Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 860 (19.6.1921)
- Date
- 1921-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Setze SBlfiti Sonntag SBletter Morge«zeUrmg 19. 3m im ' Seine Nationalität tn der Diaspora zu verleugnen oder nicht zu betätigen, ist eine schlechte und halbe Sache. Wenn man auf dem Standpunkt steht, seinen Nationalismus nur auf Palästina zu beschränken, dann verneint man die Tatsache der Existenz des jüdischen Volkes und in diesem Falle sollte man den Mut haben, alle Konsequenzen aus dieser Anschauung' ZU -ichm, und dis schnellste und vollkommenste . Der» «ischuna anstreben und durchführen. * Wir leben in einer Zeit der Uebertreibung des Nationalismus. Mein Zionismus schließt nicht kosmopplstische Anschauungen aus. Ich gehe von der Reüli* tät ..der jüdischen Nationalität-aus und glaube, daß jeder Jude Pflichten gegenüber seinen Mitjuden hat. Die BÄrutung des Zionismus ist übrigens vielfacher Art. .Er eröffnet heute vielen Juden, die in der ukrainischen Hölle schmachten oder in. Polen ökonomisch verkommen, Aussichten auf eine menschenwürdigere Existenz. Durch die Zurückführung der Juden nach Palästina und ihre Rückkehr zu einem gesunden, normalen Wirtschaftsleben bedeutet der Zionismus eine produktive Tmiqkeit, welche die menschliche Gesellschaft bereichert. Aber die Hauptsache ist, daß der Zionismus die für die Existenz der Juden in der Diaspora notwendige Würge und ihr Selbstgefühl stärkt. Ich habe die würdelose Anpassungssncht vieler meiner Standesgenossen immer' als sehr abstoßend empfunden.' Durch die Gründung eines freien jüdischen Gemeinwesens in Palästina wird das jüdische Volk wieder, in die Lage kommen, seine schöpferischen Zähigkeiten zu ungehinderter und voller Entfaltung gu bringen. Durch die Errichtung der hebräischen Universität und ähnlicher Institute wird das jüdische' Volk nicht bloß seine eigene nationale Renaissance herbeiführen, sondern, Moral, Kultur und Wissenschaft bereichern und wie vor Jahrtausenden in neue, bessere Bahne» lenken. * Die Erben. —V. W i e it. 19. Juni In Moskau ist her Kongreß der Dritten Intern nationale zusammengetreten. Die kommunistischen Diktatoren werden wieder beweisen, wie gut sie Rußland verwatten und welch ein Glück es für dis Wssft wäre, wenn sie sich des gleichen Systems erfreuen könnte., Tie kommunistische Presse, die gerne und freudig jeder Verschleierung die Mauer machte wird das ihre tun. um die noch immer skeptischen Massen außerhalb der «ist. schen Mauer mtt Hymnen aus das Leninsche Paradies W. überschütten. Aber die nüchterne Wirklichkeit, ist zu deutlich und entblättert rcnch den Feststrauh. den die Sendboten Lenins herausstecken. Äuch in Rußland, auch «nerhalb der kommunifttschen Partei regt sich scharfe 'Kritik. Noch ist es dem Bolschewismus möglich, -wische» de» , miteinander konkurrierenden amerikanisch-japanischen Interessen zu lavieren «nd mit Anwendung des zaristischen JntervmtionSprogrammS bei allen Zünde« leien der französischen Imperialisten vertreten zu sein. Aber sein Ende ist besiegelt, wenngleich er eh heute noch mit allen Künsten militärdiplomatisch^r Regie hinaus- Wehen kann. Die Trägheit und Entschlußschwäche der, Massen, die Indifferenz der Bauern kommt heute noch dem Bestreben zu Hilfe,, die Fassade zu hatten,, hinter, -er sich nichts als graues Elend birgt. Es ist selbstverständlich, daß die Symptome der' Neuen.Umwälzung, die bereits rm Gange ist, von deNr russis^n Emigranten nicht unbeachtet gelassen werden.. Olle, leben im Fieber der Erwartung und bereifen sich wtf dm Rückkehr in ihre durch -ie Unfruchtbarkeit dess Bolschewismus verwüstete Heimat vor. Dem jüngst, ln Hans, abgehaltenen Kongreß der russischen Industrielle» ist jetzt ein Kongreß der gegenrevolutionaren dem-«., kratischen' Parteien gefolgt, der Vertreter der bürger« Ischen Parteien und der MinderhsitSsozialisten sowie der. Sozialrevolutionären umfaßte. Zur gleichen. Zeit sgmm'etten sich die Delegierten der monarchistischen Re« aktion zu einer Tagung, die, gleich charakteristisch für diese Elemente wie für daS heutige Deutschland, unter -er Patronänz der bayrische» Hak«kr«zregierung in RerchenbaN stattfand. Hier dokumentierte sich wieder die geistige Verwandtschaft zwischen Orgesch und Schwarzen Hundert, die ihre germanischen oder slawischen Wettherrschaftsgelüste notgedrungen, beiseite legen mußten, aber gemeinsam die Formel suchen, um die verlorene Macht wieder gewinnen zu können« Bei beiden spielt der Judenpunkt, wie nur natürlich, eine große Rolle. Die deutschen Nationalisten nehmen jüdisches Geld gerne an und belasten im übrigen, das Judentum in Bausch und Bogen mit der, Schuld für alle Mängel dieserWett. Ihre russischen Freunde find etwas vorsichtiger» . Sie verlangen die ehrliche Mitarbeit der Juden an dem Aufbau der russischen Wirtschaft, weil sonst das russische Volk ihnen die Verantwortung für die Ssind« des Bolschewismus aufhalsen und durch Massenpogrome bestrafen würde. Hier ist eine. Verschiedenheit in der Tonart zu konstatieren. Nach der Deutschen Auffassung find die Juden mit den Bolschewiken jhentjsch; die russischen Monarchisten setzen sie -lotz' ylS Prügelknaben an, auf die man — avitz au lecteur — dis Wut der Massen ablenken kann, wenn eS später nicht nach Wunsch geht upd wenn die Masten sich daran erinnern sollten, daß vor Lenin der Zar regierte, und daß der Tschin unter beiden herrlich und in Freuden das Volk ansplündern konnte. ■> — Die Mädchenhändleri« als Horthy-Agent. Die Dongu spült bekanntlich täglich neue Leichen, au die Ufer »yd nicht hnmev golingt, es, big unglücklich« Hpfet der „tyeißeN". /Ordnungsarbeit zu agnoszieren. Eine Zu« schrist an den ,Hecsi Mügyar, Ujsag^ gibt <me haa.sirM «nde C apakteristtk tec ma^yaich. schen ^Konsolidierung", die ein. grelles Licht auf das verbrecherische Treiben der Mordbanden im OffizierSgewand und ihrer Helsershelstr wirst. Man schreibt dem genannten. Platte: In Ängelegsnheft, der Von'Tag zu Tag zum Bor« , schein vomMnden Leichen sei folgendes berichtet: . Die Bahnstation stv m o r n .war im Frühjahr des vergangenen.. Jahres besonders berüchtigt. Die friedlichen Reisenden mußten sich dort vor der» * ^,Gck!^'-' Pronqtz.Detachement legiftm^eren mck es gibt noch sehr viele, die infolge solcher „Legitimierung" bis heme verschollen geblieben sichd. Die Legitimierung geschah derart, daß die „verdächtig«" Personen in die Komoruer Sandbergzellen verschleppt wurde», von wo sie erst nach Tagen in verprügeltem' Zustand zum Vorschein kamen. Bloß jene hatten Glück, die in aller Eile ihre Angehörigen verständige» konnten« denn solche Personen ließ mau gegen eine „Kaution^ frei. Do würde der Sohn des Raabvr Kaffeesieders Paul Baradh nach Erlag eines Lösegeldes von- 50.006 Krone» nach zwö! ftägige r H af t frelgelafsen. Ebenso erging es dem Csornacr Kaufmann Ludrvzg Bergern und dem Oekonomie« Verwalter Mlhekmi G Y ö r i. Der Satzdberg war eigentM has Sammelgefüngnis der Offiziere der Roten Armee, wo. diese bis zu ihrerRechtferttgung, die mitunter auch über ein Jahr auf sich warten ließ,, bleiben mußte». Die Behandlung der Gefangenen war schrecklich. Sie waten i» ste ller zelleu nach russischem' Muster inhaftier^ wo sie picht wußten, oh es T^g yd e r Nacht ses. Jene,, die lebend herauskamen, find derart ei»« geschüchtert, dyiß she sich zu .spreche« fürchte». Hie erklären einfach, daß eS in ihräm einenen Interesse unzweckmäßig wäre, Informationen zu geben. Erst dem Korvetteukchttän Sgoü,:® ch w a r z, welcher Etnkaufsorgan des LandesverteLdigungsministeriumS ist, gelang es, hie TransferiKmng de- Pronay-Detachements durch^usetzen. An der Spitze des Detachements stand der Hfstziersstellvertreter Sx «mm e r, welcher zur engere» Garde Pronay gehörte. Diese Gesellschaft verübte großangelegte Erpressungen» «ach welchen ma» daun mft den Opfer» fertig $u werbe» wußte. Bei dieser Henkerarbett asststlerbe M« -"FM Süröß, welch« früher aus der Provinz . MLdche» »ach Budapest lieferte. Diese Dame, immer auf.ihre hohen Verbin8ungD»i poche»-, sucht« reiche Laut« auf, denen sie Waren" zumi Kaufe anbot. ' Als Uebernahmsstatwn dieser Wapa» wurde Komorn bestimmt. Die Sörüs macht« sich! auch erb ötig, T r a n s p o r t h e w i l l i g u n ge« s ü.«! die^se Waren zu verschaffen.. Auf einer» abseMr gelegenen Eisenbahngeleise in der NäDe.von.Dünah idi! bei Kvmor», stand auch wirklich ein' EiWbahnwcchew.i Di« gläubigen Opfer wurden hiehergelockt, sie sich persönlich überzeugen, daß «s8sich! Nicht ü m „L N ft g e s ch Ä f t e" handle. Mit K.Ws dieses Tricks haben die Pronays siebzehn Personen ,.2*/'. ermord^. . ' , Offizierspellvertreter Krummer er>; zählte selbst, daß die Op fer,. wellche "dä'§\ Held brach ten, iü der Nacht i» .;die Mitt«! der Brücke geschleppt wurden, w» sie.vv»>! sie erwartende» Bütteln in Empfang ge-' nommen wnrde». Knebel wurden thnenij in den Muu d ge stopf tr Hiebe au f d «n Kop ß v er se tz t, s chme re Laste« a n d ie F ü ße geb u de» und s» wurden sie « . i» btt Donau geworfen. Die Sörös hat auch dem storvettenkapitä« Wowi Schwarz Ware zum Kauf« «»geboten, welcher zu^ fällig vom Shayd der Dinge erfuhr« indem ihn edpr Kaufmann aus Ra«b vor dex Gefahr warnte. Ms:? er sich über den Stand der Angelegenheit erkundigtes^ kam langsam di« Sache auf. aber das einzige, , was!\ ex erreichen konnte, war, baß die Prvnay-For>! matiov von Komvxn' versetzt würde. Später wurde dj« Sörös in Raab verhaftet. Me! VyßeiL^uugSgruppch, ließ Moch di«.Sörös./ zu.sich! überfühpe» um» tz««. Debekhiv Sß an y» ir. welchem.-..«sll gelang, die Zutreiberin der Mordgesellen zu verhaften,! mußte innerhalb kurzer Zeit aus seine«' Stellung scheide«. i Die Äaaber Keitungan erschienen tags darauf zen^ surtert, Bloß Mi.„H L,r.lch-p." publiziert« Massenmord «nd teilte sogar «tt, daß ' hie Höxösl! siebzehn Opfer hatte. Infolge eines Versehens ^ders Zensur konnte de« Artikel erscheinen. Die üLrir;eir tuuge» wurde» jedoch verwarnt und mußhvn den Nach-' dv«ck »»wrlasstm. ' Wi« verlautet, wüche die SörSS ins GejängniSss auf d«M VarHarvtemiUg «ingeliejiert. Nach einer dfal der«» Bersian soll st« in Budapest frei herumgehe», j WaS dieser Kongreß an innere» Reform« für Rußland fordert, enthüllt so recht die verbreche» dein allen Fugen wankenden Bolschewismus. Die Generäle, Adefsmarschälle. Bischöfe. Ochrana-Minister ver« langen Aufrichtung der Monarchie, Einigung aller Völker Rußlands, Herstellung deS Großgrundbesitzes. DaS ist 'die offene Zurückführung auf die zaristische Zeit und lehnt sowohl die Kerepskischen Reformen wie den i Gang der Entwicklung der Revolution ab. Diese Äste besagt: Bestrafung der Revolution, Vernichtung der . Freiheit der Randstaaten und Aufhebung der Agrar- 'reformen. Go weit hat eS die Diktatur des Proletariats -gebracht, daß solche Wünsche im Ernst diskutiert.werden können, die doch auf eine gewisse Stimmung-- grundlage in Rußland selbst rechnen müssen, weil sie sich sonst nicht so deutlich ins Licht stellen würden- Go hat der Bolschewismus in Rußland gewirkt, daß in einem 'wirtschaftlichen Referat, daß auf dem Kongreß er-; stattet Wurde, die Mitarbeit der Gewerkschaften an dem Wiederaufbau Rußlands von russischen Monarchisten in. Aussicht gestellt werden konnte! Ein ganz anderes Bild zeigt her Pariser Kongreß der anttbolsch^wikischen Elemente. In seinen Beschmsim zeigt sich dar ^Bestrebenzu einer Vereinigung aller für den Aufbau Rußlands wertvoll« Kraft« zu gelang« »und die Errungenschaft« der erst« Revolution mit jene« der Befreiung von d« Romanows zu verbind«. Die von dem Kongreß gebildete „nationale Union" soll über d« Partei« steh« und hat die Aufgabe, Rrrßland vom Joch der Dritt« Internationale zu befreien. Sie fordert von ihren Anhängern d« Verzicht auf jeden Versuch zur Restauration des alten System- und lehnt'mft gleicher Entsch!ed«heft daS mechanische Oktroi dieser oder jener Staatsform ab. Diese Leitsätze atmm unverkennbar Kompromitzlust und ihr« politische Schwäche tritt scharf zutage. Aber ste erhalt« «ine kräftigere Stütze in d« Beschlüss« des Kongresse-, der sich ganz auf die demokrattsche Plattform stellt und die Agrargesetzgebung cmexk«nt. Alle sonstig« internationalen Verpflschtutttzen der Sowjets verwirft, .was fteilich schwer auszufühten sein wird, da England sei»« mit Krasst» abgeschloffen« Handelsvertrag kaum im Stiche lass« wird. Der Kongreß anerkennt bie öffmtlich« Schuld« Rußlands,,spricht sich für ein Vertragssystem mit den neuen Staaten aus und wA die ReorgLmsation Rußlandaus. Grund der demokMijch« Prinzips« unter vollem Schutze des privat« Eig«- tumS und unter scharfer Absage an. alle Racheakte gegen die Bolschewiken durchführen. Inwieweit dieses. Programm durchführbar sein wird und ob es moglich sein wird, die Liquidierung de- Bolschewismus reibungslos und unter Vermeidung deS Weiß« Terrorismus abzüwickeln., wird d« Zukunft zu erweis« Hab« Jeder^ Optimismus ist da verfehlt, weil man die Kräfte nicht abfchßtz« kann, die der zusammenstürzende KommuniS-- nwS freigibt. - E Insbesondere in bezug auf du- Schicksal der jüdisch«' Mafien in Rußland, hje der Bolschewismus bis zm» Weißblut« ausgesog« hat, muß man vor einer zuversichtlich« Auffaffung wa«en. Der «wähnte Pairsiet Kongreß hat sehr scharf pointi«te Red« gegen me.Jub« angehört, die durch Angriffe des jüdisch« Redners Paß mani k auf die Demkmsch« Pogrome außgelösi wurde». Es gibt auch in dm Kreisen der russisch« Rechtspartei« Horthy-Äem«te, die cckletz tun werde», um ihr magyarisches Vorbild p erreich« Me Zwischenfälle einer so ausgedehnt« polittsch^konstruktiv« Bewegung werd« geg« das Judentum auSgmützt ward« »nd eS muß deshalb als ein ungeheuerlicher poMscher Fehlet bezeichnet werde», daß zwei 'JvdÄy PaSmanik u»d Sliösberg, sich in das Exekutiv-, komitee der „Rational« Union "Hab« wählen lassen. Sie könn« nichts verhindem und trag« doch für alledie Verantwortung, . Abschaffung von zivilrechtlichen BeschrSnkungen für Jude« in Pole«. : Wa»Ich««, 17. Ju»i. lTes. b. Wr. Mor.rnzltz.'! Bll der lch!ti^ Sitz««- der jmistisch« Kommissio» drs polmschrn Parlameniß, in! welch« dst Abschasstmg der a«S der ckisischen Zeit LbnkyWWnew z i v i l r e ch t l i «b r « B e s ch r ä n k« »ge« für Fräurw behmdtlt wmde», stelltt der jüdische Devvtirrte H a r t g l a S dm Antrag, auch de» Absatz deS bürgerlichen Gesetzbuch«, law welche« in Polen Nicht christe» nicht die .L o r m « n d-j schaft übe» Christen übemehmea dürfe», zu sireichew! Sämtliche KommissionSmitglie^r stimmten diesem Antrag mir Mckficht auf die stoa«grmrdgesetzliche Gleichbrnechtiguvg zu b,s^ «i zwei Angchvrigr d« uatiouale» BoÜ-vrrrmiguvg iPaderewiki-! Patt»), Der Vertreter d« Justizmimst«s dagegm «suchst zweck»! Einholung von Dittttive« (?) o» Verschieb « « g ein« Bkschlnfses bis M nächste» Sitzung. Die Kovmüsswv u a h « dich« Asttmg a «