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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-27 · Heft 898 (27.7.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 898 (27.7.1921)
Date
1921-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der englisch-französische Gegensatz in der Behandlung der oberschlesischen Frage beginnt langsam abzuklingen. England stimmt der Einberufung einer Sachverständigenkommission zu, die dem für den 8. August einberufenen Obersten Rat ein Gutachten über die verschiedenen Teilungsvorschläge vorlegen soll. Dagegen hält England seinen Einspruch gegen die Absendung französischer Verstärkungen nach Oberschlesien aufrecht, weil diese Maßnahme, wie sich Lord Cirrzon ausdrückte, einen antideutschen Charakter hätte. Dieser Einspruch gilt aber nur bis zur Tagung des Obersten Rates, ist also eine mrlilärtechnische Frage, die einer Einigung der Großmächte wohl kaum im Wege stehen wird. Inzwischen ist im Kreis Rybn'ck ein nationalpolitischee Streik der polnischen Arbeiter ongedroht worden und die Bevölkerung befürchtet eine neue - Aufstandsmelle. Daß die fortwährende Verschiebung der Entscheidung aus die' innere.Lage Deutschlands ungünstig. MÜckwirkt. ist selbstverständlich. Der deutsche Justizminister Dr. Schiffer hat in einer Rede in Remscheid erklärt: Die Mächte der Entente müßten sich darüber klar sein, wenn sie über die Frage der Aufhebung der Sanktionen und der Zuteilung von Oberschlefien * entscheiden, daß der Sturz des Kabinetts Mrth mehr bedeutet als einen bloßen PWuejWLchMWemr dasMbßMMWMWM Ereignissen hinweggefegt wird, so wird es keine Regierung geben, die chiNe ordnungsgemäße Entwicklung durchführen kann. Die Auflösung des Reichstages würde eine Erstarkung der Rechts- und Linksparteien sowie eine Zerreibung der Mitte bringen. Dann hätten wir das Chaos. Davon hängt, so fuhr der Justizminister fort, das Schicksal des Kabinetts Wirth, aber auch das Schicksal Deutschlands, weiter das Schicksal Europas und das Schicksal der Welt ab. Diese Warnung des deutschen Ministers ist natürlich nur mit großen Einschränkungen richtig. Es wäre in Deutschland die Bildung einer neuen Regierung unschwer möglich. Die Verhältnisse haben sich in ganz Europa seit dem Frühjahr außerordentlich geändert und die Entente ist nicht, in der Lage, sich ausschließlich mit Deutschland beschäftigen z« können. Für England und seine Bundesgenossen zur- See ist das Problem des Süllen Ozeans, das die Lebensfragen dieser Mächte einschließt, durch die Ereignisse im Osten und durch den chinesisch-japanischen Konflikt zu stärkster Aktualität herangewachsen und jeder der beteiligten Staaten sucht diplontklische Unterstützung. Da Frankreich im fernen Osten nur indirekt interessiert ist, überläßt ihm England den. europäischen Schauplatz und die Entwicklung in Deutschland spielt da eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle. Ei» Sturz des Kabinetts Wirth würde zweifellos die Situation belasten, aber kaum in dem Grad, wie sich dies der nationalüberale Iustizminister vorstellt. i Es zeigt sich überhaupt, daß die Ostfragen wieder stärker in den Bereich der Weltpolitik treten. Wir stehen vor schwerwiegenden Änderungen des politischen Systems in Rußland; die Sowjetregierung, die in dem vo.n einer ungeheuerlichen Hungerkatastrophe heim- «chlchten Rußland heute noch das einzig mögliche System ist, kämpft mit Anarchie und Korruption. Wenn sie dem Druck der in Fluß gekommenen Massen erliegt, dann hat Rußland überhaupt keine Regierung mehr, weil keine gesellschastsbildende Organisation vorhanden ist. Die Vorgänge in Rußland werden die Nachbarstaaten und von diesen ausftrahlend ganz Europa und Asien in Mitleidenschaft ziehen utib der Tag wird kommen, wo die Entente ihr pazifistisches Programm auf Rußland ausdehnen muß. Diese Wenpung wird den Auftakt zur Neuordnung Europas bringen. Bisher war Rußland ein ferner Erdteil, dessen inneres Leben..nur verschleiert und gedämpft zu uns klang. Durch das Unglück kommt es der Welt wieder näher imd feine innige Verbindung mir allen europäischen. Angelegenheiten wird uns Heute weit offenbarer als je. Rußland hat sich von Europa abgeschlossen und die Entente konnte erst nach langen Mühen aus den englischen Standpunkt des Nichünteroenierens gebracht werden. Es wird jetzt eid^.L(L dük dieler vTlsM, £ttjitatiri und Zusammentritt einer Sachverstandigenkorrferenz in Paris. ch London, 26. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfahrt, haben die britische und die französische Regierung nnnmehr ein Einverständnis über die Fragen von prinzipielle» Bedeutung erreicht, die mit Oberschlefien in Zusammenhang stehen. Wie bereits mitgeteilt wurde, hat die französtfche Regierung sich damit einverstanden erklärt, daß der O b e r st e Rat am 4. August Zusammentritt. Die britische Regierung hat den Vorschlag angenommen, vor dem genannten Zeitpunkt eine Sachverständigenkonserenz stattsinden zu lassen, und, um den Wünschen. Briands entgegenzukommen, zugestimmt, daß die Konferenz des Obersten Rates in Paris stattfinde. Die britischen Sachverständigen find heute abends nach Paris abgereist.. Eine Reife der Genannten nach Oberschlesien wird nicht in Erwägung gezogen. Als Ergebnis der Auseinandersetzungen zwischen den Regierungen ist eine v i e l bessere Atmosphäre geschaffen werden. Nunmehr besteht jeder Grund zur Annahme, daß die oberschlefische Frage sich auf dem besten Wege zur Lösung befindet und daß weitere Mißverständnisse bezüglich der Eutseudung von Truppe» oder bezüglich anderer Punkte wohl kaum mehr entstehe» werden. ■* Gestern find auf funNsntelegraphischlem Wege neue Nachrichten über die furchtbare Hun gersno t in Rußland emgeloüfen. Die Bevölkerung neun großer Provinzen RußlmÄs, nämlich von Astrachan, Saratow, Simbirsk, Wiatka, Ufa, Samara, Tambow, Nischnij-Nowgvrvd und Perm, ist durchs die Mißernte zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen; täglich gehen Scharen von Flüchtlingen auf dem Mge nach Sibirien zugrunde.! Aus Simbirsk wird gemeldet, daß sich dort 70 Bauern, halb' toll vor Hunger, gleichzeitig in die Wolga stürzten, tut der kleinste -Teil der zurück- . bleibenden Bevölkerung wartet in Ruhe und Ergebenheit das Ende ab; Banditoutum, Djiebstahl und Mäuberei greifen von Dag zu Dag mehr um sich. Nach Nachrichten aus 'Moskau soll auch die Prostitution dvn Frauen und jungen Mädchen entsetzliche Dimensionen annehmen. In den süd lichen- Provinzen und in der Ukraine mehren sich die Juden»" Massakers. FSr die Hungernden. Moskau» 26. Juli. (Funksvruch.) Das Petersburg?« Hilfskomitee für' die hungernden Gebiete wendet sich an die Proletarier der ganzen Welt. Konzerte, Theater-, Zirkus- und Kinovorstellungen zugunsten der Hungernden in Rußland zr veranstalten. Verlegung der türkische» Nationalversammlung? London, 26. Juli. (Tel.-Komp.) Einer Nachricht aus Konftantinopel zufolge hat die kemalistifche Regierung sich infolge des griechischen Vormarsches gezwungen gesehen, Regierung und Nationalversammlung von Angora nach S i v a s z» verlege«. Zwei französische Kreuzer vor Konstantinopel gesunken. Paris» 26. Juli. (Funkspruch.) Die ftanzösischen Dampfer „Mck6chal Foch" und »Gsnöral Perquet* sind in der Nähe von Konstantinopel auf Treibminen gestoßen und g e s u n k e n. Die Bemannung Konnte gerettet werden. Die Inden in Thrazien. Athen, 2e. Juli. (Griech. Preßbureau.) Der Oberrabbiner und der Präsident dvc israelitischen Kultusgemeinde von A d r i a n o p e l richteten an den Minister des Aeußern einen telegraphischen Protest gegen die von Paris aus verbreiteten Gerüchte, wonach die Juden in Thrazien aus Angst vor dem Antisemitismus nach Konstantinopel siiehen. Die beiden Herren erklären, daß weder in Adrianopel noch überhaupt m Thrazien irgend welche Judenfeindfchaft herrsche, daß im Gegenteil die griechische Regiernng alle Vorsorgen für die Juden getroffen habe, die aus N i k »media nach Thrazien in einem anderen Sinne. Europa muß Rußland helfen, es muß ihm Lebensmittel und Arzneien geben, aber es muß ihm auch beistehen, den Weg aus der kommunistischen Wüste herausznsirrden. An der russischen Frage aber hängen die polnische, die tschechische, die vorderasiatische und die Baliranjraye. Die innige Ver- Mmm aü, ükia tuuäi tzea aum^QXKoeu geflohen seien. (Aus dieser Depesche erfährt man von einer neue», Seite des jüdischen Flüchtlingseleuds. Aus N i k o m e d i a, dem türkischen 9 s m i d, sind die Juden nach dem heute griechischen Thrazien geflüchtet. Dies muß vor der Verdrängung der Griechen aus' Jstnid erfolgt sein, also vor etwa drei Wochen.) ■ '_• Westrmgarn mntz bis2? August übergeben werden. Ebenso Fünfkirchen an Ungarn. L o n d o «, 26. Juli. (Funkspruch.) Eine -er Folgen des Inkrafttretens des Vertrages von Trianon ist die Aeb er g ab e Westu u g a r n s a » O e st e r r e i ch und des Kohlengebietes von Fünf Kirchen von Jugoslawien an Ungarn. Der Prozeß der Uebergade Westnngarns an Oesterreich wird einige Wochen zur Durchführung brauche»; die Botschafterkonferenz hat de» 27. August als z e i t l i ch e u E » d t e r m i n für die Beeudigung der Aeb ergäbe festgesetzt. Die Osfiziersdetachemeuts der Euteutemächte» die mit der Aeberwachung der Uebergäbe betraut find, find verstärkt worden. ab« nicht gelösten Angelegenheiten hat bis heut^, eine Beruhigung Europas verhindert. Rußland gibt. nun den Anstoß dazu, daß die Dinge wieder ins! Rollen kommen und daß ihre endliche Klärung er-» folgen muß. Das ist nur durch einen allgemeinem Friei)enskottale>; und dmck den Ausbau dMVMpi;

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