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Wiener Morgenzeitung · 1921-04-06 · Heft 787 (6.4.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 787 (6.4.1921)
Date
1921-04-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9tr. 787 Men, Mittwoch Wiener Morgen»«»»«- 8. April IS2l Seile S Exkönig Karl auf der fieimfabrt. Der Sonderzug mit dem König Karl In Frohnlelten augehatten. Wegen der drohenden Haltung der Arbeiter in Bruck. Der Bericht an die ungarische Nationalversammlung. In der ungarischen Nationalversammlung erklärte Am 1 Ahr nacht» verbreitet das Korrespondenzbureau aus Graz die Mitteilung, daß der Sonderzug des Exkönigs Karl abends in FroHuleiLeu angehalten wurde, da mit Rücksicht auf die Stellungnahme der Arbeiterschaft in Bruch an der Mur es nicht rötlich erschien» den Sonderzug weiterfahren zu lassen. Derzeit finden Verhandlungen statt, um die Fortsetzung der Fahrt ohne Zwischenfall zu ermöglichen. * ' Die Abreise. Einer offiziellen Mitteilung des Ungarischen Telegraphen-Korrespon-denz-Burecrils zufolge ist Exkaiser Karl gestern um 10 Uhr 85 Minuten vormittgas von Steinmnanger crvgereist? Die offizielle Mitteilung von österreichischer Seite ist erst zu erwarten, wenn dir Zug das österreichische Territorium verlassen hat.' - Die ungarische Königskrise ist für diesmal Leigelcgt und hat jeste Äsung gefunden, die unter den gegebenen Möglichkeiten crls die günstigste bezeichnet wechen muß. Von Entenieseite wird mitgeteilt, daß die militärische EntenteLegleitirng des Exkaisers folgend-errnasten zusammengestellt ist: .JtaLien: 1 Offizier nn!t> 6 Soldaten. Frankreich: 1 Offizier und 4 Soldaten. England: 1 Offizier und 2 Soldaten. Man Wäre versucht, in dieser ALftu.fu.ng einen Grad des verschiedenartigsten Interesses zu finden, welches die Ententemächte cm Oesterreich nehmen. Jy Wiener legitimistischen Kreisen wird von drei bedeutungsvollen Zusicherungen erzählt, die Exkaiser Karl von s-eiten der ungarischen Politiker gemacht wurden, um ihm seinen Entschluß zur Abreise zu erleichtern. Danach wären König Karl folgende Versprechungen vom Reichsverwefer und dem ungarischen Kabinett gemacht worden: 1. Der König erhält von seiten der ungarischen Nation bi c volle Apanage, wie zur Zeit der früheren Monarchie, auSbezahlt. E» sind dies zehn Millionen ungarische Kronen jährlich. 2. Dem König wird — dies soll auch bereits in Steinamanger geschehen sein — eine Erklärung überreicht, die vom Reichsverweser, den ungarischen Ministern und dem Präsidenten der Nationalversammlung unterzeichnet .'ist, worin König Karl als legitimer apostolischer König von Ungarn bestätigt und lediglich ersucht wird, mit Rücksicht auf die außenpolitische» Verhältnisse das Land i m 5c genwartigen Zeitpunkt wieder zu verlassen, heißt auf die Ausübung feiner legitime« Herrscherrechte für vorliLergehende Zeit vorläufig noch zu verzichte«. 8. Dem König wirb seitens der ungarische« Ration ' ine größere Summe überreicht, von welcher die "vsten der Rückreise bestritten werden solle«. Wie verlautet, ist Oberst Lehar,mit Kaiser Karl albgereist. Im Zug des Kaisers befinden sich die sozialdemokratischen Abgeordneten Sever und Müller, sechs Beamte der Wiener Polizei und zwölf Mann Volkswehr unter Kommandü des Majors Mayer. Auf der österreichischen Strecke such alle Bahnkörper fiir die Zeit der Durchfahrt des Zuges militärisch abgesperrt. Ovationen für Exkönig Karl m SLoruMnauger. Aus Steina manger wird gemeldet: Zur Abfahrt des Exkönigs hatte sich auf dem Bahnhof eine größere Menge angesammelt, öie den Exkönig mit der Ubsingung der Nationalhymne begrüßte, die Karl, zu Tränen gerührt, mitsang. Als der Exkönig am Fenster des Salonwagens erschien, brach die Menge in Eljenruse aus und rief: Auf Wiedersehen! Karl antwortete: „Ich werbe wiederkommen! 'Auf Wiedersehen!" Unter fortgesetzten Ovationen fuhr der Sonderzug um 10 Uhr 35 Minuten aus der Halle. Auf österreichischem Vodr«. Der ungarische Sonderzug mit Exkaiser Karl traf kn Feh r ing gegen 2 Uhr ein. Hier bestiegen die österreichischen Funktionäre, welche dieReise des Exkaisers bis zur österreichischen Grenze mitmachen, den Zug, des: nach sehr kurzem Aufenthalt die Reise fortsetztd.' Die Mise geht über Leoben—Selztal— Dischofshofen—Saalselden—Innsbruck—Buchs- Die Ant’uuft des Exkaisers an der Schweizer Grenze ist in den heutigen Vormittagsstunden zu erwarten. Exkaiser Karl wird von einen: Funktionär des schweizerischen Bundes rotes erwartet werden, der ihm offizielle Mitteilungen über die vom Bundesrat gefaßten Beschlüsse machen wird, die bekanntlich dahin gehen, daß die Einreisebewilligung zunächst nur eine provtsor i s ch e ist und die Gewährung der bauernden Aufend» HEsbewilligung an das formelle Versprechen des Exkaisers geknüpft ist, daß er in Zukunft sich jeder politischen Propaganda auf Schweizer Boden zu enthalten und im Falle des Verlassens dev Schweiz vorher den LundMat *u verMchiMw haben trchck. gestern der Ministerpräsident Graf T e l e k i, er könne Mitteilen, daß der König um 10 Uhr 35 Minuten Steinamanger verlasse» hat. (Rufe rechts: Gott sei Dank!) Ich kann natürlich noch nicht Mitteilen, ob er schon die Grenze überschritten Hai, doch ist die Frage derart geregelt, daß der Uebertritt um die Mittagsstunde erfolgen muß. Ich will heute der Nationalversammlung nur kurze Mitteilungen machen. Morgen werde ist dann detaillierte Aufschlüsse geben können. Ich glaube, Laß wir in der Frage, daß der König das Land wieder verlassen mußte, mit wenigen Ausnahmen eines Sinnes sind. (Laute Zustimmung links, Widerspruch rechts.) Ich will die Gründe hiefür nicht ausführlicher darlegen. (Rufe rechts: Das müssen wir wissen!) Es wäre weder für unsere noch für unsere auswärtige Lage nützlich, wenn ich mich hier in Einzelheiten einlassen würde. (Rufe auf der äußersten Rechten: Wir werden aus den ouslänldischen Blättern alles erfahren!) Jedermann weiß, daß wir alle Gründe erwogen haben und auf Grund dieser Erwägungen vorgegangen sind. (Zustimmung links.) In dieser Hinsicht haben si ch auswärtige Gefahren ergeben. Nachdem diese auswärtigen Gefahren vorüber sind, wäre es schade, sie im einzelnen darzustellen. (Rufe rechts: Das sind nur Schreckgespenster!) Ich glaube nicht, daß eS richtig wäre, diese ausführlicher darzulegen. Andererseits halte ich es auch nicht für richtig, die inneren Gegensätze zu steigern. Ich meinerseits werde zur Steigerung dieser inneren Gegensätze nichts beitragen. Abgeordneter Balla (ironisch dazwischen rufend): Also schalten wir diese Frage aus! , Graf Teleki (fortfahrend): Ich halte es für das einzig Richtige, die Gemüter sowohl im Innern wie im Ausland zu beruhigen. Bezüglich eines Landes wie Ungarn, das so vielen Erschütterungen ausgesetzt war und diese überraschende, mit neuen Erschütterungen drohende Angelegenheit (Rufe links: Putsch!) gut überstandcn hat, wird jeder nüchtern denkende Mensch beruhigt sein können. Das nüchtern denkende Ausland wird sehen, daß Ungarn einen solchen Grad der Konsolidierung erreicht hat, daß sowohl die Regierung wie auch die nationale Armee sich. in gute« Hände« befinden, daß hier volle Einmütigkeit herrscht und sich rüemand im Lande hinreißen läßt. (Zustimmung.) Abgeordneter Somoghi: Das ist eine schöne Konsolidierung, daß man den Küliig aus dem Lande wegfuhrt. (Rufe links: Wir stehen auf der Grundlage des Gesetzes! And-ere Rufe: Wie kann ein Abgeordneter fo sprechen? Rufe rechts: Wo gibt eZ ein solches Gesetz?) Ministerpräsident (fortfahrend): Ich bifte die NatkonalversammLlvng, die Ruhe zu bewahren. Diese Ruhe dient dem Lande zum Vorteil. Morgen werde ich der Nationalversammlung über alle Maßnahmen, die bezüglich der Abreise des Königs getroffen wurden, ausführlich - Mitteilung machen. Cs war unsere elementare Pflicht, die Durchreise durch Oesterreich und die Rückreise in die Schweiz sicherguftellen. Dies hat längere Zeit in Anspruch genommen. Wir mußten gewisse technische Schwierigkeiten bekämpfe«, bis wir mit Oesterreich endgültige Abmachungen treffe« konnten. Dir müßten nicht nur dafür sorgen, daß die Durchreise durch Oesterreich nicht gestört werde, sondern daß auch gewisse Formen gewahrt werden. Zur Sicherung dieser Formen sind uns die Ententemächte an die Hand gegangen, und drei Offiziers« Vertreter der Entente begleiten den Zug, um eine Gewahr dafür zu bieten» daß die Reise in entsprechender Form vor sich gehen wird. Dies haben wir für unbedingt nötig gehalten, und wir konnten in dieser Hinsicht keinem drängenden Druck nachgeben. Wir mußten uns einerseits auf den Standpunkt stellen, daß die unbedingte Abreise erfolgen müsse, andererseits konnten wir nicht zulassen, daß derjenige, auf dessen Haupt die ungarische Nation die heilige StvphanSkrone gefetzt hat — (Cljenrufe und Applaus bei der Christlichnationalen Bereinigung, Rufe: Das ist das Wesen! und Rufe: Die Krone ist keine phrygische Mütze!) — in einer nicht entsprechenden Form reise. Ich bitte die Nationalversammlung, wenn ich morgen meine endgültigen Mitteilungen gemacht haben werde, die Verantwortlichkeit der Regierung festzustellen. Ich bitte den Herrn Präsidenten, meine Mitteilungen aus die Tagesordnung der morgigen Sitzung zu stellen, damit die Diskussion hierüber eröffnet werde und die Nationalversammlung dazu Stellung nehmen könne. — Das Haus beschließt in diesem Sinne. Dr. Gratz demissioniert. Nach einer Budapests Meldung hat der Minister des Aeußern Dr. Gratz die Demission gegeben und . soll auf seinen früheren KMn als Gesandter in Vien rvvHyk ittsfidfetim , Der Rücktritt des Ministers Dr. Glanz. Der Minister des Innern Dr. Glanz ist zurückgetreten. Er hat sich dagegen gewehrt, daß der Zug des Exkaisers untere die Bewachung von.'sozialdemokratischen Abgeordneten und Bolkswehrsoldaten gestellt werde. Da er nicht durchdrang, mutzte er zurück! . Seine Stellung war schon seit seinem Gingrei,.u m die „Reigen"-Affüre erschüttert, und es war nur eine. Frage der Zeit, wann er den Angriffen der Sozialdemokraten weichen würde. Die Christlichsozialen sehen ihn nicht ungern scheiden, da sein Rücktritt den Weg zu der seit neuem wieder «»gestrebten Koalition freinr-achen würde. Sein Nachfolger soll provisorisch der Vizekanzler Dr. Breiskh werden. Gleichzeitig mit Dr. Glanz ist General Müller im Ministerium für Heerwesen zurückgetreten, der in der Aufstellung einer Volkswehrwache für. König Karl eine Untergrabung der, Disziplin erblickt. Im gestrigen Miuisterrat erstattete Bundeskanzler Dr. Mayr einen ausführlichen Bericht über die Urfachen, welche zur Uefcettddjung des Demissionsgesuches des Bunbesministers Dr. Glanz geführt haben. Die - vorgestrige Entscheidung d^s Bundeskanzlers in An- , gelegenheit der Teilnahme der Reichswehr an der Rückfahrt des früheren Kaisers über österreichischen Boden wu de einstimmig genehmigt;, gleichzeitig wurde- Minister Dr. Glanz um Zurückziehung seines De mis sio ns ge suche s ersucht. Das Mtimatum der kleinen Entente an Ungarn. Wien, 5. April. Das Ultimatum, das die Vertreter der kleinen Entente der ungarischen Regierung überreichten, enthielt außer der Forderung, daß Karl bis Donnerstag 6 Uhr abends ungarischen Boden verlassen haben müsse, folgende Ankündigungen: Im Falle der Nichterfüllung der obigen Forderung werden die diplomatischen Beziehungen der Staaten der kleinen Entente zu Ungarn sofort abgebrochen, die wirtschaftlichen Verhandlungen suspendiert rmnö die notwendigen militärischen Maßnahmen gegen Ungarn sofort getroffen. Das Ultimatum der kleinen Entente verlangt schließlich Garantien für die Zukunft gegen eine Restauration der Habsburger und Erfüllung des Friedensvertrages Irezüglich. Herausgabe des Burgenlandes an Oesterreich und Demobilisierung. j. LoNdou, 4. April. Das ReuterschS Bureau erfährt: zu der Nachricht, wonach die kleine Entente dem! Admiral H o r th y militärische Maßnahmen angekündigt: habe, falls Exkönig Karl nicht bis spätestens Donners-,.' tag Ungarn verlasse, baß sich diese Mächte nicht tmü bloßen Versprechungen begnügen, sondern von der ungarischen Regierung Garantien gegen die Restauration derHabsb urger-Mvnarchie in Ungarns. fordern.. Keine Besprechungen zwischen König Karl und franzSfischen Militärs. Paris, 5. April. (Havas.) Das Sekretariat des früheren Königs Karl veröffentlicht (»ine Note, worin festgestellt wird, daß die Nachricht über Besprechungen,, die zwischen dem König und französischen Staatsmännern oder Generalen ftattgefunden haben sollen und die seiner Rückkehr voran gegangen wären, von Anfang bis zu Ende erfunden sind. Ebenso witt> ein von dem! römischen Blatte „Tempo" veröffentlichtes, angeblich aus Bern datiertes Schreiben, das der Exkönig an de« Kardinal-Fürsterzbischof von Ungarn, Csernoch', gerichtet hätte, als falsch' bezeichnet. Zrrkückweisrmg des jugoslawische« Protests durch die Schweiz. Bern, 6.April. Wie die Basler „Nationalzeitung"' meldet, hat die schweizerische Regierung auf den Einspruch' der jugoslawischen Gesandtschaft gegen die Wiederzulassung des Exkönigs Karl in die Schweiz erklärt, daß die Verfügung über schweizerisches Gebiet ausschließlich der Schweiz zustehe, und dabei betont, daß die Gefahren für Jugoslawien jedenfalls geringer seien, wen« der Exkönig in der Schweiz sei, als wenn er in Ungar« bliebe. Der jugoslawische Schritt habe überrascht, werm mau sich daran erinnere, daß vor einer Anzahl von Jahren der serbische König Peter in Genf das Asylrecht der Schweiz genossen habe. In milderer Form sei auch die tsch'echo-slowakische! Gesandtschaft wegen der Rückkehr des, Exkönigs Karl vorstellig geworben. Die preußischen Sozialdemokraten treten in die Regierung ei«. Berlin, 5. April. Wie der „Vorwärts" meldet, hat die Landeskonferenz der sozialdemokratischen Partei beschlossen, die Fraktion zu beauftragen, sich an der Regierung-- b i l d n n g z n beteiligen, jedoch unter der Bedingung, daß die Verlassung gesichert, die Verwaltung demokratisiert und dir Selbstverwaltung unter Zusicherung des Ausbaues der bestehenden Rechte der Arbeiter, Angestellte« und Beamte» ne* wahrt wird. Die Verhaftungen i« Mitteldeutschland. Berlin, 5. April. (Wolff.) Bei der Aktion inMittek» de»tschlaud sind «ach den bisherige» Feststellungen 3618 Personen festgenomme« worbe». Der Hauptteil der

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