anspannung ausschalten oder ersetzen,: Die-OeeMe^die die Vorbedingung - für die wütschaftlichy Gesundung Oesterreichs find, sollen nur alle jene'Maßnahmen ermöglichen, die Oesterreich selbst ins Werk zu setzen gedenkt, um sich, selbst zu retten. K3UBMMK HSsaaBom Wie der Zar ermordet wurde. Bo« Juden und sieben Deutschösterreichern. Do« unserem Pariser Korrespondenten. Unser Pariser Berichterstatter schreibt uns: Der Antisemitismus der nationalistischen Blätter nimmt, ganz wie in Deutschland, auch hier in Paris immer blutrünstigere Formen an. Für alles Unglück im Kriege und im Frieden werden die Juden'.verantwortlich geinacht. Und hier wie dort sind es speziell die Monarchisten, welche in der Anzettelung von Ausschreitungen gegen die Inden die beste Einleitung des Sturzes der Republik und der Wedereinsetznng eines-Monarchen erblicken. Der Vergleich! her Schreibweise der Pariser und Berliner Blätter über die Juden gäbe guten-Stoff für den Satiriker, doch-läßt die Bösartigkeit und Wirksamkeit dieses Lügenfeldzuses die Heiterkeit nicht recht anfkommen. Während' die Berlinerdeutsch nationalen Blätter vom Judenfrieden reden, welcher Deutschland in Revolutton, Schmach und Elend gestürzt und Frankreich bereichert hat, schreibt „L'action francaise" wörtlich' über denselben Frieden: '„Endlich - beginnen wir klar zu sehen, daß her Fri'de. welchen die Republik geschlossen hat, ein Jndenfriede ist, der uns einerseits der Revolution, welche .tu Frankreich von der jüdischen Haute, finance bezahlt wird, und andererseits beai Deutschen aus liefert!" Die Gegen-, Überstellung der Behauptungen läßt den Unsinn der antisemitischen Beschuldigungen grell hervortreten. Aber sie nützt wenig, der Unsinn siegt. Große Massen, hühen- und drüben schwören Nreiie-r darauf, daß der Friede in einer Versammlung von Rabbinern und. Bankiers gemacht worden sei. Wie rasch sich' die Pariser Antisemiten über Niederlagen, über Enthüllungen ihrer Lügen hinwegsetzen, beweist die' neueste Kampagne gegen die Juden. Ueber ein Jahr haben sie die famosen »»Protokolle der Weisen von Zion" ans genützt und die perversen Fälschungen dieses Machwerkes dem Volke tagtäglich in die Ohren geschrieen. Als endlich die Veröffentlichungen im „Temps" und anderen Blättern den ^rnwiderleglichen Beweis erbrachten, daß die „Protokolle" plumpe Fälschungen sind, nmren die an.Lisensi.tWM KWter sofort nsit einem t f neuen „Dokument" zur Hand. Diesmal handelt es sich um ein Buch! „Das tragische Schicksal NikoWs';H. und seiner Familie", von eurem gewissen Pierre Gilliard,' der -sich ehemaligen Erzieher des'russischen Thronfolgers nennt. Alle GreuelLaten in.Sowjet-' rnßland . sind nach' GiMarb nicht nur' von - Juden ülspirtzert, sondern auch, aus geführt worden.' Mu läßt die Zarenfamilie selbst unter den Händenjüdischer Mörder'verblüten. -Kap steil. aus 'diesem' Buche werden von den nationalistischen Zeitungen den -'Lesery unter de!v schreiendsten Titeln' täglich vorgesetzt.' Sö bringt die-, letzte: Numn'.er .des Monarch!stzc:wrga.ns „L'action Ipän* caise" unter dem TiH-l „Dist jüdischen Mörder des- Zgxen" nachstehend«, gutberechnete sentimcntat-schaurige Schilderung der Hinrichtung der Zarensamili« -'am 16. Juli 1918 in Jekaterinioslaw: ' s „Der Jude Jourowski, als Henbsr beapsiragi vom Inden Swerdlow, dem Präsidenten der Dcoskauer Exekutive, befiehlt dem Kommandanten dev Arbeiterwache, Medwediew, zwölf Revolver zu bringen:, Dann teilt er ' ihm mit, daß in dieser Nacht die ganze Kaiserliche Familie nnlgebrächt werden muß. Kurz nach Mitternacht dringt iBvurowski in. die Zimier der Mitglieder der kaiserlichen Familie Mn, weckt alle imd befiehlt ihnen, schm zu folgen. Die Gefangenen nehmen'ewige' Mäsche'!nnd Pölster und folgen. Voran schreitet' Donpowsti, chinber ihm der Zar, welcher den kleinen, kranben Tron- .solger trägt, dann die Kaiserin und di« Großft'rrstmnen, Hr. Brutkin und Mna Demibowa7 In dem von HvUrvvski bestimmten Zimmer machen die Gi-fangeueu -^ialt. Der Thronfolger, der wogen 'seines, krauten Fsißehtnich't stehen kann, setzt sich' in der Mitte des Ziiünrers} siuf den Fußboden. Der Kaiser, nimmt zu seiner Linken 'Platz, Dr. Brutkm zur Rechten, aber etwas hinten.;Diö Kaiserin sitzt an der Mauer, rechts'von der Ein- '.gcmgsiür, nicht - weit vom Fenster. Hinter ihr steht eine Tochter, wahrschtzinlich Tatjana. Die drei anderen Großfürstinnen stehe» mit dem Rückorr gegen die Mauer im Hintergvimd, rechts neben ihnen im Winkel Eharit v n 0 w itittt) der alte Tr 0 n p. Sie - müssen lange warten. Dann dringt der Jude Yovrvwski lärn-eüd mit siebe« Deutschösterreicher« und zweien s einer Freunde, den Hentern K r a tu . 0 u» u>nd. W a g a u 0 w ein. Wurgwsti geht vak »«a.xWk i' j i; " 1 j '? U"' i, / r": ,? -v :■* ft -;; f, ''' ' ■ i ' : ) f ’ :’."-Üv I i ,! i - ,■ ■; ' -U? ■i; v-, i ■;:-V i i: ■ i \ . u. ■; i;

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