Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 912 (10.8.1921)
- Date
- 1921-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aber es konnte dem Willen Englands, das auf >er Einbemfung bestand» nur die wertloseBerschiebung um einige Tage abtingen. Um Paris als Tagungsort md Henn Briand als Vorsitzenden hat es nicht ge- 'rämpst. Diese Liebenswürdigkeiten hat ihm der Sieger England freiwillig gezollt. Sie verzuckern den Franzosen. welche das feinste Gefühl für alle Abarten der Höflichkeit haben, die Pille nicht, ihre Süßlichkeit vermarkt noch den widerwärtigen Geschmack. . Frankreich steht mit seinen Absichten bezüglich Oberschlesiens, das es zur Gänze Polen versprochen M allein. Italien hat sich an England angeschloffen. Tein'Vertreter kann ruhig gegen Frankreich stimmen, chne Gefahr zu laufen, der. italienischen Volkstimmun/ zuwiderzuhandeln. Diese Stimmung st an sich nicht franzoseufceundlich und Frankreichs Liebäugeln mit den Balkanslawen und lem pästlichen Stuhle hat sie nicht gerade verbeffert. Japan, ist am Schicksal Oberschlestens völlig uninteressiert. Es hat von seiten Frankreichs nur . Uw. sxeyMMei^..chtfE^MW^E ckWenVMMy-/ M MsupWMMMnHW^tWW^ gegen dm neuerlichen AbMiiß. des englisch-japanischen Bündniffes MtbranNte, hat sich Paris bedingungslos auf die Seite Washingtons geschlagen und seinen ganzen Einfluß gegen Japangeltend gemacht. Die Argumente Briands werden den Japaner kalt Waffen, er wird mit feinem. Freunde England stimmen. Frankreich hat die Situation vorausgesehen und sich bemüht, wenigstens eine Stimme im Obersten Rate zu gewinnen. Es hat »nc Zulassung Belgiens gefordert, obzwar dieser Staat Mt zu den Großmächten zählt. Herr Briand hat im schweiße seines Angesichtes des Beweis konstruiert/ daß die oherfchlesische Frage für Belgien eine Lebensfrage sei. Seine Bemühung war nutzlos. Belgien ist ausgeschlossen und Frankreich allein. Frankreich ist aber nicht nur allein. Es kommt moralisch geschwächt zur Konferenz, den es hat gerade jetzt im Orient die schwerste Niederlage im Kampfe gegen England erlitten. Die von England gestützten Griechen haben über die von Frankreich geförderten und gehetzten Türken die Oberhand gewönnest. Vergeblich hat'sich England bemüht, Frankreich von einer Einmischung in die englische Orienlpalitik abzubringen. Für' das Desinteressement am Orient hat «England den Franzosen freies Spiel in Europa gewahren wollen. Frankreich wollte aber beides: Freie Hand in Europa und das Recht, England in seiner Onentpolirik zu stören. Es hat das Spiel .verloren. England hat feine Position im Osten gegen den Willen Frankreichs für absehbare Zeit gesichert lind kann num in der oberschlesischen Frage nach eigenem Gutdünken verfahren. Deutschland f)at öligen* blicklich die Ehanee, in der oberschlesischen Fragegut abzuschneidem Es wird, wenn die Lage sich nicht über Nacht gründlich Hubert, wohl nicht das ganze Gebiet, aber immerhin den Löwenanteil zugesprochen bekommen.. Wenn sich die Lage nicht ändert! Durch die Denkart der deutschen Reaktionäre ist dieses Wenn in bedrohliche Nähe gerückt. Es scheint wirklich nicht nusgeschloffen, daß. durch vorzeitiges Triumphgeheul der preußischen Siegfriedler, durch irgendeinen der im heutigen Deutschland stündlich zu erwartenden Vorstöße der revanchelüstigen Hakenkreuzhelden provoziert, der Oberste Rat seine Haltung im letzten Augenblick ändert. Bon deutsch-chauvinistischer Seite kann den Franzosen die Rettung kommen. z Frankreich hat aber m diesen Tagen nicht > nur einen schweren, wenig aussichtsreichen politischen Kampf auszufechten, sondern auch einen finanziellen. Gleichzeitig mit dem Obersten Rate tagt in Paris die Auf der Tagesordnung steht ikTÜ UH 44 Lloyd George für -Le Aebergabe des Jsidustriegebietes an DerttschEd. Par rs. 9. August. In der heutige» Bormittagssihung des Obersten Rates entwickelte Lloyd George den englischen Standpunkt und erklärte dabei nach einer Havas- Meldung »uter anderem, ma« dürfe nicht aus Oberschlesien ein neues Elsaß- Lothringen machen. Die gesamte Bevölkerung xon 5*2 Millionen enthalte nur 12 Millionen Polen. Das britische Reich würde niemals eine Lösung annehmen, die darauf keine Rücksicht nähme. Lloyd George schlug darauf vor, die Frage V nochmals durch Sachverständige prüfen zu lasten. (Der Vorschlag wurde a n g e n o m m e rr.j , Die Prüfung würde auf folgender Grundlage Wolgen: 1. Alle Stimmen mutzten für die Zusprechung des Gebietes an die eine oder andere Macht gezählt werden. Die Zusprechung könne nicht gemeindeweise erfolgsn, sondern entsprechend der Mehrheit» die sich herausgebildet habe. , 2. G i n z i g u n d a l l^ n^d a s,A yd w tl; li; 3 a r e s G * it% t ö» b e tra ch t e t, das das ^Herz Oberfchlestens fei. Das Industriegebiet müsse Deutschland Mgesprochen werden, da S d o r td i e M eh r h e i t er langt habe. 3. Die industriellen Gemeinden feien voneinander untrennbar, denn sie bildeten eine eigene wirtschaftliche Einheit. Lloyd G e o r g e sagte zum Schlüsse, er verstehe vollkommen den W u n s m Fra« streich s, G a r a n t re« in bezug ans seine Sicherheit zu haben. Der Oberste Rat werde sicher darauf Rücksicht nehmen. Wen« Frankreich ««gerecht aufs neue angegriffen wurde» fo werde das gesamte britische Reich wie in der Vergangenheit an seiner Seite stehen. Aber Frankreich sei augenblicklich nicht in Gefahr. Es muffe von seinem Siege nur mit Mäßigung und Billigkeit Gebrauch machen. Rach Eröffnung der Nachmittagssitzung des Obersten Rates legte Ministerpräsident B r i and den französischen Standpunkt - dar. Der Versailler Vertrag stelle klar fest, Naß! die Besiegte« auch die an dem Kriege V e r aut war t l ich e « gewesen seien. Man könne nicht beanspruchen, den Besiegte» ein p r io i l e g i e r t e s Los vorzubehalten. Die Verbündete« hätten beschlossen, das p o l n r sch e B o l k wieder zrt - erwecke«. - Indem sie diese« Beschlutz faßten, hätte« sie - sich verpflichtet, dem polnischen Volke die; Möglichkeit zum Loben zu sicher».' Durch einstimmigen Beschluß der Mitglieder der Friedenskonferenz sei O bersch lösten in den Friedensbedingüngen Pölert zugeteilt worden. Man habe hiedurch lebhafte Hoffnungen - und mächtige Präsumtionen erweckt. Man; könne übrigens deutsche Werken die! in^ Deutschland hohe Autorität genietze«,'in demselben Sinne anführen. Er verweise auf den Artikel ^Schlesien^ des Brockhaussched Koni versationslexirons. Zup AnterstLtzung seiner MnsfÜhrrWgen Verla« Briand die auf Oberschlesien bezüglichen Stellen aus der Rote der Verbündeten an Deutschland vom 25» Mai ISIS. Dev englische Bericht.; .Paris, 8. August. <Havas:) In ferner Pate entwickelten Darlegung ves. englischesu StanLpMMM r Letonte der iZachverständige. Sir. Mecil H urP, nachschetzt )Er/.,r gebnis der Abstimmung «hätten sich >678^ Mem-erntzW .für: - Polen und 844 für Deutschland, i479.000 siiir / Polen ' und 707.000 für- DeuFchland auZgesprocheru.^ Die englische Auffassung folgende: Erstens foll,^ wie^ - auch Fraykreich wünsche, die. gemeindeweise! Abstirnmung jnc:t <G r «und la ge d e r R e 8 e lu in g bilden . und jede .; meinde jenem Lande Mgesprochen werdm, für bas , siegestimmt hat, falls nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen. Zweitens sollen .Enklaven als «ftzm.eckmL-ßig für beide Teile ungerecht vermieden wetten. Wrrtschaft«lich..j voneinander nicht zu tretende Gemeinbeaz müßten, bei-,. sammen bleiben. Drittens müßte demnach das Zentrum,, des Industriegebiete s Deutschland - z.uAe-. s p r v ch e n werden. Der englische .Sachverständige warf^ dem französischen Plan, vor, daß er bei der Zutetümgder strittigen. Gebiete bte Abstimmungsverhältnisse, nmkphre. ein Gegenstand von einschneidendster Bedeutung: die Frage der Naturallieferungen Deutschlands an Frankreich. Der sranzösische Auftzauministec Loucheur und der Deutsche Ralhenau haben separate Verhandlungen geführt und der Plan, nach welchem Deutschland Maschinen und Baumaterialien^ als Kriegsentschädigung zu liefern hat, ist fast fertiggestellt.' Bisher hat England ruhig zugesehen. Nun erhebt es Einspruch. Es protestiert vor allem gegen Separatoerhandlungen und spricht Frankreich das Recht ab, mit Deutschland auf eigene Faust Verträge abzuschließen. Die Kriegsentschädigung in Gold, welche Deutschland zu leisten hat, muß nach einem bestimmten Schlüffe! unter die Sieger verteilt werden. England befürchtet nun, daß Frankreich m Form rascher und überreicher Naturallieferuttgen aus Deutschland auf Kosten der anderen Siegerstaaten mehr herauszieht, als ihm nach dem Schlüffe! zukommt. Es hat daher die Frage der Naturallieferungen auf die Tagesordnung der Reparationskommission gesetzt und Frankreich wird dort dm schwersten Stand haben. Zur Zertrümmerung der Entente, mag fie auch noch so große Sünden aus dem Kerbholz haben, wird es in Paris nicht kommen. Und es sollte auch nicht dazu kommen. Sie würde ein Chaos schaffen und neues, unendliches Leid über die Welt bringen. Ab« auch diejemgm» welche dm Bestand de» Bundes der Westmächte wünschen, werden es mit Befriedigung-' verzeichnen, daß der Ueberheblichkeit und Unersättlich- - keit der MUitaristsn, Reaktionäre und Profitgeier, ' welche heute leider in Frankreich regieren und alle fortschrittlich Denkenden zurückdrängen» eine Grenze gesetzt wird. Auch das jüdische Volk begrüßt diese Wandlung. Hat es doch die - Faust der ftmizösischm Reaktion empfindlicher zu fühlen 'bekommen als irgendeiner. Die französische Hetzpreffe tut heute in blutigstem Antisemitismus und wo immer auch in der Welt Judenmörder und Judenbedrücker schalten und walten, sie können gewiß lein, bei dieser Preffe Schutz und Förderung zu finden. In der Frage des Zionismus hat das reaktionäre Frankreich alles - aufgeboten, um den Wiederaufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina zu hindern. Auch die letzten blutigen Ausschreitungen in Palöfttna, von ver hetzten arabischen Elementen ausgeführt. stehm in ursächlichem Zusammenhang mit den Treibereien gewiffer französischer Kreise, die es weder in Europa noch im Orient zu Frieden und Völkerverständigung kommen lasten wollen. Wenn die Sitzung des Oberste» Rates die Zmückdcaugung der Träger der französtschm Reaktion, welche heute der allgewaltige Schutzherr der internationalen Reaktion ist, zur Folge habm wird, dann hat auch das jüdische Volk güten Grund, diele» Resultat zu begrüßen.