Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-05-08 · Heft 819 (8.5.1921) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 819 (8.5.1921)
Date
1921-05-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2979898--07517-2993575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 Wien, Sonntag Wiener SRow.wwfl 8. Mai 1921 -Nr. 81?" 1My$ Die Leichen in der ungarischen Donau. Tag um Tag wirft die ungarische Donau, verstümmelte, gefesselte Leichen ans Land und die ungarischen Blätter sind bereits darauf eingerichtet, wie ehemals die täglichen GeneralstabZberichte im Kriege, jetzt die täglichen Donauleichenberichte zu veröffentlichen. Aber auch darin gleichen diese Berichte den berüchtigten Generalstabsberichten, daß sie nur dazu da sind, um die sLahrheit zu verhüllen. Groß ist die Zahl der angeschwemurten Donauleichen, aber nur gering die jener, die laut dem Bericht der Budapester Oberstadthauptmannschaft agnosziert worden sind. Wie jetzt bekannt wird, wurde der Budapester Kriminalpolizei, welche den Versuch machen wollte. Licht in diese mysteriösen Tonauleichengeschichten zu bringen, von höchster Stelle abgewinkt. „Jövö" be- ■ richtet nun über zwei konkrete Fälle, in denen es sich gleichfalls um Dona uleichen handelt. Die meisten dieser Opfer stammen aus dem Internierungslager in PNiscsaba, dessen Insassen zumeist aus Juden ^usüluiuengeseht sind, die des Landes verwiesen werden sollen. Der andere Teil besteht aus Arbeitern, die in die Nationalarmee gepreßt, als politisch unverläßlich aber zu Zwangsarbeiten noch Pilisesaba dirigiert sind. Gelingt es nun den Angehörigen der Internierten auf irgendeine Weise den einen oder den anderen t'cetzubekommen, so ist es noch immer nicht sicher, daß.d:r Freigegebene auch wirklich in den Genuß der Freiheit gelangt und zu seiner Familie lebend zurückkehrt. Einen traurigen Beweis hiefür bietet der tragische Fall des Weinagenteu Samuel Laszlo-Laufer. Er wurde vor mehreren Monaten unter der Anschuldigung der Preistreiberei in das Internierungslager von Zalaegerszeg gebracht. Ein einflußreicher Budapester Advokat hatte es durchgesetzt, daß. Laszlo-Laufer nach Pilisesaba transferiert werde, we.l er gehofft hatte, dort eher die Befreiung seines Klienren Läufer durchsetzen zu können. Der Advokat, der auch R e ch t 3 k o s u l e n t der Budapester u k r a i n i s ch e n Gesandtschaft ist, setzte es schließlich durch, daß Läufer am 7. April in Freiheit gesetzt wurde. Als nun der Rechtsanwalt am 7. April in Pilisesaba erschien, um seinen Klienten in Empfang zu nehmen, erfuhr er dort zu seiner Ueberraschung, daß Samuel Laszlo- Laufer beretts am selben Tage das Lager verlassen habe. In Budapest erfuhr der Advokat eine neue Ueberraschung, denn Lauser war zu seiner Familie nicht zurückgekehrt und war spurlos verschwunden. Weder in Pttisscaba noch bei der Budapester Polizei konnte ein Aufschluß über das Verschwinden des Lauser erlangt werden. Vor zwei Wochen ungefähr meldeten die Bl'tter, daß die Gendarmerie von Sziget-Szent-Miklos eine Leiche. aus der Donau gezogen habe, deren Leibwäsche die Märke S. aufwies. Frau Lauser, die feit dem Verschwinden ihres Mannes die Donaubulletins mit größerer Aufmerksamkeit verfolgte, bat nun ihren Rechtsanwalt, es möglich zu machen, diese Leiche zu besichtigen, da auch die Wäsche ihres Mannes die Märke S. trägt. Während nun in der ganzen zivilisierten Welt die Polizei das größte Gewicht darauf legt, daß aufgefundene Leichen von ihren Angehörigen einwandfrei agnosziert werden, wurde weder dem Advokaten, noch der Gattin, des Lauser von Amts wegen gestattet, die Leiche zu besichtigen und bei der Polizei wurde dem intervenierenden Rechtsanwalt ganz offen er- Die zionistische Landeskonferenz für Ostgalizien. Lemberg, '5. Mai. (Privat.) Gestern wurde im großen Saal des Chaluzimheims die zionistische Landeskonferenz für Ostgalizien feierlich eröffnet. lieber 110 Delegierte aus ganz Ostgalizien sind anwesend. DL Eröffnungsansprache hielt der Präsident der galigischen Landcsorganisation Dr. Leon Reich. Nach den zahlreichen Begrüßungsansprachen, unter denn die eines Vertreters der zionistisch gesinnten Flüchtlinge aus der'Ukraine hervorzuheben ist, erstattete General-- sittretär Hel ler den Tätigkeitsbericht, welcher auf die durch oie kriegerischen Ereignisse in Ostgalizien im letzten .'Lahre ungeheuer erschwerte zionistische Arbeit hinwies, hierauf erstattete Dr. Leon Reich den politischen Bericht. in welchem er das jüdische Problem in Ostgalizien unwr den gegenwärtigen politischen Zuständen einer eingehenden Analyse unterzog. Kolonisierung Ostgaliziens. Prag, 7. Mai. In eurem längeren Artikel befaßt sich „Venkov" mit der polnischen ÄvlonifterungSartion in Ostgalizien und stellt fest, daß die Finanzierung dieser Aktion von elf polnischen Großbanken übernommen wurde. Der polnische Sejm hat für die Zwecke der Parzellierung des Bodens in Ostgalizi.-n und Wolhynien unter die polnischen Legionäre zwei Milliarden Mark bestimmt. Laut einer Krakauer Meldung der „Tribuna" sind bis jetzt über 59.000 polnische Kolonisten von der polnischen Regierung nach, Ostgalizien geschickt worden». klärt, daß sie aus ' außerhalb ihres Mach Inkreises liegenden Gründen nicht in der Lage / - sei, die Besichtigung der Dona.nleichen zu gestatten. Der Advokat erfuhr aber auch bei dieser Gelegenheit, 'daß die Polizei über Wunsch des Hejjas aus der engsten Umgebung des Reichsverwesers Horthy die Aufforderung erhielt, in Angelegenheit der Donaüleichen die Untersuchung so lange ruhen zu lassen, bis nicht von militärischer Seite entgegengesetzte Weisungen einlangen. Nun fuhr der Rechtsanwalt auf eigene Faust nach Sziget-Szent-Miklos und die i artige Gendarmerie gestattete ihm die Besichtigung der Leiche. Der Advokat, der Sämul Laszlo-Laufer sehr gut kannte, mit ihm wiederholt und in der letzten Zeit anläßlich seiner Transferierung von Zalaegerszeg nach Piliscsaba verhandelte, erkannte in der ihm Vorgewi'.senea Leiche mit aller Entschiedenheit diejenige des Samuel Laszlo-Laufer, obgleich sie furchtbar verstümmelt, mit einem Messer oder Bajonett förmlich zerfetzt war. Noch trauriger ist der Fall des gewesenen Bvdapester Lehrers Anton Markus. Dieser wurde seinerzeit in die Nationalarmee gesteckr. als Jude jedoch zur Zwangsarbeit nach Pilisesaba gebracht. In Briefen, die er an seine Braut richtete, schilderte er die furchtbaren Qualen, denen er von den Offizieren, die er mit Namen nannte, ausgesetzt war. Einer dieser aus dem Lager geschmuggelten Briefe wurde aufgcfangen, die Folge davon war, daß er am anderen Tage nach schweren Foltern gefesselt und mtt vielen anderen aufernen Wagen geworfen, wurde, der den Weg nach der an der Donau gelegenen Gemeinde Budakalasz nahin. Seitdem ist Anton Markus nicht mehr 'zum Vorschein gekommen. Auch sein Leichnam wurde nicht gefunden. Als die Braut des Unglücklichen, die ar.ö den Briefen ihres Bräutigams die Namen seiner Peiniger kannte, von dessen Verschwinden erfuhr, lauerte sie vor dem Hotel Royal auf die Gelegenheit, da die Ossi' ziere von Pilisesaba unter Führung des Hauptmannes G a l e t s k y und des Oberleutnants S e f c s i k in diesem Hotel abzusteigen Pflegten, mit denselben alzurechnen. Tatsächlich traf sie vor einigen Tagen den Oberleutnairt Sefcsik im Cafe des Hotels, als er mH einem Offizierskollegen beim Kartenspiel saß. Das vnglückliche Mädchen schritt auf 'dtzn Peiniger ihres Bräutigams zu, riß einen Revolver hervor und mit dem Ruse: „Du hast meine« Bräutigam ermordet, nun stirb auch du!" drückte sie auf den Erschrockenen los. Der Revolver ve_sagte und das in Raserei geratene Mädchen wurde überwältigt, in das Zimmer der Offiziere gebracht, wo es in der scheußlichsten Weise mißhandelt wurde. DaS arme Mädchen ist unter den Qualen wahnsinnig geworden und befindet sich heute in der Irrenanstalt in Budapest. Das ist wohl jener fülle Antisemitismus, wie ihn Graf B e t h l e n in seinem Regierungsprogramm kcnnzeichnete und wie er in der vorgestrigen Parlaw.entörede des Grafen Andrassh gntgeheißen wurde. Das ist die neue Rechtsordnung, die Graf Bethlen mit Zustimmung des Grafen Apponyi verkündet und mit der Ungarn der wohlverdienten Be > achtung der Kulturwelt entgehen will. Früher b>i; Galgen, jetzt die Donau, Das ist das ungarische System des Horthy und seiner Spießgesellen. Gründungsversammlung der türkische« Iudenheit. Konstantinopel, 3. Mai. (Jüd. Korr.-Bur.) Am 1. Mar wurde die GrünüungSirersammlung der türkischen Juden vom Oiöerrabbiner in formeller Weife eröffnet. Die zionr. stifche Gruppe besteht aus mehr als 20 Mitgliedern. Die Tagesordnung enthält unter anderem auch den Antrag auf Umwandlung der GründungSverfaminlung in eine gesetzgebende Versammlung und auf die Wahl eines permanenten Generalrates. Irr jüdischen Kreisen wird angenommen, baß diese Versammlung das Interesse der türkischen Judenfchaft an den allgemeinen jüdischen Angelegenheiten ' wachrufen wird. Tschechische Bankdividenden. Prag,. 7. Mai. (Privat.) Die Zivnostenska Banka hielt heute vormittags unter Vorsitz ihres Präsidenten Ingenieur Bogdan Becka ihre Generalversammlung ab. Die vorgelegte Bilanz weist ein Reinerträgnis von etwa 41 Millionen Kronen aus und die Generalversammlung beschloß, hievon eine Dividende von 12 Prozent, das ist 24 Kronen per Aktie, im Gesamtaufwands vdn 24 Millionen Kronen zur Verteilung zu bringen. Prag, 7. Mai. (Privat.) Unter Borfitz des Präsidenten Max Fcilchenfeld fand heute die ordentliche Generalversammlung der Böhmische« Eskomptebank und Kreditanstalt statt, in der beschlossen wurde, vom Reingewinne per 17,150.457 Kronen 12 ProiMM M 24 Mmu Tagesbericht. Der Kampf für die Einheit de» Judentums. Die Fortschritte, welche der Zionismus in de« Zusammenfassung des gesamten Judentums zu ein«« einheitlichen und geeinigten Bolkskörper mit einem geeinigten Willen bisher schon gemacht hat, lassen eine»! Teil des Judentums, der sich gerne als den Ber^ körperer jüdischen Geistes darstellt, nicht ruhen. Es sind! dies jene orthodoxen Juden ungarischer Couleur, bis ihren historischen Beruf darin erblicken, das Judentum, nicht zu vereinen, sondern noch mehr zu zerklüften^ Diese ihre hervorstechende Eigenart hat ihnen in der\ Geschichte der Diaspora den. wenig rühmlichen Namen „Trennungsjuden" eingetragen. Dieses Trennungsjudentum, das sich nicht begnügt, daß ihre Politik in Ungar« so furchtbare Erfolge gezeitigt hat, will die Idee der Uneinigkeit und der Spaltung in alle Länder der Wett und selbst nach Palästina hineintragen und hat sichs zu diesem Zwecke unter dem Namen „Agudas Jisroel*, zu einem sogenannten Weltverband vereinigt. Des Hauptsitz dieser Bestrebungen'ist in dem Wiener Bereis „Adaß Jisroel" (Schiffschul), deren Mitglieder zum! überwiegenden Teile nach der ungarisch-orthodoxe« Tvennungspolitik hin orientiert find. Diesen ist auch schon seit langem die Einheitlichkeit der Wiener Juden« gemeinde ein Dorn im Auge und sie glauben irmr^ daß die desolaten wirtschaftlichen Zustände in der' Wiener Kultusgemeinde den geeigneten Boden dafür! abgeben könnten, diese ihre Politik in die Tat um»- zusetzen. Es muß jedoch festgestellt werden, daß drei. Schiffschul ein'ihr durchaus nicht zukommendes Recht usurpiert, wenn sie namens der jüdischen Orthodoxie in Wien auftritt und Politik macht, denn die erdrückende Mehrheit des gesetzestreuen Judentums ist i» dem Verbände „Agudas Hacharedim" vereinigt, dessen Mitglieder gleichfalls der strengsten binservativen Anschauung huldigen, aber, in, der alljüdischen Frage auf dem idealen S.andpunkt der Einheit und Et »heit« lichkeit des jüdischen Volkes stehen. .1 Mit den in der letzten Zeit von seiten der Wiener Sch iss schul wiederholten Vorstößen gegen die Einheit der Wiener Kultusgemeinde beschäftigte sich der Vorstand des Verbandes der „Agudas Hacharedim" iü seiner letzten Sitzung, in welcher nach einem eintgehenden Referat-des Vorsitzenden Herrn Jakob März die folgende Entschließung zur Annahme gelangte:. Die „Agudas Hacharedim", ein Verband, welchdp sechsunddreißig streng orthodoxe jüdische Bereinigungen in sich schließt, verfolgt mit großer Aufmerksamkeit die in letzter Zeit zutage tretenden Bestrebungen, das Rabbinat der Wiener Kultusgemeinde entsprechend zu reorganisieren und auszugestalten. Die „Agudas Hacharedim" kdnstäticrt hiebei mit Genügtuung und Befriedigung, daß nach ihren einwandfreien Informationen ihren wiederholt geäußerten Wünschen sowohl in religiös-sachlicher als auch in persönlicher Beziehung bei dieser Reorganisation Rechnung getragen werden soll. Das Bett) Din (Rabbinatskvllegium) der Wiener Kultusgemeinde soll'auf Grund dieser bevorstehenden Reorganisation derart äüsgtzstaltet werden und feine Funktionen so ernrichten, daß sowohl bezüglich der mit den Agenden betrauenden Personen als auch mit der Art dev Durchführung und Beaufsichtigung aller rituellen Frage i und Institutionen lein'n Verfügungen auch der strenggläubigste Jude jn 'Wien wird Vertrauen entgegenbringen können. Der Verband der „Agudas Hacharedim" begrüßt diese Bestrebungen umsö aufrichtiger, als er stets den Standpunkt vertreten Hatz» daß einerseits die Einheitlichkeit der Wiener Fudengenreinde unter allen Umständen aufrechterhalte« werden muß, altderSrsoits aber sämtliche Ritualangelegenheiten in einer auch die strengsten Ansprüche befriedigenden Weise geleitet und durchgesührt werden müssen. '! Von diesem Gesichtspunkt aus muß der Verband „Agudas Hacharedim" mit alter Entschiedenheit Verwahrung einlegen gegen den Versuch der „Adaß Jisroel" (Schiffschul), diese begrüßenswerten ernsten Bemühungen des Rabbmats zu benützen, Um für sich und ihr Rabbinat neue politische unbt materielle Vorteile herauszuschlagen, indem sie verlangt, daß dem Rabbinab der Schiffschül ctnc .bon btt Kultusgemeinde und dem Staate anerkannte autoritative Sonderstellung eingeräumt werde. Der Verband „Agudas Hacharedim", der den überwiegend größten Äil der Orthodoxen in Wien in sich schließe spricht dem Häuflein der in'der Schiffschül vereinigten Orthodoxen bas Recht ab, namens der Orthodoxie solche Forderungen zu erheben. Er erblickt in diesem Versuch nicht nur eine ungehörige Selbstüberhebung, sondern eine nicht scharf genug zu verurteilende Beleidigung des Rabbmats gerade in dem Augenblick« da' es bavangeht, die Kaschrus-Frage in einer Weise zu lösen, die jeder ehrlich denkende Jude mit Freuden begrüßen muß und nur von einem von egoistische« Machtgelüsten erfüllten kleinen Kreis angefochte» werden kann. Der Verband „Agudas Hacharedim" erblickt aber in dem neuerlichen Vorstoß der Schiffschül einen nur schlecht verhüllten ersten' Schritt zur Spaltung der einheitlichen Kultusgemeinde und zu^ Realisierung ihrer unter allen Umständen zurück-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.