Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 917 (16.8.1921)
- Date
- 1921-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die französische Preffe hatte in den Tagen vor dem Zusammentritt des Obersten Rates eine definitive Entscheidung in der oberschlesischen Frage gefordert und darin geradezu die Schicksalsfrage der Entente erblickt. . Nun ist die Sitzung des Obersten Rates vorbei; sie hat die Teilung Oberschlesiens nicht voryenommen, betont aber feierlich die Festigkeit des Bündnisses. Das negative Resultat der oberschlesischen Beratungen stand bereite bei der Eröffnung der Beratung fest, da-sich die Sachverständigen auf keinen gemeinsamen Vorschlag über das Schicksal des Industriegebiets um Gleiwitz einigen konnten. Nach verschiedenen lebhaften Diskussionen einigte sich der Oberste Rat, vom Völkerbund ein Gutachten zu verlnngeri. Damit entfernt er die heikle Frage aus der überhitzten Temperatur des Pariser Konferenzzimmers mib überläßt sie einer Körperschaft, die, wenigstens s'ormell, über aller Tagespolitik steht und eher zu einer sachlichen Betrachtung gelangen kann. Es ist freilich lehr die Frage, ob der Rat des Völkerbundes es wagen mich,, diesen Strest zu entscheiden, in dem es heute richt um Deutschland oder Polen geht, sondern um die Beherrschung der Kohle durch Frankreich oder England. England verfügt selbst nur über'seine eigenen Kohlenlager mit 180 Milliarden Tonnen; Frankreich besitzt 15 Milliarden Tonnen, hat sich aber die Förde» 'ung des Saarbeckens mit 16 Milliarden und die des sinksrheinischen Industriegebiets mit 10 Milliarden geichert-Es hat dazu die belgische Föcherpna tjtiill VMstrrd kann fedrrM^die' Hakd auf die 4 Milliarden irr Holländisch» Prnbürq legest. Frankreich beherrscht also bereits 56 Milliarden Tonnen. Seine Politik ist nun darauf gerichtet, die noch im übrigen Europa bestehenden Kotzlengebiete, und zwar das Ruhrrevier mit 100 Mil- Garden, Oberschlesien mit 166 Milliarden und das Donezbecken mit 60 Milliarden, unter feine Kontrolle rir bringen. Durch den Einspruch Englands mußte im Mal die Okkupation des Ruhrreviers unterbleiben, m Donezgebiet wurde der französische Söldling Deükin geschlagen. Es bleibt also vorlausig nur Ober- 'chsesien, von dessen Förderung 5 Milliarden für die tschechische und 25 Milliarden für die polnische In» dustrie abgehen. Die Abtretung dieses Gebietes an Bolen würde einen großen und ^entscheidenden Sieg Frankreichs bedeuten. Es ist klar, daß die ^Solidarität ,der Verbündeten^, die Heute wieder einmal in den Pariser Zeitungen in schwungvollen Hymnen gefeiert wird, derartigen Fenndschaftsbelastungen nicht allzü oft ausgesetzt werden kann. Denn die Abhängigkeit des europäischen Kohlenbedarfes von dem Diktat der französischen Machiinteressen fdiafft für die englische Politik ungefähr den gleichen, Zustand wie. zur Zeit des deutschen Konkurrenzkampfes. Die, französische Politik ist heute schärfer als je auf das militariftisthe Gebot eingestellt und will' für alle zukünftigen Auseinandersetzungen die wirtschaftlichen Unterlagen besitzen!. ■ -1:! ■" Die englische Regierung hat eine Vertagung der Angelegenheit erzwungen und damit Zeit gewonnen. Das ist vom Standpunkt der unter der Unsicherheit leidenden Bevölkerung Oberschlesiens wieder eine VerschAsstnq ihres Gebens., zugleich aber auch, ein Beweis dafür, daß die Einsichtslosigkeit der Schöpfer des Versailler Vertrages in unaufhörlichen Friktionen fort- ' lpirkt. Z puschen den großen Mächten bestand und besteht cheine weltpolitische Uebereinstimmung und es ist aazugchommendaß keine beruhigende ,. Lösung ge- , smchen werden korrn. Eine Frage nach der. anderen öleijn offen, und, dieser Mangel bietet allen Gegnern des! Friedens stets'neue Angriffspunkte. Per Vorschlag Englgnds,, den, Völkerbund, mit der Herbeiführung eines Kompromisses zu betrauen, ist der einzige, im ÄugenbÜch gangbare Weg. Aber die restlose Klärung aller. Differenzen kann nur in der Revision . der FnedensverlrSg^tlegen. Der Exkaiser bleibt in der Schweiz. . Der. „Tetzch«" meldet a«S Gent: Da die BkrhandÜntsen seS Exkaisers Karl mit Spanien und Dänemark rlqch'nicht bewdet sind, glaub; man. daß der'Bundesrat die Äustuch.-ttzscelciub ui« des Erka-serS \ « d r r S -b w e i z ver« iau.tfccÄ, jedoch hiesür emw beftimwtpr Term« feUetzt» werde. P aris, 15. August. (Havasi) Die „Humanste" veröffentlicht ein von Tsch i t f ch e v t n stammendes Schriftstück über die äußere Politik der Sowfets, worin erklärt wird, diese seren stets bereit gewesen, in wirtschaftlicher Beziehung mit den andren Staaten zusammenzuarbeiten, jedoch durch'die Blockade daran gehindert worden. Tschitfcherin stellt die verschiedenen Informationen, welche die öffentliche Meinung des Ausla des in bezug auf Rußland irregeführt haben, in Abrede. insbesondere die von der angeblichen Sendung von fabelhaften Summen seitens der Moskauer Regierung zur Förderung der ko m mnniftif che« P ropaqanda im Auslände. Tschitfcherin betout, Rußland wolle keineswegs der Anabhäunigkeit gewiffer Völker natzetreten, wie der Tscheche- Slowakei, die diesbezüglich Befürchtungen äußere. Tichitscherin hebt die friedlichen Absichten der Moskauer Regierung hervor, solange diese in den Hände« derVakschewiken fG Me!MvDkMeDRegMung -fei M-chi btc E rh r» der Expansions- Politik, der Zaren. Tschitfcherin betont ferner, die äußere Politik Rußlands fei, ebenso wie die Landen, 15. August. (Reuter.) Gestern ist der! Text der Verhandlung««. zw ischeuder br it i scheu Regierung und Irland veröffentlicht worden. Er zeigt, daß die Regierung Irland den Status der. britischen Ueberseehomiriions anbietet, mit vollständiger. Autono m ie in den Steuer.fragen,, de n Staatsfinanzen mid der Verteidigung im Innern. Das Anerbieten ist aber an.eine- Reihe von Bedingn.ngen geknüpft, vvn denen, zit erwahnen ist, daß die britische Fl-oLtedas Meer kontrollieren und daß Irland. verhöltnismgßig zu den'Kosten des britische,: Heeres und -er Flotte, zur Kriegsschuld und zn den Pensionen beitragen müsse. De Baleva sagte in seiner Erwiderung vom ,10. d. M., daß das Sinnseiuerparlament die britischen Vorschläge nicht annehmen könne und das irische. Volk sie nicht annehmen würde, da sie sich' widersprächen. Die Vorschläge anerkannten wohl Irlands Recht anf Selbstb?.stimmung, machten diesen Grundsatz aber durch' die folgenden Festsetzungen unwirksam, die eine ünzulässige Einmischüng in die irischerr Tlngelegenheiien/bedeuieLeu. Die Antwort wiederholt, daß das irische Recht auf Selbstbestimmung als u n l a st b' a r angenommen werben müßte. Zrland sei gleich' den kleinen Staaten Europas bereit, seine Unabhängigkeit auf der Grundlage seiue§ mvralischien Rechtes zu wahren. Lboyd George anrworteie auf diese Erwiderung de ^Paleras am 13. d. M. Er erklärte, die britische Regierung könne ein Recht Irlands, sich vom britischen Reich. zu trennen, nicht anerkennen. Auf das nördliche Irland könne kein Zwang ausgeübt werden. Die geographische Lage mache Irland zu eiusm unteilbaren Bestandteil des britischen Jnselreiches.' Lloyd' George fordert de Dalera von neuem auf, die Vorschläge der englischen Regierung in Erwägung zu ziehen. Heute vormittags trat das Kabinett zu einer Sitzung zusamnren und unterzog die Antwort de Vale ras auf die biitischLa Arie?e u.>vorschlägc einer e.iug»'heud«p Prüftutg. Die britische LxgMML w«p Weltrevolution. innere, eine Politik der Pro d «11 i o «, Wiederbelebung von Landwirtschaft und" Industrie sei der Grundgedanke dieser Politik und Tschitscherrn glaube, daß die W i e d e raufnahme der Handelsbeziehung? mit den k ap it a li stifch e n LäuderA und deren wirtschaftliches Zusammenarbeiten mit Rußland notwendig sei. Dies stelle keineswegs eine Adnderung der politische» Ansichten dor Sowietreqierung dar. Man habe vergeffen, daß die Sowjetregierung feit: dem Frühjahr 1818 die Kapitalisten aller: Lander eingeladen habe, zum Wiederaufbau Rußlands durch Aeberuahme von Konzessionen beizutragen. Bereits damals sei den Deutsche« und durch Deemittlnng -es Obersten Rolli» den ameri» kanifchen Kapitalisten ein System zur wirtschaftlichen Wrederaufrichtuug Rußland-s vorgefchlaaen worden und der Aufenthalt Litwinows in England bezwecke hauptsächlich die Anknüpfung von Deziebungen z« der Handels- und Industriewelt Englands. , Tschjtscherrn berweist darauf, daß engl ifchr K a n f l e «t e bereits mit Rußland in ge» schäftlichem Verkehr stehen, und richtet an Frankreich die Aufforderung» diesem Beispiele zu folgen. ihre Antwort noch' vor dem Zusammen tritt des irischen Parlaments nach Dublin übermitteln; die Tagung des irischen Parlaments, für die alle Vorbereitungen bereits - beendet sind, wird am nächsten Dienstag beginnen. Die Lage in der irischen Frage wird gegenwärtig pessimistischer betrachtet. Es wird, berichtet, daß'* Lloyd /George die Antwort der 'Sinnfeiner beinah« als eine Ablehnuttg der Friedensvorschläge ansehe. Diese Antwort sei außerordentlich dunkel. Es verlautet^ daß die Sinnfeiner ihre Forderung nach vvllständiger Unabhängigkeit für Irland und nach, vollen Garantien für die Integrität und Neutralität des Landes, wiederholen.-Man glaubt, daß die irischen Extremist e n gegenüber den. ftiedlichen Absichten d e S eleras zu sehr die Oberhand haben. Der Premierminister.vvn Ulster erklärt in einem Briefe an Lloyd George, daß die Regierung vvn Ulster es ab lehne, .sich' mit der Festsehnng eines "Abkorw» rnens zwischen Großbritannien und Süd-Irland zu befassen. Ferner spricht er die Erwartung aus, daß die Sinnfeiner hinsichtlich Ulsters, den Status quv achte« und. sich' jeder Einmischung in Rechte und Angelegowheiten Ulsters enthalten werben. Zusammentritt des Dölkerbundrates. Am.22. August. Pari«. 15. Anaust. tTel.-Komp.) Es brstatigi sich, daß die Sitzunp des Völkerbundrates auf den 29. d. M. festgesetzt wmde. Der Tagungsort ist now immer unaewiß. Die Mkiste« Morgenblätter behaupten, daß Paris als Sitz der Konferem - erwählt sei.. Nur die »Daily Mail" beuichnea Genf all dr, Ort der Dölkerbundratversammlung. Wie verlautet, soll die ganu overschlest'che Grenzftage vom Bölkerbundiat einem Sonder* ausschuß zur Erledigung übertragen werden. Dieser Ausschuß' wird dann seinen Bericht anfangs Sevtemker ocn Bölkerbundrat in Genf;mterbreitm, da ditbr \emt vrvyMcho Taauna « G«ü beMut. ■m