Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 924 (23.8.1921)
- Date
- 1921-08-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenze»»n»g AÖ. ^UtzUsi Ittül Mt. V34 Dondmt, 20. August. (Privat.) Hier fand im Zentralbureau der zionistischen Organisation eine Konferenz über Kvlonisationsfrage n statt, an welcher sämtliche in London anwesenden M i t g l ie d e r der Exekutive, ferner Dr. Ruppin, Dr. Soskin und Davis Trietsch als Experten teilnahmen. In fünf Sitzungen wurden die verschiedenen vorliegenden Vorschläge und Methoden der landwirtschaftlichen Kolonisation eingehend diskutiert. Die allgemeine Ansicht der Konferenzteilirchrner ging dahin, daß unverzüglich mit interrsivsreu Methoden für die Bodenkultur im Lande begonnen werden müsse. Folgende Resolutionen, die an den .Kongreß geleitet werden, gelangten zur Annahme: .1. Die Exekutive ist der Ansicht, daß im Einklänge mit den Vorschlägen Dr, Soskins in Palästina auf chew,äs sertem Bo Len eine Versuchskolonie von ungefähr fünfhundert Siedlern auf Basis der intensivsten Bewirtfchafturtg.Mrrichtet werden soll. 2. Es sollen zur intensiven Urbarmachung von unbewäss-ertem Lande sowohl für Kultivierung von Getreidefrucht als auch für Baumpflanzurrgen Ber s uche unternommen werden. In bezug auf die Getreidekultur soll die Durchführung des Vorschlages Dr. Soskins,. auf Einführung des Veetsystems versucht werden. Dr. Sosksirs wird ermächtigt, die DurchfühNMng der Vorschläge im Einverständnis mit ber Exekutive in die Hand zu nehmen. 3. Die Exekutive ist der An's'icht, daß die G arLenstadtstedlrmg sfonn für unsere Arbeit in Palästina von großer^ Wichtigkeit ist.- Es soll daher für die Förderung von Garten-/ stabten. eine eigene Abteilung geschaffen werden, welcher die Verwaltung de-r von der zivniMchen Organisation unternommenen GartenstabLkolonisatiou obliegt und die gleichzeitig die Aufgabe hätte, der-P r ivaten Initiative in dieser Richtung beratend und fördernd zur Seite zu stehen. 4. Die technischen Grund" lagen für die Errichtung eines „M o s h a b O b d i m" (ArLeiterheim) sollen einem neuen, sorgfältigem Studium unterzogen werden. Dr. Soskin wird einge laden, an dieser Untersuchung teilzunehmen. 5. Die Frage der ersten Besitzergreifung der in letzter Zeit in Palästina erworbenen Bobenflächen sowie derjenigen, welche in den nächsten Jahren erworben werden sollen, wirb jn einer besonderen, in Karlsbad abzuhaltenden Sitzung der Exekutive unter Zuziehung von Experten behandelt worben. , «eite t Wien, Dienstag W—■ I ■■■■ ■■■ ■■ ■ ■ U.I«PIM I"- . It - -« " ■■ '■ 1 ' m Oesterreich erkennt die palästinensischen Pässe an. Bettegung eines peinliche» Konflikts. W i e v, 23. August« Jü den letzten Wochen wurden palästinensische Staatsbürger, welche ihre Pässe den österreichischen Auslandsvertretungen oder Grenzbehörden behufs Visatrteilung vorlegten, mit dem Bemerken abgewieseu, die österreichische Regierung palästinensische Pässe picht anerkennt, beziehungsweise Trägern solcher Pässe keine Ein- und Durchreisevisa, erteilt. Später wurde den palästinensischen Staatsbürgern bedeutet, daß behufs Erlangung eines Visums in jedem - Falle eine spezielle und individuelle Bewilligung des österreichischen Bundesministeriums des Aeußern beigebracht werden müsse. Wie durch Erkundigungen festgestellt wurde, sind de von Wien aus gegebenen, gegen die palästinensischerr Staatsbürger gerichteten Weisungen auf Eingreifen des Bmrdesministeriums des Innern erfolgt. Die Kunde von. diesem Borgehen hat natürlich in Palästina Entrüstung mrd besonders upter tzrn jüdischen Bürgern eine gegen Oesterreich gerichtete Strömung hervorgerufen. Es wurde ein Einschreiten der Behörden gefordert und Gegenmaßregeln, welche sich scharf gegen den Handelsverkehr mit Oesterreich richten, wurde in ernste Erwägung gezogen. Angesichts dieser Situation haben es die obersten zionistischen Behörden für nötig erachtet,' in freundschaftlicher Form auf Beseitigung dieses unhaltbaren. Zustandes hinzuwirken. Der beglaubigte Vertreter der Londoner Leitung der zionistischen Weltorganisation, LandtagsabgeordUeter Robert Stricker, hat. nach Bekanutwerden des erwähnten Regierungserlasses beim Bundeskanzler und Bundesminister des Aeußern Herrn Schober vorgesprochen und gegen die Schlechterstelfung der palästinensischen Staatsbürger gegenüber den Bürgern irgenbeirres anderen Staates Vorstellung erhoben. Er hat auch vom österreichischen Standpunkt aus stufdie Gefahr verwiesen, die dem.Ansehen Oesterreichs und besonders seiner Industrie und seinem Handel droht. Der Bundeskanzler hat die eingehendste Prüfung zugesagt und gestern Len Abgeordneten Stricker verständigt, daß fortan die palästinensischen Pässe seitens per österreichischen Organe anerkennt und die palästinensischen Staatsbürger in gleicher Weise behandelt jverdew, wie die Bürger aller anderen Staaten. Der Zwischenfall, welcher, wie bereits betont, in Palästina und in ausländischen jüdischen Kreisen unliebsames Aufsehen erregte, ist durch den Bundeskanzler in der chm eigenen objektiven und weitsichtigen Art zur Zufriedenheit aller Beteiligten rasch und glücklich erledigt worden. _ Palästinensische Staatsbürgerschaft. Der Kampf »ms Wahlrecht i» Palästina. Von Dr. Hugo Bergmann (Jerusalem). t»«chdrack nur mit Q»tllr«angabe gestattet.- Vor einem und vor zwei Jahrey, als unser politischer Himmel noch heiterer war, btwete dev „palästinensische Paß" das sichtbare Zeichen des neuen Kurses im Heiligen Lande. Auf der Fahrt von Alexandrien vach Palästina, hinter Kantor«, wo die letzte Paßrevision stattfand, konnte man sehen, wie. die Einwanderer ihre alten Pässe mit Elan wegwarsen — jetzt waren sie ja Nethinim arzijisraelim — palästinensische Untertanen. Die vielen Länder ihrer Herkunft waren weggewischt, sie waren heimgekehrt.; Nun ist es anders. Die palästinensischst Regierung hat sich erinnert, daß das Mandat noch nicht unterzeichnet ist, und hat die Fiktion erneuert, daß Palästina ein Teil der Türkei ist. Zu gleicher Zeit, wo — auch ohne Unterzeichnung des Mandats! — Irak- Mesopotamien einen König erhält, muß der palästinensische Einwohner nicht einmal Ottomane fein, um als Staatsbürger anerkannt zu werden. Die Frage der Staatsbürgerschaft der palästinensischen Juden wurde jetzt besonders aktuell, da die Wahlen,in die Stadträte zur Diskussion stehen. Seit die Engländer sir Palästina eingezogen sind, gibt es in allen Orten von der Regierung ernannte Stadträte (Jrijoth). Die Araber drängen seit langem darauf, daß diesem Zustand ein Ende bereitet werde, indem sie darauf verweisen, daß es in diesem Betracht unter den Türken besser war. Die Regierung hat diesem Drängen nachgegeöen und dem Rate von Palästina (Abvifory Council) ein Gesetz unterbreitet, das die Neuwahlen in die Jrrjah vorbereiten soll. Grundlage des Gesetzes ist das alte otromanische Wahlgesetz. Dieses Gesetz besagt, baß das Wahlrecht rn die Jrijah beschränkt ist auf ottomanische Staatsangehörige, die eine gewisse Summe an Grundsteuer (Vergv). bezahlen. Der Regierungsentwurf, der jetzt dem Mvisvry Council vorgvlegt wurde, demokratisiert das alte Gesetz ein wenig, indem er die für das aktive Wahlrecht erforderliche Steuersumme auf ein halbes Pfund herab setzt — dies entspricht einem jährlichen Wohnungszins von zehn Pfund. (Die Wohnungsstener beträgt fünf Prozent des Wohnungszinses.) Ferner sieht der Regierungsentwurf vor, daß jeder religiösen Gemeinde eine entsprechende Zahl von Abgeordneten gesichert bleibt. Die Wahlen werden wohl allgemein sein, die verschiedenen Gemeinden werben nicht getrennt abstlmmen, aber die Proportionalität der Vertretung soll gesichert sein. Die Frage ist nur noch, wie man den Minoritäten sichern soll, daß nicht bloß eine entsprechende Zahl von Gewählten auf sie fallt, sondern daß auch die Personen gewählt werden, ^welche die Minorität wünscht. Hier sind verschieben« Anträge, ..die Frage selbst ist nicht gelöst' worden. Nun aber die Hauptsache. Der Gesetzentwurf der Regierung hält daran fest, daß das Wahlrecht nur an ottvman ische Staatsangehörige verliehen wird! Alle Nichts tt-omanen sind ohne Wahlrecht. Das ist ein neues Attentat gegen das National Home, denn es schafft innerhaK der Judenschast eine Trennung in Privilegierte und Rechtlose, Einheimische und Heimlose. Das Gesetz macht einen großen Teil der Juden in Palästina zu Fremden! Zwar hat während -des Krieges eine Anzahl von Juden aus den Ententeländern die ott-omanische Staatsangehörigkeit angenommen, um. im Lande bleiben zu können, aber ein großer Teil der Juden, die aus Ententeländern stammenhat hie Auswanderung vorgezogen und hat ihre russische, englische, französische, italienische oder amerikanische- Staatsbürgerschaft Ibeibehalten. Nun, da sie zurückkommen, sollen sie rechtlos sein. Dazu kommen die Juden aus den Ländern der Zentr-a lm äch te, für die überhaupt während des Krieges kein Grund bestand, Ottomanen zu werden — auch sie sind ohne Wahlrecht. Und alle Neuei n g e w a n d e r t e n sind selbstv« rstänblich ebenfalls als Nichtottomanen von der Wahlurne ausgeschlossen. Die Folge dieses Gesetzes würde sein, daß un-gefahr drei Biertel der Juden Palästinas ihr Wahlrecht verliefen. In Jerusalem zum Beispiel, dessen Bevölkerung überwiegend jüdisch ist, würbe die St-adtvertvetung nur sine minimale Zahl von Juden aufweisen. Das Schlimmste über an dem Gesetze ist das Prinzipielle, daß in Palästilm rechtlose Juden geschaffen werden, nur deswegen, weil das Mandat noch nicht gezeichnot ist. Der Waab haleumi hat die größten Anstrengungen gemacht, um den Gese"entwurf zu Fall zu bringen. Er ist auch in der letzten Session des Mvisory Counciß nicht akzeptiert worden, da auch ein Teil der arabischen Vertreter dem Gesetz opponierte. Bei den Arabern waren freilich andere Gründeim Spiel, zum Teil wünschen sie die Hinausschiebung der Wahlen, weil sie jetzt innere Differenzen haben, zum Teil opponieren sie — die Efendis unter ihnen — der Verbreiterung des Wahlrechts auf demokratischer Grundlage. Die Ren'erüng har der unfreundlichen Stimmung im Wdvisory Council (in dem jetzt statt des Sozialisten Benzwi, ber nach den Jaffaer Ereignissen resigniert hat, der Kolonist Eisenberg als dritter Vertreter der Juden sitzt) Rechnung getragen. und die weitere Behandlung des Gegenstandes bis zum September vertagt, wo die nächste Sitzung des Adv isorh? Council. stat tsinbet. Hoffentlich wird unterdessen auch de-r zionistische Kongreß gegen die Bevvrrechtpng der Ottomanen in Palästina feilte Stimme erheben! (I. C B.) Die GtveiLs in Frankreich. Paris. SS. Arwust. Die gestern im JndustriegeRet von Liste abgehalknen Arbeiterversan'mlnngen haben keine wesentliche Aenderung der S-nillage gebracht. In Tonreoing und Nouhaix ist von der Kammer, der TranSporigewcrkschait der Anschluß an den Ausstand der Textilarbeiter für heule beschlossen worden. Nach Meldungen der Blätter ist SamStag abends vor dem Gebäude der Handelskammer m Noubüx eine Bombe geplatzt, wodurch e niger Schaden an dem Hause verur>acht wurde. Der Arschlag ,vud den AiMag^n der anmchisüschen Äcwcgung zuf/ächnelen. PoliEche^Rundschau. Zwei GSste. B-n mtfrem Bukarefter Korrespondenten. ES gibt Länder mkt großen Sehenswürdigkeiten, mit berühmten Museen, interessanten Altertümern, die Persönlichkeiten aus dem Auslande zum Pesuche einladen. Rumänien scheint Nicht gerade zu diesen Ländern zu gehören und doch kamen zwei markante Persönlichkeiten inS Land. E' sind dies der Vizepräsident des Völkerbundes Älckenson. um die Lage der Minoritäten zu studieren, und der Londoner Rabbiner Dr. M. Ga st er, um die Lage der Juden z-> verschlechtern. Merkwürdig genug: Mckenson legte sich vo'l ständige Reserve auf, und wollte sich auf rumänischem -Lcrri torium überhaupt nicht zur Frage äußer», Tr beanständetbloß daS Justizwesen, die schleppende Art des Gerichts- Verfahrens und daß politische Verbrecher zu länge in Unter * suchungshast sitzen. Alle Versuche von seiten der Rsgirrui'm und der Journalisten, aus D'ickenson etwas herauszuvring« '. scheiterten a« seiner politische» Klugheit. - Er holte sich überall verläßliche Informationen und wird zustehettdenorts ausführlichst Bericht erstatte». Ganz anders ging Rabbiner Dr. Na st er vor. Er wurde oder ließ sich von ber rumänischen Negierung einladen, um gefriert" zu werden. Dr. Gaster, ber gewesene Vizepräsident der Zionistenkongresse, der größte rumänische Philologe, der ans Rumänien seinerzeit verbannt wurde, kommt, jetzt wieder ins Land, wird von den offiziellen und inoffiziellen rumänischen Persönlichkeiten empfangen, b. komwt Einladungen, alle Universitäten zu besuchen, und verseht dabei den Jftrden Rumäniens tödliche Hiebe. Er erklärt, daß die Lage ber Juden in Rumänien au -gezeichnet fct, er behauptet, die Juden hätte» während des Kriegein Rumänien nichts gelitten, und verlangt, daß die Jude» ihre Nationalttät aufgebe». Im Väluth ist die Wahrung der jüdischen Rationalität speziell in Rumänien, em U.iding. Nur in Palästina haben die Juden em Recht auf Refpeltiermtg ihrer Rationalität. ES bedarf kein« besonderer Erwähnung, daß' diese Auffassung den Rumänen recht erwünscht ist, und sie werden es Dr. Gast« sicherlich lohneu. Er bekommt ganz bestimmt einen Orden und die Million 'Juden schwer« Hiebe. Auf die Behauptungen Dr. Gasters einzugehen, verlohnt sich - fast nicht. Die Welt kennt ja diese ,/msgezeichnete" Lage.- Aber unser Rabbiner will nicht sehen, er will nichts davon wisse», daß man den Juden Konzessionen entzogeft. hat/ daß man ihnen die Trafiken genommen hat, daß sie für gewisse Gewerbszweig« keine Lizenz«» bekommen, daß man sie von den Aemtern fernhält, daß noch immer die Bevölkerung gegen die Juden aufg«hetzt wird, baß man blc jüdischen Bürgermeister entfernt hat, daß man während hes Krieges Juden mißhandelt hat, wenn sie Jüdisch' sprachen/ daß viele in Gefangrrissen schmachten, baß in den beßarabischen Grenzorten schauderhafte Dinge Vorkommen, daß man den ukrainischen Flüchtling«» Folterwerkzeuge anlegt, baß auS dem Fogaräscher Internierungslager kein Mensch herauskommt, baß man überall noch! der ,Lstdan" ist, daß man in der Verfassung die Zustände anstrebt) wie sie anno 1814 waren. Das alles will Gast« nicht sehen, ihn vlendrn die schmeichelhaften Worte der rumänischen Repräsentanten, er fühlt sich sehr wohl i» der Sonne ber Ministergunst. Zur Frage 1»e< jüdischen Rationalität in Rumänien verlohnt sich wahrlich, kein Wort zu verlieren. Ein Weltkrieg wurde angeblich für den Schutz der Mvdorheiten geführt, Millionen, von Menschen verbluteten auf dvn Schlachtfeldern, und' Dt. Gaster will mkt einem Federstrich alles zunichte machen. Und noch ein Moment: Man kann sich kulturell, höherstehenden Menschen assimiliere«, nicht ab« kulturell tieferstehenden. Der Jude kann sich dem rumänischen Ballern nicht assimilieren. Das scheint auch der Here Dr. Gaster zu wisse». Er wird in alle» Städten nur von Rumänen einpfaiigen, sehr warm, wie eben ein Jude von Rumäiie-r "empsangen werden kann, weml au auch ein großer Gelehrter