Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 950 (18.9.1921)
- Date
- 1921-09-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gctic? arn....nBii„maTrr.TP7iiiitti>1r.»;«i Men, Sonntag Fleischmann L Gansl Ä l'v Und das will viel besagen, denn alle Einwohner des Baumgartner Heims haben das freie, frohe Wesen gesunder Kinder, auf denen kein Druck und kein Zwang liegt. Sie sehen dem Fremden ruhig und freimütig ins Auge, sie sprechen klar und unbekümmert, sie fühlen sich — kein Zweifel kann darüber bestehen — als Pioniere der jüdischen Arbeit' und können den Tag kaum erwarten, da sie ins Lehrlingsheim übertreten dürfen. Denn im Aeyrliugsheim ist man dem großen Ziele, dem werktätigen Schaffen, immerhin schon ein Stück nähergerückt. Freilich ist die Lehrzeit nicht ohne Beschwerden. Die Lehrherren lassen es vielfach noch an dem richtigen Verständnis für den (Steift der Zeit fehlen. So gibt es Meister — und es sind hauptsächlich Juden, die so handeln — die sich nicht schämen, heute Wochenlöhne von 20 bis 50 Kronen zu bieten. Da damit nicht einmal für eine halbe Woche die Straßenbahnfahrt bezahlt ist, ist der Verein Zukunft bestrebt, nach Möglichkeit Lehrwerkstätten im Heim selbst einzurichten: Eine Tischlerwerkstätte soll den Anfang machen, eine elektrotechnische Werkftätte folgen. Die erste ist schon vollständig ausgestattet und die Juugen aus den höheren Schulklassen haben ganz allein die Einrichtung besorgt, einen/ Tisch gezimmert, einen Werkzeugkasten, Sessel, Arbeitstische. Wie sie das zuwege gebracht, ist ihr Geheimnis. Wahrscheinlich hat der famose Vertrauensmännerausschuß das Werk in die Wege geleitet, ein Ausschuß, der nachl amerikanischem Muster selbst die Gerichtsbarkeit besorgt, Ver waltun gs maßnah men trifft und stramme Disziplin hält. Leider ist der Versuch, das Selbstverwaltungsprinzip auch bei den größeren Mädchen durchzuführen, in Schwatz- und Klatschorgien ertrunken. Beweist aber die straffe Zucht' der Knaben den Willen gur Selb sie rziehung, so mag 'ein Detail für das feine Verständnis der Leitung Zeugnis ablegen. Der Vizepräsident des Vsreinss Zukunft, Minister aller Portefeuilles im Getriebe des Heims, in^besorchere -aber für das sehr schwierige Ressort der Finanzen mit rührendem, nicht genug zu bewunderndem Eifer tätig, hat in seinen Bemühungen, den Bedarf des Heims zu decken — das Monatsbudget beträgt 700.000 Kronen und ist in stetigem Wachsen begriffen — eine Anzahl ,Zettstiftungen" verschafft, die, wie das Üblich ist, auf Tafeln vermerkt wurden. Diese Tafeln nun sollten n.ach' schlechtem, altem Brauch im Schlafraum der Kinder angebracht werden. Aber da sprach der Leiter der Anstalt 'ein Veto: „Wo die Kinder essen /und wo sie schlafen," erklärte er, „da kommen diese Tafeln nicbt hin. Hier gibt's keine Wohltäterei!" Das ist der Geist moderner Fürsorge, der ans diesem kleinen Verfall svricht, der Fürsorge, die eine Pflicht der ('-> -• ineinscha 7 t und ein Recht der Kinder ist nnd. die reinen Raum läßt für Wohltätigkeit, dieden Schenkenden und den Beschenkten herabsetzt. Was Kommen dieser neuen $eit, der Freiheit, fühlt man im Lebrlingsheim auf Schritt und Tritt. Es ist wahrhaftig nicht wüste Unbeherrschtheit, nicht -Wilds Schrankenlosigkeit. Zwei Worte sind ja allen diesen jungen Burschen, Spöttern von Geburt und Neigung, heilig: das Wort „Arbeit und bas zweite: „Palästina". Das sind, die großen Ziele, die die Knaben begeistern, die Jünglinge in Ehrfurcht erschauern machen. Sie wollen der Welt die Achtung. vor dem Juden aufzwingen; sie wollen sie mit Hammer und Meißel, Hobel und Schusterkneip erkämpfen.' > Kein schwungvoller Helden sang kann die jungen Kämpfer begeistern und dennoch ist es ein heiliger Krieg, zu dem sie. gerüstet werden, gerüstet im Lehrlingsheim des Vereins Zukunft.- Das ist keine Angelegenheit eines- Wohltätigkeitsv^reins, es ist die Geltung , des jüdischen Namens, die Auferstehung' unteres Volkes, um die es dabei geht. Wer da weiß, , wieviel die Juden gelitten haben durch ihre Entfrcmbung von der schassenden Arbeit, wie sehr, sie geschmäht werden, wie tief sie gesunken sind, muß mithelfen an dem Werk, die jüdische Jugend zu Arbeitern heranzubilden. '! Noch einmal sei's gesagt: Das ist keine T^reinsover Erziehungsangelegenheit, bke nur die Beteiligten bekümmert. Hier ist der Weg aus dem Ghetto — e5gibt keinen anderen. Es steht bei uns, ob wir ihn' gehen wollen. Klara Mautner. Ein Todesopfer des Numerus clausus. Aus Budapest wird uns berichtet: Der neun^ zehnjährige Schüler Alfred Herz selb beging in der Wohnung seiner Eltern einen Selbstmord durch Vergiftung. In einem zurückgelassenen Briese begründet der junge Mann seine furchtbare Tat damit, daß er, rroßdem er die Matura mit Auszeichnung bestand,, infolge des Numerus elausus nicht in die Universität a n f g e n o m m e n w u rd e> Auch! auf anderen Gebieten machen sich % die Wiener MorgenzeiLrrng 13." September 1921 Nr. 950 - --: ■ , — ' --___ V Anlässlich 9er hohen feiertage Folgen des Numerus elausus in furchtbarster Weise geltend. Ganz besonders unmenschlich' geht iw dieser Beziehung, der B u d a p e st e r Magistrat vor, der unter der Diktatur eines Magistratsrates', der selbst früher der sogenannten destruktiven Politik huldigte, jetztmit allen Mitteln, von denen keines auf Gesetzlichkeit Anspruch erhebt, aus den.Budapester Schulen die-jüdischen Lehrkräfte vertreibt. In einem Leitartikel „Recht und Kultus stellt der „Pesher Lloyd"' fest, daß eine Kettevon Ungerechtigkeiten vor aller Welt in Erscheinung tritt. Das Blatt gibt sich! der schwachen Hoffnung hin, daß der - Unterrichts-, Münster, der selbst ' christlich nairoualer Parteimensch ist, Remedur schassen werde. Die Situation steht heute so, daß 160 jüdische Fachlehrer entlassen, dann die jüdischen/ Direktoren zu Lehrern degradiert und' zuletzt die Professoren der Handelsschulen in die Bürgerschulen verseht wurden. Erworbene Rechte werden mit Füßen getreten, Existenzen zugrunde gerichtet, verdienstvolle Männer mit bekannten, geachteten Namen Erniedrigungen ausgesetzt, in ehrlichen, durch und durch patriotisch fühlenden Herzen die Erbitterung großgezogen'. Gesetze, die außer Kraft zu setzen selbst dem herrschenden Kurs bisher nicht gelang, verbieten expressis verbis diese unerhörten Gewalttätigkeiten. Der Friedens vertrag von Trianon, der von der ungarischen Gesetzgebung kodifiziert wurde, und der die alten Gerechtsame aller Konftssionsm bekräftigt, verbietet die Verfolgung irgendeines Bürgers wegen seines Glaubens. Aber weder alte noch! neue Gesetze, noch die Autorität der Entente, welche, über die Einhaltung des Friedensvertrages zu wachen hätte, scheinen die Macht oder den Willen zu besitzen, den Ausschreitungen einer verwilderten Gehässigkeit ein Ziel zu setzen. _ veranstaltet die Zion. Bezirkssektion Leopoldstadt in den. renovierten Lokalitäten des vormaligen Zirkus Renz, II», Zirkus^asse 44 einen Für gut renommierte Kantoren Ist bereits gesorgt Draschah von Ehrwörden Rabbiner Berman ans Berdyczew. Kartenverkauf täglich von 9—12 und 3—6 Uhr im Lokal 1 Zirkusgasse 44. 5888 i Sein hartes massiges Gesicht, dessen Zäsarenprofik, etwas verschwommen erscheint,' blickt gelangweilt und verdrossen. Am Tische der I a p a n e r präsidiert I s h i tj eitt sehr feiner harmonischer Kopf mit Äugen Augen< Baron Lehmann, Vertreter der Negerrepublik Liberia, scheint seine Arbeiten allein zu besorgen, da die drei Plätze neben ihm ständig unbesetzt bleiben. Bei den Rumänen sieht man als Sekretärin die Dichterin Helene - B a c a r e s c u, die man nach ihren Poesien, für ein^ ätherisches Wesen gehalten hätte. Es ist freilich!. war, daß diese Poesien um mehrere Jahrzehnte zurückliegen und es ist . nicht verwunderlich, daß ihre Autorin inzwischen eine überreife und vor allem ungemein stattliche Dame geworden ist, von einem sozusagen überquellenden Wohlbefinden; auf deren Mächtigen Busen ein« riesige rpte Schleife die Ehrenlegion^ repräsentiert. Der Pole Aschkenazy, unendlich lang und' mager, erinnert an einen melancholischen Don! Quichotte und der brave Branting, dem die vorjährige Sitzung nur Enttäuschungen brachte, läßt seine», Seehundschnurrbart noch, trübseliger hängen... Das Gesicht des Völkerbundes. Einem Bericht über dis Völkerbundtagung entnehmen wir die folgende Charakteristik: Der Völkerbund hat diesmal weniger feierlich begonnen als .im Vorjahre. Es gab. feilt’ Glockengeläuts mehr, keine Aufzüge und auch keine Neugierigen. Der Beginn der Sitzung klappte nicht recht, manche Abteilungen des Generalsekretariats, die sich' mit der- Plätzezuwefsung befassen, haben gänzlich versagt. Was den Anblick des Sitzungssaales: betrifft, bildet dev kahle und nüchterne Neformati-onssaal einen ungünstigen Nahmen. Er macht deir Eindruck eines Turnsaales, den man notdürftig eingerichtet hat.' Es sind manche, interessante Köpft verschwunden. Man sieht nicht mehr den verfttteten P a d e r e w s k i, der wie ein Terror wohlwollende Häüdedrücke austauschte. lMr> Norweger H'agerup, der im Vorjahre durch seine Dauerreben der Schrecken der Journalisten war, ist inzwischen gestorben. Am Tischeder Italiener fehlt der elegante Trttoni. Sein Vertreter Carlo Scha n z er macht den Eindruck eines deutschen Professors. Unter den Engländern fehlt der Sozialist Barnes, dafür sind Balfour und Fisher aus ihrem' Posten, der erstere ein wohlwollend und väterlich lächelnder schöner Greis, wahrend sein Kollege den steiftn zugeknöpften Engländertyp verkörpert. Bei den Franzosen fällt Noblemaire auf, der sich' bei den Sitzungen des Völkerbundrates ebenso geschickt erwies wie Hannautaux. Leon Bourgeois macht einen sehr hinfälligen Eindrück. Viviani hat sich nicht verändertmiüiMoa Almanaclf auf das Jahr 5682 (V. Jahrgang) Redigiert von Otto Abeies und Ludwig B a t o Das reichillustrierte, vornehm ausgestattete zionistische Jahrbuch ist eine wichtige, über den Stand der jüdischen Bewegung orientierende Publikation, die auch zu allen brennenden Fragen Palästinas und der Diaspora Stellung nimmt. Jüdisches Kalendarium Vorlag „Wiener Morgenzeitung6* Preis eines Exemplars: Für Oesterreich und Polen mit Postzustelhmg K 160, für die Tscbecho-Slowakei tschech. X 15, für Deutschland Mk. 15, für Jugoslawien Dinar 10, für Holland holl. ü. 1 für da« übrige Ausland 3 Schweizer Franken. m nagen este an die „Wiener Morgenzeitung“ oder an di» BuchhanUlung Löwltf 1.. Rotenturmstrasse 32 sind tu richten II.. Tabor- »trnsee l-S Be8tellunt>en werden nwr gegen Vorauihezahlnng efiehtulert Alexander Eiß gestorven. Wie uns gemeldet wird, ist vor wenigen Tage« der Generalmajor i. P. Alexander Eiß im Alter von 89 Jahren gestorben und, seinem Wunsche gemäß, in aller Stille bestattet worden. Eiß (früher Ritter v. Eiß) wurde 1832 in Piesling in Mähre« geboren und ließ er sich im Jahre 1848 freiwillig als „Exprvpriis- Gemeiner" assentieren. Im selben Jahre machte er den Feldzug in Ungarn mit. 4855 zum Leutnant befördert, kämpfte er bei Magenta und Custozza, wurde wiederholt ausgezeichnet und machte rasch Karriere. 1884 erhielt er den österreichischer Ritlerstand und 1890 wurde er Oberst und Regimentskommandant. 1906 schied er aus dem Dienste und erhielt aus diesem Anlaß den Generalmajorscharakter verliehen. I« seiner militärischen Lauchahn erfreute sich Eiß des besondere« Vertrauens der führenden militärischen Kreise und seine Beförderung zum General war bereits beschlossen« Sache, als sie an dem Eingreifen eines weiblichen Mitgliedes des Herrscherhauses scheiterte, weÄ Eiß, ein charakterfester und überzeugungstreuer Jude, nicht zu bewegen war, seinen Personaldokmnenten auch den — Taufschein beizulegen. Nach seinem Uebertritt in den Ruhestand schloß sich Eiß der zionistischen Bewegung an, deren Entwicklung er mit innerster Anteilnahme verfolgte. Theodor Herzl erkannte bald die schätzenswerten Eigenschaften, des trotz seiner Jahve frischen und rüstigen Mannes Und' ' übertrug ihm die Vertrauensstelle eines Hauptkassiers, des Jüdischen Nationalsonds, die er mit seltenem Eifer Und größter Pflichttreue ausfüllte. Diele Zionisten werden des strammen, alten Mannes gedenken, der "durch Jahre in den historische geworbenen Räumen des zionistischen Vüreaus in der Türkenstvaße tätig war. Dem aufrechten Juden und treuen Gefolgsmann H«rzl? ist ein ehrendes .Andenken sicher. Ein Kinderfest. Vom hohen Baumwipfel wehte eine große Fahne Wiens, unten in der als Festplatz abgegrenztm Rasenfläche staken zwei lustig flatternde blau-weiße Fähnchen. Jüdische Kinder waren durch zwer Monate auf dem städtischen Grundstück „Weißau", nahe beim Gänsehäufel, zu Gast und nun feierten' sie das Schlußseft des Ferienvergnügens. Der „Verband f ür freiwillige Inge ndfürsvrge" und der Platzleiter Fachlehrer Bra ndmeier, die während der ganzen Zeit die Fürsorgetätigkeit für das jüdische Kind liebevollste förderten, hatten auch dieses Fest, das mehr als 600 Mische Kinder versammelte, durch größtes Entgegenkommen ermöglicht. Im Kranze der neugierigen Kleinen um den Festplatz fiel eine ungefähr breißigköpfige Gruppe arischer Kinder aus, die unter Aussicht ihrer Lehrer, am selben Platze Sommererholung fanden. Niemals war eine Beschimpfung eines Jubenlindes vorgekommen, und man konnte es ebenso wohl an den christlichen Kindern wie an ihren Lehrern und dem Dienstpersonal merken: Hier, wo sie aus Sang und Spiel, aus wohlgesittetem jüdischen Wesen die volkstümliche Eigenart der Inden kennen' lernten, empfanden jte unwillkürlich Achtung vor ihr. > Dann führten kleinere und größere Kinder, die während der Dauer ihres Aufenthaltes in der Erholungsstätte erlernten hebräischen Chöre, Reigen und turnerischen Freiübungen auf und wurden durch manchen lustigen Ulk überrascht. Nach der Jause fand daL Sportmeeting der Zöglinge der ,Meißau" statt. Kraftgestählt kehren die Kinder von .der „Weißan" heim und rücken nun wieder in die Heimstätten des Vereines jüdische Kmdcrsreunde." ein» 831