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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-09 · Heft 880 (9.7.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 880 (9.7.1921)
Date
1921-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Gs wird über Streitigkeiten zwischen Lenin und Trotzki berichtet, die bis zum Ausbruch des inneren Weges in Rußland gediehen seien und bereits zur Verhaftung Trotzkis geführt hätten. Eine Bestätigung dieser Nachricht ist noch nicht erfolgt und das System der Grenzabsperrung funktioniert in Rußland so gut. dcch man vielleicht noch geraume Zeit in Unklarheit üher; die Ereignisie bleiben wird. Die russische Handelsmission in Warschau beeilt sich allerdings mit einem Drmenth aber die innere Wahrscheinlichkeit spricht sehr dafür, daß die Diktatur in schwerer Situation lebt. Der kommunistische Kongreß sollte diese Sachlage verschleiern und der Oeffentlichkeit den Bolschewismus in vollster Kraft zeigen. Aber auch das konnte nicht vollständig erreicht werden. Die Meinungsverschiedenheiten -wischen Lenin und Trotzki traten auch dort scharf in die Erscheinlurg. Es find nicht mehr Unstimmigkeiten,, die jich'. auf technische Einzelheiten der Verwaltung beziehen. Es geht um sehr tiefe prinzipielle Fragen, vor allem aber um die Möglichkeit, das verkrachte und unglückliche System noch für ein' paar Monate am LMn zu erhalten. Diese Möglichkeit scheint im Augenblicks apch vorhanden, well in den russischen Fragen noch/yicht fette Klärung erreicht worden ist. die einem Systemwechsel vorangehen müßte, wenn er sich ohne allzu/ große Erschütterungen vollziehen soll. . Ansbesondere sind in den EmigrantenzirKelN .chwere Differenzeir über die DoraüssetzuNgett des «WDMHm^-Uud' politischen Umbaues Rußlands rrManden. Um meisten im Vörderdrund steht der Plan, Rußland unter eine Koalitionregierung zu stellen» die aus Vertretern des linken Bürgertums, der Menschewiken und der Sozialrevolutionäre bestehend, ungesäumt an die Einberufung einer Konstituante schreiten soll. Diese Regierung hätte nach außenhin die Aufgabe, die Bildung einer großen föderativen Republik Rußland einzuleiten, der die neuen Randstaaten lohn« Polen) und die Ukraine angehören sollen. Die GHder dieser Föderation sollen ihre Unabhängigkeit behalten, deren sichtbarer Ausdruck ihre Parlamente mären, und miteinander nur durch ein gemeinsames Organ m Verbindung bleiben, welches ihre Wirtschaftspolitik emheMch zu regeln hätte. Das wäre eine Art Dele- Mon nach dem Muster der seinerzeitigen österreichischungarischen Delegation, der der Abschluß von Handttsverträgen und die Funktion eines ständigen Schiedsgerichtes in Wirtschaftsfragen zukommen soll.- In den oußeNpoMischen Fragen, in den Beziehungen zum iibngen Europa, zu Asien und zu Amerika, stehen auch diese Kreise durchaus auf dem Standpunkt der Sowjetregierung. Sie fordem fo wie diese die freie Küste an der Ostsee und am Schwarzen Meer, die freie Durchfahrt durch die Dardanellen und den eisfreies Hafen am Stillen Ozean. Es ist die Wiedererrichtung des alten Rußland, die diesem Plan zugrunde .liegt und ihm sicherlich eine starke werbende Kraft gibt. Kompliziert wird diese Arbeit durch die Unklarheit über da» Verhältnis zu Pvlm und durch die von der Sowjetregierung in ihrer Not vergebenen Konzessionen, die fast alle Petroleum» und Holzschätze in die Hände ausländischen Kapitals geliefert haben, hinter dem die politische Macht des Auslands steht. Die Emigranten, unter denen sich Angehörige der verschiedensten Parteien befinden, wünschen keine raschg Entwicklung des. Bankrotts. Ihnen liegt sehr viel daran, erst den Ausgang des griechisch-türkischen Zweikampfes um Konstantinopel abzuwarten, in welchen Lenin — durchaus im Sinne einer jeden russischen Politik — eingegriffen hat. Auch die notwendigen Verhandlungen mit Japan find noch zu keiner. Epischeidung gelangt. Japan hat das Küstengebiet von Wladiwostok annektiert und im fernen Osten unter seiner Patronanz eine Scheinrepublik gegründet, die der Schauplatz erbitterter Kämpfe zaristischer, deutscher und auch magyarischer Freibeuter geworden ist. Da die zukünftigen Regierungsmänner Rußlands auch hier die Herstellung der Vorkriegssituation anstreben, überlasten sie gern die notwendige 'Auseinandersetzung den Sowjets. -Nt | i; rr'ji:;•!i che' Zu st and oer irur/musischen Verdie Palästina. GinverstKitdnis bezüglich der Sleichspolitik. — Bor einem englisch-nmeri» kanisch-japauischen Bündnis. London, 8. Juli. (Wolff.) Auf der. gestrig« Sitzung der Reichskonferevz wurde, wie die Blätter melden, die Haltung des britische» Reiches in de« europäischen Angelegenheiten erörtert. Insbesondere-kam die Frage der französisch-englischen Beziehungen ausführlich zur Sprache. „Daily Telegraph" teilt mü. daß die bisher^.gr« Sitzungen zu einem allgemeinen E i n Verständnis bezüglich der Re i ch S v o l i t i k gefühlt haben. Ueher die allgemeinen Richtlinien der im Stillen Ozean und im fernen Osten zu befolgenden Politik wurde volle Eingung erzielt. Große Hoffnungen werden bezüglich der offiziellen Erörterungen der Mächte des Süllen Ozeans gehegt, deren Vorschläge nach Washington gerichtet wurden. Es wurde die Auffassung ausgelpiochen, daß besonders die Freundschaft zu Japan mit der Entw cklung Chinas und mü der engen Zusammenarbm irut dm V c reinigten Staaten in Ha r m o «i e gebracht werdenmüsse. Bezüglich deS englisch-japanischen Vertrages verlautet, dgv « entsprechend den Bölkerbnndsatzungr» ubgeLudert werden wird. Ucker die Frage der Reich Sv ert erdig» »g ward» sehr wichtige Besprechungen abgehalten. Ferner erklärte sich die Reicholevnserenz «it der a U gemein e n P o I i t i k der R e» fiter«« g im nähen 0 ft« n d e,n glich Mesopotamien nnd Palästina einv erstan den. Die Premierminister würdigten voflanf die Schwierigkeiten der Neuerung bezüglich Europas und billigten de» Geist, « dem d iese Schwierigkeiten behandelt wurde«. Bei der Erörterung der auswärtigen Politik wurden von seit« der englische» Regierung ausführliche Erklärung« über Oberschlrsie«, Über die Frage der deutschen Garantien und des besetzten Gebietes sowie über den türkisch-griechischen Konflikt abgegeben. Bezüglich der Eiu» wänderungsfrage und der Ausschlußgesetze in de« DommiouS find Schwierigkeiten nicht entstanden, da sowohl Indien als auch Australien daS Recht der Dominiops zugebilligt wmde. Wer den Charakter der eigenen Bevölkerung za entscheide». .Die Frag« der Rcichsverbindungswege wurde einem besonder« Ausschuß unter dem Vorsitz Churchills überwiesen. Man erwartet, daß die ^Donsrr«?' nE.Mr-8wü.uWM«,t»g« wifa. Die Leipziger Prozeffe- Leipzig, 8. Juli. (Wolff) Heute begann vor dem Reichsgericht der auf mehrere Tape anberaumte Kriegsproreß gegen dm Gmerallrütnavt HariS v. S chack und gegen den Generalmajor Bruno' KruSika. Erschienen find zehn deutsche und zch« französische Zeugen Den Angeklagtenwird in der französische» AnSleeferungsliste vorgeworfen, m dem Geiangenenlager Niederzwehcea bei Kafstl eine Typhusep i d e m i e ab s i ch t' l e^ch » « d fahr Ift s s i g h r r b e i g e s ü h r 1 zu haben und durch Mißhandlungen md Gewalttätigkeiten dm Tod von etwa AM französischen Grfangmen verschuldet zu haben. Der ^Präsident bemerkt, daß eine formelle Anklage seitens des OberrrichsanwalttS -nicht erhobm worden ist, weil die Beweiserhebungen keine grnügrnden Anhaltspunkte ergebm haben. Das Derkahrm sei nur einaelritet insolge der Anschuldigungen in der AuslieferungS» liste auf. Grund deS nrmn RcichsgefetzeS von 192!. General «.Schack erklärt, das Lager in Nieder-Zwehrm sei ihm im September MS unterstellt wordm und habe biS zum 21. Juni ISIS Unter seinem Kommando gestanden. Die Epidemie sei erst im Februar eingeirrt«. Flecktyphus sei erst ausgebrochen, als am Ende deS Jahres - ISIS 8000 stark verlauste russische Gefangme auS dem Lager Langensalza rintrafe«. In Langensalza sei die Epidemie schon früher auSgebrochen als in Nieder» Zwehren. Das Andinde« vo« Gefangenen, anstatt sie mtt Arrest zu bestrafe», war in der ersten Zeit not» w e n d i g, weil Arreste im Lager nicht vorhanden waren. Frankreich zieht feine Leipziger Misston zurück. Pari«. S. Juli. (HavaS.) Der a t i «* meldet, infolge der Freisprechung des Generals S t e» g e r sei die französische Regierung zu der Einsicht gekommen, daß die Anwesenheit der mit der Ueberwachmrg der Verhandlung« des Reichsgerichts in Leipzig betrauten französischen Milsion unnütz, ja sogar em Hohn sei. B r i a n d habe daher den Vertretern Frankreichs in Leipzig die telegraphisch« Weisung zukommen laff«, Mverzüglich «ach Paris zurückzukehre», und den Kabinetten i» London «nd Brüste nahegelegt, künitghin von der Entfwdung von Juristen «ach Leipzig abzusehen. Leipzig, 8. Juli. (Wolff.s Gegm */<4 Uhr nachmittags verließ die französische Delegation dm Sitzungssaal des Re-chs-- gerichtes. Sie wird noch heute von Leipzig abreisen. Auch die der, nächst« Prozeße weck« in «ächster französische» Zeug« Zeit abreisen. Belgien «nd Frankreich fordern die Verlegung der Kriegsverbrecherprozeffe. Paris, 8. Juli. (Tel.-Komp.) Der nächst« Sitzung des Oberst« Rates werden Belgien und Frankreich Material über, die in Leipzig geführten Prozeffe gegen die KriegSbeschuldigtw vorleg«. Beide Regierung« erklär«, mit de« Resultaten der bisher geführten Prozesse nicht einv e r st a u d e u zu sein und fordern a u d e r w e r t i ge Beschlüsse de s Ob ersten RateS. Sie verlang« die weitere» Prozesse entweder in einem der alliierte» Lände» oder, vor einem gemeinsamen Gerichtshof verhandeln zu laff«. Deutschland müßte daun verhalte» werden, die Angeklagt« «tt* den Zeuge» zu dem Gerichtshof zu mtsmd«. Serbische Truppe« besetze« «orbalbanisches Gebiet. London» 8. Juli. (Wolff.) Die „Times" erfahren, paß in London amtliche Meldung« vorliege«, wonach die serbisch« Truppen das gesamte Gebiet von G a s ch i und Grasnitsch in Nordalbanie« besetzt Hab«. Die Kemalisten fordern de« Rücktritt des Snltans. Berlin, 8. Juli. (Privat.) AuS Athen wird gemeldet: Die . Regierung von Augora hat die Abdankung de- Sultans gefordert. _ Frankreich interveniert in Kleinafien? Pari», 8. Juli. (Tel^Komp.) In der Seuaiskommisfio» fisr auswärtige Angelegenheiten besprach Briand die Möglichkeit einer französisch« Intervention, sobald die Griechen eins ehe», daß sie die Kriegslast allem nicht zu trage» vermögen. FraukreichS Jatereffe verlange den Fried:» im Orient so bald als möglich. Der Ministerpräsident erklärte sich bereit, zur Klärung dieser Frage eine Kon.eienz der Aüilerten cinzuberusen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich England an dieser Konferenz beteiligen «erde. RSHMB not haben die Sowjetregierung in der letzten Zett zu verschiedenen schwerwiegenden Konzessionen an ihre Opposition gezwungen. Aber die Grundursache des russischen Ungmcks. das auch ein Weltunglück geworden ist, kann nur mit der Beseitigung des politischen Dmcks aufgehoben werden, der Rußland heute wie unter dem Zaren niederhält. Die Luge von der bolschewikischen Freiheit ist schon längst enthüllt ULd.. ^.ci: ia. i&enx SMtten M MÄe. Rußland den im Weltkrieg begonnen Weg in Armut und Not fortgesetzt. Die Wiffenschaft ist verdorrt, die Wirtschaft in Stucke geschlagen und in der letzten Zeit sind die Quellen des Reichtums verschachert worden. Man kann die Sümmung, in der heute die russische Bevölkerung den Augenblick der Erlösung herbeisehnt, begreifen. Aus solcher nervöser UcberrciMug konunen die ^ieldnng-öu über den Ä.ic-üruch des E'urgechrieges, die heute noch öeg Tatsachen vorsusrilerr,.

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