Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 940 (8.9.1921)
- Date
- 1921-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis B» Kronen KONGRESS-AUSGABE Priinumerationspreise: SS ien: Zm» 'JiHifoien in tote Szpryition» U. Bezirk» T«Lor» fttrofe 1 Dil 3, oder i» rin« Lrrlchlei-stellr tTrafikj: MnnatUch. Krone« IS o.— Mit Poftversnn» für Me» ««tz Oefterreich r Monntlich . Krone« 1LV —; Tschecho-Slowakeir Moqattich. Krone« 18.— kvierteljäbrltch , 54.— in zfchech0'sl»r»akistz»r ^Lhr«»> Monatlich. Krone» 7v.— lvierteljährlich . i* nnaarifäj« WLtzrunß Jugoslawien r . Monatlich . Dinar 18.— «Vt-rlet jährlich . SV.— Nr. 940 Vinzelprets a tfcy. srr PvänumerationSpreisei E. Pele«: Monatlich. . Mark WO* in polnisch«'Lährnag- _ DentschlanDr «-«atttch. . . Markig ... Italien; Monatlich .... Lire 6.« . »Umüinir«: Monatlich. ... Lei »5.- ^chiveiz k. das übrige fialla«! Monatlich... Frane« S.- Wie«, -.Bez.,Taborftr. 1—3 SelefaDa«e: 440U8, 4831S ad S Utzr aibendd Nr. lssoi Voftf-arkatfeukonto löO.gft Wien» Donnerstag den 8. September 1921 3. Jahrgang Die Frage der Don unserer Karlsbader Redaktion. Karlsbad, 7. Srptember. .Der Kongreß ist sachliche geworden, alle Kommissionen arbeiten in Permanenz. Das Interesse für die Beratungen des Plenums hält ungeschwächt an, wenngleich .sich die ungemein starke Zusammensetzung der Kommissionen fühlbar macht mid dem Kongreß sehr viele Kräfte entzieht. Die Frage der L e itu n g, die. abgesehen von den p o l i t i s ch en Angelegenheiten, das wichtigste Problem des Kongresses ist, hat durchdas Eingreisen der ö st erreichis ch e n Landsmannschaft eine für die Beratung taugliche Grundlage erhalten. Das Prinzip der Verantnwrtlichkeit der Leitung ist durch den Block in den Mittelpunkt der Kongreßarbeiten gestellt worden und es wird das erste Mal sein, daß der Kongreß so tiefgehende Beschlüsse faßt, welche dem demokratischen 'Geist zu seinem vollen Rechte verhelfen. Im Permanenzausschuß hat Präsident W e i tz m a n n auf eine Frage, des Abgeordneten Stricker geantwartet,. HM, er.der Bildung einer. Kontrolle über die S o k.0 l ö w als die .geeignWe OerMKr Äe Führung dev/ GeschäfteJ tn1?. Pdl.ästivä ansche.' Dagegen 'macht sich im Kongreß die Meinung geltend,- daß Sockolow auf seinemVderzMgsn Posten unentbehrlich ist. Es wird gegenwärtig ein Ausweg ventiliert, dahingehend, daß W e i tz m a n n- und Sockolow ab w echf elnd für je sechs 'Monate ihren Wohnsitz nach P a l ä st i n a verlegen./ . Der Vorgangs bei der Bildung der Leitung wird folgender sein: Der Kongreß' wird ein A k t.i o n sko mit e e bilden,'welch es die Exekutive wählt, die sich aus Mitgliedern des Aktionskomitees und aus außenstehenden Persönlichkeiten zusümmensetzt. Der Präsident und ein Teil der Delegierten ist jedoch der Meinung, daß die Exekutive direkt vom Kongreß gewählt werden solle, daß sie aber trotzdem unter der Kontr olle des Aktionskomitees bleibt. Es. würde also ein Mißtrauen sv o t u m des A k t i o n s k v m i t e e s gegen ein Mitglied der Exekutive dessen Rücktritt zur Folge haben. Bezüglich der Heranziehung außenstehender Persönlichkeiten spricht man oiel. vom englischen Handelsmünster Sir A l f'r e d M o n d, der nach einer vieloerbreiteten Version die Erklärung abgegeben haben soll, er sei b ereit, in die Leitung e i n z u t r e t e it. Doch wird es hier vielleicht unüberwindliche Schwierigkeiten geben, da der englische. Premierminister LloydGeorge auf das Verbleiben Sir Monds im englischen Kabinett nicht verzichten will. ... Im politischen Ausschuß referierte heute, vormittags Präsident W e i tz m ann über die G r enzfragen, über die politischen Fragen und' über die Beziehungen der Exekutive zum e n g.l i s ch e n Kabinett. Er legte ein umfangreiches Material an Dokumenten und Briefen vor und wird morgen feine Darlegungen durch Mitteilungen über die Verhandlungen mit Sir Samuel ergänzen. Morgen nachmittags wird Herr Sokolow über die Mandatsfrage referieren, sodann soll. I a b o t i n s k y sprechen. Die Verhandlungen des politischen Ausschusses sind streng vertraulich, doch verlautet, daß schon jetzt aus dem vorgelegten Material zur Genüge heworgeht, daß die bekannten Erklärungen <oir Samuels in schärfstem Widerspruch zu den Anschauungen der englischen Regierung stehen. - In der Kolonisativ ns Kommission wurde A d o l f B ö h m (Wien) zum Vorsitzenden gewählt. In derheutigen Sitzung referierte O e i t i n g e t1 über dasBudget und P r o f e s s o r W a r b u r g über das V e r s u ch s w e s e n. Die Arbeiten der einzelnen Kommissionen sind so' umfangreich geworden, daß man glaubt, der Kongreß werde schwerlich sein gesamtes Arbeitsprogramm in, der ursprünglich vorgesehenen Zeit biszum 11. Sep-. ^tember zu Ende führen können. Es ist möglich, daß' eine V/e r l ä n g eru.n g des Kongresses' um .zwei Tage emtreten wird. >> /, Gestern ist \hier o n M e n a ss e aus Kairo e'mgetroffen. der Mitglied' der Palästina* Kommission ist und sich an den Beratungen beteiligen wird. Verschiedene Blätter haben berichtet, daß Lo rd Rothschild kurz vor der Eröffnung 'des Kon- - greffes aus Karlsbad abgereist sei. Es waren an diese Meldung intereffante Kombinationen geknüpft worden, die sich alle mit der Feststellung erledigen, daß Lord Rothschild, wenigstens in diesem Jahre, nicht in Karlsbad geweilt hat. XI!. Sitzung. Präsident S o k o l o w eröffnet die Sitzung um > 4 Uhr nachmittags. Die Palästina-Debatte wird fortgesetzt. Delegierter Trietsch (Berlin): Wir; sind im Begriff, unter unseren bisherigen Kolonisationsbetrieb einen dicken Strich zu machen. Das System war kleinlich, planlos und kostspielig. Wir gehen zur intensiven Bewirtschaftung über. Die alten Methoden rechneten nicht mit den Eigentümlichkeiten des Landes und der Juden. Doktor 5 o s k i n s Plan ist ein organischer Anfangs zu diesem neuen Kolonisatiönsbetriebe. Die A ck e r b e e t k u l t u r, die B a u m k u I turen . und die G r o ß l a n d w i r t schafft wird eine gewaltige Steigerung herbeisühren,während die Gartensiedlung die Selbstversorgung ' ermögliche» soll. Wir streben einer möglichst selbständigen Volkswirtschaft zu, in der die Landwirtschaft dominieren soll. In unseren G ar t e n st ad t en werdend Handwerker in sanitär einwandfreien Häusern und Küchengärten angesiedelt werden. In Fallen,.wo eine landwirtschaftliche Peripherie vorhanden' sein wird, werden die Gartenparzellen kleiner sein'als dort, .wo.' Der Oberkommiffär. —7. Karls b a d, 8. Sepinnber. Der Oberkommiffär von Palästina Sir Herbert Samuel hat an den Karlsbader Zionistenkongreß ein Begrüßungstelegrämm gerichtet, dessen Text wir mitgeteill haben. Das Telegramm wurde im Plenum des Kongresses Montag nachts verlesen und fand eine weniger als kühle Aufnahme. Die Linke protestierte sehr laut und zeigte deutlich die Meinung, die sehr weite Kreise der zionistischen Massen über die Tätigkeit Samuels haben. Er war von vielem Vertrauen begleitet, als. .'er nach Palästina ging; ja noch mehr, gläubiger Enthusiasmus knüpfte hohe Hoffnungen an diesen Mann, in dem man einen neuen Rehemia zu sehen glaubte. Die-Geschichte unseres Volkes schien sich in erfreulicher Weise wiederholen zu wollen. Aber, der Oberkommiffär hat bewiesen, daß Vorschußlorbeeren niemals gedeihen. Die allgemeine Lage in Palästina hat sich mährend. seiner Regierungszeit verschlechtert; die Unklarheiten über das Ausmaß des jüdischen Einflusses bei der Ausgestaltung Palästinas zum jüdischen Heim'haben : sich verstärkt. Die Zusage der Einberufung eines'Parlaments, die dem demokratischen Gefühl arabischer Großgrundbesitzer entsprechen sollte, hat im Judentum fast Panik hervorgerufen. Es ist.'so weit, ge-, koDren, daß niemand mehr zu Samuel.Vertrauen hat.? Es ist fstc uns ein herzlich nebensächlicher Umstand,' - daß es , arabische Kreise.- gibt, die sich über die 'Zronistenfreüno-kchkkft--- .Äinüiels! aufregen. Wir sehen, daß die WwWutzL in Palästina sich auf zutyiderlaufenden Linie -'.-.vollziehk. Acht r'.dst EHWelosigkeit' SüMels. die wir SekWM BieMcht' ist-es-'gut./ daß arjf. diesem' Posten-Mir.sogenannter starker Mann .siebt, dessen. Weishylt im Sch.ießenlaffen besieht. Daß es zu solchen Ereignissen,' wie den.Maiexzessen in Jaffa und den nördlichen Kolonien, kommen, konnte, wiegt weit.schwerer. Es besteht bei Samuel keine Voraussicht, kein'Programm. Welche Instruktionen ihm seine. Vorgesetzte Behörde erteilt hat,' ist nicht bekannt. Aber da er nur aus Grund der.. Balfour-Deklaration nach Palästina' gekommen ist,' die vom jüdischen nationalen Heim spricht, können diese Weisungen'nicht im Widerspruch zu dem Sinn der Balfourschen Erklärung stehen. Der Ausbau eines jüdischen Heims in Palästina ist.doch nur möglich, wenn das jüdische Volk'die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Bildung einer ' jüdischen Mehrheit schaffen Kann ■ oder zumindest ah der Konstruktion mitbestimmend zu Rate gezogen wird. Die? erste und primitivste Voraussetzung aber., ist, daß das jüdische Leben und ' Eigentum in Palästina gesichert wird, daß die. Organe des Oberkommistärs mir' ihrer Pflicht, der unbedingten Objektivität vertraut gemacht und daß alle jene Elementeentftrntwerden, die im Innersten ihres Herzens Feinde des jüdischen/Heims sind. Die Ereignisse in Palästina haben gezeigt, daß die Verwaltung des Oberkommiffärs in diesen wichtigsten Bedingungen versagt hat, und es ensteht die Frage, ob ein weiteres Verbleiben Samuels in dem Hause auf dem Oelberg ein jüdisches Interesse sein kann. Präsident. W.eitzmann hat die Demonstration der Linken, so wie es feine Pflicht war, gerügt; aber er ist, wie wir meig-en, über diese Selbstverständlichkeit zu Mt hmausgetzfangen. Er hat Samuel als „unseren Mann" bezeichnet und von einer weiteren DemonstratM mit der -Warnung abgeraten,. daß man nicht wisse, wer nach'Sumuel kommen Könne. Wir meinen, daß'ejn offener Gegner der zionistischen Arbeit in Palästina, ein. Mann, der nicht mit Vorwissen . der zionistischen Exekutive nach Jaffa kam, vielleicht in den äußeren Formen schärfer, im Wesen aber sicherlich nicht anders , sich verhallen könnte als Samuel. Was kann denn noch -viel.mehr verfügt werden, als. die Einstellung der Mischen Einwanderung? Was könnte denn mehr geschehen, als die Freilassung der Pogrömmörder und die Unterbindung der jüdischen Selbstverteidigung,^^ als/ b;te Sa:br£Uung von Legenden über den jüdischen Bolschewismus und die unbeglündete Entlassung jüdischer Beamter? Wtr sind überzeugt davon und wissen es bestimmt, daß dies alles nicht in den Plänen der englischen Regierung liegt, die ja ihr Wort verpfändet hat und weiß, daß der. Alonistischen Organisation eine' lange und mühevolle Arbeit - bevorsteht, die nicht gestört werden darf? Wir sind weit dävon entfernt, uns in einen ewigen Kampf gegen die Araber verwickeln zu lassen, der unsere aktiven Kräfte zerstören würde. Aber dieses Regierungsfystem eines Mannes, - der angeblich aus unseren Reihen.stammt, hatte gerade die Wirkung, daß > die Gegnerschaft zwischen Juden und Arabern sich bis zur Unheilbarkeit, vertiefte, daß. in das Judentum selbst Verwirrung getragen wurde. Wenn wir. nicht einmal von den Männern unseres Vertrauens Verständnis für unser Ideal, für unsere Position, an der Westküste des Mittelmeeres, die ja auch ein Vorteil Englands fein wird, erwarten können, wer denn soll uns verstehen? Die englische Regierung hat durch ihren Prager. Gesandten die Balfour-Deklaration bestätigen lassen- und sie damit zu einem Regierungsakt erhoben, m dem nicht gedeutet werden kann. Aber zur Ausführuntz dieses Aktes gehört, daß wir' an/denMöglichkeita mitschaffen können. Es ist notwendig,. daß der Brs tretet der Mandatarmacht ein - genau umschriebene Regierungsprogramm besitzt und daß dieses ProgramA. im Einvernehmen mit den von uns bevollmächtigt«! Bertretem des jüdischen Volkes aufgesiellt werde. Es, tut uns leid, daß der erste Mann auf dem historischW' Posten in Palästina uns so enttäuscht hat. Wir fjattes es lieber gesehen, wenn wir diese Erfahrungen.nicht^ an einem Oberkommiffär hätten sammeln müssen, d« unserem Volke cmaebött.