Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 929 (28.8.1921)
- Date
- 1921-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Während früher im Sinne der ministeriellen VoLzugsüsiiveisung zu den betreffenden Punkten des Friedensvertiags, welche sich mit den Bestimmungen über die Erlangung der Staatsbürgerschaft durch Option befasset», alle jene die Staatsbürgerschaft zverkannt erhielten, welche durch Vorlegung von Zeugnissen über den Besuch deutscher Schulen oder durch den Nachweis, daß sie sich des Deutschen als Umgangssprache bedienen (Äolkszählungsausweise) darzutun vermochten, daß auf sie die Bedingungen zutreffen, welche für die Option in Betracht kommen, beruft sich Herr Waber, der Exponent der yroßdmtschen Raffenhetze im Kabinett, aus die merkwürdigen und von allen Seiten angefochtenen Entscheidungen des Derwaltungsgerichtshofes und will die Anerkennung der Staatsbürgerschaft von der Erbringung .faßbarer Merkmale* abhängig mache», die dartun sollen, daß der Optant nach. Raffe und Sprache der Mehrheit der Bevölkerung in Oesterreich zuzuzahlen ist. Der Staatssekretär Wader, der seine volle Objektimffit beteuert, ist derselbe, welcher es ruhig duldet, daß in Oesterreich die Staatsgrundgesetze zu ungunsten feer Juden mit Füßen getreten werden, indem Juden in gewissen Gemeinden durch formelle Gemeinderatsbefchlüffe das Aufenth eltsrecht verweigert wird. Der MaM der durch solche sträfliche Duldung das Mnreißen zaristischer Zustände in Oesterreich geradezu fördert, unternickmr es nunmehr, einen höchst fragchurditzen Raffen begriff zur Grundlage der^B er waltun g in Oesterreich zu machen. Die chauvinistisch-reaktionäre Rassenlehre des polternden Germanentums, welche, sich kühn in ein pseudo-wissenschaftliches Mäntelchen hüllend, den nackten brutalen Raffenhaß predigt und ihr vollgemeffen Teil an der Entseffelung des Weltbrandes für sich in Anspruch nehmen kann, soll nunmehr durch Waber die offizielle Sanktion erhalten. Der-vage Begriff der Raffe, der wissenschaftlich nicht zu soffen ist, weil niemand und keinerlei Wissenschaft bisher zu sagen vermochte, wo Rasse beginnt und wo sie aufhört, weil es reine Raffen überhaupt nicht gibt und eine ständige Raffemnischung unter den. Völkern ftattsiudet, er soll wie ein drohendes Schwert über dem Juden hangen, der in Oesterreich feit Jahren lebt und wirkt, dessen Arbeit und Steuerleistung diesem Staate zugutekommt und Juden sollen von diesem System getroffen werden, die bereits in Wien das Licht der Welt erblickt haben. Dieser Skandal, der geeignet ist, für die all* gemeine Rechtslage der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs em gefährliches Präjudiz zu schaffen, in dessen Folge berÄs die lächerlichsten Entscheidungen gefällt und Kinder und Eltern i» ihrer Staatszugehörigkeit auseinandergeriffen wurden, darf nicht länger geduldet werden. Wir wollen nicht zulaffen, daß der Klare Sinn der . Verträge mit antisemitischer Absicht in sein Gegenteil verdreht wird und lehnen es ab, im Sinne der von Waber geforderten .faßbaren Merkmale" eine Blud oder Ahnenprobe für unsere Raffe zu erbringen, während die verschiedenen deutschnationalen Abkömmlinge des benachbarten Slawentums ungehindert die Ätaatsbiirgerschaft erholtem Wenn der österreichische Staatssekretär für Inneres seine Methoden nicht bald ändert so werden wir uns gezwungen sehen müsse», die Angelegenheit einem internationale« Forum zu unterbreiten» welches die Regierung zur Erkenntnis zwingen soll, daß das Original der Fnedensverttäge» deffen Sinn allnn entscheidend ist und nicht die deutsche Uebersetzung, von der Ansicht ousgeht,. dgß Mensche», welche die gleiche Umgangssprache sprechen wie die Mehrheit eines Landes, und schon durch diesem Umstand an dem betreffenden Kulrürkreip Anteil haben, das Recht , zuerkannt werden «ruß. bei Zutreffen der übrigen Bedingungen das Staatsbürgerrecht in ihrem Wohnlaube zu erlangen. Wir sind es müde» diesen Unfug länger zu dulden ufld gegen eine Verfügung zu polemisieren, deren UntzerecWgkeit so eklatant ist, daß sie keinerlei Zweifel tchftsmmen läßt. Die Redaktion der „Wiener Morgenzeitung" Will i» dieser leidige» Frage selbst die Initiative errvlenee-Renseadt, 27. Anguss. (Privat.) Wiener-Neustadt steht ganz unter dem Eindruck drS bevorstehenden Ereignisses. Heute steht man bereits von allen Seiten Gendarmeriemannschast heraurücken, die hier konzentriert wird und zum Abmarsch «ach Westungarn bereit steht. Um 8 Uhr adrndS fand am Hanptplatz anläßlich der Urbernahme des BurgenlaudeS eine große Kundgebung der Bevölkerung von Wiener-Neustadt statt. Biele tausende Menschen erfüllten dm große» Hauptplatz vor dem Rathause, von dessen Balkon auS Bürgermeister LandtagSprasident O f e n b 8 ck eine Ansprache hielt. Er würdigte die Bedeutung der Ereignisses und gab der Sympathie der Wiener-Reustädter für das Burgenland Ausdruck. Zugleich protestierte er gegen etwaige Umtriebe der Horthyaner. Die Ansprache deS Bürgermeisters wmdc mit stürmischem Beifall ausgenommen. Beflaggrmg der Grerrzvrte. Morgen wird nicht bloß die Stadt Wiener-Ncunad' in ,Ua?genschmuck prangen, sondern auch die bisher,gen ungarischen Greuzorte Rrudorsi, Sanerdrnu», Neufeld und andere. Heute um 5 Ahr früh Abmarsch der Gendarmerie ins Burgeulaud. Heute um 5 Uhr früh wird die gesamte, für die Besatzung deS BurgenlaudeS bestimmte Gendarmeriemarmfchast in der Stärke von 600 Mann in voller Märschadjusi^rung am Havpt- ' platze in DvNeustadt unter " dem .Kommando - .des 'Landes-. gevdarmrnrdirektorS Oruaner rinn Abmarsch gestillt sein. Der Abmarsch wird sich zu einem feierlichen Akt gestalten. Alle offiziellen Persönlichkeiten der Stadt werden zugegen sein und Ansprachen gehalten «erden. Um 5 Uhr stütz setzt sich der Zug unter klingendem Spiele in Bewegung, und zwar durch die Ungargaste r«m allen Uvgartor hinaus auf die Landstraße gegen Reudörfl. Nach zirka halbstündigem Marsche wird der Zug die Leithabrücke erreichen und nunmehr bisher ungarisch n Boden betreten. Hiemit wird der erste Akt der Besitzergreifung deS BurgmlandeS vollzogen sein. Zugleich wird die Finanzwachmaunschaft i«S Burgenland ihren Einzug halten. Der erste Zug «ach Oedeuburg ohae Grenzkontrolle. Sonntag mn V*ll Uhr abends wird van Wiener-Neustadt aus der erste Zug der Südbahn abgehen. der ohne Kontrolle die alte ungarische Grenze bei Katzelsdors überschreiten wird.. Mit diesemZuge werden alle offiziellen Persönlichkeiten nach Ordenburg gelangen, die mit amtlichen Funiüonen im Burgenlaud detrauc worden find. Der neue Bürgermeister vo« Oedeuburg Wce aus Oedeuburg berichte» wird, ist als Nachfolger des bisherigen Bürgermeisters der Stadt Oedeuburg Dr- Thurner, welcher zufolge feiner «ngaruftrnndlichen Gesinnung unhaltbar geworden ist, Hofrat Rauhofer, ein gebürtiger MatterSdorfer, ausersehe». Zugleich verlautet, daß zum Chef der Staatsanwaltschaft in Oedeuburg der frühere HauptmMuauditor Gustav Bartl, ein gebürtiger Oedenbmger, bestellt werde« soll. Abzug der Horthy-Truppe». Vedenbvrg, «7. August. Heute morgens hat die gesamte Oedeuburger Garnison die Stadt verlassen. Die Zeafnr wird vo» der interalliierte« Militarmisfion anSgeübt. Das Detachemeut Osztenburg weigert fich, Oedeuburg zu »erläge«. Veden bürg, 87. August. Das in Eisenlkadt liegende, ungarische Detachement O s z t e« b « r g ist gestern mit Bewilli-, gnng der Generalkommission »nter dem Titel ^Gendarmerie-^ -bteilmig* in der Stärke von 800 Maua tn Oedeuburg elnge«^ -oge«. Die Abteilung müßte »ach den Normen der Rüumnng! bereits morgen den 28. d. M. Oedeuburg wieder verlassen. Er wird befürchtet und Angehörige des Detachements behaupten e» ganz vssen, daß daS magyarische Detachement stch weigern werde, den Normen der Räumung r» entspreche« »nd anS Oedeuburg' abzumarfchirre». AutzerorÄenMcher Ministerrat Budapest. , in apeft. $t August. Wir „Hj Nem^dek* meldet, werden die Mitglieder der Mgarifchrn Regierung Sonntag vormittags um 9 Uhr z« einem a « ß e r v r deutlichen Ministerr a t zusammentreten, um de»-ganzen Komplex der westungarischen Frage zu verhandeln. Der Ministerrat werde bereiE Gelegenheit haben, zn dem Be'chlnß des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten des österreichischen Nationalrates Stellung z«. nehmen. Ei« merkwürfeigsr Aufrüf an die Föglivge der Osdendrrrger Honved-RealfchuLe. Aus Budapest wird uns berichtet: Major LadiSlans Szaplonczay und Major Julius T o k o $ wenden sich tn einem Aufruf an alle ihre Kameraden, die den Kurs der Soprvner Oberrealschule absolviert haben, mit der Aussordernng. wenn es ihnen schon nicht gegeben sei, die Stätte und die Stadt zu bewahren, an die sie die schönen Illusionen ihrer Jugendjahre lnüpfen, so doch wenigsiens der heilcgeu Pflicht z« genüge«, von dem Erziehungsheim Abschied z« nehmen. Zu der Abschirdsfeier/ die heute um 11 Uhr vormittags iu Oedeuburg an einem nn, Hotel Pannonia 'zu erfragenden Orie fiattsindet, sind auch^ sämtliche ehemaligen Professoren dieser Milttärschule eingeladüt worde».- * Bürgermeister Reumann hat heute verfügt, daß am Mvntagi alle städtischen Amtsgebäude aus Anlaß der an diesem Tage erfolgenden Neb« gäbe des Burgmlandes an Oesterreich beflaggtwerden solle«. Palästina — Kronkolonie? i London, 26. August. (Jüd. Korr.-Dur.) Wie „Palesiine*, d.ts Organ des britischen Palästina-Komitees, erfahrt, beabsichtigte mau Palästina, als eine K r o n k o l o n i e «ach dem Muster von Hongkong und einiger westindischer Inseln nnzurichten- DaS Land soll demnach eine» exekutiven Rat erhaltcu,! der gänchch aus beamteten Mitgliedern bestehen s^U Daneben hätte eine legislative oder beratende Körper schaft zu bestehe«, die fich zmu Teil auS gewählten und zum Teil aus ernannte» oder amtliche» Personen znsammmsetzr In Palästina dürfte dem Vernehmen »ach die Mitgliederzahl im legiÄaüvm Rate an dreißig betragen, von den-'« dir Hälfte, beziehungsweise 16 nach da» Muster der Krön, kolonie«, trtu «nt oder berufen werden, aut der Regierung eine Majorität z« sichern. Ferner wird beabstcht!gt,den von diese» Beiräten geschaffenen Gesetzen erst dann Rechtskraft greifen und den Anstoß MBeseitigung einer Willkür geben, die schon allzulange gedauert hat. Wir wollen selbst das Material sammeln und bearbeiten, welches hie Grundlage für die Auftollung dieser Frage bieten soll. Wir fordem daher alle jene, welche sich dmch einen ablehnenden Bescheid benachteiligt glauben, alle die, welche die neueste Aegrerungsweisheit aus dem Slaatsamt für Inneres um ihr wohldegründetes Recht bringen will, auf, uns fchrMich rryter geaguer Aygabe zn grwähre«, wen» sie die G e u e h m i g n n g deS Exekativrates erhalten. UeberdicS solle» gewisse Agenden, namentlich jene, die mit der B a l f o »r- Deklaration zusammenhängen, aus der Kompetenz der; legislativen Kammer überhaupt a u s g e s ch i e den «erden. Tschitscherin droht NumSule». Brrkarest, 26. August. (HavaS.) Eine Abteilnng russischer Sowjettrnppen ist auf rumänischer Gebiet desertiert. Der Volkskommissar für ÄrußereS T-schrtscheri« richtete an btti rumänische Regierung die Aussordernng, die Desettenre auSzu»! liefern, und drohte für de» Fall der Ablehnung dieser Fordern«-' mit Enisendnng von Truppen gegen Rumänien.. Die rnmänlsche Regierung hat dieses Ansinnen a d g el r h »t, «dem sie sich auf daS internationale Recht berief. ummmammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmmmmm der bezügliche« Daten, wie Dauer des ununterbrochenen Aufenthaltes in Oesterreich, Schulbildung, dem Ansuchen beigelegte Belege ufw., den Fall darzustellen. Desgleichen sind alle Anwälte, welche unbegründete abrveisliche^ Optionsbescheide erhalten haben, quf-i gefördert, diese Fälle unter Anführung aller notwendigen^ Daten schriftlich unserer Redaktion bekanntzugeben. Es ist an der Zeit, daß in dieser Ängelegercheü LJr