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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-17 · Heft 918 (17.8.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 918 (17.8.1921)
Date
1921-08-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bolschewiken- Wems in Rußland sind nach feiner Darstellung unrichtig; die Moskauer Regierung hat die kommunistische Propaganda im Ausland nicht mit Riesensummen gefördert; ihre Absichten seien durchaus friedlich und ihre Politik fei stets auf die Belebung der Produktion in Landwirtschaft und Industrie gerichtet gewesen; schon im Jahre 1918 habe dre Sowjetregierung die Kapitalisten aller Länder zur Mitarbeit an. dem Wiederaufbau Rußlands eingeladen und den deutschen und amerikanischen Kapitalisten ein Arbeitssystem vorgeschlagen; gegenwärtig stehe man mit England in Verhandlung, uyd es feien bereits'englische Kaufleute mit Rußland in Verkehr getreten. Der politische Zweck dieser Erklärung kann nur' der sein, auf die Konkurrenzinstinhte des französischen Kapitalismus zu wirken und ihm die Ueberzeugung beizübringen, daß er sich beeilen müsse, weil ihm sonst deutsche, amerikanische und englische Wettbewerber zuvorkömen. Tschitscherin versucht,, die in der Entente latenten wirtschaftlichen Gegensätze, die sich heute bereits. sehr deutlich in politische Differenzen Umsetzen, sm seine Zwecke zu benützen. Der freundliche Don, che^.M attschlägt» unterscheidet sich sth r deutlich von Men Roten, die in der Zeit bis . zum Einbruch der großen Katastrophe aus dem Arbeitszin-ner Tschitscherins yinausflatterten. In diesen war stets davon die Rede, daß der räuberische Kapitalismus sich mit dem Imperialismus der Westmächte verbunden habe, um Rußland auf den Weg der Gegenrevolution zu bringen, und daß das ruffische Proletariat auf dem betretenen Wege ausharren muffe» um die Mächte der Reaktion in der übrigen Welt niederzuringen. Das außenpolitische Programm des Bolschewismus ist naturnotwendig das der Offensive. Die Diktatur des Proletariats kann sich nicht auf einen Staat und auf ein Volk beschränken. Sic ist der Ausdruck des Machtstrebens des internationalen Proletariats und kann sich nur behaupten, wenn sie überall sich durchsetzt oder überall die Verdrängung des Kapitalismus anstrebt. In dem Augenblick, wo sie auf die Offensive verzichtet und sich aus dem oder jenem Grunde zur Selbstgenügsamkeit zwingt, negiert sie sich selbst. Der russische Bolschewismus hat bis., zum letzten Augenblick der Well das Bild der. Proletariatsdiktatur oorgetäuscht: er ist niemals mit der Diktatur der Arbeiterschaft identisch gewesen und die Personen, die er an die Spitze des russischen Staate« stellte, übten ihre Macht nicht im Willen und im Auftrag der Arbeiter und Bauern aus, sondern nur in ihrem höchstpersönlichen eigenen Mandat. Nach autzenhin aber suchten sie stets dm Anschein zu erwecken, als ob die russischen Arbeiter und Bauern jeden Regierungsakt sanktionierten, und ihre Politik , vollzog sich tatsächlich im Sinne der radikalen Austastung der Marxistischen Theorien. Das Eindringen des Kommunismus in Ungarn und in Bayern sowie die vielen kommunistischen Aufstände in Deutschland gingen direkt aus der. konsequenten Anwendung der kommunistischen Grundanschau,ung hervor» das;' das Proletariat allüberall auf der Welt die Wacht ergreifen müsse. Es ist nicht die Schuld der kommunistischen Idee, daß sie westlich von Rußland überall Schiffbruch gelitten hat; die Gewaltsamkeit ihrer Methoden und die politische Schulung der sozialistischen Masten, aber auch das kräftigere Gefüge der mitteleuropäischen Wirtschaft entschieden, sehr bald den Kampf zugunsten, der Reaktion, deren Gedeihen in Ungarn und in Bayern nur durch die Sünden der kommunistischen Agitatoren erklärlich wird. Was das kommunistische System ansonsten erreicht hat, ist die Schwächung und Spaltung der Arbeiterparteien und der linken Bürgertums. Die Tschitscherinsche Definition des bolschewistischen Systems steht im stärksten Gegensatz zu den Tatsachen. Daß sie heute erfolgt und so . wehmütig gehalten ist, zeigt, bis zu welchem Grade der Verfall bereits gediehen ist. Die Umjormuua der Wirtschaft iu3t«fa<l d« “. Satonna. Graz, 16. August. Der „Tagespost" wird aus : Belgrad berichtet: Im Komitat Bäranya fft unter dem Protektorat der jugoslawischen Regierung die selbständige Republik ausgerüseU /worden. Präsident des Exekutivkomitees,; dem der Deutsch« Sch w a r z und der Magyar Magharov ich angehören, ist der Maler Dob rovic. Nach Belgrad wurde eine Abordnung entsandt, die der jugoslawischen Negieru»g die Ausrufung der Republik meldete und He bat, ihA Bestrebungen zu unterstützen. Sowohl.die- Deutschen ' wie sie'Magharen und die Slowenen seien datin einig, daß das Barairya- Gebiet selbständig werden müsse Und nicht unter die Horthy-Regierung Kimmen dürfe. Die Proklamation der Republik wurde auch' dem Führer der EntLntebomrnffsiorr Oberst G o s s e t bekanntgegeben.! Die Arbeiter in den Fünfkirchene r . Bergwerken sind entschlossen, die Berg werke, für - den - Fall, daß der Bezirk unter ungarische Herrschaft . Kommen sollte, zu' vernichten.. ", Die jugoslawische Regierung steht auf dem Stand« Punkt, daß die. Bestimmungen des Friedensvertrages von Trianon unbedingt etngehalten werden müssen und daß. Ungarn $uex st e «Mdexe n . Geb i e te räum.en,^muß,, bevorHas'^Gebiet: post Mrantza frei--'; gegeben wird. In Belgrad wird in den nächsten Tagen der. frühere Ministerpräsident Karolhi erwartet, .der die Bewegung im Bezirk Baranya unterstützt. . Laibach, 16. August. (Korr.-Bureau Laibach.) „Jutro" meldet aus Belgrad vom 15..d. M.:Sgnntag fand in Fünfkirchen eine große Volksversammlung statt, an der etwa 25.000 Personen tettnahmen: Es wurde einstimmig beschlossen, daß, falls die Ungarn nach Fünfkirchen kämen, die Bevölkerung sich mit der Waffe in der Hand auflehnen und eine serbisch-ungarische Republik Baja-Baranya proklamieren würde. Es wurde ein Vollzugsausschuß mit dem Maler Dobrovie an der Spitze gewählt. . l Die jugoslawische Regierung hat vvrlänfig «vch) keine Instruktionen nach Fünfkirchen gesandt, aM uW hinsichtlich der Räumung des Gebiets. / / ' ' Die für den Fall der Besetzung der Baranya durch Ungarn auszürufende Republik' soll bis ' zur endgültigen Bereinigung mit Jugoslawien besteh«, bleibE In Belgrad trafen Vertreter'des Fünfkirchener Vollzugsausschusses ein uiw ersuchten die jugoslawische Regierung, den neuen Staat anzuerkennen. Der Ministerrat erörterte heute eingehend die uenentstandetE Lage. Die Regierung kann die Plattform des Friedensvertrages von Trianon nicht verlassen, wirb aber fei» der Entente energische Schritte unternehmen, um die seßhafte Bevölkerung vor dem ungarischen Terpor zw schützen. Agram, 1'6. August. (Korr.-Bur. Agram.) .Die serbisch-ungarische Republik,/ die von den ./Serben^ Deutschen und Ungarn, des besetzten Teiles der Baranha urch des Bajagebiets.' in der. sonntägigen Versammlung^ in Fünfkirchen proklamiert wurde, hat sich unter das! Prvsiektor.aL .Jugvslaw.i ens und unter den S'chu tz der t lein en. E n te nt e. ge stell t. Die Proktanriernng. wurde der . jugoslawischen. Regierung . und! dem. Obersten Pate in" Paris bekanntgegeben., Die völke.rung' der Baranyae'r hemakrätischettRepublik - wirk nstt. bewafftreter Hand die. Ankunft der. ungarischen . Truppen, perhindern. Neberall. werden Nationälgarden gebildet, denen. sich serbische Freiwillige aus dpr Pavaaha. Und . aus / vrcheren Teilen des , Staates ' anWieMr. Ueberall herrscht große Begeisterung.. . Budapest, \ iß. August. Das Ungarische iefe. ■ graPhen-Mrrespondenz-Bureau meldet aus Kapvsdar:.: Oberst Gp s se t> der Vorsiherche der RäuntUÜgskommission der Entente, hat sich heute nach Budapest be-- geben, um Mer die Ereignisse der jüngsten Tage' Ber.W M erstatten und neue Weisungen einzuhole». r ) Die Generalkommissäre für die zu räumenden! Gebiete sind Sonntag, abends nach Kaposvar. abgereist, wo sie vom Militärkommandanten Fetdm-arfchalkeutnarä. - Soos.und vom Regierungskvmmislär KFszely-e«pfangen wurden. - / Abbruch der italienisch-jugoslawischen Verhandlungen. Laibach, 16. August. (Korr.-Bur. Laibach.) „Jutro" meldet aus Belgrad: Die Nachricht, daß Italien neuerdings die Exploitierung des Hafens non DaroS auf SS Jahre verlangt sowie daß eS auf dem hinsichtlich Zaras eingenommenen Standpunkt verharrt, macht in politischen Kreisen einen sehr Peinliche« Eindruck. Allgemein herrscht die Ansicht vor, daß Italien hiedurch weitere Erörterungen unmöglich gemacht habe. Aeberdies hat die it alienifche Regierung den j«goslawischen Delegierten, Pie sich wegen der kulturellen Verhandlungen in Rom aufhalten, die Pässe eingehänd i g t und somit die weiteren Besprechungen unterbrochen. Die jugoslawische Regierung hat bei .der italienischen Regierung dagegen scharfen Protest eingelegt. Es wird angenommen» datz die Derhandlungen zwecks Äbschluffes eines jugoslawisch - italienischen Handelsvertrages nun endlich abgebrochen werden. König Peter gestorben. Belgrad, 16. August. (Preßbur. Belgrad.) König Peter ist heute «m S Ahr 30 Minute» »ach-' mittags gestorben. ' Belgrad, 16. August. (Preßbm. Belgrad.) Bis auf weiteres wird die Königsgewalt vom Ministerrat ausgeübt. Peter Karageorgevie wurde am 11. Jul: 1814: io Belgrad geboren nnd erhielt in Frankreich seine militärische AE bildung. Im Jahre 1876 nahm er mit emer eigene» Frvschar am Aufstand i« Bosnien teil und schon damals wirkte er im Sinne einer Verbindung aller slawischen Stämme am Balkan Die innerpolitischen Verhältnisse in Serbim erzwangen ein Flucht PeterS ins Ausland und er lebte einige Jahre strens; zurückgezogen in der Schweiz. Als in der Nacht vom 10. a«' den 11. Juni 1903 König Alexander und die Königin Drag^ . ermordet wurden, wurde König Peter vou de« neuen Machte haben» auf dm serbischen Thron beruten. Kön'g Peter ha schwere Schicki'alsschläge erlitten und manch bittere Stund»;; erlebt. Seine demokratischen Charakle>eigenschaften hatten ihn ' viele Freunde verschafft und seine Volkstümlichkeit gesördert. Rußlands, die sich vom uneingeschränkten Staats- : sozialismus bis zur Freigabe des Bankenkapitalismus vor uns abspielt, konnte sich in der äußeren Politik bisher nicht bemerkbar machen. Es mußte der völlige Zusammenbmch des Systems kommen. dieHun gersnvt der Millionen und das ungeheuerliche Anschwellen der Volksseuchen, um auch aus dem Gebiet der Beziehungen zur nichtrussischen Wett die Moskauer Herren zur Kapitulation zu vvinaen. TjLitscherin will dies heute noch bemänteln, aber man kann nicht übersehen, daß « fick an den Kapitalismus Frankreichs wendet, deffer imperialistische Tendenzen ebenso zurMefahr für bei Frieden geworden sind wie der Bolschewismus. G ist ein sonderbares Schauspiel, das sich da bietet: Di bolschemikische Diktatur ruft die Pariser Geldmagnatei zur Konkurrenz mtt den englischen, deutschen unl amerikanischen! 5529

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