Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 886 (15.7.1921)
- Date
- 1921-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sie müsien suchen, sich zu verständigen, in dem gemeinsamen Willen, im Frieden zu leben, ohne den Hintergedanken an Repressalien. Wir müsien an jene Äölker appellieren, daß sie gemeinsam sich bemühen, sich zusammenzuschließen und vernünftige Mittel für ein Zusammenleben und für die Sicherung ihres Gedeihens ausfindig zu machen. In diesem Geiste muß Frankreich arbeiten, und auf diesem Felde wird man Früchte ernten können. Einen anderen .Weg gibt es nicht!" Diese Erkenntnis kommt reichlich spät, aber sie könnte selbst jetzt noch Gutes stiften, wenn sie in die Tat umgesetzt wird, und wenn speziell die französische Politik das ihre dazu täte, um das friedliche Zusammenleben der Völker zu fördern. Aber die Wege Frankreichs, die immer nur von dem allmächtigen Genecalftab vorgezeichnet werden, scheinen nicht ganz gerade aus dieses Ziel loszusteuern. Frankreich hat heute innerhalb der Entente die unbestrittene Führung in allen mitteleuropäischen Fragen, aber es macht seinen Einfluß nicht so energisch für: die Beruhigung geltend, als dies im Jnteresie des ganzen Kontinents zu wünschen wäre. -'Der Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie war nach den wiederholten Versicherungen der französischen Diplomatie niemals Kriegsziel:Frankreichs gewesen' Frankreich habe gegen Oesterreich- Ungarn - nur als gegen den Bundesgenossen Deutschlands .gekämpft,' die Monarchie sollte nur gestraft, aber nicht getötet werden. Nun ist es Tatsache, daß das letzte Mßenministerium der Monarchie, als der Sturz schon feststand und die Friedensbitte durch die AlliiertenMerhaupt. nicht mehr beantwortet wurde, im Wege, der neutralen Staaten darauf aufmerksam machte, daß bei b$t Konstituierung der neuen Staaten doch nicht an die Rücksichten auf. die wirtschaftliche Gemeinsamkeit vergessen werden dürfe. Diese Note ist in dem Trümmerhaufen der großen Katastrophe unbeachtet verschüttet worden. Die französische Regierung hätte damals, wenn ihr die Rettung Mitteleuropas am Herzen gelegen wäre, Gelegenheit gehabt, das Chaos zu verhindern, das seit damals besteht und das man nicht mit Reden bekämpfen kann. Französi? sche Truppen standen damals auf ungarischem Boden, im österreichischen Küstenland, französische Kontingente tauchten plötzlich in Ptag auf. Der Siegesrausch verhinderte die realpolitische Erwägung. Das Wohlwollen der Entente für Mitteleuropa zeigt sich überhaupt in sehr merkwürdigerweise. Die Entwickluna Ungarns, das durch zwei Revolutionen bis zur Mvrdregierung des Horthy gelangte, hätte sich in -andere Bahnen gelenkt, wenn nicht der konservative General FrancheL d'Esperey die sich um den Grafen Michael Karolyi scharenden demokratischen Elemente cingeschüchtert hätte. Bis heute noch wirkt diese Sympathie für die Adelsclique Un'garns nach und gibt ihrem Erftarkungsfystem eine gewiß nicht gewollte, aber vom Volk so verstandene Sanktion. Die Vertreter , der Entente in Ungarn haben durch ihr Schweigen zum Terrorismus, durch ihre Anwesenheit bei der frechen Unterdrückung der Arbeiter und Juden Mitschuld auf sich geladen. Aber das nach Arbeit und Hilfe rufende republikanische Oesterreich, das als Zentrale Europas die Vermittlungsfunktion zwischen den neuen Staaten als natürliche Aufgabe zu erfüllen hätte, findet wenig Gehör und wird von einem Tag auf den anderen vertröstet. In Oberschlesien ist unler den Aygen der Ententevertreter ein Aufstand vorbereitet und durchgeführt worden und bis zur Stünde konnte sich die große mächtige Allianz nicht auf ein einhettliches Vorgehen in dieser durchaus nicht komplizierten Frage einigen. Die, mittteleuropäischen Staaten haben nun, in Vorahnung des Briandfchen Appells, eine Verständigung über ihre gemeinsamen Angelegenheiten gesucht und sttllten in Portorose unter dem Vorsitz Italiens vernünftige Mittel für ein Zusammenleben ausfindig machen. Diese Besprechung ist auf Verlangen der Großmächte bis Miste September verschoben worden. Cs hätte sich nutzt umgehen lassen, daß in Hortorose Die Entente fordert Ungarn zur Räumung Sle$tungarn$ auf. London, 14. Juli. (Reuter.) Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Der Vertrag von Trianon wird, da er nunmehr von Frankreich ratifiziert worden ist, binnen kurzem in Kraft treten. Demgemäß haben die alliierten Regierungen eine Aufforderung an die Bndapester Regierung gerichtet, datz Angarn seine Truppen ans den westungarifchen Komitaten gemäß den Weisungen der drei Generäle der Alliierten-Kommifsion zurüüziehen möge. Die ungarische Regierung zögert, da fie wünscht, trotz dieses Auftrages zu einem Aebereinkommen mit Oesterreich zu gelangen, daß es die in Frage stehenden Gebiete Lei Ungarn beließe. Die Alliierten find jedoch der Meinung, daß diese Angelegenheit bereits zu l a ng ^iv erz ö g ert worden ist und daß Oesterreich der einzigen Entschädig rMg, die ihm nach dern Friedensvertrag von St. Germain für alle seine sonstigen Verluste zugesprochen wurde, teilhaftig werden solle. Ebenso soll das Gebiet von F ü n f k i r ch e n Ungarn durch die militärische Kontrollkommission übergeben werden., Die Frage der palästinensischen Volksvertretung. - ,. Jerusalem, 12. Juli. sJüd. Kvrr.-Bttr^ .Svwvhl die jüdische als auch die arabische Bevölkerung.erwartet ruft großer Ungeduld die >&t n f c l Ae . W^chie-,, 'chVm^'HrEKykmissioner .aiDfaM ' :<§^fcffttng ^■enter P alästinensifchLü" P o lks-vertre i uu g..Ppn den' Mrüchteit, die sich in bezug auf diesen Plap im. Umlauf befinden, können bereits folgende als. sicher-angenommen werden: ■ : '"’"/ a) Die Mitgliederzahl der. neuen Körperschaft wird eine bedeutend größere als die des jetzigen „Advisory Council" fein. Letzterer zählt, bekanntlich bloß zehn Mitglieder. b) Die neue Körperschaft wird von der ganzen Bevölkerung Palästinas gewühlt--werden. Der Wahlmodus istnochun beka«nt. - - c) Was den Charakter dieser Körperschaft betrifft, so sind die -A.r.aber'überzeugt, daß er ein gesetz- - gebender sein -wird., Dagegen glauben die' optimistischen Elemente unter der j üd i s che n Bevölkerung, daß die neue - Körperschaft denselben Charakter wie der heutige „Rat", das heißt,, bloß beratende Funktionen haben wird. - Bestimmt verlautet, daß sie jedenfalls breitere Funktionen als der „Advisory Council" haben und dem Parlamentstypus näherstehen -wird.- - - d) Betreffs des Umfangs ihrer Kompetenzen wurde noch nichts bestimmtes beschlossen.^ Es wurden' bloß gewisse Grenzen für dieselbe ausgestellt, die teils dem I n t e r e s s e E n g l a n d s, teils den des „I ü d i schna tionalen Heimes" Rechnung tragen. Was. die politischen Kreise vor allem interessiert, ist die-Frage, ob die neue Körperschaft bloß einreformierter „Wvisory Council" oder ein tatsächliches Parlament sein wird. In bezug auf. die Punkte, a) und ü) wird: sie alle Eigenschaften eines Parlaments haben. Dasselbe gilt wahrscheinlich. auch in bezug auf Punkt e). - In bezug auf den letzten Punkt wird sie sich, jedoch von einem tatsächlichen Parlament scharf unterscheiden. Man glaubt, daß die nächsten zwei Monate vollständige Klarheit in bezugauf alle im Zusammenhang mit diesen: Plane stehenden Fragen bringen werden. Griechische Siegesmeldungen. Athen, 11. Juli. (Agence b'Athenes.) Die Griechen haben Afiun-Karahissar besetzt und rücken siegreich vor. Die deutsch-französischen Verhandlungen. Paris, 14. Juli. Die Beratungen der französischen Und der deutschen Sachverständigen, die in . Paris am d. M- <wiedergufgenommen worden find, haben, wie' „Petit Parisien" meldet, in z w e i g r u n d l e g e nö«n F rage n zu ein'ent Einv ernehmen g eführt. Die Sachverständigen einigten sich über den Or ganisa ti ons plan, der die französischen Käufer in den zerstörten Gebieten mit den deutschen'Verkäufern direkt in Berührung bringt. Die Zahlungen sollen im Wege eures oder mehrerer gemischter Aemter vorgetrommen werden, so daß die Wiedergutmachungsleistnngen sich etwa so vollziehen könnten, wie gewöhnliche Bestellungen unter Industriellen. / Zur Vermeidung schädlicher Rückivirkungen dieses Systems, auf die Handelsbilanz Frankreichs kamen die 'Sachverständigen dahin überein, daß die Kontrolle d«r Einfuhr-, bewilligungen ins RHeinland, die gegenwärtig von der interalliierten Kommission besorgt wird, künftig gemeinsam mit der/deutschen Regierung vorzünehmen - sei. Ferner - soll. ein Kontingentierungssystem für französische-Luxuswaren geschaffen werden, um di< ' Boykottierung der französischen Waren aufzuyeb^n. Uebe^ die Einzelheiten, die in einem Ergänzungsübereinkommeu'Zu regeln sein werden, ist nochi keine Entscheidung getroffen worden. . Eine amerikanische Finanzkommisfio» im Berlin. Berlin. 14. Juli. Heute vormittags ist eine Reihe von amerikanischen Finanz- und Geschäftsleuten im Aufträge der amerikanischen Zentral-Hanbelskammer zum Studium der deutschen WirtschaftsverhälMifse aus Frankfurt hier emgetcoffen. Dir Abordnung steht unter Führung des Bostoner Großkaufmannes und Handelskammecvräsidenten F i l e n e; ferner gehören ihr unter anderen der Vorsitzende der Handelskammer von Chicago, Rechtsanwalt D e f r e e s und der Chicagoer Großkaufmann L a m o n 1 an. Im Laufe des heutigen Tages trifft auch der bekannte New- Norker Bankier Bernhard B a r u ch, der bei den Frredensver- Handlungen in Paris Wilsons Hauptberater in finanziellen Angelegenheiten war, hier ein. _ Prinz Wales nach Japan erngeladeu. London, 14. Juli. (Funkspruch.) Die javantsche Regierung hat den Prinzen von Wales eingeladen, anschließend au feine Reise nach Indien, Japan zu besuchen.' von Sachverständigen die politische Frage des Verhällnisies'Ungarns zu seinen Nachbarn angeschnitten werde, und das ist durch die Verschiebung vorläufig wenigstens vereitelt worden. Für die Dauer ist Horthy damit fteilich nicht zu retten. Es ist sicher richtig, daß es Keinen anderen Weg zum Frieden Mitteleuropas gibt als die Aufheburta aller Hindermsie, als die Beseitigung der zoll- und handelspolttischen Vormund« schaft. Aber dieser Weg müßte vor allem von der Entente selbst beschritten werden, indem sie .Oesterreichs Industrie stützt, der Währung durch ausreichende Kredite, nicht aber durch höchst zweifelhafte Vorschüssezuhilfekommt und Ungarn zum Anschluß au .die europäische Kultur zwingt. Ü .iii ■m * i:?