Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 870 (29.6.1921)
- Date
- 1921-06-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Pery. ©ia Ha-M Weffit fchrecklich^ü üßcanb entfacht, Sein Wüten unbewegt ungesehen uiid xlijlcrsn, während hie MUlionenheere blutend, hungernd, stöhnend in einer Hölle von Blei und Giftgas einanderr zerstampften, zmn Frieden, zu dem Frieden, den sie meinten. Der Krieg hat gegen sie entschieden und das einem marastischen Greis diktierte Wort: „Ich habe alles wohl erwogen" MB schreienden Lüge gemacht. Aber jene Staatsmänner, wie Landstreicher an der sommerlichen Ernte, die Sit dem roten Hahn opferten, sind die einzigen, die > dem Unglück entziehen konnten. Sief greifen wieder fcodji der Macht und spielen wieder Mit dem Krieg. Üud es ,'iöt noch immer Menschen, die das Wort auf- ** Lehmen und, statt zur aufbauenden Arbeit zu schreiten, wieder daran denken, wie diese kläglichen Trümmer Zochmals in Brand gesteckt werden könnten. ' Aus dem Völkermorden ist eine einzige Institution ^ervvrgegangen, die alles Sehnen der werktätigen Menschheit in sich zusammensetzt: Der Völkerbund, der aus der Idee des Friedens entstand, ist zu schüchterner Wirklichkeit geworden und wenn er auch noch nicht alle Völker umfaßt, so liegt doch in seiner Existenz ein gewisser Trost. In ihm spricht die Stimme der Mütter und der Kinder;- sie ist noch nicht stark genug, um die frechen Phrasen Don der Ehre und der Rache zu Überiönen. Aber man hört sie schon und der Völkerbund, den heute noch die Politiker des Hasses gängeln möchten, ringt selbst nach der Befreiung. Er wird Über die Feindschaft siegln und den ewigen Frieden herbeiführen. Darin wird das beste Urteil über unsere Zeit liegen, daß sie nie mehr sich wiederholen möge. PoNtische^tundscharr. Die Marienbader Konferenz. Zu der „Prager Presse" werden die folgenden Milb-ilungcn des tschechischen 2lr:)2nininisters Doktor Vene sch über die Marienbader Besprechungen mit den ungarischen Vertretern mitgeteilt: „In Bruck wurden llllgemeinwirlschaftliche und politisch-rechtliche Angelegenheiten verhanoelt, in Marienbad konkrete und spezielle Fragen erörtert. Wenn es auch nicht darum zu tun war, daß in den Details die Minister von der einen oder der anderen Seite entscheiden oder sich mit ihnen unmittelbar befassen, handelte es sich doch darum, den Kommissionen prinzipielle Richtlinien in einzelnen konkreten Fragen zu geben. So konnten von der einen wie von der anderen Seite grundsätzliche Standpunkte gekennzeichnet werden, wie zum Beispiel 'in Sachen des Handelsvertrages oder in einigen politischen Fragen, wie es die Frage der Amnestie oder die der Minderheitsrechte und andere waren. Im ganzen wurde ein Einververnehmen in allen Hauptpunkten erzielt, in anderen werden die Kommissionen auf Grundlage «euer Vorschläge die endgültige Stellungnahme formulieren." Zieht man diese durch die Verhältnisse gebotene vorsichtige Ausdrucksweife des tschechischen Ministers in Betracht, so ergibt sich, daß die Konferenz gerade ln den Hauptpunkten, die die wirtschaftspolitischen Fragen betreffen, kein Ergebnis erzielen tzmnte^ Oberschlesische Abstimmungspropaganda. Ueber die Abstimmungspropaganda kn Ober* schiften berichtet der Berliner Korrespondent der „Baseler Nativnalzeitung". Er erzählt unter anderem: Die Berliner Staatsoper und die Warschauer Große Oper wetteiferten in glänzenden Vorstellungen. Reinhardts Deutsches Theater spielte Schilber, Goethe, Kleist in erster Besetzung. Die Berliner waren schon mehrmals gekommen, zum Beispiel in der Weihnachtswvche. Wer hinging, war aber nicht der bodenständige Oberschlesier, sondern der aus dem Reich eingewanderte Beamte, Lehrer, Fabrikant samt Familie. Unterdessen ließ Korfanty draußen auf den Dörfern die alten heimatlichen und so einfachen Ärippenspiele aufführey. „Alle geistigen Schieber Deutschlands schienen sich bei Uns Rendezvous gegeben zu haben, klagte mir ein Oberschtzsier. Eine Flut von Borträgen ging über uns nieder. Auch erste deutsche Professoren, wie Köster und Kühlemann, traten auf und predigten die Ueberlegenheit der deutschen Kultur. Den Enthusiasten brachten sie nichts Neues und den Widersacher konnten sie nicht überzeugen. Was ging das ganze Kulturge'chwasel schließlich unseren oberschlesischen Bauern an!" Das vom Reich spendierte Propagandageld floß hier in Strömen. Jeder Professor uttb Bortragsmcifter hatte sich, als gälte es eine Reise in den gefährlichsten wilden Westen, vorher gratis in eine Lebensversicherung ausirehmen lassen! Lustig ist die von beiden Parteien praktizierte Einrichtung der Eisenhahnagenten, wovon allein der Verband der „Heimattreuen" etwa 80 Mann ständig auf der Fahrt hatte. Diese Agenten saßen im dichtbesetzten Abtell 3. oder 4. Klasse und begannen von ungefähr ein Gespräch: Der Erste: Woher kommst du? — Der Zweite 'jelend und abgerissen): Aus Polen. Ueberall ist und Totschlag. Das Volk stirbt Hungers. (Er zieht ein pechschwarzes, verfaultes, offenbar ad hoc gebackenes Brot hervor und reicht es herum.) Korfanths Bahnagent dagegen rühmt Polen als SchlaraMtlaud und zeigt als Beweis eine glänzende Speckseite, di; ihm sein Onkel jenseits der Grenze noch schnell zngesteckt habe.. Von beiden Parteien waren überdies Tausende von Agenten als Animieren, Aushorcher, Spione unter jedem Vorwand und jeder Verkleidung auf den Landstraßen, in den Dörfern und Städten fortwährend unterwegs. Daggeld nicht unter 50 Mark. Jedes der 120Vvberschlesischen Dörfer hatte sein Kollegium offizieller, das heißt bezahlter polnischer oder deutscher Vertrauensmänner — kurz, man darf schon sagen, daß ein bedeutender Prozentsatz der Bevölkerung feit Jahr und Tag von politischer Propaganda und Korruption lebt. Die Abstimmung hat Deutschland eine Mil liarde und Polen eine Milliarde Mark gekostet. Inland. Bundeskanzler Dr. Schober an die Preffeoertreter. Bundeskanzler Schober empfing gestern nachmittagdie Verirrter der Wiener Tagespreise und der Ländervreffe. In einer Ansprache an "die Journalisten erklärte der Bundeskanzler unter anderem: Unser Staat ist eim Konstruktion des FriedeirSvertrageS von St. Germain, auf besten Boden wir uns restlos stellen mäste«. Vir «äffen Realpolitik treiben und sind in unseren Ausgabe« begrenzt. Ich habe «eine Programmrede aus die Kredite gestellt. Man habe nachher daso gedeutet, als hätte ich sie n u r auf die Kredite gestellt. Das ist nickt richtig. Denn ich habe crllQtt, die Kredite seien die Basis, auf der die Paeteieuderei«- batst« zustande gekommen ist, «nd mästen daher auch die Basis d« Regierung lein, die von de« Parteien gebildet wmde. Dir m Oesterreich — dies gilt für alle — haben immer viel z« iebr m die Ferne geschaut. Dir war» förmlich hypnoti» stert und haben alleans die Kredite abgestellt. Gewiß btaucheu wir die Kredite, aber Hand in Hand Mmit muß die Arbeit i« eigene« Lande gehe«. Vieles könnte in nuferem Lände auch ohne die Kredite gemacht werden nur mästen wir damit endlich aufaugeu. Eme hervorragende Per» ivnlichkeit des Auslandes, ein Freund - nuferes Landes, der in Oesterrerch häufig dienstlich verweilt, « unserem schönen Lande, wie er eS nennt, viel hernmkommt, «zahlt mir «ach ied« Reife, um wieviele Schornsteine mehr seit seinem letzt» Aufenthalt in der betreffenden Gegend in Tätigkeit sind; « konstatiert mit Be» Erledigung, daß eS, wenn anch scheinbar Unbemerkt, von Woche zu Woche doch vorwärtSgeht. , Dir leiden in Oesterreich viel zu sehr an PrssimiSnmS und Sckbstbmörgelung. Dir haben anch unser Oesterreich im Anslande viel zu schlecht gemacht. Gewiß ist Oesterreich ein unglückliches Land, ein unglücklicher Rest eines einst mächtig» Reiches, s-iner natürlichen Hilfsquellen,beraubt. Es karzn die schlummernden Kräfte «irr'heben, wen« ihm die Mittel zur Verfüg»«- gestellt' werden. Aber diese- Land hat immerhin sehr viele Schätze in sich, die «an nur zu heb» braucht «nd die, wen« ma» »NS von onß» Hilfe bringt, gewiß auSgenätzt werde» können. Daher dürfen wir wobl eine Seine Note von OpttmrSmng in nnf«e Hoffnung» auf die Zukunft lege«. Geht damit Hand in Hand die Anfrechterhaltnng der Ordnung i« Lande, wird auch da, w»n auch nicht «rt großen Mittel», über mit ruhiger, bedächtiger Hand, die immer auf das vorgelrtzte Ziel lvSsieuert» gearbeitet, so habe« wir gewiß kein» Grund, zu verzweifeln. Ich bi» hentr nicht m der Lage, üb« die Ausfichtm der Kreditaktion awhentische Mitteilung« zu «ach«, ad« ich wage «S, auf Gmud gerade d« Mitteilung», dir mir in die!« Woche geworden find, eine hoffnungsvolle Rote anzuschlagm« BteLeicht bi« ich auf diesem Bod» noch nicht so erfahren» vielleicht Überschätze ich Versprechung», wenn aber Versprechungen und Aeußernngrn i« einer solchen Form gemacht wrrrden, wie eS mir gegenüber geschehen ist, so ist eS nicht rosig« Optimismus od« blmdrS Vertrauen, wenn ich daraus dir Hoffnung schöpfe, daß jetzt der Zeitpnnkt gekommen ist, in dem «an wirklich und rasch etwamache« will, »nd zwar etwas Gutes mach» will. Mehr kann ich heute in dies» estschrrdend« Tagen Mt sag», aber ich wage bei grwistrnhaftester Prüfung dessen, was mir mitgeteilt wmde, zu glaube«, daß wir jetzt wirklich etwa- Gediegenes hoffen können. Der Präsident der Brreiuignng der Parlamentsbericht' «statt« und Bizrprästdml der Organisation d« Wien« Preste. August Schreiber, daukle de« Bundeskanzler für das der Preste »tgegengedrachte Vertrau», worauf Chefredakteur Herr B ö S b a u e r namens der Bereinigung österreichisch« Tageszeitungen und des ZrutralveremeS der Zeuirugsrmtnmhuvmgrn den Bundeskanzler auf daS herzlichste begrüßte. Der Wiener Vertreter d« .Innsbrucker Nachricht»", Philipp Herzog, schloß fich uam»S der LSndrrpreste d» von dem Borredn« dem Bundeskanzler «tgegengebrachten Glückwünschen an. , _____ Bmrdesrat. I« der gestrig« Sitzung des BundeSratrS stellte sich Bundeskanzler Dr. Schober ift feinet neuen Eigenschaft vor. Der BundeSrat erledigte sodann eine Reche von Gesetzes* befchlüff» deS Nationalrates. Rationalrat. Die Tagesordnung der nächsten, Donnerstag den 30. d. M. stattfindendeu Sitzung deS N a t l o n a! r a t e S lautet: 1. Bericht des FmauzanSichnsteS über daö Gesetz, betreffend Kreditoperationrn. 2. Bericht des Finanzausschuffes über das Budgetvrovisorinm. i l^idl ,i/u. ö»\j . . .3. Bericht des Finanzausschusses über das Gesetz, betreffend dre Zkvilangcstellien des ehemals bofärariscken Beimögens. 4 Ber cht dis Justizausschusses über das Gesetz, betreffend Aende'nng der Nvtariatsordnung. Die Tiroler Reiseschecks. Sn- BerfaffungSgerichtShof verhandelte gestern Über zwei Anfechtungsklagen, welche die Bundesregierung gegen den Beschluß des Tiroler Landtages vom 7. Mai und gegen die Verordnung der Tiroler Landesregierung vom 27. Mar «hoben hat' durch den Beschluß und die Verordnung wmde der vieleröttecke Reiiescheckverkehr eingeführt. D« B«waltnngsg«tchtshof hat die Verfügung der Tiroler Landesregierung als ungesetzlich aufgehoben und den Tirol« Landtag aufge^ordert. unverzüglich den Beschluß über die Reiseschecks zu reaffumier». Die vielbesprochenen Reiseschecks treten also nicht in Kraft. _ Der halbjährige Voranschlag ves gemeinsamen Landtages von Riederösterretch. 712 Millionen Krone« Defizit. Geste» hielt dn Hauptausfckuß des gemeinsamen Land» tageS von Niederösterreich, eine Sitzung ab, um den halbjährigen Voranschlag zu beraten. DüS Erfordernis beträgt K 1.119,269.858, die Bedeckung K 407,095,695, der A b g a n g somit K 719,174.163. Der Beitrag des Landes Wien beziffert fich Mit X 498,581914, der des Landes Niederösterreichdaud Mit K 213,659.249. Don dem Brutto «fordernis entfallen K 1.118,102.823 auf das ordentliche und K 6,167.035 auf daS o»ß«ord«tllche Erfordernis. ES ««dm die Kapitel LandkSverwaltung, öffentliche Sicherheit, SanitätS- «nd HumanitStSwes», Unterricht und Landesbahn» durchderat». ' Bei dem Kapital SanitätS- und Humamtätswesen wurde hie reine AMwandSwirlschaft, wonach zum Beispiel die Kosten für ein» Geisteskrank« A 86.000 int Jahre betragen, vom HauvlauSschuffe zur KmntniS genomm». Bei dem Kapitel Landesbahnen wurde bestätigt, daß d« bestehende Zustand, daß daS Land nur die Defizltwirtfchast z« übernehmen habe, während die Verwaltung und FondSwnMaft d« Eisenbahnen von 14 Aktiengesellschaft» bestimmt wird, unhaltbar sei. Die Holzabstockungsverträge. Bon den in der Angelegenheit der nordsteirischen H »lz a bstocknngSverträge vielgenannten Beamten deS Ackerbanministeriums Vizepräsident» P a n tz und Ministerialrat S ch v l l« a tz e r hat d« letztere, wie vnlautet, um die Emleitnng d« DkSziplinarnntttfuchung gegen fich selbst angesuchtt Bizepi asident P a n tz wmde gestern am Schluffe der Sitzung des Untersuchungsausschusses für Holrabsiockmigsverträge infolge der . Ausreguna se n« stundenlangen Einvernahme ohnmächtig nnd wußte i« Automobil «ach Hause gebracht werd». Verschiebung der Konferenz von Portorofe. Rom," 37. Juni. (Strfani.) Die Tagung der Konferenz von Portorose ist auf den 9. Juli verschoben worden. Diese Verschiebung ist dadurch notwendig geworden, daß die italienische Regierung in einen Meinungsaustausch mit den beteiligten Regierungen tretenmuß, da England eine längere Vertagung vorgeschlagen hat. (An der Verschiebung trägt wohl die italienische Ministerkrise die größte Schuld. Red.) Telegramme. Ende des englische« Bergarbeiterstreiks. London, 28. Juni, (»nätt.) Amtlich wird knitgeteiltr Der Streik de« Bergarbeiter ikt beigeleg«. _ ' Die Orientfrage. Hondon, 27. Juni. DaS Reutersche Bureau beiöücutlidn zwei Not», die den Standpunkt EnalandSund Frankreichs angesichts d« griechisch« Antwort Wied«, geh». Danach seien die Franzosen d« A ficht, daß d»e Alliierlen ihre Beratung» über die Wiederhnstellrmg deS Friedens iw Orient f o r t s e tz e n müssen. Frankreich und Jtali» müßten emveruebmlich Vorgehen und die Aufmerksamkeit Griechenlands auf die Folgen seiner Haltung lenke». Dir Engländer dagegen sete« der Meinung, daß fich den Alliierten eine neue Ge» leg»heit für BermlitlungSvorschlSge bieten w«de. Sie würd» ei vorzich», «tue solche Gelegenheit abzuwarten. Sowdo«, 27. Jum. Wie da- Reutersche Buna« meldft ist a«S A « g o r a eine Depesche eingegang». der» Inhalt bei vollständig» Verwerfung des von B e t i r S a m i B e y » London «nt«ze>chnet» Uebtteaüowmens, betreffend die Freilassung 'der Gefangen», gleichkommt. London» 27. Juni. (Reuter.) Ad rlia ist von der Italienern fast vollständig geräumt worden. Annahme der Anträge Knox-Porter. Washington, 27. 3imi. (Funkspmch.) Man sagt mit Bestimmtheit voraus, daß das Uebemnkommm bezüglich d« A nträge Knox- Porter wegen Bemdigüng des Krrcgszustanbes mit Deutschland und Oesterreich vou den Mttglledxru des Senats und des RepräsemaMeuhauses bei der morgig» Äonierenz von Vertretern beider Häuf« a n o f3 noinext wndeu wrrd.