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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-01 · Heft 872 (1.7.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 872 (1.7.1921)
Date
1921-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V'y^, lpreis K •HslI«“ ■“* ** ** TÄ 9, ökr i» .. UMterttaÜW: W»«aNtch . Kronen Ivo«— kM Postrersmld für Men «ld > Oesterreich: stionattich. Krone» 10».— rfchecho-Slowakei: - wttich .. Kronur IF.— ^ertellLrltch „ Hk- NtfcheqWowaNscherWS^üng I Nngam: gonütNch .. Kronen V0»-i lerteljahvlich „ *10.-! ta mgarifcher Wahrung I!kuaoflawirn: Monatlich .. Dinar 1*,— vierteljährlich „ so~ Einzelpreis Prän««erattonspreiso Palvü Roaatlich^'^ärl 1*^ Monatii^E^Ftane« 0.-. Italien: Monatlich . . . Lire ».< Rnmänien: Monatlich. . . .Lei *0«^, Schwyz u. das.übrige Auslan» Monatlich. . . Francs Sl>> Redaktionu.Udmivistratia WieN/*.Bez., Tavorstr^s N-vxLLWWl!- ao v nyr aoenos sofvi’juw] Nr. 872 Wien, Freitag de« 1. Juli 1921 3. Zahrgang WMnfchüst und Hetze. —y, W i en, 1. Juli. Mert Einstein hat in Amerika, wohin er auf Ersuchen der zionistischen Exekuttoe gereist war, für die'Herstellung der Intcrnationalität der Wissenschaft gewirkt? Gr hat vor amerikanischen und englischen Intellektuellen in der bisher verfehmten deutschen Sprache über feine astronomisch-mathematische Relativitätstheorie referiert und aN der altberühmten Qxforder Hochschule die schmeichelhafte Anerkennung echalten, er habe Newton, dm Entdecker der Gravitativnsthevrie, überwunden. Einstein hat im Namen der Wissenschaft die Brücke zwischen den Feinden geschlagen, ohne Widerspruch zu finden. Sein Auftreten hat erwiesen, d8tz sich der Geist der Versöhnlichkeit doch wenigstens ln einem Teil der Gelehrtenrepublik erhalten hat und daß von hi« ans viele Fäden in die feindliche Welt führE die bei einigem guten Willen zu. eurem dichten Netz gesponnen werden könnten. In Deutschland hat Einstein für seine befreiende Tat keinen Dank geerntet. Er hat ihn wohl auch nicht «Märtet, denn Männer wie Einstein folgen bei allem, was sie tun, immer nur dem kategorischen Imperativ der Pflicht, und die Stimme ihres eigenen Gewissens ist ihnen alleiniger Antrieb. Aber die Aufforderung, ihn zu-ermorden, die der deutsche Antisemit Lebius ifffentlich ergehen ließ und die ein deutsches Gericht, als Ausfluß völkisch-berechtigten Empfindens mit, ex-PM.Mah^M.tzoch'^ ' . WWM DWM^ MWA der alldeutschen Gehirnakrobatik "sinbeS, was immer von neuem dem mchtdeutfchen Ausland gesägt werden muß, sondern die Haltung des Gerichtes, dos heute Den Juden für vogelftei erklärt undjeden Lümmel, der alte Lügen in neuer Ausmachung für gute, schöne Reichsmark verhöckert, als würdigen Tischgenoffen in Walhalla feiert. Da haben zwei deutsche ^S6)riftleiter" m einem Schmierblatt den Mädchenhandel als jüdisches Gewerbe erklärt, das d.en Juden von ihrem Talmud diktiert werde. Das Münchener Landgericht hat die Verfolgung dieser beiden Ehrenmänner abgelehnt, weil sie nicht „den von der deutschen Iudenschast verehrten Gottesbegriff beschimpft" hätten. Man darf dieses Urteil einfach als freche Schamlosigkeit bezeichnen, so wie man eine Katze eine Katze nennt. Die Konsequenzen dieses Ausspruches entsprechen dem Hochstand alldeutschen Wesens. Es wird an einer großangelegten Denünziätionskampagne gearbeitet, die das Eingreifen von Staatsanwalt und Gericht gegen die jüdischen Verbände in Deutschland anruft, -weil sie an her. Geheimlehre des Talmud und Schulchan Aruch festhalten. Wir wollen den Besitzstand unserer jüdischen Literatur nicht dadurch herabwürdigen, daß wir ihn gegen solches Gesindel verteidigen. Welches Geschrei würde sich erheben, wenn man unter Berufung auf Goethes .„.Faust" die deutsche Nation als Mädchenverführer oder mit Anführung der Wagnerschen Musikdramen von der Blutschande als deutscher Sitte sprechen würbe! Wie aber verhält sich das geistige Deutschland zu diesen Exzessen der Gerichtsbehörden? Die Antwort auf diese Frage gibt uns die deutsche Preffe täglich. Me Führer des geistigen Lebens in Deutschland schweigen oder stimmen in den wütenden Chorus ein. Sie haben, im Krieg alle Bestialitäten des Militarismus Noott Kant abgeleitet, haben die Vernichtung der jünipetfität von Löwen und der Kathedrale von Reims als notwendige Emanationen der Kriegsgvttheit germanischer Marke verteidigt, sie haben alle Lmnpettien ibec Zensur und des Belagemngszustandes vor dem Äüsland mit ihrer Autorität zu decken gesucht. Acht itzrmmeln sie sich lustig in der Arena des Äituaknordes und haben das Wärt von der Mschen Schuld an Deutschlands Niederlage zu einem chernen Bestandteu deutscher Belange gemacht. Einstein; der für hie Not Deutschlands spricht, ist Jude. Mfo mag er äbgeschossen werden. Die Juden tragen rrstt an Deutschlands Wirtschaft, sie sollen für Deutschland Uuern, zahlen, aber sie sind eine stemde Hasse, gut genug zum Bluten und zum Geldgehen, aber sonst recht- und wehrlos.' Wenir aber irgendeinem Juden, m solche Urteile liest und hört, die Gülle steigt und wlÄ MM.WMN/M, im,' von 51 Im Nationalrat wurde gestern mit Milliarden förmlich jongliert. Der Bundesftnanzminister Doktor Grimm erstattete anläßlich der Beratung des Budgetprovisoriums ein ausführliches Exposee, aus dem nur einige Ziffern mitgeteilt seien, wie Jahresausgaben von 99 Milliarden, Gesamteinnahmen von 48,1 Milliarden, Aufwand für die staatlichen Angestellten von 37 Milliarden. — Diese absolut hohen Zahlen wären einfach atemraubend, wenn es sich nicht um österreichische Papierkronen handelte. Drei Stunden lang war. Doktor Grimm am Worte, dann gaben die Vertreter der drei Parteien Erklärungen ab, worauf das Bndge pr v sorimn mit einer Geltungsdauer vom i. Juli bis 31. Oktober in zweiter Les ung beschlossen würde. Die dritte Lesung wird erst heute.vorgenornmen werden können, so daß bis zur Kundmachung des Budgetpwvisormms .im Bundesgesetzblatt ein kurzer Exlex-Zustand eintritt. Der Budgetberatung ging die einstimmige Anrrahme eines Zweimilliardenkredits zur Anlegung einer einmonatigen Lebensmittelreserve voraus. Bundesfinanznlinister Dr. G r i m führt in feinem Exposee unter anderem aus: In der ersten Verwaltungsperiode der Republik Oesterreich war die Gebarung des Staatshaushaltes mit einem.Abgang -von 270.1 Millionen Kranen/ im.zweiten Verwaltur'^sjahr der Republik, mit einem Hhgang vop 10.600 MilljorM dem gesetzlich genehmigten Staatsvoranschlag' ein Abgang von 41.lEMkNvnen Kronen zu gewärtigen. In dem Voranschlag für das zweite Halbjahr 1921 sind die Ausgaben mit 49.496 Millionen Kronen, die Einnahmen mit 24.075 Millionen Kronen und sohin, der Abgang mit 25.421 Millionen Kronen veranschlagt. Auf ein Jahr berechnet wäre sonach im Bundeshaushalt nach den gegenwärtigen Verhältnissen mit einem Abgang von zirka 51 Milliarden zu reckten. Aus diesem Vergleich ist zu ersehen, daß die steigende Tendenz des Defizits leider noch immer nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Der Minister bezifferte den Gesamtpersonal-und P en sio n s au f w and mit 37 Milliarden Kronen. Daß diese Post für das Staatsbudget und damit für die ganze Staatswirtschaft eine auf die Dauer unhaltbare Lage schafft, i st k l a r. Nach dem Personalaufwand bilden . die staatlichen Lebensmittelznin-ufte die gewichtigste Post des Voranschlags. Der Neitoverlust, welcher den Staat durch die Verbilligung von Lebensmitteln belastet, wird auf Grund der durchschnittlichen Warenabgabepreise und für ein ganzes Jahr berechnet, mit 20.560 Millionen Kronen geschätzt. Nach der Ansicht der Regierung würde sich der vollständige Abban der Lebensmittelzuschüffe in etwa eineinhalb Jahren abspielen könnet so daß noch eineinhalb Jahren auch bei schonungsvollem Vorgehen jeder das, was er an Lebensmitteln vom Staate bezieht, zu den Gestehungskosten erwerbe»: muß. Der Schntbrnstand VerRepndlik beträgt 170 Milliarden, für welchen im nächsten Halbjahr rund 46 2 0 Millionen K>r«nen erforderlich sein werden. Der Banknotenumkmf betrug am 15. Juni 1921 47.2 Milliarden, gegenüber 28 Milliarden am 30. November 1920, also unmittelbar nach dem Amtsantritt. der früheren Regierung und gegenüber 16.9 Milliarden am 30. Juni 1920. Das Steigerungsverhältnis der Nvtemnfiatisitz* ist in diesen zwei Perioden wesentlich dasselbe geblieben. Gegenüber dem Vorjahre weisen die Stenerein« Zahlungen eine starke Steige rung auf. Beispiels- ' weise betrug das Plus im April- 1921 gegenüber April. 1920 394 Millionen Kronen. Die gesamten Steuersingäiige,} vom 1. Juli 1920 bis Ende April 1921 betragen ohvL-.' die Einzahlung auf die große Vermögensabgabe 2784 Millionen Kwnen, was gegenüber der Voranschlagsquote von -/ 1402 Millionen Kronen einen Mehrertrag von .138.2. lionen Kronen ergibt. .; T Ein travriges Kapitel bilden die Bundesbetriebe. Sie weisen einen halbjährige« Gesamtaufwand v-n 14.4 Milliarden Kronen, gegen 8.4M1liarden Kronen im Halbjahr 1920/21, und halbjährliche Gesamteinnahmen von 6.6 Milliarden gegen 4.7 Mrlüachen im Halbjahr 1920/21 auf. Der Abbau dieser Defizite bildet eirren Programmpunkt der Negierung und eine Verpflichtung, die.wir auch gegenüber den Bölkerbunddelegitttettübernommen haben. Die Re- Z gierung wird, so schwer es auch für die Bevölkerung wird, >. alle erträglichen Mittel zur Anwendung bringen müssen, um - die Aktivität der Bundesbetriebe nach/und. nach zu erreichen. Im Sinne einer Entschließung .t«S. Finanzausschusses.- stzre Regierung.Vorsorge getrosM, daß 'mit Wirksamkeit voW, DÄ'rieöen verlassen und durch eine kaufmännische Buchführung ersetzt wird. - - . Zur Bedeckung des Mehraufwandes für die Staats- , bediensteten hat die Negierung zunächst das Mehlpre^isstafselungsgesetz dem Nationalrat vorgelegt. Dieses - Gesetz, auf Hessen rascheste Verabschiedung wir bestehen müssen,. muß in einer Form durchgeführt werden, daß hieraus eine. Mindestersparung von 3 Milliarden sicht ergibt. Ferner wurde dem NaLionalrat vorgelegt: ein Gese^entwürf wegen Erhöhung der Effektenumsatzsteuer auf'-das Doppelte ihres bisherigen Ausmaße,» mit/ -einem voraussichtlichen Mehrertrag von 170 Millionen Kronen, ferner ein Gesetzentwurf wegen Aenderun^ einiger., Bestimmungen über Stempel- und unmittelbare Gebühren, mit einem Mehrertrag von.26 0 Millionen Kronen;, dann der Finanz Zolltarif mit mindestens 2000 Millionen Kronen. Endlich wird die vorn Hauptausschuß bereits beschlossene Erhöhung'der Tabmksabrikatenpreis« einen Mehrertrag von 4000 Millionen Kronen mch'die im - Zuge befindliche Erhöhung der Post-, Telegraphen- und Tele-' phongebühren einen Mehrertrag' von rund 2000 Millionen! Kronen einbringen, zusammen also' MehreLm^hmeü > von 11.430 Millionen Kronen. - ' ' Unsere ftaaLsfinanzielle Situation kann kurz dahin zusammengefaßt werden: Wir könNenj yeutt nach dem Voranschlag mit Ausgaben von jährlich 99 Mil-» liarden, mit Einnahmen von 48.1 Milliarden, also mits einem Abgang von 50.9 Milliarden, rund 51 Milliarden, rechnen. Der Minister kam dann auf die Aktion des Völkerbundes zu sprechen. Wie bereits in der programmatischen Erklärung . des Bundeskanzlers mit dem größten Nachdruck sestgestellt wurde, steht die Regierung unentwegt auf dem Boden der mit den Delegierten des Finanzk-omitees des Völkerbundes getrossenen vorläusigan Vereinbarungen und sieht als eirp ihrer Hauptalrfgaben an, alles, was an Oesterreich, liegt, an die Verwirklichung dieses Progranrms zu setzen. Was den weiteren Fortgang der Aktion imlangt, fa sei der. Minister nicht in der Lage, auf alle ihm iiber die und Junkerkaste von dem jüdischen, all- Rachegefiihl! Man mich aus- Wiffenfchast testamentarischen spucken!. Run hat Ekchei», den die deutschen Ideaststm eLimintne» wollest, dP Wisienschsst und Forschung den -Mten Dienst mvUen, der Herste denkbar ist. Er hat das Eis gesprengt und durch sein lebendiges Beispiel gezeD,.ryie der Haß zu Überwinden wäre. Er hat die ckrföche Wahrheit mrsachmichen, daß die WMarschaft die Schande, dir sie durch ihre Kriegsbegeiftenrng ans sich geladen habe, wettmachrn müsse und die internatioiuüe» Beziehungen wieder Herstellen müsse. Nur mmm, Mi» MIh MMCS- HMMiB hwAan. man die Hetzen vergessen können, und nur wenn die Forschung die Grenzkordone überschreitet, wird sich freies Wort und Vorurteilslosigkeit wieder regen können. Wenn es viele solche wie Einstein gäbe — den die Deutschen in England und Amerika ganz geme als deutschen Sohn ihres Volkes begrüßen lassen, ohm zu protestieren —- wird es möglich fein, der JsvÜemng der Kriegshetze die Solidarität der Menschen entgegenzustellen und die Scheuklappen von den Augen der Völker zu lösen. Einstweilen sitzen aber Einsteins Freunde in England, Frankreich und Amerika; in DeutschlMd sind sie nicht mch van Wie: nfe tiha$nnu± AM. 8

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