Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 924 (23.8.1921)
- Date
- 1921-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Beschluß d« Obersten Rates, die Entscheidung in der oberschlesischen Frage dem Völkerbnndrat anheimzustellen, bedeutet nicht nur einen überraschenden und für dm starken Gegensatz zwischen de» emander entgegenftehenden Anschauungen charakteristischen Schritt, er schafft vielmehr — wenngleich hier aus der Not eine Tugend gemacht worden fein Mag ein bedeutungsvolles Präjudiz, durch welches derDölkerbund, dem endlich der Schiedsspruch m einer vitalen Frage Europas zu füllt, zum ersten Male in der Praxis seine wahre Bedeutung erhält. Der obenerwähnte Beschluß der Entente-Hauptmächte ist in der Tat in den Westländern in gleichem Sinne interpretiert worden. Während, wie der demokratische »LDeuore* in Paris treffend schreibt, der Völkerbund zur subalternen Funktion eines Bureaus von Streitsüchtigen herabgedrückt worden war, ist er mit einem Schlage zum Schiedsgericht Europas erhoben worden und obgleich die Pariser Blätter wissen wollen, daß es bis zur endgültigen Entscheidung noch geraume Zeit dauem kann, so ist die prinzipielle Bedeutung dieses Beschlusses keineswegs zu verkennen. Auch die liberale englische Presse weist darauf hin, daß hier der erste große Schritt in jenem Entwicklungsprozeß geschehen ist, auf den die Freunde des Völkerbundes gerechnet haben, um ihn in den vordersten Rang der Wellinstitutionen zu bringe». Es mag. Frankreich! sauer geworden sein, in den englischen Bprfchlag zu willigen, aber da es sich fügen muße, mW es Aufgabe der demokratisch/ und fortschrittlich flesinnten Parteien in. der Welt, eine Entwicklung zu fördern und mit allem Nachdruck zu verlangen, welche dm Völkerbund zu seiner wahren Bedeutung dringt, und ebenso wäre es die Pflicht des Bundes selbst, sich diese ihm endlich, gewordene Chance nicht wieder entwinden zy lassen. In der politischen Welt wird ein Wort viel zitiert, das ein italienischer Staatsmann voriges Jahr fallen ließ: Der Dölkerbund könne nicht leben, bevor der Oberste Rat nicht gestorben, sei und j in' der Tat war es die Rivalität dieser beiden Körpersch aste n, welche die Folge halte, daß dem Völkerbund sein Geltungsbereich argwöhnisch gekürzt wurde. Diese Völkerbundpolitik, welche die überwiegende Mehrheit der englischen öffentlichen Meinung für sich hat. wäre folgerichtig auf die anderen politischen Probleme anzuwenden, deren Ungelöstheit die Welt nicht zur Ruhe kommen läßt. In erster Reihe gilt dies von der Orientfrage, in welcher die gleiche Unstimmigkeit zwischen Frankreich und England herrscht. Die Griechen, hinter denen England steht, haben über die Kemaliften große Erfolge errungen und die Räumung. von Angora wird als möglich hingestellt. Der durch, die Erfolge angewachsene griechische Nationalismus fordert die Besetzung von Konstantjnypel und England könnte sich leicht in die Lage versetzt sehen, in Athen, wo man sich seiner Förderung bisher erstellen konnte, sehr energisch abzuwinken, da durch eine griechische Besetzung von Konstantmopel der orientalische Knoten noch mehr verwirrt werden müßte. Schon hat auch Lloyd George davon gesprochen, daß es im geeigneten Moment zu einer Revision des Vertrages von Stores kommen könnte, und damit seinen früheren Standpunkt revidiert. An der endlichen Lösung der tückischen Frage sind nicht bloß die Mächte Europas, sondern der ganze Orient, die, gesamte islamitische WeU lebhaft interessiert. Die ganze Politik der Einflußsphären der einzelnen Mächte im vorderen Orient ist in einem unbehaglichen Schwebezustand und die Unsicherheit der Verhältnisse zeitigt eine allgemeine Unruhe unter den Völkern des Orients, welche nicht im Interesse Europas gelegen sein kann. Andererseits hat England f'ch beeilt,, noch vor der endgültigen Bereinigung der türkische» Frage fein während des Krieges den Arabern gegebenes Wort einzulösen und der Sohn des Königs von Hedschas, des Emir Faisul, ist bereits vom Volke zum König des Irak ausgerufen worden. Ein neuer Staat der arabischen Völker soll in Mesopotamien erstehen, der sich jedoch nur dann ruhig wird entwickeln können, wenn die englisch'französischen Divergiurzen auch in der Orientjrage bereinigt sürd. Glimm übet Me Paris, 22. August. (Tel.-Komp.) Anläßlich der Ankunft des österreichischen Finanz- Ministers Dr. Grimm in Paris veröffentlicht „2t Tablegramme" eine längere Unterredung, die der Wiener SpeziaLberichteeftatLer des Blattes mit dem Minister kurz vor dessen Abreise hatte. Dr. Grimm entwirft in dem Interview zunächst eine eindringliche Schilderung der hochgespannte« Hoffnungen, mit denen das österreichische Volk nach dem Besuche der Völkerbnndvelegierten in Wie« der internationalen Kreditaktion entgegerrsaH» und unterstreicht die Enttäuschung, die sich sodann Oesterreichs bemächtigte, als die versprochene Hilfe stch von einem Tag aus den andern verzögerte. Die Folge dieser Enttäuschung war der matzlose Kronensturz der Letzte« Woche», der das Staatsbudget neuerdings in größte Bedrängnis stürzt «nd durch Verteuerung der Importe notwendigerweise zn weiterer Teuerung und Erschwerung der Lebenshaltung -breiten^^Mafien/ führen mutz. Der Finanzmimfier betonte weiter, daß die österreichische Regierung Wen Verpflichtungen, die sie den BölkerbunvdeLegierteu gegenüber übernahm, teilweise bereits genügt habe. Eine Reihe von Erhöhungen ans dem Gebiete der Eisenbahntarife, deS Post- Telegraphenverkehrs, der Zölle, der Valuten* umsahstener usw. find bereits durchgeführt und führen dem Staatshaushalt neue Erträgnisse in der Höhe von rund 16 Milliard en z«. Die Ersparnisse durch den Abbau der Zuschüsse zn de» staatlich bewirtschaftete» Lebensmittel« beziffert der Finanzminister mit 41/, Milliarden Krone«, die Ersparnisse dnrch das Brot» ft aff elurrgsgesetz auf 3Vs Milliarde» Krone«. Hinsichtlich des Beamtenabbaues erklärte Dr. Grimm, daß die österreichische Regierung entschlossen sei» eine große Anzahl öffentlicher Angestellter anderen Berufen zuznführe« oder zu penfionieren. Ein noch weitergehender Beamten» abbau wird erst möglich sein, wenn die allgemeine Wirtschaftslage des Landes ßch gebeffert habe» wird.. Der Minister schloß: Die österreichische Regierung hat im Inner» alle Vorbedingungen des Völkerbundes für eins internationale Finauzaktion zugunsten Oesterreichs erfüllt. Nunmehr ist es dringend notwendig, daß diese internationale Aktion sich realisiere, wenn man nicht will, daß alle Opfer Oesterreichs umsonst gebracht seien. rw.l III ,«,««« Hilfe für Rußland. Eine Abordnung «ach Westeuropa. Moskau, 22. August. (Funkspruch.) Die" Svwjetregie«cuug bereitet die Entserldung einer Abordnung nach dem Westen Europas vor, die um Hilfe für Rußland werben soll. Sie wird -unter der Leitung des ehemaligen Tminapräsidenren G o l o win stehen. Brot ins tzungergebiet. Maskat», 22. Augrist. (Funkspruch.) Vom 1. bis 1v. d. M. wurden in die Hungergebiete insgesamt 214 Waggons Brvtfrucht abgesendet. In Saruara trafen am 20. d. M. zwei Getreidebransporte mit zusammen 1,700.000 Pud Brotfrucht ein. Infolgedessen nahm das Abströmen der Bevölkerung bedeutend ab. In Saratow langte« bisher 46.000 Pud Getreide an. Moskau, 22. August. sFuukspruch.) Im Gouvernement Samara kommen durchschnittlich täglich ' 120 Cholerafalle vor. Warschau, 22. August. (Funkspruch.) Der Berliner „Golos Rossij" meldet, daß zwischen deutsche«, englischen und ameriVanischen Kapitalisten Verhandlungen über eine Aufteilung Rußlands in wirtschaftliche Interessensphären stattfinden. WarschÄ«, 22. August. (Funtsstruch.) Der russische Vertreter in Warschau, Ka rach au, hat die rumänischem Regierung von seinem Eintreffen i« Warschau verständigt und mitgeteilt, daß er bereit fei, die Bor- , Handlungen mit Rumänien aufzurrehme«. . Die republikanische Kartei inUagar« ansgelöst. Budapest. 22. August. (Ung- Tel.-Korr.-Bnr.) Der. Minister des Innern hat eine Verordnung erlasse«, womit di« «ngarlandtsche republikanische Partei wegen ihrer gesetzwidrig« Ziele verfolgenden «nd die Grundlagen der ungarisch» Brrsassung gefährdenden Organisaiwn sowie weg« ihrer die öffevl-- liche Ordnung verletzende» nnd gefährdend» Tätigkeit aufgelöst und jedwede Tätigkeit derselben verbot» wird. Der Völkerbund wäre auch hier das geeignete Forum, um zu einer Stabilität der Zustande zu führen, an denen auch das jüdische Volk, das unter dem orientalischen Provisorium schwer leidet, lebhaft interessiert ist. Ein neuer Zug in der Behandlung politischer .Probleme könnte sich an diese Tätigkeit des Bundes knüpfen, wodurch die gesamte politische Auffassung allmählich auf ein anderes und höheres Niveau gehoben werden könnte. Der Zug des wirklichen Internationalismus ist es, welcher der bisherigen Politik der Mächte gefehlt hat, die ihrem ganzen Charakter noch allzu einseitige Jnteressenpolitik ist. So eröffnet die nächste Tagung des Völkerbundrates freundliche Perspektiven und auch sonst in der Welt zeigt sich eine gewisse Tendenz zur Entspannung der Gegensätze. Durch den Bestritt zweier Staaten ist der internationale Gerichtshof endlich Tatsache geworden, indem die nötige Zahl von 24 Staaten erreicht ist. nnd es heißt, daß dieses andere Instrument des Ittternationalismus. das als Korrelat zum Völkerbund gedacht ist, mit seiner Tätigkeit in einigen Monaten beginnen wird. Auch die bevorstehende Stabilisierung des Friedenszustandes zwischen Amerika und Deutschland ist ein solcher Schritt zur Ausgleichung der bestehenden Weltgegensätze. Die. Bereinigten Staaten von Amerika, welche fest Wllsons Sturz vollends die Stellung des Zuschauers an den europäischen Händeln bezogen hüben, können diese Uninteressiertheit, welche nur eine scheinbare ist, nur schwer behaupten und der Wellenschlag der europäischen Politik hat drüben jene wirtschaftliche Krise geschaffen, aus her Amerika mit alle, Macht herausstrebt. Diese amerikanisch-europäische Verbundenhest findet ihren Ausdruck ebenso in de, Vorbereitung des Friedenszustandes mst Deutschland wie in der Abrüstungskonferenz und es ist keineswegs, ausgeschlossen, daß auch Amerika eines Tages m\ einem umgeformten Völkerbund, der Sieger und Be* siegte umfassen wstd, seinen bisher leeren Sitz ern-- nehmen wird. Der Weg zum wahren Inter-' Nationalismus ist der eirnige, der der blutmden Welt den Frieden wird Wiedersehen können.