Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 897 (26.7.1921)
- Date
- 1921-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Stt . K7 Men, MensLag Wiener tiforgenteitung 26. IM 1921 Inland. Die antisemitische Praxis in den österreichischen Gemeinde«. Die jüdischen Mandatare über' den Beschluß von Eferding. Es ist nicht wahr, baß es Oesterreich schlecht geht und «s der Nachsicht und des Kredits des Auslandes zu seiner Rettung bedarf. Das Gegenteil können höchstens die Negierungsleute in Wien, der auf den Bettelstab gebrachte Mittelstand und schwarzseherische Politiker behaupten und in die Wett hinausschreien; die Großdeutschen von Eferding in Oberösterreich' wissen es besser. In Wien wird alles Mögliche angewendet, um das fremde Kapital ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession seines Besitzers ins Land zu locken, und wenn es kommt, so wird es allerdings sich schwer darüber hinwegtrüsten müssen, daß es in Eferding in Oberösterreich nur dann länger als 24 Stunden verweilen und sich vermindern darf, wenn es den- Nachweis erbringt, baß es einem Arier gehört. Wir fürchten jedoch, daß der Ausländer, der den Beschluß des Eferdinger Genreinderates, wonach Nichtarier, selbst wenn sie Oesterreicher sind, den Aufenthalt in der Gemeinde nur für 24 Stunden gestattet, die Sache gar nicht so spassig aufnehmen, sondern sich vor allem dafür interessieren wird, wie sich die Regierung zu einem solchen Attentat gegen die Staatsgrundtzesetze, gegen das Prinzip der Gleichberechtigung und schließlich auch gegen die Bestimmungen des Friedens- Vertrages, welche die völlige politische und bürgerliche Gleichstellung aller Staatsbürger Oesterreich zur Pflicht machen, verhält. Der Ausländer wird es einfach unbegreiflich finden, daß in Eferding Grvßdeutsche es waren, die diesen skandalösen Beschluß beantragten und durchsetzten, und wird sich dies nicht anders erklären können als durch den Umstand, daß in dem gegenwärtigen Kabinett das wichtige lstessort des Ministeriums des Innern in den Händel des Führers der Gvoßdeutschen Dr. Waber liegt, der, wie es sich immer mehr herausstellt, seine ganze und offenbar einzige Aufgabe darin erblickt, jeden Versuch des Kabinetts Schober, die Staatsgrundgesetze und den Friedensvertrag ehrlich zu erfüllen, mit allen Mitteln zu hintertreiben, wenn es gilt, Gesetz und Friedensvertrag auch für die Juden wirksam zu machen. Die schwere Geburt des, Kabinetts Schober, dessen Chef nahezu die alleinige Bürgschaft nach innen und außen ist, kam bekanntlich nur so zustande, daß die von den Großdeutschen präsentierten Fachmänner eigentlich als Kontrollorgane entsendet wurden, die ihre Fachkenntnisse nicht so sehr auf ihrem Fachgebiet als vielmehr im Rassenantisemitismus beweisen und alle Bemühungen sabotieren, das Ausland davon zu überzeugen, daß Oesterreich wirklich' gewillt ist, unter Ausschaltung der nationalen und konfessionellen Gegensätze an dem Wiederaufbau des Landes alle produktiven Kräfte Mitarbeiten zu lassen. Nicht um den Flecken Eferding, dem schließlich, die> Nichtarier, leichten Herzens den Rücken kehren können, : Jeder Jude ■ spende am 31. Juli ■ anlässlich des ■ : Ganges der Österreich. Zionisten 1 8701 xnm! Grabe Theodor Herzlsl für den Jaar Austria64 : 99 v minniinnnmwnni ■ ■ » Jeder kaufe das offizielle Abzelohen des Jüdischen Nationalfonds zugunsten des „Joar Austria“ im Bureau des J. N, F., IX., Zirkusg. 33. die beim Herzlgang J _ JE Abzelohen ▼erteilen ■ wollen, melden sioh in der Zentrale des J. N. F. 5 dem Minister des Innern Dr. Waber und von denjenigen, die ihn als Verhinderer einer ehrlichen Reform- Politik ins Kabinett kommandierten, verkörpert wird. Es liegt im Interesse der Regierung und des Landes, zu heweisen, daß in Oesterreich nicht Eferding die Politik leitet und die Eingabe des Klubs der jüdischen Mandatare hat, wenn wir sie richtig verstehen, auch keinen anderen Zpeck, als der Regierung die Gelegenzu bieten, diesen Beweis in unzweideutiger Weise zu liefern. « Der Klub der jüdischen Mandatare hat an den Minister des Innern die folgende Eingabe gerichtet : ' Di: „Wiener Morgenzeitung" vom 22. Juli brachte gl ich anderen Tagesblättern die Mitteilung, daß die Gemeinde Eferding in einer außerordentlichen Gemetndrcmsschußsitzung über Antrag ein.s Gemeinderates namens Runge beschlossen hat, die Aufenthaltsdauer in der Gemeinoe Eferding für Nichtarier auf 84 Stunden zu beschränken. Wir haben nicht die Absicht, gegen diesen Beschluß der sich durch seine Borniertheit und Unverschämtheit schon genügend charakterisiert, zu polemisieren. Wir sind jedoch gezwungen, darauf aufmerksam zu machen, daß dieser Brschluß die Gesetze dieses Bundesstaates in ganz . unerhörter Weise verhöhnt und daß dieser Beschluß überdies gegen die Bestimmungen, des Friedrnsvertrages von Saint-Germain über den Schutz der Minderheiten verstößt. Wir erheben gegen diesen Beschluß namens der jüdischen Bevölkerung Wiens entschiedenst Protest und ersuchen Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister, dafür Sorge tragen zu wollen, daß dieser Beschluß kassiert wird." Diese Eingabe, die vom Landjagsabgeerdneten Stricker und den Gemeinderäten Dr. Bruno Poll'ak, Dr. Jakob Ehrlich und Dr. Plaschkes unterfertigt ist, wurde in Abschrift gleichzeitig der handelt es sich hier, sondern darum, daß Eferding I Kanzlei des Bundeskanzlers D'r. Schober mitgeteilt, ein Prinzip, ein System bedeutet, das in Wien von! ' , - Erinnerungen an Theodor Herzl. (Zu seinem Todestags Zweiunddreißig Jahre sind es eben, daß ich Theodor H e r z l kennen lernte. Mehr als ein Menschenleben ist seit dieser Zeit vergangen, ein Menschenleben voll noch niemals bageweseneir Ereignisse. Darunter! die große Bewegung innerhalb' des Judentums. In der Redaktion des Szepsschen „Wiener Tagblatt" war es, wo wir, miteinander bekannt wurden. Ein ziemlich gleiches Schicksal führte uns zusammen. Beide waren wir sogenannte Externisten des Blattes, Mitarbeiter ohne fixe Bezüge, nur gegen Zeilen-, respektive Artikelhonvrar. An Dienstzeit war ich be,r Nettere, da ich schon seit einem Jahre'„auf Zeilen" tätig war, aber ich war auch wirkliches Mitglied der „Szepsschen Knabenkapelle", wie man uns Junge scherzweise in der Wiener Journalistik nannte. Herzl war eben aus Deutschland nach Wien zurückgekehrt und gastierte heim „Wiener Dagblatt" auf Engagement. Wiewohl wir verschiedenen Ressorts angehörten — Herzl arbeitete im pvlittschliterarischen Teil, foi« „Knabenkapelle" war mit der Tageschrvnik beschäftigt — kamen wir doch täglich in Berührung. Herzl interessierte sich für alles. Wiederholt erkundigte er sich bei uns, was es Neues in der Stadt gäbe. Er ließ sich über alle bemerkenswerten Vorgänge genau unterrichten und machte seine Bemerkungen dazu: „DaS wäre ein Stoff zu einer bürgerlichen Tragödie" oder „Eine fertige Posse"; manchmal auch „difsicile — sattram non scrib'ere". Die Verhandlungen im Parlament und die Meldungen aus' dem Ausland fesselten besonders seine Aufmerksamkeit. Wenn sich zwischen den: einzelnen Redakte um über die Wertung einer Nachricht eine Debatte entwickelte, was regelmäßig mehrere Male in der Woche der Fall war, beteiligt« sich Herzl immer in lebhafter Mise an der Diskussion. Mit Feuer And Flamme verteidigte er gegen das ganze Bureau seine Ansichten. Und wenn er einen Gegner nicht mehr sachlich widerlegen konnte, so führte er ihn mit eweri sarkastischen Bemerkung ab — und hatte alle auf seiner Seite. Damals floß noch wenig von seiner Feder ins Blatt. Kleinere Notizen sozialpolitischen Inhalts, Entrefilets und andere Kleinigkeiten von ihm brächte das „Dagblatt. Aber jede, auch die kleinste Arbeit zeigte Stil und Charakter. Alles war scharf pointiert. Erst später schrieb er größere Artikel, worin er seinem liebenswürdigen Sarkasmus und der Satire freien Lauf ließ. Zwei dieser Aufsätze sind mir im Gedächtnis geblieben. Der erste bezog sich auf den Eisenbahnunfall des Zaren Alexander III. bei Brody, dev sich später als nihilistisches Attentat darstellte, wobei es Tote und Verwundete gab. Eine Meldung besagte damals, daß der Zar ein Stück verfaulter Eisenbahnschwelle vom Boden aufgehoben und seiner Gefolgschaft gezeigt hätte. Diesen Vorfall nahm nun Herzl zum Gegenstand einer Satire auf die Verhältnisse im russischen Reiche. Er hat uns den Artikel vorgelesen und' fand einmütigen Beifall. Die zweite Arbeit HerzlH, deren ich mich erinnere, betraf das sogenannte „Höferecht", das gerade Gegenstand langwieriger Verhandlungen im Parlament war. Ein Gesetz wurde angenommen, laut welchem nur der älteste SohU der Bauers nach dessen Tod den Hof zu übernehmen hatte, während die übrigen Kinder mit einem kleinen Teil der Verlassenschaft abgefertigt werden sollten. Darüber verfaßte Herzl ein Feuilleton unter dem Titel: „Der Stein um den Hals." Er schilderte darin eine Hündin, dße; mehrere Junge zur Welt brachte. Der vermutlich „Erste" wurde im Bauernhof am Leben erhalten, während man den anderen je einen Strick um den Hals Landl und im Dorfbach ertränkte. Das Feuilleton erregte in politischen Kreisen allgemeines Aufsehen. Herzl besuchte sehr häufig das Theater. Akn liebsten hatte er die' „Burg", wo er mit den örstert Kräften in persönlicher Berührung stand. Zu Mittag erschien ex gewöhnlich in der Redaktion, UniversitLtSstraße 4, und ließ sich da mit einigen Kollegen in Lebhafte Debatten über Bühnenwerke und Aufführungen ein. Bei einer solchen Erörterung spielte ich eine Art passiver Rolle. Jeden Mittag .hatte einer, von uns TU tzeite 3 Dt« Kredithilfe für Oesterreich. Bekanntlich hat der Finanzausschuß des Völkerbundes, um die Rettung Oesterreichs zu erleichtern, dm Signatarmächtm des Vertrages von Saint-Germain nahegelegt, für eine gewisse Zeitdauer hindurch auf das ihnen zustehende Generalpfandrecht zu verzichten. Die Anregung ist von allen beteiligten Staaten, auch von Italien angenommen wordm. Die amerikanifcheRegierung, an die sich der VölkerbundauSschuß gleichzeitig gewendet hatte, hat nun Mitteilen lassen, daß fie gern dem Beispiel der anderen Mächte folgen würde, daß dies aber nicht eher möglich sein könne, bis ein diesbezügliches Gesetz vom Kongreß der Bereinigten Staatm angenommen sein werde. Die Verzögerung wird, wie der »Petit Parifien* schreibt, leider eine sehr »achteilige Wirkung haben, denn die Rettung Oesterreichs ist eine Frage von M.o ch e n. In den leitenden Kreisen des Völkerbundes ist jedoch die Hoffnung, noch nicht aufgegeben worden, daß die amerikanische Regierung in dieser Richtung einen schnellenBeschluß fassen werde. Oesterreich hat bereits lobenswerte Anstrengungen gemacht, um die Aufgaben derer, dir ihm Helsen wollen, zu erleichtern. Sobald Amerika seine Zustimmung gegeben haben wird, wird die vorgesehene Organisation funktionier« können und jeden MonatOesterreich Kredite zurBerfügung stellen können, die zwei bis drei MillionenPfund erreichen und der kritisch« Lage der österreichischen Republik ein Ende machen werden. Dte Räumung Westungarns. Meldungen aus Westungarn zufolge sind die ungarischem Behörden bereits mit den Vorarbeiten für die Räumung beschäftigt. Die Staatsbehörden, die bisher in Oedenburg ihren Sitz hatten, übersiedeln nach Ezorna. Der Umfang der Räumuugsarbeiten läßt daraus schließen, daß alle-, war nicht niet- und nagelfest ist, f ortg «schleppt werben wird. In Oedenburg stehen bereits' zehn Waggons für den Abtransport bereit. Aller wird mitgenommen werden, vom Spucknapf der Amtsvorzimmer bis zu den Reserveschienen der Bahnhöfe, selbst Fensterscheiben und Türrahmen. Insbesondere töird aber darangegangen, sämtliche staatlichen Telephon- und Tele grap henapparate, soweit sie nicht von Privatperson« gemietet sind, abzumontieren. Weit unangenehmer ist jedoch der Umstand', daß die ungarischen Behörden auch ihr gesamtes Aktenmaterial und sämtliche Auszeichnungen tvegzuschäsfen entschlossen sind, namentlich auch die Akten der Finanz» direktion in Oedenburg. Lassen sich auch hier einzelne Aufzeichnungen und Akten nach den Angaben der Gemeindebehörden, die insgesamt unverändert bleiben, rekonstruieren, so wird es aber zum Beispiel ganz ausgeschlossen sein, Akten der Oedenburger Bezirksforstverwaltung, des Forstingenieuramtes, die nicht rasch wieder herzustellende ungemein wichtige Aufzeichnungen enthalten, zu ersetzen. Diese Behelfe dort zu beschaffen, wird Aufgabe der in Aussicht genommenen Verhandlungen sein, da sie unbedingt in den Händen der zukünftigen österreichischen Verwaltung sein müssen, um in kürzester Zeit reibungslose Verwaltungsarbeit zu sichern. Mit der Räumung Westungarns ist auch die Aufhebung der Oedenburg er Po st- und Telegraph en- Jungen bis 2 Uhr Telephondienst. Diesmal traf mich die Reihe. Während ich an meinem Schreibtisch mit einer wichtigen literarischen Arbeit beschäftigt war (ich notierte meine „gelieferten" Zeilen — fünf Kreuzer für jede), standen vier geistreiche Herren um meinen Tisch, auf dem ich eben ein frisches Päckchen Zigarettentabak aufgestellt hatte. Rechts Vinzenz Ch iava c ci und Alexarcker Lande sb erg, die bekannten zwei Humoristen, links Ludwig G'anghvfer und Theodor Herzl. Niemals sah ich einen größeren Gegensatz in der Schönheit zweier Männer als bei diesem Paar. Ganghvfer mit seinem üppigen, blonden Lockenhaar, den großen, blauen Augen und dem blonden Bart, der Typus eines Germanen, Herzl mit der bräunlichen Gesichtsfarbe, dem kohlschwarzem, ins Bläulich.« schimmernden Kopf- und Barthaar, den feurigen, schwarzen Augen, das Urbild eines feinen SemitenstämmlingA . . . , Die vier Herren ergingen sich in Apercus Und Witzen. Da näherte sich mir Ganghvfer: „Darf ich mir, bitte, ein« Zigarette machend „Bitte, Herr Doktor." Herzl tat dasselbe. Und Chiavacci mit Landesberg, die sonst keine Zigarettenraucher waren, folgten dem Beispiel. Das ging so eine Mibe fort. Einer narb! dem anderen kamen sie heran und dampften auf meine Kosten. Plötzlich bemerkte ich, daß der Inhalt meines Rauchpäckens auf die Hälfte zusammengeschmolzen war. Keine Kleinigkeit. Nicht immer war ich in der angenehmen Lage, mir den Luxus eines SpezialitätentabaÄ vergönnen zu dürfen. Er kostete damals 23 Kreuzer. Ich mußte eine gute Woche hinter mir haben, da ich mir eine solche Ausgabe erlaubt«! Und da — zu meiner Schande muß ich es gestehen *— erwachte in mir die Selbstsucht. Ich packte Tabak uitb Rechnung zusammen und schlich mich unter irgendeiner Ausrede in ein Nebenzimmer. Hinter der Türe vernahm ich die Stimme Ganghofers: „Mir scheint, der «ist davongrgangen, weil wir ihm den Tabak ausgeraucht' haben." Da meinte Herzl: „Na, Sander S.. (unser Hauptadministrator) wird schon dafür sorgen, daß er sich das nächste Jahr wieder so ein Paket kaufen kann." Einige Tage später,, ich hatte dieje Suche schon