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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-21 · Heft 953 (21.9.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 953 (21.9.1921)
Date
1921-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Wut der verprügelten Generale, der schmerz der brotlos gewordenen, weggejagten Offiziere und Beamte» und der entwurzelten Studenten, die Furcht der bankrotten Politiker vor den hungrigen, recheufchaftforderenden Mafien, die Angst aller gemästeten Kriegshyanen vor Volkswut und Strafgericht. Mit grimmer Liebe haben sie das Wörtchen gehegt und gepflegt, als Wundersprüchlein, welches jeden Schprerz lindert und alle Schande wegwischt. Sie haben es wollüstig im Munde hin- und hergewälzt und schmetternd ausgespien, ro^tn es das übervolle Herz zu erleichtern galt. Und das Herz wurde ihnen in dieser harten Zeit gar oft übervoll! So kam es. daß dieses Wort »Ostjude" alles übertönte und Oesterreich erfüllte. Klagen über das Steigen der Brotpreife und da» Fallen der Weibermoral, über den schlechte» Eisenbahnverkehr, Kohlennot, Ver- Mlderung der Schuljugend und Verwässerung der Milch, fanden eine Antwort: Raus mit den Ostjuden! Ihre Verfolgung und Verdammung wurde ein Volkssport dem alles huldigte, ohne Scham, ohne Rücksicht auf Ueberzeugungen und Programme. Alle taten mit, zwischen dem schwarzen Hetzpfaffen und dem? bierseligen Deutschtümler liefen rote Revolutionäre und hiukten engbrüstige Liberale. , UMkm die ehrenfesten Deutschchristen stöhnte» HE^Mge^Hok auch Juden-waren dabei? Die ehrsaH MdewmmMe!!kner, »bodenständiger Israeliten".?W würgender Angst hatten sie nach dem Zusammenbruch das antisemitische Gemüter aufsteigen gesehen ufid mit Heller Freude bemerkt, daß es vorerst feinen ' Wg gegen die unbequemen Brüder aus dem Osten ncchm. Ein Hoffnungsstrahl, ein Blitzableiter l Jetzt mar die Möglichkeit gegeben, die Köpfe zu ducken und. das Änwetter über sich hinweg auf die Ostjuden niedrrrastn z» lafien. Sie taten alles, um den tobenden Iüdenfchreck in seiner Ostrichtung zu halten. Sie fegten und schürten, sagten sich feierlich von den Minderwertigen, zügel- und morallosen Wildlingen" aus, Galizien, Polen und Rußland los und lieferten den antisemitischen Führern das gern benützte Zeugnis der „besonnenen, bodenständigen Judenschaft". Die Veriolger der Ostjuden konnten sich brüsten: Was wir tun, ist nicht grausam und barbarisch, sondern notwendig. Wer'» nicht glaubt, der frage bei den einsichtigen, eingesessenen Wiener Juden nach, bei der Majoritätder Wiener Judengemeinde, bei den Herren Israeliten von der »Union" und »Alliance". Täglich kommen sie. zu uns und bitten um Fortführung des Sauberungswerkes. - Mit wenig Glück haben die Zionisten, als die Träger des Gedankens der internationalen Einheit und Solidgritüt aller Juden, das ehrvergessene und selbstmörderische Treibin sozialistischer und liberaler Msimilativnsjuden bekämpft. Im Kampfe gegen den antisemitischen Terror konnte die zionistische Partei manchen Sieg erringen, ihre Entschlosienheit hat das Ängste abgewendet. Im Kampfe gegen den jüdischen Feind,' gegen die jüdischen Ostjudenhetzer, war ihr wenig Erfolg beschicken. Sie predigte tauben Ohren, wenn sie an jüdische Würde appellierte. Immer wieder tönte die steche Erklärung zurück, daß es zwischen dem zivilisierten Europajuden und dem verkommenen Oestler keine Gemeinschaft gibt. Vergeben» war aber auch der Änr/ff der jüdische» Vernunft. Vergebens. der Hinweis Äs die Heuchelei im Gehaben der Antisemiten, welche »Ostjuden" brüllen und alle Juden yieinen. Die Äffimilqiionsjuden blieben blind und taub, sie verkrampften sich i« dem Gedanken, daß ihr Heil in der Greisgabe der Ostjuden liegt und leisteten den Antisemiten treuen Helferdienst. Mit dem Kampfrufe „Gegen die Ostsuden* stürzten sie sich in Wahl- 'chlächten und waren glücklich, Parlamentsmandate üstd Stellen in der Judengemeinde den Nationaljuden, deü Schützern der Ostjuden, entreifien zu können. Nun aber ist der schöne Traum von der »bodenständigen" Judenherrlichkeit vorüber. Was die Nationalmben prophezeit haben, ist Wirklichkeit geworden. Der Dank jüdischen Verrates übermüwg gewordene Judenhat jede Rücksicht aufgegwen und fährt dem öztxrreickisckcn Gesamtiudenium an den Leib. Juden Ungarn ohne Finanzmintster. Aus B « d a p e k erhalten'wir den folgenden Situationsbericht: Die größte Sorge der Reaicrnng ist heute die Frage, wie für 'das Finanzportefeuille, nachdem Heg'edüs auf seinem Rücktritt bcharrt, ein neuer Inhaber gefunden werden soll-^ Rach außen hin wird die Demission Hegedüs' damit begrüntet, oaß er wegen der Unmöglichkeil, sein Versprechen, die Not e n p r e s s e zum Stillstand zu bringen uyd in Ruhe zu lassen, wegen der BeamtHiznwendungen nicht einhalten könne, sein Amt mederlegen zu müssen glaube- Wäre dies allein die Ursache des Rücktrittes Hegrdiis'. so wäre er wohl leicht zum Verbleiben m bewegen, und noch leichter wäre es für den Fall seines Scheidens, aus der großrn Zahl der Portefemllehungrigen c'nen mutigen Mann zu finden, der d e Finamvcrwaliung Ungams selbst in vielem Zustand d?r völligen finanzi llen Zerrüttung übeinehmen möchte. Die Zurückhaltung der in Betracht kommenden Fmanzpolitrtcr hat jedoch ein>n tieferen 'Grund, den Hegedüs, wie er bereits verkünden läßt, in einer geschlossenen Sitzung der Natronalver« {am m l u n g bekanntgebm will. Was Hegedüs hier mitzuteilen haben wird, ist im übrigen ei« offenes Geheimnis. In se-ner große» Bedrängnis hat Hegedüs in letzter Zeit teils selbst Auslandsreisen unternommen, teM hmch'^eim veMtzlichstewÄgenten mit dem ' auSlWischen"' KWäs 'Fühlungnehmen lüffen. Bei allen diesen Interventionen mußte sowohl er ass auch seine Vertrauensmänner die Erfahrung machen, daß das Ausland weder seinen Fininzplänen noch dem gegenwärtigen Regime überhaupt das für eine Sanierungsaktion unbedingt notwendige Vertraue n rntgegenzub ringen geneigt ist. Mau hat Hegedüs überall wissen kaffen, daß der gegeriwärtige Regierungskurs in Ungarn im Ausland alS das sicherste Mittel angesehen wird, Ungarn den; völligen Ruin zumführen, umsomehr, als dieser Kurs es zuwege gebracht hat, gerade diejenigen geistig wertvollen Elemente aus den verantwortungsvollen Stellungen zu verdrängen und zum Teile üb:r die Grenze zu jagen, mit denen daZ Ausland stets in Verbindung stand und m welchen das Ausland das größte Vertrauen hatte. In den dem Fmanzmimster Heecdüs nahestehenden Kreisen wird darauf hingrwicse«, daß einmal schon Graf A p p o n y i und ein anderes Mal der gewesene Außenmimßer Karl H u s z a r von ihren 'Auslandsreisen mit der Ueberzengung heimkehrten, daß man im Aur lande kein --Verständnis für eine angebliche KonsolidierungZarbeit habe, die sich in der V e r f o! g u n g, Andersgesinnter ansdrückt. Apponhi habe über diese Erfahrungen auch öffentlich berichtet. Damals konnte man sich noch darüber hinwegsetzen. Diesmal war eS aber der Finanz« minister in eigener Person, der, wie er sich ausdrückte, mit einem guten Geschäfte ins Ausland ging und wenn er trotzdem sich eine Zurückweisung holen mußte, so sei dies mit einer förmlichen N finanzieSLen Blockade Ungarns , glnchbedeutend, für die Hegedüs, der bekanntlich noch immer gern e aus seinen Liberalismus pocht, die Derantworsung nicht übernehmen lönne. Wohl ist die Krise .der Regierung auch durch die w e stungarische Frage sowie iniolge der Auswirkungen der verschiedenen Korruptionsafsären verschärft. Doch wiegen "diese beiden Umstände die schweren Folgen drs Hiaskos . Hegedüs' bei weitem nicht auf. Bezüglich der westungaröchen Fr ige dringt immer mehr der Standpunkt durch, daß. die Regierung schließlich durch einen Zwang der Entente sich, werde aus der Affäre ziehen könnm. Die Anhänger Hort h y s möchten sogar diese Zwangsmaßnahmen nicht ungern sehen, weil dadurch gewrffermaßen mit Hille der Entente der horthyfeindliche Legitimistenputsch ganz niedergeschlagen werde» könnte.. Was jedoch die Panamageschichten und die in ihrem Gefolge entstandene Krise betrifft, so weiß ma« in Ungarn ganz genau, daß solche Krisen rasch überwunden werden, weil das Sündenregister aller in der Koaliüon vertretenen Parteien so stark überlastet ist, daß keine der Parteien an eine gewaltsame radikale Löiung der Krise durch die A^- .schiffuug Ler derzeit,.Kompromittierten zu denken 'wa-t.k.^^7 ' -Niemand kann stchDute in Ungar» des Gefühls erivchren,^ daß ein Chsirmwechsel nicht wehr lange hinauspeschoben werden' kann. Bezeichnend hiesür ist die Haltckig der C b r i st l t ch° nationale n, die zu allen Zeiten en seines Gefühl für das Herannahcn ernster Ereignisse bekundet habe» und es außerordentlich gut verstehen, kreu Mantel Vechtreitig nach dem sich airtim* digenden Wind?n drehe«. Die christlichnationale Preffe macht in der letzte» Zeit eine meelwürdige Schwenkung durch,, indem sie einer Revision der christlichen Politik das Wort redet. Auch rm Budapester Gemeinderat steh! eine Spaltung des christlichen Blocks bevor und etwa 40 Gemeinde« rate haben be^chloffen, eine eigene Partei zu gründen, die '.wohlauf christlicher Grundlage stehen, aber den konfessionellen Haß und die konfessionelle Boykottpolitik aus ihrem Programm ausichalten soll. Man ist geneigt, auch biete Erscheinung mit den letzten Erfahrungen der Emissäre dcr Regierung im Ausland von Hegedüs bis Polnai zuzuschreiberi. Es wird hier das Wort eines b^' kannten Finanzmannes kolportiert, daS die Situation am beste» bel achtet: „Das Ultimamm des Auslandes das Hege d ü s. nach Hause brachte, dürfte wirksamer sem, als dasUltlmatum der Entente wegen Westungarn." Wiener-Neustadt, 20. September. Mivat.) Wie dem Polizeikommiffäriat Wiener-Neustadt heust: mitgeteilt wurde, ist in O e d e n b u r g durch die Abgeordneten Friedrich und Ling auer die westung arrsche Republik ausgerufen worden. können nicht österreichische Staatsbürger werden! So dekretierte der alldeutsche Antisemit auf vorgeschobenem Posten, der Innenminister Waber. Juden heißt es jetzt, wohlgemerkt, nicht mehr Ostjuden. Der Jude mag dem fernsten Westen entstammen, er mag zwei Monate oder fünfzig Jahre in Oesterreich fitzen, mag in Brody oder Bregenz geboren sein, er muß daran glauben. Als man den Ostjuden die Staatsbürgerrechte verweigerte, da hatten die »Bodenständigen" ihre Freude daran. Ja, einer der ihren, der ehemalige Abgeordnete Dr. Ofner, hatte im österreichischen Parlament den Antrag vertreten, Galizianer vom Staätsbürgerrecht 'auszuschließen. Gleichgültig oder mit schlecht verhehlter Schadenfreude standen sie untätig beisejte, die Herren Westeuropäer aus Böhmen, Mähren. Schlesien und Ungarn, und neben ihnen die häßliche Gesellschaft der »bodenständigen^ Ostjuden, die ihr Recht erseffen glaubten und über die Entrechtung der »Flüchtlinge" nicht sehr; erbost waren. Sie rührten keinen Finger, als man die Ostjuden unter Hinweis auf die mangelnde Staatsbürgerschaft an der Ausübung redlichen Gewerbes hinderte, als man ihre Kinder von den Hochschulen veriaate. als man Advokaten die Bureaus sperrte und Aerzten die Ordination. Und. jetzt erfahren sie dasselbe Schicksal. Eine liberale Zeitung ,jammech. daß nicht einmal zwanzig Prozent der abgewiesenen Gesuche von. Ostjuden stammten! Waber wütet unter den Westlern, unter den Bodenständigen, unter Böhmischen, Mährischen und Ungarischen! Dabei beruft er sich höhnisch auf jüdisches Zeugnis gegen »unliebsamen" Zuzug. ' Eine bittere, eine grausame Lehre, aber eine heilsame!' Diejenigen österreichischen Juden, die noch vor wenigen Wochen Beifall spendeten, wenn bezahlte und freiwillige Agenten des ehrvergessenen Assimilativnsjudentums die Brüder aus dem Osten schwächten, sind durch die Wucht der Tatsachen zur Erkenntnis gedrängt, daß man sich nicht ungestraft am heiligen Gedanken des Zionismus, am Gedanken der Einheit des jüdischen Volkes, versündigt. Wer den jüdischen Bruder, preisgibt, gibt sein eigenes Schicksal preis; wer das Recht des jüdischen Nächsten verleugnet, verleugnet seür eigenes. Der Satz klingt so einfach, so banal. Unv doch waren tausend jüdische Zungen nicht imstande» ihn verständlich zu machen, Die Faust des AMepttten mußte ihn ins jüdische Hirn hämmern.

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