Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 865 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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sgltn, Der Zionistenkongretz. F. SB t e «, 24 gam. Div zionistischen Lanbesorganisationen in' aller West rüsten nunmehr zum zwölften Kongreß, der am *1» September in Karlsbad zusammentreten soll. 'Der Zeitpunkt, in welchem die Tagung stattfinden wird, tzibt dem Kongreß seine besondere Bedeutung, so wie er sich durch den Inhalt seiner Beratungen von allen Ähnlichen bisherigen Veranstaltungen radikal untere scheiden soll. Waren alle früheren Kongresse dem Ldlsbau der zionistischen.Organisation, der Vertiefung ihrer Gedankenwelt unö der Vorbereitung auf künftige Möglichkeiten gewidmet, für die es langsam und allmählich die entsprechenden sozialen Institute zu schaffen galt, so wird diesmal der Kongreß zu den unmittelbar zu lösenden Fragen dxs Aufbaues Palästinas Stellung nehmen müssen, dessen Durchführung jmtt aller Beschleunigung angegangen werden muß. } Es sind sieben Jahve vergangen, seit der letzte 'Zionistenkongreß stattgesunden hat, und die Zeit, die .dazwischen liegt, ist eine Periode der schwersten Prüfung, aber auch der größten Erfolge für das jüdische Volk. Der Weltkrieg hat ein Uebermaß von Leiden Äber unser Volk ausgeschüttet, die ganze, nach Millionen zählende Judenyeit des Ostens entwurzelt und zerbrochen und den Schwerpunkt des Zionismus nach dem Westen und namentlich nach Amerika verlegt, ^nachdem die bisherigen Tragsäulen der zionistischen Energie und der jüdischen Leistungsfähigkeit, die jüdischen Gemeinschaften in Rußland, der Ukraine urch vielfach auch in Polen, unter dem Druck -er Verhältnisse zusammengebrochen sind, r Die sogenannte Krise im Zionismus, die sich in dem Augenblick fühlbar machen mußte, da ein ungeahnter politischer Erfolg mit der ungeheuren Aufgabe, die er im Gefolge hatte, einem aus zahllosen Wunden blutenden Volkskörper zuftel,'einer Organisation, die!ber Krieg um allen inneren Kontakt gebracht, hatte, ^ist nicht etwa durch die bloße Gegnerschaft der bischerigen Führer des amerikanischen Zionismus gegen ibie Form des Keren Hajessod hervorgerufen, die erst den letzten Tagen durch die Beschlüsse der zioni- Ärschen Konferenz in Clevelarck ihren Abschluß gefunden!hat. Durch diesen Kampf, der allerdings in den letzten Heilen die peinlichen Formen eines gewissen Ameri- -kanismus angenommen hatte und die ganze zionistische 'Aktivität der letzten Monate lahmlegte, ist ein Zustand -«ur manifest geworden, der dem Tieferblickenden auch 'vorher nicht verbargen war. Der Krieg, welcher in den Völkern der Welt so viel Hoffnungen entzündet hat,!um sie alsbald namenlos zu enttäuschen, der einen ganzen Wust von Unverarbeiteten. neuen Ideen unter die Massen geworfen hat, denen so der Kontrast zwischen ,dem schönen Ideal und der bitteren Wirklichkeit in!umso aufreizenderer Weise zum Bewußtsein kommt, er hat die Menschheit aus dem inneren Gleichgewicht gebracht und eine allgemeine Apathie erzeugt, welche — man merkt es im politischen Lebest von Europa» Allenthalben ~ höchstens momentane Ausbrüche zu- -käßt, die nach Kraft aussehen, während sie , in Wirklichkeit Neurasthenie sind, eine Müdigkeit, welche eine!wirkliche, stetige, aber durchhalt^nde Krüftanstrengung»!eine feste Willenszusammenfassung und Zielgerichtetiheit unendlich erschwert.! Auch das jüdische Volk, das, unter die Völker Verteilt, verurteilt ist, die Last des Alltags in stärkerem Maße noch als diese zu tragen, und t»^s an allen Erlebnissen und allem Leid der Zeit fernen vollen ltzkrteil hat, ist von den seelischen Wirkungen der Zeit tnicht verschont geblieben und hier ist der eigentliche Grund zu suchen für das Stocken der zionistischen iArhHt, welches sich in einer Zeit, da es auf die größte- : Anspannung aller Kräfte angekommen wäre, in schmerzlichster Weise fühlbar machen mußte. Die neue Situaition traf auf ein zermürbtes, in seinem Innersten erschüttertes Volk und das ist der Grund, werhalb der große «Aufschwung ausgeblieben ist, den die neue Situation 'erfordert-hätte. Dazu kommt, daß infolge des Krieges Hie östliche Judenheit wirtschaftlich und sozial derart l-unter die Räder geraten ist, daß auch ihre materielle Leistungsfähigkeit eine starke Einschränkung erleiden smußte. Als letztes unter den retardierenden Momenten kam der Konflikt zwischen dev zionistischen Leitung und den führenden' Zionisten Amerikas hinzu, der nun endlich beigelegt ist, der jedoch die Arbeit des ^letzten Jahres in ungünstigster Weise beeinflußt hat. j Diese innere Situation des Zionismus fand ihre ^Spiegelung in den Mißständen der zionistischen Leilt ung. Seitdem der Schwerpunkt der zionistischen Ar- Ibeit nach'London verlegt werden mußte, hat es eine ,homogene zionistische Leitung nicht» gegeben und die zionistische Jahreskonstrenz von London, die alle auf, sie gesetzten Hoffnungen enttäuschte, hat auch hiev 'keine Lösikng zu finden vermocht. Die in die Leitung gewählten Vertrauensmänner der amerikanischen Zio- 'uisten haben nach ihrer Inspektionsreise in Palästina! demissioniert — ihr Bericht, der an der dortigen! Arbeit vielfach Kritik übt, ist bisher bedauerlicherweise j einer weiteren Oeffentlichkeit vvrenthalten geblieben { — und die Londoner Rumpfexekutive hat aus eigener 'Machtvollkommenheit «ine provisorische Leitung ge-- 'schaffen, die bis zum Kongreß amtieren soll. ,'i Die Einberufung des "Kongresses fällt in eine für die Mische Sache schicksalsvolle Zeit. Das Palästina- Mandat ist rroK immer nicht bestätigt und die Haltung An unsere p. t. Leser und Abonnenten! Am 1. Juli beginnt ein neues Abonnement Wir ersuchen, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Verwaltung der „Wienet Morgenzeltirstg*'. . * * * Bezugsbedingungen: Für Wien (zum Abholen in den Trafiken oder mit Postzusendung) Kr. 100.— monatlich. * Mit Postzusendung: . 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Die Haltung der Araber, die zu den letzten Exzessen geführt hat — eine Folge der Schwäche der jüdischen Position im Land? sowie der allgemeinen Bewegung unter den .Völkern des Orients - - hat zu einer Unterbindung der Einwanderung nach Palästina geführt, welche die zionistische S'chs schwer schädigen muß, und die Diplsmatie Herbert Samuels, der, um die arabischen Hetzer zu beruhigen, zu e'ner Auslegung der Balfour- Dekiaraton gelangt ist. die mit dem Sin .e des Mandats unvereinbar ist, schafft einen neuen Zustand, bessern Fortdauer das ganze jüdische Werk gefährden könnte. Zu all diesen Erscheinungen wird der Kongreß unzweideutig Stellung zu nehmen haben und er wird fordern müssen, daß nicht nur die Londoner Regierung an den beschlossenen Bestimmunsen ftsthalte. sondern daß auch im Lande selbst klare Verhältnisse geschaffen werden. Die Arbeit des Kongresses darf sich allerdings nicht auf Förderungen * beschränken, es wird vielmehr eine seiner Hauptaufgabe» sein, bas Mißverhältnis zwischen Fordern und Tun, wie es bisher auf unserer Seite bestand, aus der Welt zu schaffen und endlich für produktive Arbeit freie Bahn zu schaffen. Wir müssen den Gegnern der zionistischen Politik endlich den tat- 'sächlichen Be! e s erbringen, daß wir das jüdische Heim aus eigener Kraft zu errichten vermögen, und einen Aufbauplan entwerfen, an dessen R al.'sterung sofort zu schreiten sein wird. Der Krren Hajessod, der große Aufbaufonds, verfügt schan über nicht unbeträchtliche Summen, die unverzüglich ins Land geworfen werben müssen, um neuen Einwanderern Arbeit zu geb n. die Produktivie. ung des Lan.es einzulei^en und den Arab 'rn so vor Augen zu führen, daß die Realisierung der zionistischen Pläne zur Hebung ihres eigenen kultu- - rellen und wirtschaftlichen Niveaus führt. Daneben werden aber auch die Grundlagen für eine wirNiche Araberpolitik des Zionismus zu legen sein, die mit den realen Verhältnissen rechnet, eine wirkliche Verständigung im Auge hat und sich fernhält von allem chauvinistischen Scharfmachertum sowie allen europäischen Koloriialmethoden. Eines, der wichtigsten P obleme, denen d«r Kongreß seine volle Aufmerksamkeit widmen muß. wird die Frage der künftigen Leitung bilden, denn die schönsten Programme ble ben Papier, solange die Männer feh en, die sie durch-u,ühren vermögen. Die ganze zionistische Arbeit der letzte» Jahre ist unwr dem Druck der Verhältnisse in einer Weise getan worden, bi? ben einzelnen mit einet erdrückenden Verantwortung belud, die auf die Dauer niemand tragen kann, der sich nicht auf den Willen und die Zustimmung eines demokratisch erwählten und verantwortlichen Kollegiums zu stützen vermag, und wichtige Arbeitsgebiete sind gänzlich vernachlässigt worden, zum Schaden der Gesamtorganisation. Der Kongreß wird die Besten und Leistungs-, fähigsten zu erwählen haben, die ihre ungeteilte Kraft in den Dienst einer Sache stellen, di« zu groß geworden, ist, um im Nebenamt betrieben werden au können, und eine strenge Ressortetnteilung wird geschaffen werden mijsserl,-weil die zionistische Arbeit von heute ejn Fachministerium ersoroert, das sich auf fachkundige Kräfte stützen muß. ES wird ohne Sentimentalitäten und persönliche Riicksich nihmen gewählt we den müssen, die Perjon gilt heute nicht und nur die Sache! , , §i~. Imü IS8I " 9b. 888) x Schon bfe Einberufung des Kongresses selbst bringt ben demokratischen Geist in der Organisation nriefcsi' zur Erstarkuyg. ohne die eine Bewegung wie die zionistische nicht gedeihen kann. Die Kongreßbewegung solk die frischen Kräfte ans Tageslicht fördern, die es foi den Reihen der Zionisten vielfach gibt, und den Geist der Verjüngung und Auffrischung in di« Arbeit tragen.' Auch von dem Kongreß sind keine Wunder zu erhoffe«^ Ader wenn es ihm gelingt, eine wirttichs Leitung zw schaffen und ein Arbeitsprogramm zu aktivieren, danrr wird von ihm ein Einfluß ausgehen, der die gesamtes Tätigkeit wieterbeleben und Helsen kann, daß die innere Stagnation überwunden werde und die schaffende Arbejß anhebe, welche am besten die latenten Energien freiznmachen und den jüdischen Idealismus anzusacheu vermag. Wenn der Kongreß das seine dazu beiträgt, daß dem Radikalismus der Worte der Radikalismus der Tür folge, der, abhold allen Verwässerungen, seine Kraft ausj der reinen Idee schöpft, ohne den Boven per Wirklichkeit aus den Augen zu verlieben, dann wird er düs'geleistet haben, was der Mgenblick von ihm erfordert. Die Araber in Palästina und die französische Propaganda. „Times", welche den palästinensischen Problemen^ dis größte Aufmerksamkeit schenft, haben in einem Artikel aus den letzten Tagen das Verhältnis der Araber zu den Juden besprochen und darauf hingewiesen, daß das arabische Gefühl leicht erregt werden kann. Während Ehurckikls Anwesenheit in Palästina sei &ee, damalige Au senkhalt des Emir Abdullah, des Bruders! Faisuls und Gewalthabers von Transjordanien, den englischen Behörden sehr nützlich gewesen. Das Blatt fährt nun fort: „Aber wäh .enb man fühlt, daß dev arabische Antizionismus nicht leichtherzig als „künstlich" bezeichnet werden kann, kann man andererseits nicht die Tatsache leugnen, daß fremde Einflüsse die Hund im Spiel hatten beim Schüren der Feindseligkeit der. Araber gegen ben Zionismus. Es ist unangenehm, die Verwaltung unserer sranzhsi scheu Verbündeten in Syrien kritisieren LU müssen, aber man möge sich fragen^ob eS logisch von General Go uraub gehandelt ist, nachdem Syrien in verschieden« „freie autonome Staaten" geteilt worden ist, eine Preßkampagne für die Vereinsgung (wahrscheinlich pnter französischem Mandat) Syriens und Palästinas zu fördern, und ob. es politisch oder ökonomisch ist, so viele bezahlte inoffizielle Agenten zu unterhalten, d.eren Haupttätigkeit dariw besteht, die arabischen Feindseligkeiten gegen den Zionismus zu schüren und die Engländer. zu >,pl'»gen"« kemalistische Intrige küttn in Palästina nach-j gewiesen werden. ' 1 Eins gerechte Kritik der arabischen Führer ftm* statiert, daß sie noch nicht die großen wirtschaftlichen und finanziellen Vorteil« erkannt zu haben scheinen, die sie in Zusammenarbeit mit den . gemäßigten Zionisten erreichen könney, die nach allem die Zionisten sind, welche in Betracht kommen. In diesem Zusammenhang? muß das Gesuch zur Bildung einer ^semitischem Union" von Juden und Arabern erwähnt werden,^ bas von Herrn H. M. Kalvarisky, einem Mitglied des Advisory Council (Paläst'nensischer S'aatsrat) eingereicht wurde, der als kluger und gemäßigter Zionist gilt, Palästina genau kennt , und mit einem! humanen Idealismus ein entschieden praktisches Temperament verbindet. Wenn der Araber viel von einem Bündnis mit dem Zionisten zu gewinnen hat, so wird sich' der vernünftige Jude erinnern, daß sogar ein vorwiegend jüdisches Palästina, sei es noch so stark, immer eine hebräische Insel in einem arabischen Ozean sein wird, und daß, so lange per Islam und das Christentum! Kräfte sind, mit denen die Welt zu rechnen hat. der Zionismus versuchen muß, die mvbammedankfchen und christlichen Araber zu versöhnen. Methoden, die den Boden für ein solches Bündnis vorbereite«, wer-, den sicher zu finde« sei«. Inzwischen muß man sa^en, daß, wenn auch' dev arabische Nationalismus in Palästina nicht überfehenwerden kann, doch' auch kein kluger Mann den Zionis- .mus leicht nehmen kann, weil keine jüdischen Mllionäre in Jerusalem weilen, oder weil die ZionistenI Fehler gemacht haben. Man braucht nur die fvdischem Kolonien zu besuchen und die ^haluzim bei ihrev Arbeit zu sehen, um zu erkennen, daß hier eine Macht am Werke ist. welche schlimmere JrrtüM«^ überlebe« wirb als diejenigen, die bin gavgen worben sind." Juden «nd Sanntagsrnhe ln Rumänien. Anläßlich der Fertigstellung eines rumänischen GesetzenttvursS über die Sonntagsruhe wurde« die interessierten Faktoren zur Meinungsäußerung aiifgefordert. Da der Jüdische Nationalber band keine solchi Aufforderung erhielt, wandte er sich mit einer Eingabe an die Regierung! in welcher er die besondere Wichtigkeit dieser Frage für das Judentum dar legte und die Wünsche desselben zuin Airs" druck brachte. Die aussührlich begründete Eingabe fordert,