Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 893 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juli- »Spitt Kommt Ihr, allein Ihr Kommt!" möchte man jetzt jenen ungarischen Politikern zurüfen, die dmch zwei lange, an furchtbaren Ereignissen reichen Iahttn das größte politische Verbrechen,, das jemals an emem an lich stridrnkenven gesunden Volke begangen wurde, nicht nur ftumm duldeten, sondem in verantwortungsvolle» Stellen kräftigst förderten und mit einem Male eine Sprache finden, die Femerstehenden cif her Ruf des allzustark belasteten Gewissens klingen mag, in Wahrheit aber wieder nur nichts anderes ist als Taktik, Politik und Ausnützung der KonjunNur. Mch den Enthüllungen, und Drohungen des legitimistischen Prinzen Windischgrätz und der sensationellen Werpellation des ehemaligen Ministers des Innern BrnieKi über die Scheußlichkeiten der Hejjas- und Pronai-Banden rückt jetzt der gleichfalls legitimistifche ehemalige Minister des Aeußern Dr. Gustav Gratz im »Pester Lloyd" mit einem flammenden Appell an die ungarische Negierung aus, die Bürgschaften der inneren Konsolidierung- und zwar die Unverletzlichkeit der! Person und die Preßfreiheit, zu schaffen, weil ohne diese das Land nicht zur Ruhe kommen und sich nicht erholen könnte. »Von einer wirklichen Konsolidierung wird man erst sprechen können, wenn die bestehenden .Verhältnisse nicht auf Zwangsmaßregeln, dmch die den Andersdenkenden Schrecken und Frurcht einaejagt wird, sondem aus den freien Willen der breiten Volksschichten gestütztsein werden. Vermag der beMerche KMlM^fich'BÄ^dürchE^ WtzkWs oder KKsschWiches Hewaltfames Niederhalten stärker Wstesftrömungen zu behaupten, so bleibt seineStabilM iyyner nur .. ein« Fiktion:" ^Goldene Worte, die M jeder in verantwortungsvoller Stellung befindliche Politiker als Leitmotiv. für seine Regierungskunst zueigen machen sollte. Aber wenn Dr. Gratz heute durch feine plötzliche Einsicht jede Gewalttätigkeit verurteilt undsür den Staat schädlich erachtet, so mag es nur zu bedauern sein, daß er dieses Regierungsprinzip nicht zu einer Zeit beherzigt hat, als er in Wien gerade jene Regierung vertrat, gegen welche sich feine Ausfälle vor allem richten. Er trägt die Mitschuld an den EreignWn der letzten zwei Jahre, die er heute verurteilt und verdammt genau so wie Benicki. der in seinem Eifer, Horthy zu stürzen, um den Thron für dm Habsburger freizubekommen, den Vorwurf überhört, warum er nicht so gesprochen und gehandelt hat, als er in seiner Eigenschaft als Minister des Innern wohl die Macht gehabt hat, die von ihm jetzt enthüllten Verbrechen abzustellen und die Mordbuben Hejjas, Pronai und Konsorten, oder wie er kurz sagt, die Bande von etwa siebzig Personen, die in Ungam unausgesetzt den Schrecken verbreiten, zu verhaften und Unschädlich zu machen. Aber e« geht all diesen Neophitm der Rechtsordnung eben nicht um das Wohl «nd Wehe der Verfolgten und Bedrückten, auch nicht um die Genugtuung, die den Opfem des weißen Terrors noch zu geben fein wird, sondem nur darum, um, wie auch Dr. Gratz in seinem Artikel konkludiert, nachzütvÄsen, daß all diese Wirren nicht möglich gewesen wären, wenn in Ungarn nicht die Autorität Zerstört worden wäre. Dieser Kampf und diese Enthüllungen haben nur dm Zweck, dem ungarischen Volk zu sagen, »daß alle die vielfachen Schwankungen aus einem Extrem in, das andere ausgeblieben wären, wenn wir die Kraft fcefeffen hätten, auch in den Zeiten ärgster Not an den vorhandenen Autoritäten festzuhalten". In dem Kampfe gegen dm Terror und für die Wiederherstellung der völligen persönlichen und politischen Freiheiten ist es sicherlich gleichgüttig, wessen sichdie Geschichte als Werkzeug-bedient,, um dem Rechte zum Siege zu verhelfen.. In der-Sache selbst bedeuten die jüngsten Vorgängein Ungam, die Ausfälle gtzchde von reaktionärer Seite-gegen die derzeitigen reaktionären Machthaber, einen unschätzbaren Dienst, mögen auch die Beweggründe nicht, die ideellsten sein, Es ist für die große brette Oeffenllichkeit nicht belanglos, daß es gerade Benicki und Gratz sinddie heute» wenn auch zwischen den Zeilen, ihre Schuld gesichen und feststellen, daß all, die. Verbrechen, die von der unabhängigen Presse seit zwei Jahren ununterbrochen der Wett verkündet und. von. den im Solde geraoe der heutigen Beschwerdeführer gestandenen Organen ebenso hamLckig dementiert wurden. Wahr- Der ehemalige serbische Innenminister Draskovie ermordet. Dorr einern Kommunisten erschossen. — Racheakt gegen die Regierungs- Maßnahmen. Belgrad, 21. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenztg.") Heute vormittags wurde auf den gewesenen serbischen Minister des Innern Draskovie ein Attentat verübt, dem der Minister zum Opfer fiel. Draskovie weilte feit einiger Zeit zu seiner Erholung in Delniee. Heute vormittags machte er seinen gewöhnlichen Morgenspaziergang. Plötzlich trat ein junger Mann zu ihm heran und feuerte aus einem Browning mehrere Schüsse gegen Draskovie ab. Derselbe sank ins Herz getroffen z« Boden und verschied sofort. Der Mörder versuchte, die entstandene Panik znr Flucht auszunützen» er wurde jedoch von 'Passanten festgenommen und den Polizisten übergeben. Der Attentäter ist ein etwa LDjähriger Mann, der sich in der kommunistischen Partei betätigt hat. Es scheint, daß die Tat ein Racheakt gegen die strengen Negierungsmaßnahmen znr Bekämpfung der Kommunisten ist. Ein FünfzigmillioAen - Goldmarkkredit für die deutsche Reichsbank. Berlin, 21: JE. (Wolff.) Durch Vermittlung des Bankhauses Mendelssohn & Co. in AmsterdM M M u e rM r 58 t o "n e « W ö t d m a t k für die' Reichsbank beschafft worden. Verhandlungen wegen kleinerer Kredite find im Zuge. Eine Warnung Englands an Frankreich. Kerne voLendete Tatsache in Oberschlefien. Paris, 21.Juli. (Tel.-Komp.) Der englische Botschafter in Paris, Lord Harbin ge, teilte der französischen Negierung mit, daß die britischeRegierung die Schaffung einer vollendeten Tatsache bezüglich des oberschlesischen Problems keineswegs ruhig und widerspruchslos hinnehmen würde. London, 2i. Juli. (Tel.-Komp.) Die gestrigen Besprechungen zwischen LordCurzon und dem f r a nzksischen Botschafter werden in London . als sehr wichtig angesehen. Unterrichtete Kreise erwarten, daß diese Auseinandersetzungen den.Stein der oberschleftschen Frage, ins Rollen bringen und eine Beschleunigung der EiMMng herbciführen werden. Der feste Wille, den die englische Regierung in dieser Beziehung zeigt, wird heute nochmals mit sehr scharfen Worten m „Daüy Chromcle" zum Ausdruä gebracht. ... .; v, ..: .•;...... r , Washington, 21. Juli.. (Reuttr.) 'Das Staatsdepartement 'teilt mit, daß' es n i ch t ä u f g et o r. der t ' wordG M, m der ober chlesiickien Frage zu intervenieren und ^erklärt, . daß die Beränderungen im umstrittenen Gkbiete nicht bedeutungsvoll genug seien, um die Regierung zu veranlassen, von sich aus eine Intervention in Erwägung zu ziehen.. « London, 2l Juli. (Wolfs. Der „M o r n i n g P o st" zufolge wird in der Mitteilung der alliierten Ko mm i s s ä r e an die Bolschafierkonferenz erklärt, daß, wenn die oberschlesi'che Frage nicht sofort durch den Obersten Rat m An« griff genommen werde, b:e alliierten Streitkräfte m Ob>rschlesien von 20.600 auf 60.000 Mann erhöht werden müßten. Brennende Oelfelder in Mexiko. London, 21. Juli. (Wolff.) Reuter meldet aus Mexiko: Nach Gerüchten stehen in Amatlan die Oelfelder in Brand. Die Bohrtürme brechen zusammen. Die Arbeiter, flüchten. Die Bemühungen, den Brand zu löschen, werden als hoffnungslos angesehen. Der Schaden '^lätzt sich noch nicht abschützen. heit, schreckliche Wahrheit sind, und daß das soviel berufene und ebenso gelästerte europäische Gewissen sich endlich aufraffen muß, um an der Hand dieser sicherlich einwandfreien Zeugenaussagen für die in den letzten zwei Jahren fast stündlich verübten und bis heute ungeahndet gebliebenen Verbrechen die Sühne herbeizuführen. Denn die sogenannten unverantwortlichen Elemente lasten sich in ihrem wüsten Treiben, noch immer nicht einschüchtern. In Iszak, diesem klassischen Pogrvmnest des weißen Terrors, herrscht noch heute die tzejjas- Bande mit derselben Rücksichtslosigkeit wie ehedem. Leichtgläubige Juden und Nichtjuden, die durch die Hejjas-Maffia aus .ihren Wohnorten vertrieben, im Vertrauen auf die Versicherung der ungarischen Regierung, daß sie unbesorgt in ihren Heimatsort zurückkehren können, wieder heimkehrten und von neuem ihrem Berufe und Geschäfte nachgingen, wurden in den allerletzten Tagen von denselben Raubgesellen aus ihren Wohnungen vertrieben, von dem Marktplatze verjagt und mußten unter Zurücklassung ihrer Habe abermals in die Hauptstadt fluchten. Auch die Komödie mit dem Rechtfertigungsverfahren gegen mißliebige Beamte und Universitätsprofestoren wird unter dem Schutze der Regierung und ihres ganzen Apparats weitergeführt. Bekannte Hochschullehrer, die vor Einbruch des weißen Terrors in Ungarn die Verkörperer europäischer Kultur, des modernen Fortschritts und des Strebens nach neuen Erkenntnissen in Ungarn waren, werden auf Grund dieses afiaüschen Rechtfertigungsversnhrens von den Lchrkairzeln gestoßen und — was die ungarische Regierung vor der gesamten Kulturwelt am meisten bloßstellt — selbst diejenigen Hochschullehrer, gegen die auch das Rechtfertigung^ verfahren nichts erbringen konnte, einfach aufgefordert, sich von der Universität fernzuhalten. Diese Bankrotterklärung der Regierungsautorität, dieses Kapitulieren der angeblich verantwortlichen legalen Macht vor den unzähligen unverantwortlichen, illegalen aber desto tätigeren und wirksameren Machtfaktoren ist nur ein neuer Fingerzeig für die Großmächte und für alle, die den Frieden in Mitteleuropa wLederhergestellt wissen wollen, daß die ungarische Regierung in ihrer heutigen Struktur sich als unmündig erweist. Dr. Gratz hat recht. Wenn man auch zu anderen Schlüssen gelangt, als er, wenn er an die Regierung die Mahnung richtet, daß sie zu der Einsicht kommen müsse, daß das Mißtmuen in das Wollen der Regierten. welches die Staatsmaxime des Absolutismus war, keine geeignete Grundlage bildet, um wirklich gefestigte Verhältnisse zu schaffen, und daß es daher ehestens durch das Vertrauen auf jenes gesunde nationale Empfinden des Volkes ersetzt werden müßte, das einen raschen Abbau der noch vorhandenen überflüssigen Freiheitsbeschränkungen ermöglichen aber auch erfordern wird. Ueberhört die ungarische Regierung diese Mahnung, dann, dafür sprechen alle Anzeichen, wird das der Erpressungen und Drangsalierungen müde ungarische Volk, aber auch die der Irreführungen überdrüssige öffentliche Meinung der ganzen Welt, sie zwingen, die Mahnung zu hören oder denjenigen Platz zu machen, die eine Gewähr dafür bieten, daß sie aus Ungarn endlich einmal wieder einen Rechtsstaat zu machen gewillt und geeignet sind.