Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 919 (18.8.1921)
- Date
- 1921-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Stärker als alles, was sonst in diesen letzten zwei Jahren aus dem Paschalik der Horthy-Kultur berichtet wurde, wirkt dieses Verhalten auf die Oeffentlichkeit. Da ist ein ansehnliches Stück Land mit alter magyarischer Entlvicklung, mit reicher und stolzer Tradition mit dem Augenblick des Umsturzes unter Fremdherrschaft ge-?atenülec selbstbewußte magyarische Herren, Weinbauern, Fabrikanten und Koblmrarbeiter gebot ein «Ratze*, ein serbischer RegieHmgskommiffär. Und doch ruft die Nachricht von der bevorstehenden Erliijung unter den zü Befreienden panische Angst hervor und ^ie wollen sich mit den Waffen widersetzen! Daß dieser Widerstand nicht lange anhalten kann, scheint heute sicher. Der Vertrag von Trianon bestimmt die Rückgabe der Baranya an Ungarn. Aber auch hier ergibt ftd); daß das papierene Recht dieses seelenlosen Vertrages im Widerspruch steht zu dem Empfinden der Menschen, deren Schicksal sich hier entscheiden sdll. Die Einwohner von Baranya wollen von der Angliederung an ihr Daierland nichts wissen. Sie hüben die Schreckenszeit Ungams nur jenseits - ihrer Grenze gefehery ihr Leben ging ruhig und ungestört tftifet der Fremdherrschaft weiter. Aber der Befreier naht jetzt mit seinen im Krieg gegen Wehrlose. Unbewaffnete, im Henken, Rauben Md Plündern ausgezeichnet, , vorgebildeten Soldaten; er kommt mit ein er Liste von „ Sozialisten.. die' sich gegen Ungarn exponiert haben*. Die Bevölkerung, die ' von dem Horihy-System nur durch gelegentliche Attentate von Sendlingen, die aus der christlichsozialen Parteikanzlei bezahlt wurden, wußte, sieht jetzt alles Glück vor ihren Toren, dessen sich Bauern, Bürger und Arbeiter in Ungarn erstellen. Sie sieht die Standgerichte, .die geheimnisvollen Hotelkeller, die Spitzel und Provokateure, sie soll mit demvertraut werden, was eine Mordgesellschaft unter der Verachtung aller anständigen Menschen in Ungarn treibt. Da kann die Entscheidung nicht schwer fallen. Der Feind, auf den man im Krieg .so hochmütig herabsalj, wird zum Freund, zum Retter aus der Not. Es mag sein, daß schon die nächsten Tage, dieser Geste der Verzweiflung ein Ende machen werden. Auf Grund des Friedensoertrages sind Menschen nicht Menschen, sondern willenlose Statisten in einer Land-, schaft! Der weltfremde Professor Wilson wollte nicht zulasten, daß Völker wie Schachfiguren verschoben würden. Aber sein Verlangen ist mit so vielen anderen' weltfremden. Dingen,. mit der. Selbstbestimmung und der gegenseitigen! wirtschaftlichen. Stützung der Völker in den-großen Papierkorb gefallen und so werden auch die Leute von Fünskirchen. sich in ihr Schicksal ergeben muffen. ^Iber ehe dies geschieht, sollte die Entente, die ja den Fritdensvertrag ausführt, das ihre tun, um der Menschlichkeit ein bißchen zu entsprechen. Hier handelt es sich nicht um Politik, , kein.Interesse irgendeiner Großmacht oder eines Kapitalistenkonzerns steht in Frage, und man kann! ungestört der Humanität das Wort reden. :; . . Es ist aber doch sehr viel Politik dabei: Denn die Frage, weshalb sich die Leute von Fünfkirchen so heftig gegen die Erlösung durch die lorbeergeschmüktm Heere ihres Vaterlandes wehren, läßt sich, nicht umgehen, und ebensowenig die Antwort darauf; weil sie nicht -in das große Unglück verwickelt werden wollen,. das dieser Horthy und seine sonstige Schandgesellschast über. die ungarische Nation gebracht hat; weil st« nicht teil haben wollen an einem System, das sich. alle Welt. verfeindet hat und für Jahrhunderte den Namen des braven ungarischen Volkes mit dem Blut Gefolterter und Gepeinigter besudelt hat. Und so wird diese Frage und diese Antwort die europäische .Oeffentlichkeit zwingen, sich etwas eingehender mit den Verderbern Ungarns zu befassen, für die - der Galgen die Wappenzier ist. Vielleicht komrnh dann aus der Baranya die ErUung für Ungar«. Die Forderungen der öffentlichen Beamten. rar 3« der gestrigen Sitzung der Leitung des Zentralverbandes der deutschösterreichischen Staatsbeamtenvereinigungen wurde im Hinblick auf dieneuerlich ei „getretene Teuerung einstimmig beschlossen, unverzüglich dem morgen zusammeutretenden Arbeitsausschuß der Großorganisationen den Antrag zu stellen» sofort an die Regierung mit der Forderung heranzutreten, eine Erklärung bis länastens Samstag mittags dahin abzugeven, daß sie bis längstens Di e n st a g die Auszahlung eines B e t r a ge s von 2000 Kronen und von 900 Kronen Kleidungspanschale zur Anweisung zu bringen bereit ist. . Bei diesem Anträge ist die Regierung in Kenntnis zu setzen, daß die Staatsangestellten jede Verletzung des in wiederholten Kabinettsratsbeschlüffen und des in dem Besoldungsgesetz festgelegten Rechtsgrundsatzes einer vollständigen gleichwertigen Besoldnngsbehandlung der Staatsängestellten und der Verkehrs an gestellten mit Anwendnng d er fcharfsten Kampfmittel de« gewerkschaftlichen Lohnkgmpfes beantworten werden. Zugleich wurde auch für die Ruheständler die gleichzeitige Auszahlung eines Betrages von 2 0 0 0 Kronen gefordert. Ungarische Drohungen gegen Oesterreich. Banffy Weftungarn. Budapest» 17. August, (llng. Tes.-Kolr.-Bur.) Drr aus- 7 traf hatte nachmittags um 5 Uhr zu einer Sitzung zusammen, um das Exvost dcs M nisterS des'Aeußern Grasen Bau ffv über die B ar a n y a und die w estnn g a r i s che Frage anznhoren. Graf B a n ff y erörterte eingehend die Vorgeschichte der beiden Fragen und die Schritte, die die ve> flossenen Negierungen unternommen haben. Der Minister des Aeußcrn besprach sodann die .Ereignisse, die sich in den letzten Tagen in Fünskirchen zugetragen haben und denen er keine besondere Bedeutung bcimeffr. Der Minister kam sodann auf die w e st u.« g a r i s ch e Frage zu sprechen. Die ungarische Regierung habe von Anbeginn pn eine freundschaftliche Vereinbarung angestrrbt, in der Ueberzeugung, daß das gute Verhältnis zwischen den beiden Staaten nur bei einer im g'emein'amen Einverständnis erfolgenden Lösung der westungarischen Frage aufrrchterhalte» werden könne. .Solange die Regierung Renner am Ruder gewesen sei, habe dieses Bestreben I der ungarischen Regierung kein Verständnis gesunden. Als' Kei l den Neuwahlen, die im November 1929 stattfanden, dii Christlichsozialeü zur Herrschaft gelangten, sagte der Mmisier, dursten wir mit Fug und Recht hoffen, daß die neue Regierung für die Not-! Wendigkeit Wer Vereinbarung mehr Empfänglichkeit zeigen" werde, schon aus dem Grunde, weil die C h r i st l i ch s o z i a l e n e i n e 8 h » l i ch e W e l t a n s ch a n u n g vertreten wie die m Ungarn an der Herrschaft befindliche ch r i st l i ch n.a t i o n a l e R i ch t u n g. Leider hat sich aüch diese Hoffnung, nicht verwirklicht. Ebenso lagen die Dinge, als die Regierung Schober kam. Inzwischen wäre infolge des Inkrafttretens des Ärlanoner Vertrages die Uebergabe Westungarns. am 27. Juli fällig geworden. Die ungarische Regierung hat beim Botschasterrat dir neuerliche Verschiebung des Termins der Uebergabe betrieben, um solcherart zu weiteren Verhandlungen mit dem Herren Kanzler Zeit zu gewinnen. Es ist mir, fährt der Minister fort, auch gelungen, die Verschiebung der Uebergabe vom ursprünglich festgesetzten Termin um einen» M o u a t d « r ch z usetzen.. Der Minister besprach sodann ausführlich den am 13. d. M. gefaßten Beschluß des Auswärtigen Ausschusses. deS -österreichischen Nationalrates, dev sich auf den jüngste« Vorschlag der ungarischen Regierung bezog, und erklärte, die ungarische Regierung fei in ihren Vorschlägen bis an . die äußerste Grenze gegangen. Die österreichischen Kreise seien jedoch realen Verhandlungen, «msgewicherr und nur intra dominium zu einem Geb ankeuaustausch über die Frag« bereit. Gegenüber dieser schroffen Auffassung Oesterreichs sei. die. ungarische Regierung bemüßigt, an ihre« Rechten streng festzuhalte» und zu deren Sicherung Bürg schaften zu verlangen. . Schließlich wurde ein Beschlußantrag Mrgeuismmen, der unter anderem folgendes mtthält: Obgleich die ungarische Regierung bis zur äußersten Grenze der Zuvorkommenheit gegangen ist, um zu einer Vereinbarung-ßn gelangen, hat der Auswärtige .Ausschuß des österreichischen Nationalrates die mvureirtanen Interessen Wer die höheren GrsichtLpunkte d«s Auipma«bera.ugxwie jMeLus upd über die «M dar «ögüWW. Waffenbrüderschast stammenden moralischen Pflichten gefetzt. Der Auswärtige Ausschuß der ungarischen Nationalversammlung hat von diesem Beschluß des österreichischen Ausschusses betroffen Kenntnis genommen und fordert die Regierung auf, bei der Lösung dieser Frage in Hinkunst die Interessen, des ungarischen^ Staates mit al len zu Gebote stehenden Mitteln' zu wahren. Siegreiches Vordringen der Grieche«. Athen, 17. August. (Privat.) Die griechischm Truppe» setzen ihnn Vormarsch gegen die Kemalisten fort. Am ersten Tage - dcs Vormarsches bcwältigten die gricchischen Truppen 80 km. Sie haben Justmianopolis (Sivrihcffar) besetzt und erreichte» dm Sanganos. Die Kemalisten habe» die Halbinsel Nikomrdia geräumt. Griechische Flüchtlinge, die in Konstantinopel emgrtroffen sind, erzählen von Greueltaten der Kerüaliste«. >' ' London, 17. August. (Funkspruch.) Der Korrespondent der »Times" meldet vom kleinasiatischm Kriegsschanplatz, daß der zweite Teil der griechischen Offensive begonnen habe. D« Türken ziehen sich zurück, ohne Widerstand zu leisten. JSmet Pascha, der Kommandant der Westarm«, schiebt die Schuld an dem Mißerfolg dem V e r r a t einzelner türkischer ' Offiziere zu. ■ England nnd Odrrschlefien. London, 16. August. (Wolff.) Premierminister Llohb George erklärte in seiner im Uuterhaus gehaltenen Rede über die o b e r s ch l e s i s ch e F r a g e ferner, es werde zngegebew daß die Bevölkerung Oberschlesiens überwältigend deutsch sei. Bezüglich des westl chrn Teiles ObkrschlesienS, der in seiner überwiegenden Mehrheit für Deutschland gesiimmt habe, bestehe unter den Alliierten volle' Nebereiust'mmüng, desgleichen . darüber, daß P l e ß und R y b «i f, die sßr Pole» gchmunt haben, diesem zugewiesea werden sollen. Französisches Spezial-ndget. ' Paris, 17. August. (HavaS.) Der MotivenVericht -mn' Spezialbudget der in Durchführung des Friedensvertrages für 1922 zw bedeckenden Ausgaben stellt fest, daß die Einnahme quellen,, die sich aus dem Frankreich zukommende» Bruchteil der deutschsn Annuitätenzahlungen ergeben, gegenwärtig ungenügend find; deshalb wurde die Eskompriorung eines Teiles der deutschen Obligationen durch.den.Verkauf dieser Obligationen auf den alliierten und Neutralen Märkten in! Betracht gezogen. Dem Bericht zufolge sieht man die Möglichkeit der Unterbringung von fünf bis sechs Milliarden,; deutscher Obligationen . im Laufe des Jahres 1922 in Amerika vor. Die GesCWls^.mv»« der für 1922 geforderten Kredite betragt 7.168,620.742 Franken 9*9***,; über 8.394,809.997 Franke» i« Jahr« 1921, waS «iwe. Verminderung um ungefähr ll/i Milliarden «gibt, die m ■ Jahre 1922 noch zunehmen wird. Die <&»«!<'.!>rv«r setzen sich. zusammen auS einer allgemeinen NationakM: leihe, «t «d«. Anleihe für die verwüsteten Gebiete nnd aus de» Zahlung» Deutschlands, die annähernd auf 4*/t Millia-d« fttt M Jahr 1922 geschätzt werden. Außerdem wird thf- Anzahl deutscher Obligationo« umgesetzt werde«.