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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-04 · Heft 906 (4.8.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 906 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wie ans Konstantrnopel berichtet wird, enthält der kürzlich von der Nationalversammlung von Angora ratifizierte t ü rki s chrussische Vertrag unter andere» folgende Bestimmungen: Rußland verhftichtet sich» keine internationale Regelnnqanzuerkenne n, der nicht die türkische Nationalversammlung zugestimmt hat. Außerdem einigen sich die Türkei und Rußland grundsätzlich dahin, Keinen Friedensvertrag und Keine internationalen Akte anzuerkennen, die der Türkei oder Rußland gewaltsam aufgezwungen werden. Sowjet-Rußland anerkennt, daß die Bezeichnung Türkei alle Gebiete umfaßt, die in dem sogenannten nationalen Pakt des Parlaments von Angora umschrieben find. _ , Orient und Mtttelmeer. ‘ —5. W kr«. 4. August. Der Oberste Rat und der Völkerbund halten in diesem und im nächsten Monat Besprechungen, hie schwerwiegende Entscheidungen bringen sollen, Der Oberste Rat hat sich mit Oberschlesien, dem Orient und dem Balkan zu beschäftigen, der Rat des Völkerbundes, der anfangs September tagen soll, wird die .streditaktion für Oesterreich und die seit fast zwei Jahren der Erledigung harrende Klärung der Völkerbundmandate in Zentralafrika, in Palästina, Mesopotamien und Syrien und auf der Insel Pap im Stillen Ozean beraten. Alle diese Fragen sind aus den Friedensoerträgen heroorgegangen und die Verzögerung ihrer endgültigen Lösung erzeugt immer neue Konflikte. Politische, staatswirtschaftliche und privatkapilalistische Interessen kreuzen einander und erschweren, je mehr sie sich verdichten und je weiter die Zeit fortschreitet, eine Einigung. Die Gefahr, die in diesem Zustand liegt, fordert dringend eine Abkehr von der Methode der ewigen Vertagungen und der provisorischen Abkommen. Alle.Fragen Europas sind heute ausnahmslos, reif zur Erledigung. In Oberschlesien hat hine Volksabstimmung stattgesunden, deren für Deutschland günstiges Resultat nicht beachtet wurde; es wurde weder eine Teilung des Landes nach ethnischen Gesichtspunkten noch nach den Bedürfnissen der' Industrie vorgettvmmen. Diese UMarheit hatte einen blutigen Aufftanv der polnischen BchökkerNng zut Folge.' wyber die mit her natwnalen SMchünlg adeNischa^ozM^D^ Bebeendigt, gber eine'Knischeidung nicht gefällt worden; das Schicksal Oberschlesiens ist ganz in dem "Komplex der Ostfragen aufgegängen und vielleicht derzeit überhaupt nicht mehr befriedigend zu lösen. Die ungeheure, alle Fassungskraft übersteigende Katastrophe Rußlands saugt cäle politische Aufmerksamkeit aus und zeigt den inneren unlöslichen Zusammenhang aller Ostprobleme. Die russischen Randstaaten und Polen befinden sich in größterGefahr, von einer maßlosen Völkerwanderung überrannt zu werden, gegen die Kordons nichts Helsen können. Cholera und Pest klopfen an alle nach Europa führenden Tore. Die ostgalizische, oberschlchsche und beßnrabische'Frage, die Ukraine, die Stellung Wilnas mit seiner jüdischen Bevölkerungsmehrheit, alle heischen seht Antwort. Die Rot Rußlands läßt es als nicht zweifelhaft erscheinen, daß diese Antwort jetzt gegeben werden muß. Eine großzügige Hilfsaktion ist im Augenblick die stärkste politische Notwendigkeit für Europa und je peinlicher sie die Regierungsfrage vermeidet, um so besser wird dies sein, weil sich diese Frage ohne äußere Einwirkung rascher und glatter abwickeln wird. In der Türkei, die von Griechenland besiegt aber nicht entscheidend geschlagen worden ist, ringen zwei Strönmngxn miteinander: Die des Friedens, also der Überprüfung des Friedens von Sevres, und die des Krieges, der absoluten Verwerfung des Friedens. Die Friedensrichtung sympathisiert mit England, die Kriegspartei , mit Frankreich und zugleich mit besten Antipoden, den Bolschewiken. Der englische Einfluß ist W wie überall im Orient, der stärkere und der Widerstand Frankreichs läuft nur darauf hinaus, ein? größere Kompensation in Oberschlesten zu erhalten. Und da für England der Orient die wichtigste Position ist, wird es Frankreich über kurz oder lang freie Hand lasten und seine Kraft auf die Anbahnung eines Einverständnisses mitItalien konzentrieren, das feine Ein-, flußsphäre in Zisizien durch den griechischen Erfolg gefährdet sieht. Auch die albanische Sorge ist wieder lebendig geworden; Jugoflawien, Italien, Griechenland und — hie Albaner machen Ansprüche geltend, die Inselsrage wird aktuell und durch den Kabylenausstand im marokkanischen Rif, der für Spanien starke Verluste, an Menschen und Autorität gebracht hat, ist die gesamte Mittelmeerfrage ausgerollt, deren östlicher Teil, das jüdische Problem in sich schließt, das gleichfalls keine Verzögerung mehr ertragen kann. Hier muß, entsprechend den Forderungen des Vierzehn- Millionen-Dolkes der Jude«, Klarheit geschaffen werden und wir müsten das Intrigennetz kennen lernen, an dem seit dem Beschluß des Obersten Rates von San Remo gesponnen wird. Der Rat des Völkerbundes wird im September die Prüfung des englischen Revolution in Portugal? Paris, 3. August. (Tel.-Komp.) Eine Havas- Meldung aus M a b r i d besagt: Nach einem Telegramm ans Vigo an die spanische« Blätter, ist in Lissabon die Revolution ansgebrochen. Die Truppen sollen alle strategischen Punkte besetzt haben. Eine direkte Depesche ans Lissabon gibt die getroffenen Vorfichtsmatznamen zu, fügt aber bei, daß überall Ruhe herrsche. Ans den Pro» vinzen find Truppen «ach Lissabon gezogen worden. _ Das Progralnrtt des Obersten Rates. London, 8..^tv. diplomatische Mil- ' . .dm". Wpt-' sachlich beteiligten Machten' sinder augenblicklich' ein lebhafter Gedankenaustausch über das Programm der bevorstehenden Pariser Kons e r e n z des Oberst e n Rates statt. England möchte einen baldigen Abschluß dadurch ermöglichen, daß dir Beratungen auf Fragen beschränkt werden, die unbedingt ohne weitere Verzögerung gelöst werden müssen. Unser diesen Fragen befinden sich die oberschlefische Frage, die Feigen der Rhein-Sanktionen und der Kriegsschuldigen und auch die Fragen bezüglich der deutschen Verpflichtungen. Die Oberschlesien-Note in Berlin. Berlin, 3- August- (Tel.-Komp.^ Wie von zuständiger Stelle auf das bestimmteste versichert wird, ist die angekündigte Demarche derEn.tente heute erfolgte Am Nachmittag erschienen die Botschafter Frankreichs und Italiens sowie der englische Geschäftsträger im Auswärtigem Amte und überreichten dem Außenminister eine gemeinsame Note. In der Note wird die deutsche Regierung aufgesordert, für den ungehinderten Transport von T r u p p e ri v e>r st ä r k u n g e n der interalliierten Mächte nach Oberschlesten die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Reichsministrr Dr. Rosen erklärte nach Entgegennahme der Note, daß die deutsch^ Negierung alles tun w e-r d e, um den Wünschen der alliierten Machte in jeder Hinsicht zv entsprechen, Torrettas Besuch In Wien. Wie von informierter Seite milgeteilt wird, dürfte der italienische Munster des Aeußern Marchese della To r r e t t a nach Abschluß der italienischen Parlamentsseffion, also in rtlva acht bis zehn Tagen, aller Voraussicht nach zu einem kurzen B e such in Wien eintreffe n. Die Reise gilt, vor allem der Liquidierung der persönlichen Angelegenheiten . des Ministers. In finanzpolitischen Kreisen wird aber der Ansicht Ausdruck gegeben, daß bei dieser Gelegenheit auch die Stellung Italiens zur.Frage der SnSpendierang der General Pfandrechte eine Aärurig erfahren werde. Sollte Marchese della Toretta an der a« 8. d. M. beginnende» Tagung deS Obersten Rates persönlich terlnehmeu, so dürfte sein Besuch in Wien wahrscheinlich eineBerzvgerung vo« einigen Tage« erleiden. Mandatsentwurfes für Palästina vornehmen. Wir besitzen die Zusicherungen Englands, daß es auf einer raschen Entscheidung bestehen wird und erwarten, daßwenigstens diese Seite der jüdischen Frage m unserem Ginne aus der Diskussion genommen wird. Jedenfalls wird es gut sein, der Anwesenheit des päpstlichen Nuntius Monsignore Ceretti in Paris große Aufmerksamkeit zu schenken, da er selbst die Orientfrage als sehr dringlich bezeichnet. Die Häufung aller dieser «verstaatlichen Schwierig- Friede zwischen Sozialisten und Faszisten. R o w, 3. August. (Tel.-Komp.)‘ Die B e rsohnnngsverhandlnngen zwischen Sozialisten und Faszisten können als glücklich abgeschlossen betrachtet werden. Heute vormittags wurde den Vertretern beider Parteien vom Kammerpräsidenten das endgültige Abkommen zur Unterzeichnung unterbreitet. Das endgültige Abkommen enthält vier neue Bedingungen, in denen sich die Sozialisten und Faszisten verpflichte», die in den gegnerischen Parteiklubs und Arbeiter- Kammern erb e VL.it t e « G e g e n st Ln d e zurSÄzugebe». Die von den Faszisten, gewaltsam zum Rücktritt gezwungenen, fszialiflische« Beamten sowie Gemeinde- und Provinzrate werden ihre Wiedereinsetzung erlangen. - .' - ■ . V , ' ■ Der Kampf gegen die Kommunifte« in SSdslawie«. Die „Grazer Tagespost*' meldet ans B e l g r a d; Am Diensiag wurden auf Grund des Besckluffes über die Auslieferung der kommunistischen Abgeordneten zwölf der kommunistischen Partei angehörende A b g e 0 r d n e 1 e verhaftet. Von den slowenischen kommunistischen Abgeordnete« wurden bisher nur der Abgeordnete K 0 r e n, ein Bergarbeiter aus Trifail, festgenommen. In Effeg fanden große Kundgebungen gegen die Kommunisten statt. Eine große Menschmmenge zog vor das kommunistische Arbeiterheim, das vollkommen .zerstört wurde. Auf den Straßeu kam es zwischen den Demonstranten vnd den Anhangem der oppoütion.'llen Gruppe zu Schlägereien, wobei der Präsident des Effeger klerikalen Klubs schwer v erwundet-w«de, so daß er ins Spital gebracht werden mußte. Auch a«8 andere« Provmzorteu Kroatiens Neffen Nachrichten über Ex , eff e gegen Kommunisten ein. Die Abrüstungskonferenz. London. 3. Angnst. Der diplomatiche Berichterftaltei: ter „Evening Standard" schreibt, infolge der ablehnenden Haltung der amerikanischen Regierung, sei der Plan «»et B o 11 onfrren» zur Washingtoner Abrüstungskonferenz falle» gelassen^ worden. An der Washingtoner Abrüstungskonferenz solle« teil* nehmen: England (dessen Delegierte auch die Dominions vertrete»' werden), Frankreich, Italim, Japan, China «nd die Bereinigten Staaten. Sowohl 80yd G e 0 r g e als <mch Brian werden der Konsereuz beiwohnen. Die Grieche« marschiere« gegenAngora. Rom, 8. August. (Funkspmch.) Nach einer Meldung ans Athen wurde bei dem in Kutahia abgehaltenen Kriegsrate der Bormarsch aufAngora beschlossen. «!flnnaMmMffHnnmffMffmffnffnnffnP. Leiten, ihre Dringlichkeit und ihre Konzentration ouf. einen Zeitpunkt ist eines der klarsten Symptome für die Krise der Welt. Sie beweist die Qual der Menschen» die den Frieden nicht finden können und deren Schicksal durch einen latenten Kriegszustand verdunkeü wird. Die Verfallserscheinungen auf dem gesamten europäischen Kontinent stammen aus diesem Uebel, das seine Wurzeln wieder in dem Unvermögen der Ententediplomatte hat, Ursachen und Wirkungen auseinanderzuhalten.

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