Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 913 (11.8.1921)
- Date
- 1921-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 II. August Wen, Donners: ag PoUtische^Rundschau. Zur Geschichte der rumänischen Besetzung Ungarns. Unter de« HochverraHb«>chuldigurigen, ans Grund welcher die ungarisch« Negierung sämtliche ungarischen Politiker, di« nach dem Zusammen- .und) eine demokratische Entwirrung anftvebt«n, 'crafrechtlich verfolgen will, spielt die Anklage, daß nie Beschuldigten auch mit den Rumänen paktierten, -ine wichtige Rolle.' Die politischen Verhandlungen mit <>en ungarischen Kreisen führte damals, zur Zeit der rumänischen Besetzung, der rumänische Minister Theodor Mihalyi, welcher sich dem Klausenburger Korre- 'oondenteii des „Beesi Magyar Ussag" gegenüber über ,'eme Unterhandlungen und die rumänischen Pläne eingehend äußerte. Minister M i h a l h i findet «s lächerlich, diese Verhandlungen von ungarischer Seite als „Hochverrat" 311 stempeln. Wäre das Hochverrat, dann habe auch er Hochverrat an Rumänien begangen. Der« Zweck >er Verhandlungen sei die Herstellung einer Jnteressengem'ins^aft politischem und wirtschaftlichem'(fte*i--t gen'esen und wäre damals die geplante wir's'saftliche V"rbindnng erzielt worden, so Ware die Konsolidierung linder Länder dadurch beschleunigt worden. Minister Mihalyi gibt zu, daß es sein Plan war, nach Schaffung der wirtschaftlichen Verbindung die Personalunion zwischen Rumänien u.nd Ungarn in die Wege zu leiten. Mihalyi hat mrr mit solchen Politikern verhandelt, von deren demokratischer Gesinnung er annabm, daß sie seinen Plänen förderlich sein würden. Er sprach'mit Kristöfsh. Gieß wein, leiti' protestantischen' Bischof von Debrecriu, Balthazar, ferner mit Vazsonhi und auch mit hem Führer der Sozialdemokraten Ernst Garami. Es war bereits alles ausgearbeitet, sogar die' Regierungsliste war fertig. Ministerpräsident hätte Josef Kristvffy, Außenminister Lovaszy, Minister fiir Kultus 'und Unterricht Prälat Gießwein, Handelsminister G arami werden sollen, während Bazsonyizum Iustizminister ausersehen war. Die Entente zerstörte diesen Plan. Damals wurde Sir George Clark als Vertreter der Entente mit weitgehenden Vollmachten nach Budapest entsendet. Anfangs schien auch^ Clark für die Pläne Mihalyis gewonnen zu sein. „Bald jedoch", sagte Minister Mihalyi mit merklicher Bitterkeit, „wurde Clark von den ungarischen. Aristokraten umworben und in ihren Bann gezogen. Sie luden ihn von einem Jagd aus hl ug,-zum anderen/ 'r bewegte sich ausschließlich in Aristokraöenkreisen; es dauerte nicht - lange, und Sir Clark wollte von der Wiederherstellung der ungarischen Demokratie, die in der von mir vorgeschlagenen Ministerliste hätte zum Ausdruck kommen sollen, nichts mehr hören. Nur noch vier Wochen hätte die rumänische Besetzung bauern sollen und unsrre sämtlichen Pläne wären in Erfüllung gegangen, und der große Rückfall, den Ungarn seither politisch i'ttb wirtschaftlich durchgemacht hat', wäre vermieden worden." Sonderfrieden Amerikas mit Ungarn? 2B:e di? Bubapelter Blät er melde«, hat die Regierung der Vereinigter S aaten die am 1. v. M. vom amerikanischen Kongreß avgmommene Entschl eßung, womit der Kriegszustand zw-schen der ehemaligen österrerchflch-nngarischen Regierung und den Bereinigten Staaten aufgehoben wird, aber sämtliche im Friedensvcrtrage von Trianon zugunsten der Verein-gten Staaten und deren Untertanen festgesetzten Rechte ausdrücklich ciufr.chterh.fiten werden, der ungarische« Regierung mit dem Bezügen zm Kenntnis gebracht, daß, falls die ungarische Regierung die in der Entschließung enthaltenen Bedingungen ihrerseits annetime, die Regierung der Vereinigten Staaten bereit fei, wegen Abschlusses eines Vertrages über den zwischen Ungarn und den Verewigten Staaten herzustellenden Sonderfrieden in Verhandlungen einzutr ten. Bulgariens Reparationen. Die .Grazer Tagespost* meldet auS Sofia: lieber Beschluß des Ministerrates wurde das Sobranfe für den X). b. M. zu einer Außerordentliche« Tagung einberufen, um zur auswärtigen Lage, insbesondere zn der Note der mteralliiertm Militärkommission Über die Auflösung der Armee, and zu der letzten Note der Reparationskommission, worin die erste Rate der Kriegsentschädigung verlangt wird, Stellung z» nehme». _ Die RückenlVicklurrg SowjetrutzLands. In einem Moskauer Funkspruch werden die Giundzüge der rnsstscheu Finanzreformen dakgelrgt. Die Finanzkrise sei dadurch entstanden, daß der Staat überhaupt keine Einnahmen hatte Infolgedessen wird jetzt mit dem Prinzip der sreim Benützung aller staatlichen Einrichtungen gebrochen und werden Eisenbahn-, P 0 ftu n d Tele» graphengebühren, sowie auch direkte Steuern eingesührt. Nach einem Beschluß des Moskauer Sowjets kostet eine Gsmbahnfahrt von emer Eisenbahnstation zur anderen 2000 Rubrl. Mit Steuern wird zunächst di« Industrie belegt. Anr b. September findet in Moskau ein Flnanvongreß stall, >- *vu ybfldum desGeldumlanseS ichasteu soll. Wiener LLsrg^::^c:rLng Nr. SIS -...4 Der Weg der Königsparkien in " , . Der Oberstleutnant Prvnah ist nun der Abbitte vor der ungarischen Nationalversammlung doch enthoben, und seine AnMsWpWt ist guf die lange Bank geschoben worden. Dia Gegensätze im »nMischer, Parlament sind dprch den AuSbruch dieser Affäx« offenkundig tiefes, heftiger/u uh für dsn - AGsnstehenden wyWatlch jmsrNWich'Sv/geworHen. War die neuartigen ungarischen PartsiUflgeü nicht aus eigener Anschauung kjennt, wird es kaum verstehen können, warum zum Beispiel die Gruppe Pro H-ah-Hejja s-Gömbös ^lnb deren offizielles Preßorgan „Szoszat" unter dem Decknanien „Kommunistenverfolgung" die heftigsten Angriff« geßerr die pornehmen, aber zu gleicher Zeit in ebenso heftigem Gegensatz zu den Führern des radikal-christlichen Kurs es stehen, nachdem di« Attacke gegen Stephan Friedrich im Tisz'a-Prozeß Mgeschkagen hat- Andererseits sind Fs di« älteste« Fü hrer der Antis e m i t e n p a r t ei Rakovfzky und Beniczky, die das Unwesen, der Pronays und Hejjas am heftigsten bekämpfen. In allen diesen Kämpfen hat man aber nicht etwa die Gegnerschaft religiöser, nationaler oder moralischer Prinzipien, sondern einzig und allein den Kampf her KarNfteq gegen die Partei des Erzherzogs Alb rocht zn erblicken, Prvnah, Hejjas und Konsorten, eine starhe Aristokratenparteis und viele andere, di«, heute noch nicht genannt werden sollen, wollen mit allen Mitteln, allenfalls auch mit militärischer Gewalt, Albrecht auf den. ungarischen Thron setzen. Deshalb die erste Attacke, sogar die Mordbeschuldigung gegen Friedrich, deshalb die persönlichen Angriffe gegen Beniczky und Rakovszky und die Terrorisierung der Juden, von denen man annimmt, daß sie zum größten Teil Legitimisten sind. Sr wird ' gegenwärtig ' wieder die Nachricht verbreitet, daß König Karl mit seiner Familie nach Spanien übersiedeln müsse, eine Nachricht, die. sich in kurzer Zeit als ebenso unwahr erweisen wird, wie alle anderen Uebersiedlungs-, Flucht- und Putschgerüchte. Den Pronah und Hejjas geht es heute darum, ihre persönliche Macht" ünb ihren ^Einfluß aufrech tzuerhalten, Und von diesem Gesichtspunkt gus müssen die gegenwärtig««? Ungarischen Kämpfe gewertet werden. Dudlest, 10. August. (Ung. Tel^-Korr.-B'ur.) Vor Eingang in die Tagesordnung ergrmft Abgeordneter Ugron bas Wort mit Bezug auf die gestrige« Lärmszenen anläßlich der Abstimmung über die JmmgnitUsangeleg«nh«it des Abgeordneten Rakovszky, und richjet an die Mehrheit des Hauses und an de.» Präsidenten die Bim^in Zukunft die Gegenstände nicht auf di« Spitze zu treibe« urch die Rechte der Opposition zu wahren. Vizepräsident Bottlik erklärt, daß «r während seiner v ier telhu nder tj ährigen politischen Laufbahn immer für die öffentlichen Freiheiten gekämpft habe. Er müsse gegen die Anschuldigung, die Hausordnung verletzt zu haben, protestieren. Referent Stephan Sv m0g hi unterbreitet sodann den Bericht des Jmmunitätsausschusses über hi« Verletzung des Jmmunitätsrechtes des Abgeordneten Benitz k y. Der Jmtnunitätsausschüß beantragt, das Hans möge die durch die Offiziere Ranzenbvrger, Makay und Mv lnar begangene schwere Verletzung , des Jmmunitätsrechtes feststellen und die Regierung, insbesondere den Landesverto^idigungsminister anweisen, das Ahndungsverfahren dringend einzuleiten, i Der Antrag des Jmmunitätsausschnsses wird hierauf einstimmig angenommen. Das Haus geht sodann zur Verhandlung der Vorlage, betreffend di« Vermögen sablösung von Immobilien, über. Referent Emil Robert weist darauf hin, baß die Vorlage, die auch die Durchführung des Gesetzes, betreffend di« Bodenreform, beschleunigen werde, durch' ' die schwere finanziell« Lage des Landes motiviert und das Ergebnis eines Paktums zwischen dev Regierung, den Parteien und den Interessenvertretungen sei. Abgeordneter Beniczky ergreift bas Wort zur Hausordnung und erklärt, während der gestrigen Verhandlung der Jmmunitätsangelegenheit Rakovszky habe der Referent des Minoritätsvotums des Jmnm» nitätsausschusses, Csukas, erwähnt, baß Oberstleutnant Prvnah sich vor dem Jmmunitätsausschuß auf Beniczky berufen hätt«, indem er sagte, daß ihn jetzt derjenige gewesene Minister, der ihn seinerzeit angewiesen habe, diejenigen, die sich gegenüber dem Vaterland vergangen hätten, zu bestrafen, von rückwärts angreife. Beniczky betont, daß ihm als Minister Pronay' und sein Bataillon niemals untergeordnet gewesen seien, und haß er ihnen gar kein« Weisungen habe zuko mimen lassen. Er müsse die Erklärung Pronays, wonach' dieser von ihm Anweisungen zu Grausamkeiten erhalten habe, als eine glatte Unwahrheit bezeichne«. Die KunderkaMpbe in Ru$$land. Im Pariser „Matin" vom 8. d. M. veröffentlicht Prof. So k v l 0 f f, der frühere Mitarbeiter Me t s ch n iko ffs, bemerkenswerte Feststellungen über den Gesundheitszustand in Sowjetrußland. Der ungünstige Zustand der russischen Laboratorien und Behelfe macht eine Beobachtung sehr s,wierig, so daß nur das Laboratorium des Physiologen Pawlow und des Professors ZlaLogo row in Petersburg brauchbar« Unterlagen ergeben. Es wirb behauptet, baß in den letzte» drei Jahren in Rußland 32 Millionen Erkrankungen tttt epidemischen Krankheiten zu verzeichnen wartzn, von bene« 6 Prozent, rund zwei Millionen, tödlich verliefen. Professor Z la Lo go row soll festgestellt, haben, daß aus dem Blute der an Typhus Erkrankten in der Zeit vom fünften bis zum zehnten Tage des Fiebers brauchbarer I m-P f st 0 f f gewonnen werden könne, und ans dem Blnte der Rekvnvales'enten ein Heilserum. ' Die Sterblichkeit unter den rnsfischeu Aerzten ist sehr groß; in Petersburg ist von Ende 1917 bis Mitte 1920 etwa b ie Hälfte der Aerzte 'gestorben. Dabei werden sie als Sowjetbeamte so ungünstig honoriert, daß die Regierung ihnen verboten hat, mehr als fünfzig Privatbehandlunim Monat durchzuführen, natürlich nicht bei den ehemals Reichen, sondern bei der hohen Sowjetbureaukratie und den neuen Reichen. > * , Die Moskauer Dagesblatter erzählen von Zusammenstößen in dem Gouvernement Jekateriuenburg unter den Landbewohner« und den Flüchtlingen des Wolgagebiets. Die Bewohner dieses Gouvernements, selbst unter der Hungersnot leidend, haben beschlossen, sich gegen die Einwanderung, der dortigen Flüchtlinge, im Notfall auch mit Gewalt, zu wehren. .Steine u n b W a f f en würden gebraucht. Die Zahl der Opfer ist beträchllich. Ein« Anzahl der Flüchtlinge war genötigt, daS Gebiet des Jekate. rinenburger Gouvernements fcu verlassen und außerhalb desselben Schutz und Nahrung zu suchen. Maxim G orki mußte sein« Reise.ins Ausland verschieben, da er erkrankt ist. Die Meldungen, daß Lenin nach dem Auslande zu veisen beabsichtigt, werden jetzt bestätigt. Lenin hat die Absicht, zwischen dem 15. und 20. d. M. abzuvsisen/ Er wird zunächst England besuchen, sich ab«r dort nur eine Woche aufhalten; bann beabsichtigt er, nach Schottland u^> später nach Capri zu gehen, wo er längere Zeit zu, bleiben gedenkt. Offiziell wird mitgeteilt, baß Lenin auf dringenden Rat seiner A«r-.te diese Erholungsreise antritl. Hilfsfonds. MoSlaN, 10. August. (Funkspruch.) In Tula wurde ein Hilfsfonds, der auf 85.000 Goldrubel geschätzt wirb, in der Tatarenrepublik eine solcher von 50.000 GvVdrubel, zur Unterstützung der Hungernden aufgebracht. Die HilfSdelegationen. WarschM, 1V. August. (Funkspruch.) Rach eingelangten Meldungen sendet Rußland' drei Abordnungen nach Westeuropa^ um die Hilfeleistung für die Hungergebiete zu beleben. Eine von diesen lunter Führung Joffes wird Italien, die Schweiz und die Tschecho-Slvioäkei bereisen. Dte deutsch-russischen Handelsbeziehungen. Helstngfors, 1V. August. (Trl.-Komp.) Der bolschewm 0 - Bertret-r in Efiland, A n i t i e w, machte einem Mitarbeiter der Zeitung »Sutj* Mitteilungen Über die deutjch-rusfischen Handelsbeziehungen. Danach sollen am 18. d. M. mehrere deutsche -ndnstrielle and Jugenieare erwartetwkrden. In. Petersburg sollen Verhandlungen der deutschen Industriellen mit. der Sowjetregierung «nd mit Vertreter» von russtschen Werke,! stüttfinden, um die Wiederherstellung der russi« tchen Maschinenbauwerke und Eijenbah nr-»«*»t«»werkÜL itt tt M klX>MtWL> 6