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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-26 · Heft 927 (26.8.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 927 (26.8.1921)
Date
1921-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mit moralischer und materieller Unterstützung der Regienmg wurden militärische und Zivilorgamsationen zum Schutze der Integrität des Landes gebildet, ein weitverzweigter Apparat für Spionage und Aufreizung zum Irredentismus in den Nachfolgestaaten wurde geschaffen und wird mit ungeheurem Kostenaufwand erhalten. Preise wurden ausgeschrieben für die kon- Zisefte. sich in das Hirn eines jeden Ungarn am eindringlichsten einhämmemde Glaubens- und Eidesformel, die es jedem Ungarn zur Pflicht macht, alles, Gut und Leben, für die Wiederherstellung des alten Ungarn Zu opfern und nicht zuzulassen, daß dem Leibe des unglücklichen Landes auch nur ein Fußbreit Gebietes mehr entrissen werde. .Ich glaube an einen Gatt! Ich glaube an ein großes, ungeschmälertes Ungarn! Rumpsungarn ist kein Ungarn!" sind Sätze aus dsm Haussegen, der heute, dank dem Terror geschäftskundiger Agenten, in den Hausern der Landbevölkerung an Stelle des altväterlichen Haussegens: »Wo Liebe, da Friede..." prangt. So kam daß in der breiten Dolksmaffe, die durch eine unfreie oder bestochene Presse in Unkenntnis der wahren AelMisie gehalten ryürde, - -niemand eine Ahnung ,dlchün hatte» ob und unter welchen Vorauslchimgen Westungarn an Oesterreich fallen werde, und auch niemand glauben mochte, daß Ungarn das Burgenland kampflos aus seinem Besitz herausgeben werde. Die Lüge hat kurze Beine und die Wahrheit banir auf die Dauer nicht vertuscht werden. Die Frist iiir die Erfüllung des Friedensvertrages läuft ab, die Bevölkerung' erlebt die größte Enttäuschung seit dem Einmarsch der Nationalarmee und-der Etablierung des christlichen Kurses mit seinem blutigen weißen Terror; nickt nur, daß der Trianoner Vertrag trotz dem Revanche-Haussegen und im Gegensätze zu dem Kampfruf: »Nein, nein, niemals!" mit allen seinen operativen Eingriffen in den alten ungarischen Staats- Körper von der Horthy-Regierung ratifiziert wurde, wird rinn auch Westungarn an Oesterreich abgetreten. Würden heute in Ungarn Rede- und Preßfreiheit herrschen, so würde die allgemeine Wut über die Negierung das jetzige Regime sicherlich hinwegfegen, nicht weil Oesterreich West Ungarn erhält, sondern weil die Regierung dem ungarischen Volke die ganze Zeit hindurch. eine Lüge suggeriert hat und nunmehr die Geister,, die sie gerufen, nicht mehr zu bannen vermag. Rurdurch diesen psychischen Zustand der ungarischen Rstziefnng "und des ganzen ungarischen öffentlichen Lebens ist es zu erklären, daß sämtliche politischen Faktoren vom Ministerpräsidenten bis zum letzten terroristischen Offizier und »erwachenden Magyaren" ihre arge politische Not durch die Häufung von Lüge» und pöbelhaftes Geschimpfe gegen Oesterreich den Groll des Volkes zu überschreien bestrebt sind. Der Abgeordnete Lingauer sprach dem ganzen ungarischen Volke aus der Seele, als er in seiner Anfrage in der letzten Nationalversammlung der Regierung zurief, daß, wenn sie rechtzeitig die Wahrheit gesagt hätte, die Bevölkerung sich zum bewaffneten Widerstand gegen die Uebergabe Westungarns organisiert hätte. In der Tat hat die Regierung während des ganzen letzten Jahres mit dazu beigetragen, daß der Hatz gegen Oesterreich bis zum Paroxysmus steige und aus die Gelegenheit lauere, nach Wien einzumarschieren. Aus diesem Grunde.muß aber die ungarische Regierung;?ut Äetmng ihrer eigenen Existenz und vielleicht auch für Rettung des auch im eigenen Lande so stark \\x Verruf geratenen Regierungssystems alles aufbieten, um aus der westungarischen Kampagne mit einem nennenswerten Erfolg heimzukehren. Daher all die Hindernisse und die täglich sich erneuernden Anbote. Der österreichische Hauptausschuß, der. sich mit dem letzten Anbot, Oedenburg Ungarn zn überlassen, zu belassen haben wird, darf sich natürlich weder von den wutshausmäßigen Wuta-isbrüchen der in ihre eigene Luge verstrickte« ungarischen Regierung »och von de» Ae Betyllm kchen Sefleiteii Forderung der Komttate nach Abbruch der diplomatische« Beziehungen und sofortiger Grenzsperre. Budayest, 25. August. iUng.Tel.-Korr.-Bm.) Sämtliche Komisate des Landes hinkten heute in Budapest eine Generalversammlung ab, i« der eine Entschlietzrmg gefaßt wurde, welche die Negierung anweist, dir diplomatischen Beziehungen mit Oe ft erreich abznbrechen mrd sofort die Grenzsperre in Kraft treten zu lassen. Was die Horthy-„Sozialiften" verlangen. Budapest» 25. August. (Ung. Tel.»Korr. - Bur.) DK ungarische sozialiststhe (?) Partei bielt eine große Versammlung ab. in der gegen die Annexion Westunqarns durch Oesterreich ans das säürjste Stellung genommen wurde- Die Versammlung nahm eine« Beschlußantrag an. worin die ungarische Arbeiterschaft fordert, daß d'e N L u m u n g W e st u n g a r n s u m v i e r Monate verschoben werde, damit während d'eser Zeit die u n g a r i s ch e n und die österreichischen Arbeiter (!?) Gelegenheit harten, eine sriedl'che Lösung ans Grund von den österreichischen Arbeitern zu gewährender wirtschaftlicher KonzMonen zu finde». (Die Sozialisten sind in Ungarn von den Horthp-Banditen langst nnSgrrottet worden.' Das. was vdn.Horthtz als Sozialisten bezeichnet wird, find nur seine Pslkzeik»nfihentm nM Schergen.) ' Äre Rehergabe Weftungarrrs. - Ei» Manifest der Grrtentemission. Oedenburg, 25. Äug »st. D:e in'eralliierte Mifftäi Mission veröffentlicht eine i« deutscher, ungarischer, fra chösischer nnd kroatischer Sprache abgefaßte Proklamation an die Bevölkerung des Burgenlandes, worin es unter anderem heißt: 3u Ausführung der Bestimmungen des FricdenSvertrages von Trianon hat das Gebiet des Burgenlandrs an dir Republik Oesterreich übergeben zu werden. Bom 25. d. M. v llhr an bis 6. September 1921, 3i Uhr, haben alle Anordnungen, die von der interalliierten Militärmiffion in Oldenburg und über deren Ermächtigung von de» Eotenteoffizieren erteilt werden, für alle Zivil- und Militärbehörden im, Lande verbindliche Kraft. Die llebergabe d?r SouveränitätSrechtr! über das Burgenland von Ungarn an die Entente und von betf Entente an Oesterreich erfolgt am 29. d. M., 16 Uhr. Bo», dem Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses ManifestS oncrefangm sind alle Ansammlungen sowie die Abhaltung öffentlicher Versammlungen verboten. Die GrerrzreguRerrmg. Oedenburg, 25. August. Der österreichisch-»ngaüsche Grenzregulicrangsausschnß wird am 30. d. M. in Graz »«j emer Sitzung zusammentreten, an der als Vertreter Oesterreichs' Ministerialrat N e» g e b a » er und seitens Ungarns Müiisterial» sekretar Villantz trilnehmm werde». / Eine französische Stimme über WestrmZar«. Paris, 25. August. (Tel.-Kornp.) Anläßlich der Uebergabe Westungarns an Oesterreich schreibt *$e Eablegramme* cm leitender Stelle: .Es ist klar, daß Oesterreich durch die Ei»-! Verleihung der westungarischen Kom'uate Ungar« gegenüber m > eine heikle Situation geraten ist. Me Lage Oesterreichs schreibt! ihm eine vollständig friedliche Dolifik vor, drübrigens. durch-- üuS der' Sinnesart der österreichischen Bevölkerung atf»! spricht. Oesterreich verfolgt auch keinerlei WiedererobvtuugS- \ absichten gegen die Tschrcho-Slowakei, Jugoslavim oder s Rumänien. Das einzige Ziel, das Oesterreich, anstrebt iß die! Wicderanfrichtung seiner Lolkswirtschast auf dem Wege intev-j nationaler Kredite nnd durch Verrinbaruugen mit feine» Nachbar».! Da Oesterreich auch der Anschluß an Deutschland verwehrt wird,- erscheint die Orieutiersng zur klei»e»i E n 1 e n t e im Lichte der jüngsten Ereigniffe als die ein z ra tj m österreichischen Interesse selegeuej Losung, Die Spezralinlereffen Frankreichs steht» dem kemeS»j wegs en gege», znmal Frankreich vor allem einen lebensfährgk»; WirtschaitZblock in den Donauländer» wieder aufrichte» will." Arrf der Suche nach denr BerLchterstnLLer über OherschLesiesr. Paris, 24. A-ugM. (Wolfs.) Der Berichterstatter des „Temps" in Madrid meldet seinem Bürtte, daß ihn der Minister des Aeußern empfangen und ihm erklärt hätte, so sehr sich Spanien durch die Wahl seines Vertreters zum Berichterstatter über die oberschbesische Frage geschmeichelt gefühlt habe, sei es doch der Ansicht, daß es zu enge an GroßLritannie« und Frankreich gebunden sei, um m einer so heiklen Frage gegen den einen oder den anderen seiner beiden Freunde durch Abfassung eines Berichtes, dessen Bedeutung zu leugnen zweckbis wäre, Stellung zn nehmen. Nach einer längeren Beratung mit Qui-nones de Leon sei die Ab le hnung beschlossen worden. Pavis,'24. Augtist. (Funkspruch.) „PetitParifieU-> meldet, daß Vicomte Jshii nach Besprechungen mit den gegenwärtig in Paris weilenden Mitgliedern des Völkerbundrates den Entschluß des spanischen Delegierten^ nicht als endgültige Ablehnung betrachte und ihn neuerdings ersucht habe, die Berichherstattumg M ülwrnehmen. Drohungen mit Retorsionen, aber auch nicht von dem offenkundigen Wohlwollen des französischen Delegierten in Oedenburg einschüchtern lassen und muß auf dem Rechte Oesterreichs bestehen, das ihm durch die Friedensverträge zugesichert wurde. In dem kritischesten Augenbkck, den die ungarische Regierung sich selbst herbeigeführt hat, eniledigte sie sich rasch der unbequemen Schreier im Parlament, indem sie die Nationalversammlung vertagte. Allerdings nicht ohne vorerst noch durch eine jesuitische Regierungserklärung die wahren Vorgänge in Ungarn vor dem Auslande zu verschleiern. Der Abgeordnete Budavary forderte, wie berichtet wurde, in einer Anfrage an die Regierung die Nichtzulassung ausländischer Juden in Ungarn und die Entfernung sämtlicher Juden aus den öffentlichen Aemtem. Mit einer politischen Verkommenheit sondergleichen beantwortete der Sprecher der Regierung diese peinliche, aber immerhin klare Anfrage dahin, daß die Kommunisten aus den öffentlichen Aemtem bereits entfernt seien und daß die Regierung an eine neuerliche Revision des Deamtenftandes nicht denke. Mit einem icfuttifdjcn Jongleurkunststück werden in der Antwort des Ministers die Juden mit Kornmunisten identifiziert und wird überdies dem Ausland glauben gemacht, daß es in Ungarn keine Verfolgung der Juden ihres Judentums wegen gebe. Die Wahrheü jedoch ist, daß die ungarische Regiemng sich beeilte, noch vor Inkrafttreten des Trianoner Vertrags, welcher die! völlige Gleichberechtigung aller Konfessionen vor«', schreibt und die Ausschließung eines Staatsbürgers^ aus den öffentlichen Aemtem wegen seiner. Zugehörigkeit zu einer bestimmten Konfession oder Nation verbietet, im Gesetzes- und Deroidnungswege die Juden' nicht nur aus den Aemlern,. Schulen und staatlichen Betrieben bis auf einen verschwindenden Prozentsatz' zu vertreiben, sondern sie auch aus jenen Berufen! verdrängt hat, deren Ausübung an eine staatliche Konzession gebunden ist. Da braucht allerdings die ungarische Regierung nicht mehr an eine Revision zu denken und dem Trianoner Friedensvertrag blieb! nichts mehr zu schützen übrig, denn die Horthy-! Regierung hat ihr teuflisches Handwerk in beschleunigtem Tempo ausgeübtt, ehe die Feffel. des! Vertrages rechtskräfttg geworden ist. Bisher ist esder ungarischen Regiemng immer gelungen, die Entente! zu blenden. Aus diese Kurzsichtigkeit oder bewußte! Nachgiebigkeit sündigt Horthy-Ungarir Tag um Tags und aus ihnen schöpft es den Mut auch zu der! unqualisizierbaren Haltung Oesterreich gegenüber. Solange diesem Hochmut nicht ein Damm gesetzt wftd, wird Ungarn eine Gefahr für den Frieden Europas bilde». ■! i

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