Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 948 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mittwoch nachts. Nach der Abstimmung über die Personalvorschläge des Permanenzaüsschuffes. die Abgeordneter S t r ick t r erstattet hatte, erklärten Kap lanski im Namen der Linken und Struck im Namen der Rechten, daß sich diese Gruppen an der Wahl der Exekutive nicht beteiligt hätten. Der Präsident S o k o l o w nahm diese Erklärungen zur Kenntnis. Es folgten sodann die Schlußreden. Unter begeisterten Ovationen des Kongresses sprachen B i a l i k, Schmarjahu Lew i n, David P.e l l i n, Oberrabbiner Dr. 'E h a j e s. Sodann ergriff -Präsident W e i tz m a n n das Wort. Das Haus erhob sich. Der Redner dankte im Namen sämtlicher Gewählter für die Wahl und fuhr fort: Die Stunden, die wir hier zugebracht haben, haben uns die Größe .und Weite unserer Aufgabe-gezeigt. Ob wir ihr gerecht werden, wird, der nächste Kongreß zeigen. Wir werden unser Bestes tun.' Was hat dieser Kongreß, der Zahl nach der zwölfte,, der Bedeutung nach der erste, in dieser neuep Epoche * geleistet? Er hat die Organisation aus den Trümmern wieder aufgebaut. . Er hat unsere Finanzinstitute, imd ' besonders d a s' Finanzinstitut, den Keren Hajeffod,. weitergebracht. Es waren schwere Stunden des Kämpfens und. Ringens, des Tastens nach einem.Wege, der noch nicht klar vor unseren Augen liegt. Der Aufstieg ist sehr schwer, aber wir werden weiterkommen. Hinter - uns steht der unzerstörbare Wille des jüdischen Volkes. (Beifall.) Es wird eine Generation kommen, die den richtigen und geraden Weg nach Zion finden wird. In diesem Sinne sage ich Ihnen: Schalom! (Stürmischer Beifall.) Präsident Solrolowr Es gibt-jetzt keine Majorität und keine Minorität wehr, keinen Saal und keine Galerie. Wir sind alle eines Sinnes. Ich danke der Regierung dieses Staates (stürmischer. Beifall), die unser Ideal versteht, und der Stadt Karlsbad, deren. Bevölkerung uns mit Respekt und Verständnis begegnet hat. Es war ein schwerer,, aber ein guter Kongreß, vielleicht der letzte im Galuth. Man hat hier ein Spiegelbild des jüdischen Volkes gesehen,. wir haben nichts verfehlt. Wir haben schon angefangen, unser jüdisches Heim zu bauen. Das jüdische Volk ist auf Leben, und Tod in diesen Kampf ejngetreten. Es handelt sich, jetzt um die Ehre und - Existenz des jüdischen. Volkes. Jeder Jude der ganzen Welt muß au diesem Bgu -Mitarbeiten. Wir haben Maasser gezahlt. unfern Feinden, den Fremden, zahlen wir jetzt den Maasser. uns selbst. Der Kongreß hat seine legale Basis für die Arbeit geschaffen. Wir können von nun an im Namen des XU. Kongresses sprechen und unsere Arbeit erhält einen höheren Wert. Sie wird zu größeren Resultaten führen. Ich schließe den Kongreß mit den Wofteir: Es lebe d as jüdischeVolK! (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Der XIl. Kongreß ist geschloffen! ' - Die Versammlung erhebt sich. Tücher- und Hüteschwenken, aus dey Logen werden Blumen geworfen. Alles singt die Hatikwah. Schluß der Sitzung: 3 Uhr morgens. » , —y. Karl s b a d, 16. September. Der XII.: Kongreß ist zu Ende.. Er hat ein riesiges Arbeitsprogramm erledigt, eine neue Leitung gewählt und für die Arbeit jüdischen Vaterland wie in den Ländern der Verbannung neue Grundsätze festgelegt. Die heute abgelausene Arbeitssessiow des jüdischen Volksparlaments, kann sich in der Höhe der Debatte sowohl wie in dem Niveau und der sorgfältigen Ausarbeitung der Befchlüffe stolz neben jedem anderen Parlament sehen lassen. Der Geist der Brüderlichkeit des' gleichen Strebens beseelt die Beratungen und wenn die Meinungen auch oft und heftig aufeinanderstießen — stets war es das gleiche Ziel der jüdischen Freiheit, das zur Einigung führte. Die neue Exekutive, die für die nächsten zwei Jahre, die Geschäfte zu führen hat, ist im Wesen die alte. Durch diese Wahl hat sich der Kongreß mit allen Akten der abtretenden Exekutive einverstanden erklärt. Er hat als Grundlage der Politik die Balfour- Deklaration und den Beschluß von San Remo airerkannt und gleichzeitig seiner Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Bestätigung des englischen Mandats über Palästina durch den Völkerbund nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Es ist unmöglich anzunehmech daß die Sehnsucht einer so großen Nation, die'an ber kulturellen Entwicklung der Welt ihren redlichen Anteil hat, ein 'Spiel der Strömungen in der unheilvollen Gleichgewichtspolitik werden sollte: Es ist dem jüdischen Volke feierlich zugesagt worden, daß -es fein; nationales Geschick selbst wird bestimmen Können. DieIdee her BefreiungHer kleinen Völker darf 'vor dem Judentum ^nHt Wlt ^Machen und die -zionistische ' Organisation, die für die - Forderungen ides'jüdische^'Volkes die; gefMMlte politische Kraft' : von fast einer Million fest organisierter Menschen ins Treffen führt, wird niemals mehr auf das Recht verzichten, Subjekt im Leben der Völker zu fein.: Der - Kongreß hat; durch eine Neuordnung der Grundlagen der- Organisation die Prinzipien eines demokratischen- Volksäufbaues, -die durch> den Krieg verschüttet worden waren, wiederhergestellt. Er hat die Hauptforderungen modernen politischen Lebens, nämlich Oeffentlichkeit und Kontrolle, in die Konstruktion der zionistischen Bewegung wieder eingefügt und damit die Voraussetzungen für gedeihliche Arbeit gegeben. Durch unsere Leitung spricht setzt die stärkste Organisation, die das jüdische Volk sich je geschaffen hat. Darin liegt vor allem die Autorität der Leitung, die sich .zu jeder Sekunde aus den Willen des souveränen jüdischen Volkes berufen darf, das sich niemals mit dem Zustand' der Verbannung abgefunden hat. Wir verlangen nicht allein unser Recht, wir arbeiten auch an seiner.Erzielung. Wir gehen daran, in Palästina die Tätsächeü zu vollziehen, die reales politisches Denken als Vorbedingung für die Anerkennung, der jüdischen' Ansprüche' verlangt. Wir werden das jüdische Leben in Palästina aufbauen. Wir werden dies tun im friedlich-freundlichen Einvernehmen mit der arabischen Bevölkerung, der wir das Beste wünschen, schon aus unserem verwandtschaftlichen Gefühl heraus. Wir bedauern vom Herzen, daß ein Teil der arabischen 'Nation europäischen Hetzern aussitzt, aber wir werden uns durch nichts in der Verfolgung unseres Rechtes stören lassen? In gehobener Stimmung verlassen wir die schöne gastliche Stadt, die unseren XU. Kongreß bei sich geschen..hat. Wir wissen, daß wir schwerer. Arbeit, vielleicht, auch schweren Stunden entgegengehen.. Aber wir stehen heute doch anders in der-Geschichte der Welt. Die nationale Individualität ist anerkannt und wir werden das Unsere tun, daß die jüdische Frage nicht mehr von der Tagesordnung der politischen Welt verschwindet. Wir marschieren. Im Glauben an die Kraft unserer Nation, die durch gar nichts erschüttert werden kann,. im Vertrauen aus die Stärke unserer Organisation, in der wiederholten Versicherung unseres Friedens- und Kulturwillens gehen wir ans Werk. Konstituierung des Aktionskomitees. Obereabbiner Chajes — Präsident. . Karlsbad, 15. September. Die Delegierten sind , zum größten Teil bereits abgereist. Zurückgeblieben, sind nur die Mitglieder des neuen Aktionskomitees welches heute zu seiner ersten Sitzung zusammentrat. Es wurden gewählt zum Präsiden.Len des Aktionskomitees Oberrabbiner Dr. CHajes (Wien); zu Vizepräsidenten: Berlin, Stricker, Handtke. Nach dem Kongreß. W i e u, 16. September. Nach anstrengenden Beratungen, die zwei volle Wochen in Anspruch genommen haben, ist Mittwoch ln später Nachtstunde der XII. Zionistenkongreß beendet worden. Die Delegierten, die zum Teile aus weiter Ferne nach Karlsbad gekommen waren, um an den Beratungen, desjüdischen Volk'sparlaments teilzunehmen, kehren in ihre Länder zurück, um die Arbeit im Sinne der gefaßten Beschlüsse mit gestärktem Muhe aufzunehmen. Es mag sein, daß jene von den Ergebnissen des Kongresses nicht völlig befriedigt sein werden, die voer ihm eine Lösung aller Probleme erwarteten, - welche der zionistischen Gegenwart ihre besondere 'Note geben, und sich in dem Glauben wiegten« der Kongreß an sich werde imstande sein, alle Schwierigkeijen zu beseitigen, welche sich der jüdischen Arbeit in. der Galuth und in Erez Israel entgegenstellen. Aber es ist nicht zu verkennen, daß der Kongreß den entschiedenen Willen bewiesen hat, den Kampf gegen alle Widerstände aufzunehmen und eine Aera erneuter Aktivität einzuleiten, . v Die zivnistische Arbeit der letzten' Jah^e war durch" verschiedene- Umstände äußerer und innerer Art beein- - trächtigt/ von 'dencn an dieser Stelle des öfteren die Rede war. Indem der Kongreß zu einer sachlichen Analyse dieser- Momente herangegangen und in ausführlicher Kritik die Mängel der bisherigen Arbeit bloßgelegt hat, hat,tt die zionistische. Atmosphäre gesäubert und klare Richtlinien geschaffen, deren Mangel Verwirrung und Schwäche in die eigenen Reihen getragen hatte. Der Kongreß hat sich nicht damit be- ' gnügt, von seiner Tribüne, deren politischer Charakter durch die Botschaften der englischen Staatsmänner weithin sichtbar anerkannt wurde, entschiedene Forderungen an die Mandatsmacht zu richten, die der Abschaffung der Einwanderungs- und der anderen in Palästina geltenden Beschränkungen und der endlichen Durchsetzung der Anerkennung des Mandats gelten, er wendet sich mit gleicher.Entschiedenheit an die eigenen Anhänger und weiterhin an das ganze jüdische; Volk, dem er in wuchtigen Worten den Ernst desi Augenblicks und die Schwere der Verantwortung ins Gedächttnis ruft. Der Kongreß hat aufgehört, ein der weithin wirtenden Propaganda dienendes Podium darzubieten, er ist, trotz aller organisatorischen Regeln, die bei der Wahl der Delegierten bisher zutage getreten sind, r^n Parlament verantwortlicher Menschen geworden, welche der Bewegung die künftigen Richtlinien vorzuzeichnen haben. So ist der Kongreß de'r Gefahr entgangen, sich, mit.dekorativen Gästen zu begnügen, deren 'Wirkung nach außen berechnet ist, der Gefahr der Schönfärberei, und es ist als ein besonderer Fortschritt zu werten, daß er dazu beigetragen hat, daß wir die Epoche der Jllusionspolitik überwunden haben und sachlich geworden sind. Der Kongreß hat ohne Scheu .und Rücksicht die augenblickliche^Lage auf-' gedeckt, er'hat offen und unverhüllt die Schwierigkeiten der Werbe- und Sammelarbeit, die politischen Hindernisse für unser Werk und d'ie feindselige Haltung der arabischen Führer besprochen und mitgeholfen, daß die zionistische, die jüdische Masse zur Erkenntnis der Wirtlichkeit gelange. In programmatischer Beziehung hat der Kongreß eindeutige Richtlinien geschaffen und eine Einheitlichkeit der Anschauungen aufgewiesen, welche den Gegensatz zwischen dem ursprünglichen, nationalen Zionismus und der auf eine Verwässerung seiner Prinzipien hinzielende» Richtung zu einer vergangenen Episode stempelt. Er hat von neuem den nationalen Charakter der Bewegung bekräftigt und die Erkenntnis zum Ausdruck gebracht, daß die zionistische Arbeit nur in der Atmosphäre des Idealistisch-nationalen Regenerations- Willens gedeihen kann/er hat ausgesprochen, daß die Bewegung zur Produktivierung und Verwurzelung des jüdischen Volkes in stimm Mutterboden nur aus ürMn, einheitlichen Gelichtsvunkten erwluen könne und