Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 897 (26.7.1921)
- Date
- 1921-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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In den Bereinigten Staaten ist zu einer derartigen Zustimmung Fuch die Einwilligung des Kongreffes unerläßlich, der aber erst im Herbst zujammentritt. Die Regierung will ihm eine Vorlage unterbreiten, wonach sie bei allen Krediten für notleidende Staaten ein gewiffes selbständiges Verfügungsrecht erhält. Die Reise des Herrn Avenol zeigt, daß in Amerika derzeit noch starke Bedenken gegen eine solche Lösung der Angelegenheit bestehen, sie wäre aber kaum unternommen worden, wenn man in Paris und in Genf sich nicht vorher über sicheren Erfolg. vergewissert hätte, zumal auch der britische Vertreter in der Finanzkommission des Völkerbundes, Herr Fraser, nach Amerika gereist ist, um in Los Angeles mit Vertretern der Banken die Finanzlage Europas zu besprechen. Für die Fahrt Avenols ist die Form gewählt worden, daß er als Vertreter Frankreichs auftritt, um seiner Mission besonderen Nachdruckszu geben. Oesterreich kann diese Bestrebungen nicht direkt unterstützen, da . die Senatsresoluüoy, die. den Friedensgnstand zwischen Amerika und den WiMstyaten herstE poch nicht in Kraft getreten ist. Oesterreich hat nu< bas/eine zu tun, daß es den Beweis seiner Kreditwürdigkeit führt, und hier kommen weniger materielle als ' moralische Unterlagen in Betracht. Oesterreich hätte zü zeigen, daß es ein ordentlich verwalteter Staat ist. daß es seine Einwohner nach den Prinzipien der Gerechtigkeit behandelt und daß es den Willen zu loyaler Arbeit besitzt.. Aber solcher Beweise gibt es nicht viele in diesem Staat, eher könnte man das Gegepteil vermuten. In Oesterreich wird jetzt wieder unter den Augen und unter der ausdrücklichen Verantwortung detz Ministersdes Innern Wader der Friedensvertrag gebrochen. Tausenden von Personen, die auf Gmnd der klaren Bestimmungen des Vertrages von Saint- Germain sich um die Staatsbürgerschaft bewerben, wird die Ausnahme verweigert. Das betreffende Amt versendet fabnksmäßig hergestellte Bescheide, die den Optanten zweifach treffen: Seine alte Staatsbürgerschaft wird angezweifelt, eine neue erhält er nicht. Das trifft selbstverständlich jeden in der wirtschaftlichen Existenz sehr empfindlich und liefert ihn allen Schikanierungen unserer subalternen Gernegroße wehrlos aus. die es, im Sinne ihres Ministers, für eine Großtat' ihrer Nation anfehen, wenn sie einem Juden durch ihre Quälereien das Leben verbittern. Denn es handelt sich um eine offen zugestandene antisemitische Praxis, bei der für die Abweisung der Petenten nicht sachliche Gründe, sondern lediglich die Herkunft, der Name und das äußere Aussehen die bestimmende Rolle spielen. Herr Waber steht freilich in diesen Dingen nicht allein, er setzt eine sorglich gehütete Tradition fort und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß diese Rechtsverletzungen allmählich den Charakter von Gewohnheitsrecht erhalten. Es ist auch nicht weiter verwunderlich, daß die Bevölkerung das Beispiel dieses obersten Wahrers der Gesetzlichkeit befolgt, daß sich die Reihe jener Orte mehrt, die das Recht der Freizügigkeit den Juden abfpricht. Gestem war es Mattsee, heute ist es Eferding, morgen wird irgendein anderes großdeutsches Pfahlbauernnest den Juden — mohlgemerkt allen Juden — das Aufenthaltsrecht verweigern oder ganz absprechen. Wir hoffen, daß kein jüdffcher Bürger von Selbstbewußtsein diese Orte aufsuchen wird, aber die Gemeinheit, die aus solchen Beschlüssen spricht, darf man nicht dulden. Es ist den Größtzeutschen schon bewiesen worden, daß außerhalb Oesterreichs ihre Bäume nicht in den Himmel wachsen, und sie werden dies auch jetzt erfahren. Aber find solche Handlungen die geeigneten Voraussetzungen für Vertrauen und Kredit im Ausland? Trotzki warnt Europa. Nach finnischen Berichten schreibt die „PrawdN", baß in Nußland die Zahlen-, Metall-, Petroleum- und alle anderen Industrien gelähmt sind und am Rande einer Katastrophe stehen. Trotzki droht, wenn alle Lebensmittel in Rußland erschöpft sind, werde der Au szng der Massen aus Rußland nach! Westen folgen Und die Vorhut bei dieser Ueberflutung von» Westeuropa bilden. 30 Millionen Menschen fliehen aus de« Hungerbezirken in Verzweiflung auf der Suche nach! Gegenden, wo es noch Lebensmittel gibt. Der Auszug bewegt sich! in drei Richtungen: nach, Sibirien, nach Südrußland und nach Moskau. Alle Vieh- und Getreidevorräte sind erschöpft durch die hungernden Massen. Horden stürmen die Eisenbahnzüge und zerrütten den ganzen Eisenbahnverkehr. Die Sowjets rufen Militär herbei, um die Städte vor den Hungernden zu schützen. An vielen Orten kam es zu verzweifelten Kämpfen zwischen Militär und dem rasenden Volke. Aus vielen Orten werden' Unruhe«! gemeldet, weil die Bauern sich! der Wegnahme ihrer letzten Getreidevorräte erwehren. Die Lage spitzt sich schnell zu. Die Bolschewiken verlieren jede' Herrschaft über die Massen. Irr Sowjetkreisen ist der verzweifelte Gedanke auf-, getaucht, eine n jgjeJCjx Rumänien 'zu unternehmen, um sich der dortigen Getreidevorräte' zu bemächtigen'; jedoch., in den gemäßigteren Kreisen, mit Lenin Ln def Spiße, steht man' solchen abenteuerlichen Plänen entschieden ablehnend gegenüber. ' Moskau, 25. Juli. (Funkfpmch.) Das Gouvernement Astrachan hat. sich zunächst noch ans der Umgebung mit Lebensmitteln versorgt. Da diese Hilfsquellen jedoch bereits versiegt sind, ist die Lage sehr bchrohlich. Z a r i z i n ist durch den Bürgerkrieg vollkommen verwüstet. Die Ernte ist infolge der Dürre gänzlich zugrundegegangen, die Lage entsetzlich, Kinder irren hungernd herum und betteln um ein Stückchen Brot. Die Arbeiter verlassen die Betriebe und fliehen. — Aus S a r a t o w wird gemeldet: Die städtische Bevölkerung sticht nach ollen Richtungen. Die Stadt selbst stellt ein großes Hungerlager vor. Auf den Plätzen sterben die Menschen dahin. Die Landbevölkerung verschafft sich Mehlersatz aus vermählen«» Rinden und Tierknochen. Das Vieh wird verschleudert. Die deutsche W v l g a! otonte hatte 70 Prozent des Bodens angebaut, aber fast alles ist zu» grmdegegangen. Für den ganzen Winter droht furchtbarster Hunger. Die Zahl der Kolonisten beträgt etwa 5YV0 pre Dorf. Bon diesen liegen im Durchschnitt 4200 i m S t c t 6 t tt. In jedem Dorf sterben täglich bis zu 60 M en s ch en. Scharen ziehen in die Steppe «nd reiffen dort dir letzten Büschel Gra» auS, wobei es zu blutigen Zusammenstößen kommt. Die Bevölkerung stieht nach allen'Richtungen- Aus Nordkaukasus. Sibirien und Tnrkesta« kam eine Karawane deutscher Bauern «ach Moskau und will nach Deutschland weiterziehen. In Uf a ist die Wintersaat zu 80 bis 99%!*• grnnve gegangen. Nene Aussaat ist unmöglich. Der Hunger begann hier schon im März. Die Land-- «nd Fabriksbevölkerung ernährt sich von Gras. In Orenbnrg herrscht großer Lebrnsmittelmangel, der zum Teil durch dieSchafkäsevovr 8 1e ausgewogen wird. Infolge Futtermangels geht das Bich massenhaft ein. Ans D j a t I a wird berichtet: Dir Ernte reicht nicht ein» mal zur neuen Aussaat. Die Bauern verlaufen massenhaft lebendes Md totes Inventar «m Brat. Die Sterblichkeit erhöhte sich auf 39*/«. In der B a s ch k i r e n - Republik «ährt sich die Bevölkerung vo» Wurzeln. Scharm flüchtender Baschkire» zieh« über die Berge mb gehen dabei größtenteils zugrunde. Gule Ernten werden gemeldet aus Smolensk. Omsk, Wladimir uvd mittlere aus Wolhynien und Nowgorod. Korolerrko, Vorsitzender des Hilfskomitees- Moskau» 85. Juli. (Funkspruch.) Zum Ehrenvorsttzenden des Hilfskomitees fiir die Hungergebiete wurde der Dichter K or o 1 e n k o gewählt, der schon zur Zeit der Hungersnot 1881 ftft dervararta» bat. Rußland braucht alle Kräfte. Moskau, 8S. Juli. Ein FuuypruH der Sowjetregierung erklärt: Das allrussische Exekutivkomitee wendet sich! jetzt', ebenso wir in der Zeit der polnischen Gefahr an Brus st low, nun an andere Vertreter des alten Bürgertums, an Golvwlnz, an die Mitglieder des Kerenski-Kabinetts« ton1, die Professoren und Schriftsteller, sie mögen die Unparteilichkeit 'der SvwjetregierU'Ng anerkennen und einsehen, daß sie die einzige MachH darstelle, die für die hungernden Gebiete eine HilfS. aktion organisieren könne. Die.genannten Personen! mögen sich nicht politisch betätigen, sondern das Komitee, selbstlos unterstützen. Die Weißgardisten sehen kn diesem Schritte der Svwjetregierung eine Stärkung" ihrer eigenen Position. Die Sowjeiregierung fühlt sich jedoch stark genug, dieser Gefahr zu begegnen, und kan» es nicht übers Herz bringen, Mitarbeiter an dem großen Hilfswerk, aus welchem Lager immer sie kommen mögen, abzulehnen. . Vor dem Zusammenbrach der Wirtschaft Moskau» 25. Juli. (Funkspruch.) Der allrussische Vollzugs» ausschuß versendet folgenden Aufruf: Die Sowjetrepublik steht vor, einer B r e n n st o f skr i sr schwerster Art, die durch Lahmlegung der Eisenbahnen den v ö ll i g e» Z u s am m enbruch derWirtschaft herbeisühren könnte., .Die Ursache liegt in der grenzenlosenAn ä r ch i e «nd Ko **, r n p ti o n, mit der die Vorschriften der Regierung über Ablieferung und Sammlung von Brennmaterial mißachtet werdet Dieser von K a l e»i n und Lenin unterschriebene Aufruf schließt mit strengen Weisung««, die bestehenden Vorschrift« genairestens einzuhalten. Zusammenstöße zwischen Hungernde« «nd Truppt«. Paris, 25. Juli. (Funkspruch.) Der Korrespondent des „Daily Expreß" schätzt die Zahl der Flüchtlinge, die das Hungepgebiet an der Wolga verlassen, nachdem sie die l e tz t e K a tz « und den letzten Hund aufgegessei, haben, auf mehr als dreißig Millionen. Auf ihrer Flucht nehmen sie alle Lebensmittel- Vorräte im Sturme, schlachten alle Tiere, deren sie habhaft werden können, und bemächtigten sich der Eisenbahn z ü g e, denen sie begegnen. Die bedrohten Gegenden haben um Militär i s ch e n S ch « tz gebeten, man meldet bereits Zusammen» siößc -wischen den Hungernden und den Truppen. Der Rotstand. Moskau, 25. Juli. (Funkspruch!.) Das Hungergebiet braucht allein an Saatgut bis spätestens Septeniber 12 Millionen Pud. Zur ersten Linderung de« herrschenden Hungersnot werden mindestens 8,5 Millionen Pud Brotfrucht benötigt, von diesen 100.000 Pud sofort für den Monat August. Die Ablieferung muß möglichst beschleunigt werden; jede Versäumnis in der Mlieferung wird unter schwere Strafe gestellt. Die Eisenbahnen wurden zöllig ln den Dienst des Wtreidetransports geMlt.' Teilung Oberschlesiens? Ein Vorschlag Englands «nd Italiens. Paris, 26. Juli. (Funkspruch.) Wie »Petit Parifien" meldet, ist gestern hier ei« englischitalienischer Vorschlag ans Oppeln eingelangt, der dahingeht, noch vor einer Gntscheidnng des Obersten Rates sowohl de« Deutschen wie den Pole« jene Gebiete zu übergebe», die keinesfalls strittig waren, also de« Polen die. Gebiete Pietz und RYbnik und Deutschland die nördliche« «nd westlichen Abstimmnngsgebiete» insbesondere Rosenberg, Oppeln, Kreuzburg «nd Leobschütz. Dadurch wäre es möglich, die Polizeitruppen der Alliierten z« konzentrieren. Die englische Regierung habe de« englischen Kommiffär Stuart eingelade«, sich «ach London zu begeben, nm mit ihm persönlich die Lage *« besprechen.