Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 916 (14.8.1921)
- Date
- 1921-08-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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mm ßBieit, Sonntag Wiener Morgenzett««- iijrv~rtiiTirST. 14. August 1921 Tagesbericht. Auf der Chaussee. Aus dem Tagebuch eines Lhaluz. —Aus dem Hebräischen von G. Ich' sitze und klopfe Steine. Ich arbeite nämlich, als Steinmetz^ Vor und hinter mir sitzen noch andere reitend auf ihren Sternhaufen und klopfen Steine wie ich. Die Arbeiter schweigen. Die Klopferei hat erst angefrngen und Ä&feä arbeitet mit Hingabe. Die Stille des Motgens toirlr tritt durch das Gehämmer gestört. Monotone Töne, dumpfe, die einander folgen, dazwischen eine plötzliche Donnerstimme, ein Schuß, und sekunenlang rollt das 'Echo von den nahen Bergen herab. Ein Zeichen vom Steinbrnch, daß sie auch dort die Arbeit begonnen haben. Eine Chaussee-Symphonie. Wir sitzen im Tale, rings um uns sind Berge. An Leiden Seiten der Chaussee grünen Felder und über uns blauer Himmel. Kein Wanderer zu sehen; allein sitzen wir da Und stören die stillen Stunden eines Frühlingsmorgens. . Ich bin erst seit einigen Tagen da. Meine Hände sind schon wund; die Rechte, die den Hammer regiert, ist müde, und jedesmal, wenn der Hammer niederfällt, wird das Wiedevaufheben so schwer. Scharfe Steinsplitter sprühen prickelnd um Gesicht und Hände. Es ist heiß. Sehnsuchtsvoll erwarte ich die Mittagspause und ich erhebe meine Augen nach, der Sonne, um die Stunde zu erraten. Mein,Blick aber bleibt an einem jungen Mädchen hängen das an seinem Steinhaufen sitzt, mir gegenüber. Siehe da — ihr Steinhaufen ist dreimal größer als meiner. Ich fühle, daß mein Gesicht stark errötet, und wieder hebe ich meinen Hammer und lasse ihn nieder, wieder auf und wieder nieder, und mit Freude bemerke ich, daß auch mein Steinhaufen nach und Nach an Breitö und Höhe wächst Meine Arbeitsgenossin mir gegenüber ist noch sehr jung, ein Kind fast. Ein rotes, weißgetupftes Tuch UM den Kopf, «an den Füßen Arbeitsschuhe, schwere Männerschuhe mit hervorragenden dicken und schweren Nägeln an den Sohlen: „Eine Steinklopferin in Israel". Ein keckes, irr dre Höhe hinaufschauenbes Stumpfnäschen, Augen groß und naiv, und wenn sie auf einen harten, widerspenstigen Stein klopft, verbeißt sie die untere Lippe. Sie muß tägliche „ein Kubikmeter" fertigklopfen, will den jungen Männern nicht nachstehen, mag geschehen, was will! — ' Bei der Mutier in Polen, als sie noch Gymnasiastin war — sie war Mitglied der „Schvmvrm" geworden — versuchte sie im Gemüsegarten vor ihrem Haufe fß arbeiten. Als sie die Mutter jeden Dag mit Spaten und Gießkanne hantierend im Garten sah, ihre Bücher aber unbekümmert in irgendeiner Ecke liegen lassend, ohne an das bald heranrückende Examen zu denken, sagte sie ihr voller Schmerzen: ,Habe ich dich dazu erzogen, dich' dazu lernen lassen, daß du wie eine „Goje" im Garten arbeitest?" .— Ich erinnerte mich an diese Erzählung meiner jungen Kollegin und malte mir das verdrossene Gesicht ihrer Mutter aus, wenn sie jetzt ihr „Fräulein" Tochter in grobert, formlosen Männerschuhen als „Steinklopftrin" sehen würde. Ich lachte. — Die junge Dame unterbrach ihre Arbeit, schaute mich an, und auf ihrem Gesicht war der Borwurf zu lesen: Dieser neue, junge Mensch da „faulenzt" schon wieder! Die Haufen der zerklopften Steine ringsum haben inzwischen ansehnlich an Umfang zugenommen und der Blick eines jeden von uns wurde sicherer. Wir wollen fröhlich sein und uns belustigen. Ein junger Chaluz stand auf und machte «in würdiges Gesicht, nahm eine steife Haltung an, ließ den Bauch wetzt hervorragen und schritt gravitätisch vor den Steinklopfern einher: „Seid ihr die Chaluzim? Fällt euch die Arbeit nicht schwer?" Er hebt einen Hammer auf und versucht, dessen Schwere zu erraten. Und sein Gesicht drückt Verwunderung und Mitgefühl aus und wendet sich den jungen Mädchen zu. „Wes, allright!" — resümierte er die Eindrücke seines Ausfluges in Englisch!, indem er mit wichtigtuerischer Handbewegung . dem nur in Phantasie existierenden Chauffeur zuwinkte, mit dem Auto heranzurücken. Der junge Mann versteht es großartig, die Art der ausländischen Gäste nachzuahmen, die uns manchmal besuchen. Die Gejellschaft genoß die Vorstellung und ein frisches, junge^Lachen, bas ich seit langem nicht mehr gehört, Mander te von einem Steinhaufen zM anderen. ... ' Mittag. Korb und Hammer auf der Schulter, und wir kehren ins Lager zurück. Mein Vis-a-vis, die junge „Schomreth", war verschwunden. Ich trennte mich von den Kollegen und ging allein, langsam, und saugte behaglich die Mittagsruhe der lieben ,Heimat" mit vollen Zügen in mich hinein. Von hinter dem Hügel erscheinen die Wagen, , unsere Kwuzoh-Wagen, die die Steine von dem Steinbruck) nach der Chaussee bringen. Sie fahren jetzt gleichfalls ins Lager zurück. Einer der Wage» war nttfc frischem, grünem Heu mit seinen vielfarbigen, anmutigen Blümchen beladen, obendrauf die „Schomceth", die Rosse Lukend.^ Ihre Augen strahlen vor §reüde, uitd ich bin geneigt, anzunehmen, daß diese Kleine mir noch nicht ihr ganzes Herzchen ausgeschüttet hätte, daß sie außer ihrem Bestreben, täglich ^itt Kubikmeter" Mine gleich den Männern fertigzuklopfen, noch andere Wünsche habe, von betten sie mir Noch nichts erzählte. / Der Wagen rollte geräuschvoll den Hügel Mab, und der Kwuzah-Hund, von dem niemand weiß, wo, wie und wann er zu uns kam, sprang lustig hinterher. Mittagessen. G ergusch. Getümmel und Gelächter. Dellerklirren und Gesänge. Nachher begibt man sich in die weißglänzenden Hütten, um anszuruhen. Schlägd auf einen Bottich, der uns die Trommel ersetzt, werden vernommen: der Ruf zur Arbeite Die Hütten und Zelte leeren sich', das ganze Lager wirb der Ruhe und dem Sonnenschein bis zum Abend anvertraut. Der Tag ist zu Ende, wieder im Lager. Ein leiseswürziges Abendlüftlein Umweht uns, zwischen den Zelten Gruppen und Parteien, Briefs lesend, die von „Drüben", von den GolusläNdern, eingetroffen sind. Das „Drüben" ist uns so fern, fern geworden. Nur wahrend des Lesens der Briefe regt sich ein wenig das Herz und empfindet, jedoch' nur eine Sekunde lang, etwas wie Heimweh nach den eisigen Winterstürmen, nach der nicht endenwolbenden Ebene oder nach dem Walde mit seinen dicken Fichten, die sich dort am Ende des Geburtsstädtchetts ausbreiten. - Der Inhalt aller Briefe.ist fast immer derselbe: „Gott verleihe euch' Kraft, tdure Kinder, damit ihr die schwere Arbeit-verrichten könnt. Unser einzigster und sehnsüchtigster Wunsch ist, bald zu euch hinüberzukommen." — Und wieder packt einen ein kleines Heim» wehgesühl auf eine Sekunde, den einen uach' feinet«! alten, besorgten Vater, den anderen Nach' seiner zärtlichen Mutter, den dritten nach' seinem jüngsten kleinen Brüderchen, die dort „drüben" in den Ländern de« Trauer geblieben sind Und das HetH erhebt einem Mitteilungen aus dem Publikum. STATT JEDER BESONDEREN ANZEIGE. Herr und Frau Adolf Politzer Holid, TschechoSlowakei Herr und Frau Moritz Klinger Wien, XX. laden alle Verwandten und Bekannten zur Trauung ihrer Kinder ILONA und ISIDOR welche Sonntag den tti. August 1. J. um Uhr im Tempel XX., Kluckyvassc stattfindel Telegramm-Adr.: Klinger, Klosternetiburgerstr. 3^x4. 5167 Möbelfabrik I CPIRI CrSsste Auswahl ei9 ® * 1*11* gediegener Erzeugnisse jjtljG[lTVil.,Si ViMARIAHIlf EhSBASSE KB. tirSutes, bestaortiertee Lager Wien« in Teppichen, Decken, Vorhängen, Üeber wftrlen, Lanfteppichen, Stores, Doppeldecken ete. Billigste Preise. 6540 OBEL «*M»M>«*MWWWD GRÖSSTE AUSWAHL 19 LUXUSm STILanne VII., Schott enfeldg. 24 mmm Telephon 88-1-08 rÖBKU HiSSISI PREISE 440 Banda treu “J, 8WWMSI1 lllSt AD auenaUD6nTrf.43!t.32 Inttnt «wländ. Parfümerien kauft man billigst bei Julius Spiegel» IL, Glockengasse 14 E3ST GKROS EXPORT ETNT DETAIL Grösster und Beater Käufer Wiens 6149 BRILLANTEN, PERLEN Juwelen, Edelsteinhändfer Rabinowitscb, Juwelier .. 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Ich spaziere zwischen den Zelten, schlürfe mit Wonne die durchsichtige Lust und fühle, daß sich in mir unter diesem frischen» jungen Leben langsantz Ruhe und Zufriedenheit einsöelli, jene Ruhe und Zufriedenheit, nach der meine Seele „drüben" in den Schrecknissen des Gvlus so lechzte. —- Junge Männer und junge Machen treten aus! den Zelten, in den Händen Krüge und Flaschen. AKes zieht nach dem kleinen Bretterhüttchen, dem „Magazin", dort, wo alle guten Dinge zu haben sind. Man kaust Petroleum, Papier und Tinte. Wer keine „Defizits" hat, mißt auch ein Paar neue Schuhe anwer dagegen in ^Defizits" versenkt isterkundigt sich nur nach demj Preise. Ich gehe nun an dem viereckigen Zelte vorbei —i. dem Unterrichtsort. Da ist nicht mehr die Welt der Steinklopfevei, der Chaussee Und des Steinbruchs. Eine ganz andere Welt! Und ich vernehme die Stimme des jungen Lehrers, der voller Begeisterung ein Kapitel aus den Propheten vvrliest. Er schließt das Kapitel und' geht Über zu der neuen hebräischen Literatur. Eine Welt voller Poesie. In dem großen Zelt, das uns zum Speisesaal nutz zur Versammlungshalle zugleich dient, wird über Probleme von Weltwichtigkeit diskutiert: über Wissenschaft und Religion, über Zweck des Daseins und der Welt. In einem der Zelte umringen alle einen Kollegen« der die Tageszeitungen vvrliest. Diese interessiert dastägliche Leben, das hinfließt, sie sind gierig, die Neuigkeiten aus Jerusalem, aus Jaffa zu wissen und was! sich' „Drüben" in den Ländern, die sie verließen, er* eignet. O Der Morgenstern steigt vnt. Die Lichter in den, Zelten sind erloschen. In tiefen Schlummer ist' die Insel gehüllt — die Insel der Arbeit. Stille. Ruhe. Gedanken der traurigen Vergangenheit und süße Träume der Zukunft vereinigen sich' und schweben in der Stille der Nacht. Nur der Pfiff der „Schomrim" unterbricht zeitweise das Schweigen. —- > Die Bergpredigt des Herr« Pichl. Die patentierten Vertreter des österreichischen TeutonentUms sorgen dafür, daß die Reichsdeutschen einen Vorgeschmack davon bekommen, wetz Geistes Kinder den berühmtst Anschluß an fit suchen. Im „Npenverein" ist der Anschluß Oesterreichs an Deutschland bekanntlich 'schon längst erfolgt. / Die Leitung hat ihren Sitz drüben tot Reich und wagte eS, der Gründung einer Sektion „Donauland" znzustimmen, i« der sich die aus den anderen österreichischen Ortsgruppen ausgeschlossenen Juden sammelten. Darauf habe« die antisemitisch verseuchten Wiener Sektionen für di« am Ick. und' 1ä. August to Augsburg tagende Hauptversammlung des D. tt. Oe. A.-B. beantragt, dem Hanptausschuß (H. A.) die schärfste Mißbilligung auSzndrÜcken. Begreiflicherweise setzen sich die Mitglieder des H'auptausschusses gegen die geplante Anpöbelung zur Wehr und verschicken ein gegen diesen Antrag gehaltenes Rundschreiben. Außerdem versandte Herr Geheimrat Dr. Arnold im Aufträge der Sektion Hannover ein Schreiben, worin er sagh daß in Augsburg versucht werden solle, den Alpenverein! zuerst für religiöse und später für politische Zwecke auszunützen, und dementsprechend der Antrag gestellt werden solle, alle jüdischen Mitglieder auszuschließen, nachdem bereits einige österreichische Sektionen diesen Beschluß gefaßt hätten. Er verlangt, daß der Hauptausschuh alle Anträge politischen und religiöse« Inhalts sblehneu und Rednern, di« djeses' Gebiet auf der Hauptversammlung berühre», das Wort entziehen Müsse. Zur Strafe für solche Kühnheit müssen die VeichSbeutschert SÄtton« fttzt feil« geschichtliche Belehrung durch den «sie» Vorstand der Sektion Austria, Hoftat Ing. Ed. Pichls schlucken. Damit «nsere Leser eine Ahnung von dev Grausamkeit erhalten, die in dieser Zumutung liegt,' wollen wir den politischen GallimatthiaS des Herrn Pichl kurz beleuchten. Da der neu« Bergprediger nicht christlichsozialer, sondern deutschnationaler Antisemit ist, beginnt seine historische Schilderung der Judengefahr nicht bei JuoaS Jschariot, sondern zum Glück „«ft" im Jahre 1848 und gipfelt in einer Verherrlichung Georg Sch önerers. Diesem verdankt der Autor „die grteittthttS, »aß sich der Antisemitismus nicht gegen die Religion, sondern gegen btfe deutscher Art feindlich«« RafseneigenkttmlichkfeiM der Juden richten nprß". Schönerer selbst hat bekanntlich seine Lehre von der Rafsenreinhett ft ernst genommen, baß er die Tochter eines gewisse« Schmal Leb Kohu heiratete. . j Dagegen trifft He« Pichl den Nagel «tuf den Kopf, tverrnj er wehklagt: „Ein deutliches Bild von der entsetzlichen Dev» ttxwunua Bertold 5amfih N92/) £eo*ßnfeldßcstn JI vv. ^gtftsssm. M8BÜILJ gjiaua