Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 909 (7.8.1921)
- Date
- 1921-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Einzelpreis B» Kronen rprSnuveratt-nspreife; 0 <•*: &um HbWtn in der Expedition. L. Bezirk, Labörprote 1 bi- 3, ober i« einer Serschleißs<eVe<Tr«flk): MvuaMch. Krone» ISO.— Mit Popversand für Wie« und Oesterreich r Monatlich . Krone« 130.— Lschecho-Slowakri; Monatlich. . Krone« 18.— BterteÜitbrlich . 54.— in tschrcho-slowakischrr Währnnz . Ungarn: Monatlich. . Krone» 70,— lvterteljShrltch , LIO^- i» nngarijchei ßLIHru», Iugoflawte« r Monatlich- . . Dinar 18.- Pterteljm»rlich .. 8V^- Einzelpreis 2» Krone« PrLnumerationSpreis^ _ Pole«: ' Monatlich. . Mark > polnischer WächanW Drntschlandr Monatlich. , . Mark l Monattt^^^kraaer. 6r^ _ Italien r ' "M MonatUch.... %{he6fJ ■ iLimnSnien: MonatlH . .-. . Lek »S^ Schweiz ui dalMci-« KittlMt Monatlich. Iraner s^ Vostsparkaffeulonts 150E Rr. 968 Wien» Sonntag den 7. August 1621 s. Jahrgang Der Sturm in Rußland. —7. Wien,?. August. Die Sowjetregierung scheint trotz ihrer Vertuschungsversuche am Ende ihrer Kraft zu stehen. Sie hat cs zulassen müssen,, daß die wichtigsten Stellen in dem allrussischen Hilfsausschuß von ihren Gegnern aus dem Bürgertum besetzt wurden, daß an die Spitze dieses Ausschusses ein ehemaliger Finanzminister des Zaren gestellt wurde und daß die in das Ausland reisenden Delegationen in ihrer Mehrheit nichtbolschewikische Mitglieder zählen. Die Noten Tschitscherins an die westeuropäischen Staaten unterscheiden sich auch im Tone sehr von ihren Vorgängern. Es wird nicht mehr von der imperialistischen Gefahr für Rußland gesprochen und die Politik hat in diesen Dokumenten nur insofern Platz gefunden, als sie verleugnet wird. Wenn das Sowjetsystem heute überhaupt noch besteht, so verdankt es dies kaum mehr seiner inneren Kraft als vielmehr der Tatsache, daß die russische Gesellschaft über keine staatsleitende Fähigkeit mehr zu verfügen scheint. Wie die Dinge stehen, ist das Sowjetsystem tatsächlich noch die einzige Form einer staatlichen Organisation und die Einstellung ihrer Tätigkeit, sei es durch eigenen Entschluß, sei es durch den Zwang einer Gegenrevolution, würde für Rußland Einbruch der Anarchie mit all ihren fürchterlichen Begleiterscheinungen bedeuten. Der Sturz der Leninschen Diktatur wäre, ^venn ec unvermittelt, erfolgt, der Beginn zur völligen Auflösung Rußlands und der Ukraine, die Einleitung einer neuen Katastrophe für Europa und Ästen, Es iss heUEkaum^Hchr notwendig, MFimMen MzuMWrr," öafi so komsiieu müßte wrHE es so kommen mußte. Was die SoMetregiMng, die ' den Nachrichtenapparat noch in Händen hat, also die tatsächliche Macht besitzt, selbst zugibt, ihre Darstellungen'der Hilflosigkeit des russischen Reiches, das alles spricht für sich selbst und unterstreicht für die europäischen Mächte die Notwendigkeit des raschesten Handelns. Der nächste Nachbar Rußlands im politischen Sinne ist heute England, dessen Regierung mit den Sowjets den ersten bedeutenderen Vertrag abgeschlossen pnd dadurch mit ihnen in intimere Fühlung, getreten ist. England hat. als erste Macht dem Vordringen der bölschewikischen Propaganda in Asien Halt geboten. Die aus der Verbindung mit den kemalistischen Türken . entstandene Bedrohung der englischen Position in Vorder- und Südasien. ist teils durch den griechischen Feldzug, teils durch die Hungerkrise Rußlands eingedämmt und tue englische Regierung kann heute an die 'Aufrollung und 'Aufklärung -es russischen Problems , und aller mit diesem zusammenhängenden Fratzen schreiten. Dieser Umschwung der Situation zeigt sich bereits in der Behandlung der oberschlesischeü Frage. Der Konflikt mit Frankreich dreht sich weniger um die Einzelheiten dieser Frage als vielmehr um die Auffassung von ihren Zusammenhängen mit best großen europäischen Angelegenheiten. Für Frankreich ist der vberschlesische Streit zu einem Angelpunkt der Politik geworden, weil die Interessen seiner Metallindustrie zu stark in den Vordergrund getreten sind und weil in einem früheren Zeitpunkt gewisse Zusicherungen an Polen gemacht wurden, deren Einlösung heute auf Schwierigkeiten, vor allem aber auf die. Tendenz Englands stoßen, endlich' mit Deutschland zu einem vernünftigen Abkommen zu gelangen und die deutsche Wirtschaft, die so große Reparationsleistungen schaffen muß, nicht ganz von ihren Kohlenreserven abzufchneiden. Der Oberste Rat, der sich morgen wieder versammelt, steht unter dem Druck, der großen Wandlung, die sich vom Osten her ankündigt. Er umfaßt diesmal auch die Vertretung der Vereinigten Staaten, deren Einführung durch ein Schreiben des Präsidenten Hgrding geschieht, in dem es heißt: Die Regierung, der Bereinigten Staaten wünscht, obwohl sie sich ihrer traditionellen Politik des Nichteinmischens in die euwMschen Angelegenheiten und die gerechte Lösung' aller jener Fragen, die ein allgemeines Interesse haben, wohl bewußt ist, an den Beratungen des Obersten Rates teihunehmeu. Der Präsident sei der Meinung, daß die wirtschaftlichen Fragen auch die Interessen der Vereinigten Staaten berühren, soweit sie den« Wiederaush.au Europas und,, den-freien Handel. Die englisch-ttanrösisehen Differenzen. Paris, 6. August.. (Tel.-Komp.), Aeber die französisch - englischen Gegensätze schreibt der „Vadieal" in einem Leitartikel: Die Verhandlungen des Obersten Rates werden schwierig sein. Man muß darauf gefaßt sein, daß die entgegengesetzten Anschauungen Englands und Frankreichs sich auch nach der Arbeit der Sachverständigen noch hartnäckig gegenuberstehen. Es wird mit großen Schwierigketten verbunden sei», ein Kompromiß zu finden. In solcher Lage ist es notwendig, daß die französische öffentliche Meinung ihre Kaltblütiakett bewahre und sich einmütig hinter die Regierung stelle. Diese ist sich wohl bewußt, daß zusammen mit dem europäischen Frieden und dem Dasein Polens ihr eigenes Los auf dem Spiple steht, denn das Parlament würde ihr eine Niederlage^ nicht verzeihen. Die Regelung der oberfchlefi-j scheu Frage ist für die Entente die letzte;, und gefährlichste Prüfung feit, dem gemeinsamen Siege. Diese Prüfung wird entscheidend sein. Frankreich wird ferner > zwischen einer Politik der Mitwirkung und!. einer rein nationalen Politik stehen. Entweder. werden die Alliierten die besonderen Inter-, essen Frankreichs auf dem Kontinent ans, erkennen oder unsere LebensinLereffen werde»; nicht beachtet und es wird nötig fein, au die Stelle eines Ententefriedens, einen f r a n z ö f i f ch e n F r i e d e n z« fetzen. Lloyd George würde gut tun, sich z«. besinnen, daß diese Wahl ausschließlich von ihm ab Hängt. v Ungarn räumt erst dann Westungarn, wenn die Räumung Fünfkirchens durchgeführt ist. B u d a p e st, 6. August. (Ung. Tel. Korr.-Bur.) Die interalliierte Geueralkommissiop hielt heute vormittags in O e d e n'b arg eine Sitzung ab, an der «ngarischepferts Regierungs- OomwMx S i g r n y^ aU Veyollmächtdiw der Regierung teilnahw. In X der Sitzung wurden die M o d n lchchcht e n festgesetzt» unter welchen Angarn seinen im Friedensvertrag von Trianon übernommenen Verpflichtungen nachzukommen bemüssigt ist. Graf Sigrah legte dar, daß die ungarische Regierung die Bestimmungen des Friedensvertvages nicht umgehen k ö n n e, sie zu erfüllen jedoch e r st i n der Lage sein werde, wenn die für Angara günstigen Bestimmungen des Vertrages, namentlich d i e R a u m nn g der von den Jugoslawen besetzt gehaltenen, durch den Friedensvertrag Ungarn zu^es^rochenen Gebiete, von den Großmächten in v o llem Matze d urch° geführtsein werde«. Gestern habe« in Oedenburg die Forul^liräicn der Uebergabe Westungarns an Oesterreich begonnen. Gleichzeitig hat die „Reichspost", ein in Oesterreich erscheinendes Blatt, eine Kundgebung der in Budapest sitzenden. Vertreter des westungarischen Volkes veröffentlicht, in welcher die Mitbestimmung dieser HorthU-Knechle über das Burgenland gefordert wird! Ein ungarischer Mimsterrat, der vorgestern tagte, befaßte sich mit dem Schicksal der magyarischen Mandate ans Wcstnngarn. Es handelt sich um sieben Bezirke, die in der Nationalversammlung verirrten sind, und nach Ansicht der führenden Persönlichkeiten werden die betreffenden Abgeordneten, darunter der Abgeordnete von Oedenburg, Graf KlebelSberg, auf ihre Mandate verzichten,_,_ Flieger über Angora. London, August. (Fnnkfprnch.) Gr ech'.sche Flugzeuge belegten Angora mit Bomben. Die Pogromwelle in Weitzrutzland. 'Paris, 's. August. (Jüd. Korr.-Bur.) In hiesigen jüdische«'-. Kreism sind ncur.lich Gerüchte über das Ueberhandnehmen dch Pogrome in Weißrußland eingelaufen. Diese PogrombewegvNß wird . von einer Organisation geleitet und gefördert,' die ftd&j. i g a z n m Schutzedcs Bat e r k a n d e s' u ntzi d e r F r e i h e i t" nennt, an. deren Spitze Boris S a w r-N» f o w steht. Die noch nnvvMrge Liste drr von - dm -.O-,gr»«W« betroffenen Ortschaften enthält MitMmgen über die UebersäÄ^ auf jüdisch; Städtchen 'während -ides^ Monats Juni, und zvin-i In dem Dorfe K o p a t k e l i s i, Kreis Mozher. Der Pogrom > fand anfangZJnnl statt und war durch ganz besonders Grausamkeit gekennzeichnet. Laut vorläufigen Feststellungen beträgt di^ Zahl drr-getöteten und verwundeten Juden 200. Kolonie Koiczicu Kreis Bobrmsk. Hier fand der Pogrom Mitte Juni statt«! Dw jüdische Bevölkerung .dieser Siedlung besteht ausschließlim ans friedfertigen Landwrrten und landwirtschaftlichen Arbeitern! Die Pogrombande verwüstete die Kolonie vollständig und mordet«' 80 Inden, währcnd die Zahl Ar verwundeten Jude« 100 betragt^ Im Dorfe P u l k o w i s k i, Gouvernement M i n f k, fandj, ebenfalls Mitte Juni ein Ueberfall statt, wobei an 20 Judm!, getötet oder verwundet wurden. Aeberdies wurden 25- Juden a Geiseln verschleppt, von denen bereits elf erschoffen wurden«!, Im Dorfe S t a r e w o, Kreis Sluz', haben.die Banditen au^ 25. Juni vier jüdische Fa.nilim, insgrfammt 16 Personen, förmlich! massakriert. Die fünfte Familie konnte ihr Leben nur durch Erlag! - ein^s großen Lösegeldes retten. , ' ':,v’’ Amerikas betreffen. Er betrachtet die Wiederhandhabung der »Politik der offenen TÜren^ als absolut notwendig zur Wiederherstellung geregelter Verhältnisse. Diese Meinurrgsäußerung sieht, trotz aller durch die diplomaüsche Höflichkeit - gebotenen Mentalreservationen wie eine ernste Änkündigüng aüs. Die Führung der Wirtschaftspolitik Europas, hatte bisher, bedingt durch die inneren Krffen und die hiedurch provozierte Unfreiheit Englands, zu sehr in den Händen der französischen Politik gelegen, die sich auß asten Punkten nur durch die Rücksichten auf den Tag ireiben ließ. Da aber England nunmehr vor der Verständigung mit Irland steht und durch den Besä)luß der Tjolllinions auf ein stärkeres Zu- . AMika Wb Polen will a« den Sitzungen des Oberste« Rates teilnehmen. Ä Warschau, 6. August. (Tct.-Komp.) In drr gestriW" Sitzung deö polnischen M i n i st e r r a t e s wwde der Bericht des polnischen Bizennnisters für Auswärtiges D o m b s k i über)' die H e U i n g f o r s e r K o n f e r e n z entgegengenomme«.! Ferner beschäftigte sich Uv Mknisterrat mit der Frage bttj ouswärtigcn Politik, inSbcsondcre m't O b e r s ch l e s i e n) - Dir Mmistcr des Auswärtigen wurde-bevollmächtigt, eine Notel an die verbiindeien Regierungen zu richten, in der'Polen seiner^ seits die Teilnahme an den Sitzungen deH- Obersten Rates verlangte, mit dcr Begründung, daß Pole»! an den Verhandlungen des Obersten Rates mehr interessiert «feiJ als Belgien. ‘ f ( mMnmmtiammasBmmmmM auch die europäische Politik den großen Weltinteressen dieser Mächte angepaßt werden. Diese Interessen aber fordern die endliche Wiederherstellung des politischen und wirtschaftlichen Friedens. Um dieses Ziel zu erreichen. muß der Hebel im Osten angefetzt werden. Die Not in Rußland ist .heute.das stärkste Problem!. Europas; sie ist, politisch anzufassen, das heißt, alle), Mächte, vornehmlich' aber England, müssen alle Kraft darauf konzentrieren.' das Verschwinden der pseudokommunfftifchen Oligarchen von schweren Er^. schütterungen des gesellschaftlichen Lebens freizuhalten', und die Heilung Rußlands unter ihrer stetigen sorg»! samen Kontrolle oinzulelten. Wenn Rußland auf de« . Weg Ungarns gerät, dünn würde dies den UMrgWai Mrppas.betzeuten. ' - i 'i