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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-13 · Heft 884 (13.7.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 884 (13.7.1921)
Date
1921-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wieder. find zwei Delegierte. des Völkerbundes nach Wien gekommen. Ihre Mission, alle vorbereitenden Schritte für die Dorschutzaktion zu treffen, steht bereits auf dem Gebiet der Aktivität. Der Völkerbund hat mit der Ausführung des Hllfsplanes begonnen, .nachdem dtz österreichische Regierung zur Einleitung der ihr zufallenden Reformen geschritten ist. Sie erhöht die Posttarife und bereitet in der Lebensmittelversorgung die freie Wirschaft vor. Harte Notwendigkeiten, die der Friedenszustand nie gekannt hat, treten vor Regierung und Bevölkerung. Die scharfe Kritik, die allerorten an die Maßnahmen der . Regierung geknüpft wird, ist durchaus berechtigt, wenngleich sie nicht gegen das Kabinett Schober gerichtet werden sollte, das noch Zimmer mit der Erbschaft der christlichsozialen , Parteiregierung belastet ist und im Nationalrat die Christlichsozialen als Regierungspartei grüßen muß. Bezüglich der Getreidebewirtschaftung lagen alte Vereinbarungen zwischen der christlichsozialen Partei und den Bauern vor. Beim Habsburger-Gesetz stellten die Bauern der Regierung die Majorität, die gegen die Bestrafung der Habsburger-Einwanderung stimmte. Dafür lieferte man die städtischen Konsumenten an die Bauem aus. indem man für den größten Teil, des Bundesgebietes den Ablieferungszwang aüfhob. Der Bauernstand hat es verstanden, sich um die Steuern und sozialen Abgaben zu drücken und erhalt nunmehr ein in die Milliarde» betragendes Geschenk. Die Staffelung des BrWreises, die von der Entente eHivungen würde, kntspDch^eigentlich den bestehenden Verhältmssew Es * findet bei/den Wohlhabenderen schon längst ein freier Elffkaüf von Edelmehl statt und der staatliche Bettrag Zur Broterzeugung stellte sich seit Monaten als eine unzulWge Konzession an die begüterten Schichten heraus. Es ist gut, daß jeder weiß, wieviel das Brot kostet.und daß er nichts geschenkt bekommt. Durch die TeMpierung des Gesetzes auf den 31. Dezember ist eine Übergangszeit geschaffen, in der die nötigen Vereinbarungen zwischen der Industrie und den Arbeitern zur gerechten Verteilung der Lasten ausreifen KÖMM. ' Die Forderung der Entente nach Abbau des ,Deamtenüberfluffes ist eine dornige Angelegenheit. Nicht allein, daß ununterbrochen neue Äemter entstehen — für die neulich sogar in Wien'Schulen fteigemacht werden mußten — spielen hier die politischen Einflüsse der Parteien die ausschlaggebende Rolle. Jede Partei verfügt über einen gewisstn Besitzstand an Beamten und sichert sich damit einenMrchaus inkorrekten Einblick in die Verwaltung, die unter die meist einander widersprechenden Diktate unverantwortlicher Stellen gerät und ihre Objektivität eingeküßt hat. Die neue Praxis des Leopold Wader im Optionsamt ist ein Beweis hiefür. In Oesterreich besteht eine Regierung der Parteitage, in der die aus dem neuen Ausland davongelaufenen Schriftleiter ihren Unfug tteiben und ihn dem Parlament als Willen des Volkes aufdrängen. Die Republik, die die freieste Meinungsäußerung als Grundgesetz festhälten muß, kann an diesem Zustand nichts/ ändern. Nur die Emanzipation des Pärlaments, die von innen heraus erfolgen müßte, und das/Gemeingefühl der Beamten selbst könnten Remedur schaffen und die Straßenpolitik aus der Verwaltung hinauswerfen. Gerade auf diesem Gebiet könnten die Parteien viel zur Entlastung des Staates tun-indem sie eine große Siedlungsaktion und eine B erufs Umstellung der Beamtenschaft in Angriff nehmen. Die Beamten wollen in ihrer übergroßen Mehrheit gar nichts anderes, als die Befreiung des Staates von der schweren Last, die mehr als die Hälfte seiner Einkünfte verschlingt. Sie würden mit Freuden alles begrüßen, was sie von der Staatskrippe unabhängig macht.' Aber unseren Parteien fehlt jede soziale Initiative und es wird nichts anderes übrig bleiben, als daß die Ersparungskömmission, deren Präsident über.Parteien und Beamte vor kurzem so ernste Worbe gesagt hat, vom Ausländ unterstützt wird. Alle Fragen, unter denen der Staat leidet, entstehen nicht.unmittelbar aus ihm selbst. Sie sind Wirkungen der Weltkrise und jeder internationale Konflikt macht sich in irgend einer Weise in Wien fühlbar^ Oester- W a s h r n g t o u, 12. Juli. (Tel.-Komp.) Nach dem „New 2)ork Herald* gab ein Vertreter des Staatsdepartements Erläuterungen zu der Einladung Hardt« gs zur Abrüstungskonferenz. Nach diesen Erklärungen sollen alle Arten der Rüstungen in die Beratungen einbezogen werden. Der Konferenztermin wird der Initiative der einzelnen Eingeladenen überlasten. Man nimmt andaß die Konferenz beiläufig anfangs November stattfinden wird. Ihr Programm soll ans 2 Punkten bestehen: 1. Entwaffnnngsproblem und 2. das Problem des fernen Ostens. Keine Nation soll gezwungen werden, eine vor der Konferenz getroffene Entscheidung anzunehmen. Die alliierten und assoziierten Hauptmächte sollen mit den Vereinigten Staaten zusammen eine» Organismus bilden. Die Entwaffnungsfrage wurde deswegen mit dem Problem des fernen Ostens vereinigt, da das Staatsdepartement der Auffassung ist» -atz beide Fragen unmittelbar Zusammenhängen. Die Entscheidungen der Konferenz werden natürlich anderen schwebenden Fragen, wie zum Beispiel der der Insel Bap, nicht präjüdizieren, welch letztere Frage übrigens schon vor der Abrüstungskonferenz gelüst werden soll. DaS Staatsdepartement nimmt e- «rt sicher an, daß alle Eingeladenen der Ans» forderung zur Teilnahme an der Konferenz Folge leisten werde». Nach einer Meldnng ans London beabsichtigt Lloyd George, England persönlich auf der Konferenz zu vertreten. Da er erst anfangs November von seinem Urlaub zurück» kehrt, dürfte schon ans diesem Grunde die Konferenz nicht vor diesem Zeitpunkte statt, finden. Zustimmung Frankreichs. Paris, 12. Juli. (Funkspruch.) Der amerikanische Geschäftsträger hat gestern der fönt* zösifchen Regierung den Vorschlag der Ber- - einigten Staaten zur Abhaltung einer Konferenz, die die Rüstungen beschränke« solle, übergeben. Die französische Negierung wird die Einladung zur Teilnahme an dieser Besprechung annehmen» nnd es verlautet, daß Briand wahrscheinlich persönlich nach Amerika gehe» werde, um Frankreich zu vertrete«. Gerüchte über Linen Anschlag auf Pilsudski. Warfcha«, 12. Juli. (Tel.-Komp.) Auf den polnischen S t aats Ä e f ist vor einigen Tagen e i n A ns chlaä verübt worden, über' den' in der polnischen Oeffentlichkeit auffallendes Stillschweigen bewahrt wird. Ein Student konnte auf bisher noch unaufgeklärte- Weise in das 'Arbeitszimmer Pilsudskis emdri'ngen und dort' mehrere Schöffe ans Pilsudski abfenrrn, angeblich ohne ihn zu treffen. Tatsächlich ist Pilsudski seit diesem Tage nicht mehr in der Oeffentlichkeit erschienen^ Die Polizei soll einem größeren Umstmzwmplott, dessen Beginn PilsndskiS Ermordung bilden sollte, auf die Spur gekommen sein und hat eine große Zahl von Verhaftungen vorgenommen. (Wir reproduzieren diese uns spät noch zugelvmmene Meldung der Telegraphen-Kompagnie mit größter Reserve.) ■ Deutschlands Reparationszahlungen gesichert. Berlin, 12. Juli. (Wolfs? Die Reichsbank teilt dem Wolffschen Bureau mit, daß es ihr gelungen sei. durch Vermittlung des Hauses M e n d e l s o n L C o. in A m st erdam sich einen K r e d i t v o n 150 M i l l i o n e tt' G o l dmark zu beschaffen und daß Verhandlungen über weitere Kredite gleicher Art schweben. Die von' der Regierung getroffenen Maßnahmen werden durch diese Kreditoperalionen so ergänzt, daß die Ersüllung der am 31. August fälligen Reparat i o n s v e r p f l i ch t n n g e n als gesichert an* znsehen ist. Weitere Reparationszahlungen ' sind alsdann während des Jahres 1921 in Devisen 'nicht mehr zu leisten. Beginn der griechische« Offe«stve. Athen, 13. Juli. (Havas.) Telegramme aus Smyrna melden, daß die griechischen Truppen die Offensive ergriffen haben und an vier Stellen der Front vorgegangen sind. Sie haben Haffan Pascha Agranos und Ayenikeul besetzt. Konstanttnopel, 11. Juli. (Havas.) Nachdem sich die Griechen aus der Umgebung von Jsmid zurückgezogen hatten, reich hat in der internationalen Politik nur die Rolle des passiv Beteiligten und kann sich Beachtung und Aufmerksamkeit nur dadurch verschaffen, daß es alle stönschen Handlungen unterläßt, das heißt, daß es jedes Aussehen vermeidet. Seine zentrale Stellung in Europa legt ihm die Pflicht auf, sich der Eigenbrödelei zu enthalten. Weder der soziale Ueberschwang der ersten Kyalittonszett, noch die offene Reaktton der Christlichsozialen hat ihm Hilfe gebracht. Vertrauen kann der kleine Staat nur durch eine ruhige, allen Vorgängen des Weltmarktes vorfichttg folgende Wirtschaftspolitik erlangen. die durch Geschmeidigkeit die wurde der Dampferdimst zwischen Jsmid md Konstantinopel wieder ausgenommen. Die Bevölkerung, die bei der Räumnnß vvn Jsmid die Stadt verlassen mußte, kehrt« wieder zurück.. Die Schwierigkeiten de» n««e« italienische« Kabinetts. Rom, 12. Juli. (Tel.-Kömp.) Die 26 Mitglieder Umfassende Kammergruppe der B a u e r u und Guts b e s i tz e r hat einstimmig beschlossen, die jetzige Regierung n r ch t zu unterstützen, weil ihr Programm nicht genügend berücksichtigt würde. Die Regierung wurde von diesem Beschluß umsomehr überrascht-. als zwei Mitglieder der Bauerngruppe dem Kabinett als Unterstaatssekretäre angehören. . Sollten sich noch mehr Gruppen der Opposition anschließen, so droht in absehbarer Zeit neuerlich . eine Ministerkrise. Es bangt jetzt von den Sozialisten ab, od. diese das Zustandekommen eines Ministeriums Orlando de- > schleunigen wollen. ' ,! Gestern hat Bonomi di« sozialistischen Abgeordnete» T u r r a t i und D u g o n i emvfangen, die ihm die Wünsch« , der Sozialisten darlegten. Die Sozialisten verlangen, daß die . Regierung die öfsentli che Ordnung sichere unp den sozialistischen Flüchtlingen die Rückkehr in die Heimat ermögliche, die sie aus F u r ch t v o r d e» F a s z i st e n verlassen hatten. Sie fordern femer die Wiedereinsetzung der g «- - waltsam aufgelösten sozialistischen Gemeindeverwaltungen und eine umsichtige A r b e i t s- Politik zur Linderung der Arbeitsnot. Unruhen in Albanien. Rom, 12. Juli. lTel.'KomP.). Aus Paris wird gemeldet daß sich Albanien in A « f r u h r befindet. Die albanische Regierung hat Truppen ausgehobm. Bon Norden haben die Serben erneut Einfälle in albanisches Gebiet auSgeführt, aus Kalmetti. bei Skutari wurden sie wieder vertrieben. Da l o na soll sich angeblich in der Hand der' Mrkophilen Elemente befinde», di» ■ auch die griechischen Dampfer im Hafen beschlagnahmten. Dermitttung zwischen Oft und West ganz an sich zieht.. Die hysterische. Politik des Chauvinismus, ob er nun die Unabhängigkeit des Staates, durch die gar nicht emst gemeinte'Anschlußpropaganda in Gefahr bringt durch die Optionsverhinderung der jüdischen Kriegsflüchtlinge die Wirtschaftsfäden nach dem Osten und dem Orient abfchneidet, oder ob er durch die Einschnürung des Reiseverkehrs die wucherischen Instinkte der biederen Aelpler zur Blüte bringt, verhindert jede Hilfe des Auslandes und sperrt uns alle Tore. Wir brauchen Freiheit der Arbeit, Freihett der Grenzen. Freiheit der Wirtschaft.

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