Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 928 (27.8.1921)
- Date
- 1921-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die deutschen Industriellen überschwemmen die ausländischen Märkte mtt Fabrikaten, welche sie tief unter dem Erzeugungspreise hergeben, um die englischen, französischen und anderen Erzeuger zugrunde zu richten. Die deutschen Fabrikanten werden von ihrer Regierung, welche. die Eroberung des Weltmarktes als unerläßliche Vorbedingung der Erringung der politischen Weltherrschaft erachtet, durch Steuernachlasse/ Exportprämien und geheime. Subventionen in die Lage verseht. diese Preöunterbietungen ins Ungemessene fortzusetzen und so sicher das angestrebte Ziel, den Ruin der ' ausländischen, ohne staatliche Unterstützung arbeirenden Erzeuger zu erreichen. Die Engländer nennen dieses durch Unterbietung des Erzeugungs- Preises gekennzeichnete und auf die Vernichtung der ausländischen Konkurrenz im Auslande selbst gerichtete Verfahren ,damping", Der Weltkrieg ist gewiß nicht allein auf die gegen das deutsche „dumpiog" gerichtete ^8^2^ zurückzuführen, : immerhin aber hat ste zur Förderung des Zustandes beigetragen, daß alle Staaten mit stärker hervortretenden Industrie- und ' Hmrdelsinteceffen deutschfeindlich orientiert waren. Die Deutschen' hüben sich unter dem Einflüsse der in der Gerivde Mlhelcks des Fwetten gezüchteten Selbstüberhehung und Unterschätzung des Gegners über diese Anlagen ttiumphierend und lachend hinweggesetzt. Wie sich der deutsche Militarismus in bewußter Verachtung der Kritik einer ganzen Welt gefiel, so auch der deutsche Kapitalismus. Der deutsche Fabrikant war ja auch Reserveoffizier. Aber wenige Jahre vor dem Ausbruch des Weltkrieges tauchten doch in besonnenen deutschen Köpfen Bedenken auf, sie erkannten die Gefahren dieser. von allen Seiten gegen Deutschland betriebenen Agitation. Sie bemühten sich, den Nachweis zu erbringen, daß die deutsche Industrie nicht ,dnmp~ ing* betreibt, sondern dank ihrer technischen Entwicklung, und der Befolgung des Grundsatzes vom großen Umsatz mit kleinem Gewinn gefährlich, aber reell konkurriere und daß die deutsche Regierung über die Grenzen einer erlaubten Industrieförderung nicht hmausgehe. Die zu spät entsetzenden Bemühungen sind nutzlos geblieben, wurden übrigens auch durch die aufdringliche, den Konkurrenten verhöhnende Art der nationalistischen Presse und das siegesbewußte, aufdringliche Gehaben der .führenden deutschen Industriellen unwirksam gemacht. Die Hetze ging weiter, bis es zum Weltkriege kam. Der völlige Zusammenbruch Deutschlands nach dem Waffenstillstand lieh fürs erste eine Anti-dampiog- Kampagne nicht aufkommen. Sie schien angesichts des desolaten Zustandes des Reiches und der Ungewißheit feines Schicksals überflüssig. Aber kaum begann Deutschland seine Arbeit wieder zu organisieren, so tauchte auch schon an alle« Ecken und Enden das Mißtrauen auf. Wieder ist zu konstatieren, daß von gewissen deutschen Gruppen her alles getan wird, war das Mißtrauen nährt, das Feuer schürt. Das Gehaben des industriellen Raubritters Stinnes, der seine in Deutschlands traurigster Zeit zusammengerafften Schätze an allen Ecken der Welt unter großem Reklamegeschrei wirken läßt, der nicht nur Banken und Fabriken, sondern Gesinnungen und Zeitungen überall zusammenkauft, der in Kanada Wälder ausholzen, in Deutschland aus diesem Holze Papier machen läßt, um es in seiner Druckerei in der Schweiz mit Lügengegen den Frieden, den Völkerbund, England, die Juden u. a m. oollzudruckm. Das Gehaben dieses Mannes machks den Schreiern gegen das deutsche „äumpinx" wirklich leicht. Der Kcunpf der deutschen Schlotbarone, welche jede Regierung' stürzen wollen, die es wagt, von ihnen Steuern zu verlangen, und es glücklich dahin gebracht haben, daß die schärfsten Finanzmimster vor ihnen zusammenknicken» hat das Gerücht genährt, daß der deutsche Fabrikant von großen Steuern verschont wird, um' besser „dmnping“ betreiben zu können. Die schlechte Wirtschaftslage in den verschied men Landern hat besonder» m den letzte» Woche» die Stimmung ttm etiorM. Otfenbrrrg» Bade«, 26, August. (Wolfs.) Der Reichstagsabgeordnete Grzbergev, der sich seit einige« Tage» mit seiner Familie in Dad Griesbach aufhielt, von wo ans er täglich Spaziergänge z« machen pflegte, ist heute auf dem Badischen Kniebis bei Griesbach ermordet anfgefnnden worden. Der Leichnam wies zwölf Revolverschösse ans. Der Anschlag. Kaelsruhe, 26. August. (Tel.-Komp.). Heilte vormittags wurde auf dec Alexanderschanze bei Bad Griesbach auf die dort weitenden deutschen Reichstagsabgeordneten Erzberger und D-ietz ein Attentat verübt. Die beiden Abgeordneten hatten einen Spaziergang nach der Atexajnderschanze unternommen, auf bet ihnen zwer junge MÄmer entgegentraten, die sofort eine drohende Haltung gegen sie einnah men. Ein Versuch zu flüchten, schlug fehl. Erzbevger wurde von mehreren Schüssen-erreicht' und blieb tot aus dem Platze: Dietz wurde leicht verwundet. Die Staatsanwaltschaft und die Polizeibehörde haben mnfassekde Maßnahmen zur Aufklärung - des Mordes, und -zur' Verfolgung der Täter eingeleitet. Der. Generalstaatscmnmlt hat sich persönlich cut den Tatort begeben. Erzberger 'befand sich zu Besuch bei seiner Mutter, - . Weitere -ErnzerheiMt.- ... . Berlin,, -26. > August. (Tet-5bomp^ Urbsr> die Enn?r^ung Erzbergers werden noch folgende Etnzekheipm bekannt: Erz- - berger wurde durch zwölf Schüsse tödlich),getroffen und verschied sofort. Der Abgeordnete Dietz wurde, an der Hand leicht verletzt. Ueber die Person , des . Astentäters verlautet rkvch nichts Näheres. Abgeordneter Erzbergex hielt sich seit einiger Zeit mit seiner Familie in Bad Griesbach auf, wo er täglich einen Spaziergang zu machen .pflegte. 'Heute um 9 Uhr trat er gleichfalls den üblichen-'Spaziergang in Begleitung des Abgeordneten Dich an, auf; dein sich ihrn die beide» Burschen entgegenstellten und ihn VM Dich trennten. Erzberger versuchte zu flüchten, wurde von den dltientäteni verfolgt und nieder gestreckt. Der Ab geordnet« Dietz liegt im Spital in Oppenau. Eine Gerichts kommisston hat sich mit Polizeihunden au den Tatort begeben. Mit Sicherheit konnte bereits festgestellt werden, daß kein Raubmord vorliegt. Die Regierung rmd die Mordtat. Berlin, 26. August. (Tel.-Komp.) Die Ermordung des .Abgeordnete« Erzberger erregt in hiesigen politischen Kreisen, aber auch in Kreisen der sonstigen Bevölkerung ungeheures Aussehen. Erzbergrr, der sich in den letzten zwei Jahren vom politischen Leben zurückgezogen hatte, schien in der letzte» Zeit wieder an politischem Einfluß zu gewinnen, so daß man von seiner Wiederkehr ins öffentliche Leben sprach.. Von den Rechtsparteien wurde er heftig angegriffen, insbesondere wegen seiner Haltung während des Zusammenbruches, und man bezeichnet ihn als eine seiner Hauptursachen. Insbesondere wird daran erinnert, daß Marschall 'Fo ch in seinen Erinnerung«« sefistellte, Ecztzerger habe ihn weinend um Friede» angejammert und mit aufgehobenen Händen gefleht, Foch möge di« Feindseligkeiten einstellen, weil sonst der Bolschewismus Europa vernichten würde. Was die Tat selbst anlangt, könne kein Zweifel bestehen, daß es sich, um die Einzeltat von' politischen Fanatikern handelt DaS Reichskabinett hat sich heute mit der Angelegenheit beschäftigt. Mm hegt die Befürchtung, daß sich der Arb eiterschaft große Erreg«»- SeMSchtigeN werde, glaubt jedoch', daß es zu ernstere» KsuHkkatiVNe» nicht kommt. Der Reichskanzler hat der Familie des Atze geordneten Erzberger sein Beileid ausdrückt mid de» ASgeordnete» Metz zu feiner Errettung beglückwünscht. Bet dieser Gelegenheit wird daran erinnert, daß Erzbevger bereits am 20. Jänner 1920 daS Opfer eines Attentats tmrrde. Der Täter war damals Oltwig v. Hirschfeld. Er gab vor denr Reichstagsgebäude auf Drzberger einen Schuß ab, der ihn leicht verletzte. Wie die Ententekreise die Tat benrleile«. DerliN, 26. August. (Tel.-Kvmp.) Die Errmordung . Erzbergers hat in hiesigen Ententekreifeu äußerst verstimmend gewirkt. Es wird darauf hingewiesen, daß die Tat ei» neues Symptom für die gegenwärtig« Geistesverfassung des deutschen Volkes sei und daß das Mißtraue», daß die Entente, insbesondere Frankreich- Deutschland «irtgegenbrütgt, nur allzu große Berechtigung habe. Das Kabinett Wirth sei nicht üustanbe, sich der reaktionäre» Umtriebe z« erwehre«. * Matthias Erz berger wurde am 20. Septeinbri 1875 in Buttenhausen in Württemberg geboren undwar VolWschullehrer.' Später studierte er an der Freiburger Universität BvWtvirtschaft «uh wurde Mdaktem eines SttrrtgarteL ' Blattes. Im Jahre 1903 wurde er in best. Reichstag grw.Mt, wo er sich' dem Zentrum anschloß und in dieser FraRivn einö hervorragende Rolle spielte. Seine pazifistische TätigSeit während des WeltVrieges ist noch in frischer «Erinnerung. Erzberger purhe während des Krieges von dev deutschen Regierung zu verschiedenen Auslandstnisfronenbenützt; Prinz Max von Baden berief ihn als Staatssekretär in sein Kabinott und nach dem militärischer^ Zusammenbruch Deutschlands war Erzberger Letter der Waffenstillstandsvotnmissivn. In dem ersten republikanischen Kabinett DduW--^ lands war Erzberger Finanzminifter. Erzberger war bei den Deutschnationalen und' den Kriegshetzern aller: Schattierungen seit langem der best-, gehaßte Mann. Man hat ihn auf jener Seite fett’;1 dem Augenblick, wo seine, Bemühungen rrm hie Herstellung des Friedens und seine Beziehirngen zu de»! Habsburgern urch der ausländischen Diplomatio aus- Kamen, als Dodfeind angesehen und die Hetze gegew ihn in allen Donarten betrieben. Als Wortführer im! Streite trat der frühere Staatssekretär Helfferich auf und man suchte Erzberger durch den vvni Kapitalsschiebungen unschädlich zu machen. ErzbvrgeÄ war, wie man auch seinen Charakter beurteilen Mag,: — sein Charakterbild schwankt noch in der Geschichte jedenfalls eilte der stärksten politischen Begabungen ttv dem an solchen arrnen Deutschland. ES ist nicht aus-, geschlossen, daß zwischen der Mordtat und dem Frvnt-! kämpfertag, der dieser Tage in Berlin stattfand-, wo> der ^hetzerische Geist der Rache in allen Tönen Be*: schworen wurde, ein innerer Zusammenhang besteht. In Deutschland ist noch imnrer der Morb das letzte' »politische" Auskunftsmittel der Reaktion und d«r tzn; Grunde zahme Zentrumsmann Erzberger mußte ebenso daran glaübeir wie Liebknecht, Eisner, die Luxemburg und zuletzt Gareis. verschärft »nd die gegen das deutsche „änrnping“ gerichtete Literatur neu aufleben lassen. Die Agitation ist über die Kreise der Intereffenten h'mausgegangen und hat bereits die Regierungen ersaßt. Bor wenigen Tagen hat die dänische Regierung durch ihr Ministerium eine Denkschrift veröffentlichen lasten, welche den Niedergang der Industrie, das Anwachsen der Arbeitslosigkeit hei gleichzeitiger enormer Steigerung des deutschen Imports offen als eine Folge der nicht einwandfreien deutschen Konkurrenz bezeichnet. Am weitesten ist ober die Sache in England gediehen. Dort ist die Regierung zur Tat übergegangen. Anr 20. d. M. hat das englische Unterhaus das Auti-äawpin^Gejetz angenormnen, das heißt, das sreihündlerische England hat mit seiner obersten Tradition gebrochen, es hat den tiesstgreifenden Systemwechsel vorgenommen, es ist Schutzzöllner geworden, nur um den deutschen „dumping* zu ersetzen. Das Gesetz, welches naturgemäß auch in England auf große Widerstände stieß, geht sehr weit und kann, radikal angewendet, jede Einfuhr unterbinde«. Es gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste ist dem Schutze der sogenannten Schlüffelindustrien gewidmet^ das heißt jener Industrien, welche die Grundlage der Landesverteidigung und Selbstversorgung bUden. Hiezu gehören zum Beispiel hie Erzeugung von optischen- und feinmechanischen Instrumenten, Chemikalie« aller Art, Farbwaren usw. Der Kreis kann beliebig | erweitert werden. Die Einfuhr dieser Produkte wird