Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 787 (6.4.1921)
- Date
- 1921-04-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .Äffen, Mittwoch Wiener Morgenzeitttns Polittfche^undfcha«. Die jüdischem Studenten im Rumänien. Bo» ««serem $?t)taUtOY«cf?ettfce»tcti. y Donr 19. bis 22. März tagte in Bukarest ein Kongreß aller jüdischen Universitätshöver der Universitäten Großrnmäniens. 2943 Studenten hatten Delegierte entsendet, um alle jüdischen Studenten ohne Rücksicht auf deren Parteizugehörigkeit in eine Organisation zusammenzufassen, die die Verbesserung der sozialen und ökonomischen der jüdischen Studentenschaft zur Aufgabe haben fotf. Diesen ersten Studentenkongreß hat jedoch nicht die wirtschaftliche Not der jüdischen Studenten allein bewirkt, vielmehr tourde er einberufen, um ein gemeinsames Arbeitsfeld für die jüdische Jugend im Rahmen des Wiederaufbaues der nationalen Existenz des jüdischen Volkes festzulegen. In diesem Sinne wurde der Kongreß von den anwesenden Gästen Oberrabbiner Dr. Niemirower und Deputierten Doktor Pi stiner sowie dem Vertreter der Zionistischen Föderation Großrumaniens, Advokaten W e ißm an n, begrüßt. Den Referaten über die wirtschaftliche Lage der jüdischen Studentenschaft in den einzelnen Universitätsstädten entnehmen wir, baß die jüdischen Studenten überall aus die Hilfe der eigenen Organisationen, die sich auf Philanthropie aufbauen, angewiesen find. Staatlich «Hilf st wird in den meisten Fällen gar nicht gewährt, während andersnationale Verbände solche in ausreichendem Maße erhalten. Der Kongreß beschloß deswegen die Gründung einer Zentralorganisation der jüdischen Studenten Großrumäniens mit dem Sitze in Bukarest. Diese zentrale Organisation, die sich -auf dem Prinzip der Kooperative und Selbsthilfe aufbaut, umfaßt alle Wirtschaftsverbände der Universitätsstädte. Sie wird Lei der Regierung die Gleichstellung mit den anderen Studentenverbänden und Gewährung von staatlicher Hilfe zu fordern haben. Die zentrale Organisation wird schließlich die jüdische Studentenschaft überall vertreten, wo Studenten wegen ihrer nationalen oder religiösen Anschauungen verfolgt werden. Die Kulturfvage konnte ruf diesem Ingreß nicht vrehr zur Sprache kommen, es wurde deswegen beschlossen, die Erledigung dieses Punktes auf die Tagesordnung eines demnächst einzuberufenden Kongresses zu fetzen. Exzesse gegen die jüdische» Studenten an der Tzernorvitzer Universität. Für den 28. März hatten die jüdischen Hörer der Czernowitzer Universität eine Versammlung an gekündigt, mn über den Studentenkongreß in Bukarest Bericht zu erstatten. Die Versammlung wurde in Gegenwart des Prorektors und beider Dekane in hebräischer Sprache eröffnet. Als der Referent mit seiner Berichterstattung begann, stürmten rumänische Studenten den Saal und wollten die Abhaltung der Versammlung verhindern- Es begaben sich von beiden Seiten je drei Vertreter ins Rektorat, wo die rumänischen Studenten unter anderem die Forderung stellten, es müsse in de ut scher Sprache verhandelt werden. Ferner dürfe über die Beschlüsse des rumänischen Studentenkongresses von Klausenburg, der im vorigen Jahre tagte, nicht gesprochen werden- Damals wurde nämlich im Zusammenhang mit der Frage der Beschickung des Kongresses der internationalen Studentenliga in Straßburg beschlossen,keine Juden in rumänisch« Studentenverbände äufzunehmen, wogegen der nun abgeschlossene Kongreß der jüdischen Studenten in Bukarest Stellung nahm. Als über Drängen der rumänischen Studenten die Versammlung geschlossen werden mußte, wurden die jüdischen Studenten von den mit Stöcken bewaffneten Rumänen überfallen und geprügelt und auch jüdische Hörerinnen attackiert- Ein Versuch, in die jüdische Mensa einzudringen, wurde rechtzeitig veredelt, dafür fanden vor den Redaktionen der deutschgeschriebenen Zeitungen lärmende Kundgebungen statt. Die Vorfälle, welche in Czernowitz große Empörung hervorriefen, beweisen, daß die rumänischen Studenten die Juden nur als geduldet ansehen möchten. Jedenfalls wird dadurch die Situation gekennzeichnet, in der. sich die 900 jüdischen Studenten von Czernowitz befinden. _ Die jirdisch-polnische VerstandiMNgsahtiün nnb die polnische Presse. Aus Warschau wird unS über die im Zusamment mit den gegenwärtigen Verhandlungen über die jüdischpolnische VekstänL'> >ng kürzlich nn Finanzministerium statt-- gefundene Besprechung mit de« Vertretern der polnischen Presse i'.ac-j-rä^i.ch berichtet: Als ein Pressevertreter konstatierte, daß der Erfolg der Verständigungsaktioa in weitem Mas- - i ihrer -'rön-^-ng mit '•-r Frage her jüdischen Emigration abhängig sei. erklärte Minister Steczkow» sti, daß im Finanzministerium bereits das Statut fdr eine Emigrationsbank eingereicht fei, welche die Konzession erhalten werde. In der weiteren Debatte stellte ei» Journalist eines rechtsstehenden Organs fest, Laß die Revision des Zwangs f onntagsruhegesetzeS für die Prodis, besonders für die kleinen Stadt«, aktuell sei. und zwar nicht nur für die Juden, sondern auch für die christliche Bevölkerung, welche, wenn sie zum Gottesdienst kommt, auch gefrife Einlauf erledige» mutz. Außenminister Sapieha stellte fest, daß für die Behandlung der Judenfrage die Stellung der e)nen oder anderen Partei, nicht maßgebend sein könne: M sei eine absolute N o tw end rgk eit für P ol e n, die Judenfrage in europäischem Geiste zu lösen. Der Außenminister habe Gelegeicheit gehücht, zu . merken, daß schon die Tatsache LeS Beginns der Unterhandlungen im Ausland, hauptsächlich in Ame rika, sehr.günstig für Polen gewirkt habe. Daher liege es m Interesse des Staates, die Verständigungsaktion konsequent Lurchzuführen. Am die Mesopotamischen Oelfelder. Die „Times" melden aus New-Dork, daß einem Bericht des „Philadelphia Ledger" zufolge die.hritischc Regierung in ihrer letzten Antwortnote über die Frage der Zuerteilung des mesopotamischesi Mandats an Amerika darauf Hinweise, daß die Konzessionüber die OelseDer in den Wffajets Mossnl und Baadad von den Türken bereits.vor den; Kriege gemährt worden sei. Zu gleicher Zeit sei eine türkische Konzession an die Standard /Oil Company zur Ausbeutung der O elfe ld er in Palästina gegeben worden. Unter diesen Umständen seien weitere Oelfelder der/ Kontrolle des Völkerbundes entzogen. Wenn der Bund aber irgendeine Macht habe, eine Konzession für nichtig zu erklären, so müsse er auch andere, nämlich die in Palästina, auf-- heben. Gleichzeitig habe die britische Regierung mit* geteilt, daß, wenn, amerikanische Unternehmungen in dem Wilajet von Basra nach Oel suchen, wollten, sie nichts dagegen einzuwenden habe. Holuhswytsch vsr dem MevslutLorrs- IriKrmaL. Der Ukrainische'Pressedienst meldet aus Tarnopol: Der erste Ministerpräsident der- Ukrainisch n Volksrepublik, H o ln b o w h t s ch, steht vor dem bolschewischen Revolutionstribunal in Charkow, um sich wegen des im Jahre 1918 geschlossenen Brest - Litvwsker Friedens zu verantworten- - Antisemitische Propaganda in Polen. Die Propaganda für die Abstimmung in Obevschlesien hat den polnischen Antisemiten neue Gelegenheit gegeben, ihren Hetzgelüsten freien Lauf zu lassen. Das Warschauer Komitee für die Bereinigung Oberschlesiens mti Polen hat imter dem Titel „Unter gemeinsamem Dache" eine Broschüre herausgegeben, welche in alten polnischen S ch n le n und unter der Bevölkerung massenhaft verbreitet wurde. Verfasser ist der nationaldemokratische S.ejmdepü-tierte Zond. In dieser BroschüreMrdt-sich unter der vielsagenden Ueberschrift „Die Gefahr von seiten des I u den tum s" folgende Darlegung: „Wir' dürfen nicht vergessen, daß alle Bürger des polnischen Staates eine große gemeinsame Gefahr haben in der Person von drei Millionen Juden, eine Gefahr in moralischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht . . . Gegen diese Gefahr müssen wir solidarisch auftreten und uns organisieren, selbst auf die Gefahr hin, von der ganzen Pest den ungerechten Vorwurf der Intoleranz zu empfangen. Wer dies nicht versteht und uns darüber tadelt, der sehe sich die Millionen dieser Leute näher an, die uns fretnd sind durch die Prinzipien einer besonderen Ethik, Leute, die einen ganz anderen-Begriff von Recht, Wahrheit, Nächstenliebe^ Arbeit, Ausnützung des Mitmenschen haben als die Christen. Dieser Feind läßt sich übrigens schwer niederringen. Wir hatten ihn schon beim Untergang der ehemaligen polnischen Republik^ damals lebten auf dem Gebiete Polens etwa 7 Prozent Juden; heute haben wir diesen Feind im Wespen; in Posen in einer Stärke von 1 Prozent der Bevölkerung, in Kongreßpolen bildet er 15 Prozent und in den östlichen Randgebieten 24 Prozent. Das Ansammeln großer jüdischer Bevölkerungsmassen steht in verkehrtem Verhältnis zu? Bildung und znm Wohlstand der übrigen Bürger im Lande . . . Dieser Parasit vermehrt sich immer dort, wy Armut und Unbildung herrscht. Im Sonnenlicht verschwindet er." Diese systematische antisemitische Seelenvergiftung zeigt, wieviel in Polen noch zu tun sein wird, um die Atmosphäre von solchen Miasmen zu säubern, welche jede Verständigungsaktion zwischen der Regierung und den jüdischen Vertretern erschweren müssen- Der jüdische Wiederaufbau im Ostgalizie«. Lemberg, 3. April. (Jüd. Korr.-Dur.) Im Züsannnenhang mit der für de« 18. April nach Warschau einherujenen Konferenz in Sachen des wirtschaftlichen Wiederaufbaues der polnischen Juden hielt hier gestern der Leiter der Wiederaufbauaktion des Joint eine Beratung mit den jüdischen finanziellen und sozialen Institutionen ab, um im Einvernehmen mit ihnen daS Programm des wirtschaftlichen Wiederaufbaues der ojl* galizischen Juden festzusetzen. Reue Judenpogrome der russische« Konterrevolution. Warschau, 3. April. (Jüd. Korr.-Bur.) Einer Meldung aus Reval zufolge sind in Human Aufstände 'gegen die Sowjetmacht ausgebrochen, jvobei dieLebensmitteltager geplündert wurden und im Anschluß daran L»b«.rurt»ll« iMMrfciww» IW», S. April 192t _Nr. 787 Inland. Die Hilfe für Oesterreich. Die Londoner „Daily Chronicle" schreibt: Die dringendste Aufgabe des Völkerbundes ist, das Vermögen Oesterreichs festzustellen nnd Arrangements für eine internattonrlc; Anleihe zu treffen, die bestimmt fein soll, Oesterreich Wied« auf die Beine zu bringen. Das Ansehen des Völker«« bundes hängt davon ab, ob er die dem Völkerbund angehörenden Staaten zu veranlassen vermag, die Kredite an Oesterreich zu sichern. Da dem Völkerbund 43 Staaten angehören, wovon die meisten ein vitales Interesse an der Wiederaufrichtmig Oesterreichs haben, dürfte dieser Appell Nicht uugehört bleibe«.. ,, ,.v x,....., Die Pariser Zeitschrift „Le Monde Jlluströ" weist,au| die schwierige finanzielle Lage des Staates hin, die im wesentlichen auf die Entwertung der Krone zurückzufübren sei. Sodann wird ein Ueberblick über die wichtigsten Hilfsquellen glichen-und «rusgWhtt, abgesehen von der günstigen geographischen Lage Wiens an einem Kreuzungs- Punkte der großen Handelsstraßen von Norden nach Süden und von West' nach Ost, bieten die Alpenländer günstige Ausbeutungsmöglichkeiten für Industrie und Landwirtschaff Der Artikel veriveist auf den Holzreichtum des Staates, dessen Gebiet zu 40 Prozent von Wäldern bedeckt sei, und betont, daß. sich bei rationeller Ausnützung der Wasserkräfte dem Lande eine aussichtsreiche Zukunft eröffne. Das österreichische Volk habe' in allen Pvoduktionsztveigen, die nicht auf die Lieferung von Rohstoffe« oder Kohle aus dem Ausland angewiesen seien, mit lobenswertem Eifer die volle Tätigkeit ausgenommen. Paris, 5. April. Das Subkvmitee der Finanzkomrnission des Völkerbundes wird am 16. April in Wien eintrefsen. Der dänische Delegierte Glückstadt hat die Mission definitiv angenommen und wird die Reise gemeinsam mit Aven-vl und Fraser antreten. Die Note des Völkerbundes dürfte morgen oder übermorgen den beteiligten Staaten zugehen, worauf ' die Veröffentlichung des authentischen Textes in der Presse erfolgen wird. ' Die römische Konferenz. Rom, 5. April. (Stesani.) Die österreichische Delegation für die Konferenz der Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie ist heute 'früh hier eingetroffen. Der österreichische Gesandte hat die Delegierten zu einem Gedankenaustausch über die Fragen,, die von der Konferenz behandelt werden sollen, berufen. Der neue tschechische Gesandte in Wien. Die tschecho-slowakische Negierung hat in Wien mit das Agrement für den derzeitigen Berner Gesandten Dr. Cyrill Duschek als Gesandten in Wien angesucht. Der bisherige Wiener Gesandte Dr. Flieder geüti nach Bern. Die Krankheit Oesterreichs. In der .Basler Nationalzeitung" sucht HcmS Luldwig Rosegger. Peter Roseggers Sohn, die Notwendiglsrt eines Anschlusses^, an Deutschland aus svlgende. Weise zu begründen: Die Bevölkerung Deutschöfterreichs ist heute — seien wir offen! — durch und durch verlottert und Vevluoert. Das ist wahrscheinlich das Schmerz-lichste an unserem Zustand, weil ohne moralische Wiedergeburt tuch unter günstigen. äußeren Verhältnissen eine wirtschaftliche Gesundung ausgeschlossen ist. Gewiß, jede Revolution hat Äs erste Folge („Kinderkrankheiten" nennt man es) eine Verrottung des öffentlichen und des privaten Lebens, aber iw allen vergangenen Umstürzen (deren Kinderkrankheiten" nicht letal endeten!) waren es immer nur einzelne Stände und Kreise, die moralisch erkrankten, in Deuffchösterveich ist der ganze Dolkskorper vergiftet. Terror, Korruption, Protektion, Betrug. Diabstahl und Schwindel aller Art oben und unten und in der Milte. Jeder gaunert, so gut er kann, der Handarbeiter nicht weniger als der Bankkapitalist, der Bauer ebenso wie die verschiedenllichen verfassungsmäßigen und verfassungswidrigen Räte und der Aermste bet Armen, der geduckte, ^Mittelstand". Jugendliche Hilfsarbeiter mache« sich durch Schiebungen ein Vermögen, Beamte werden binnen Monaten Millionäre.^ manche Theater Aemter und Schulen sind zu Winkelbörsen geworden, wo man ftrupellos mit allem handelt» rmr darauf bedacht, möglichst viel „ins Verdienen" zu bringen. Man stiehlt Staatsmuseen mit derselben Virtuosität aus, wie Postsäcke und Eisenbahnzüge, man mogelt mit echtem nnd und mit falschem Geld, kurz, Niedertracht und BertrauenZunwüchigkett kennzeichnen unser Leben. And das Aergste: Kaum einer von hundert Entgleisten ist sich der Verbrecher- Hastigkeit seines Tuns auch nur bewußt. „Stehlen ist erlaubt", heißt es, und andere zu Äberdorteilen ist zum landesüblichen Sport geworden. Man muß freilich zugeben. Hatz Einzelne, daß sogar ganze soziale Gruppen bei bee Urchekümmertheit der Staatsregievung auf unsaubere H»ekuilationen urtb Schwindeleien geradezu angewiesen sind. - wollen sie nicht glattweg verhungern: Erwerbsunfähige Klemkapitalisten, die bei der wahnwitzigen Teuerung von don Zinsen ihres bescheidenen Sparkapitals nicht vier Wochen im Jahr leben können^ Pensionisten und andere Rentewbezieher und zahlreiche werbeschaffende geistige Arbeiter, hat doch die seit ISIS tatsächlich in Deutschöster- «ich herrschende Partei den Grundsatz aufgestellt, eine Abwaschfrau fei besser zu entlohnen als ein klinischer Assistent. Unser ganzes System ist eine einzige große Er. 'ziehungsanstalit zu Lumpereien. Es ist keine Groteske, es ist bittere Wahrheit, daß ein Wiener Hochschulprofessor des Ruhestandes buchstäblich verhungerte, und leider ist eS ebenso Tatsache, daß Lausende und Tausende an Unterp-rnährung hinsterhen, wÄverch „neue. Reiche" mit ergaunerten Reichtümern üppig prassen. Auf solchem Nähr- -Hoden gÄ>eiht der Bolschewismus, vor dessen Zerstörungen sich auch die Westmächte nicht durch den ^schwärzosten Kordon" schützen können, hat er sich einmal ins Herz Mittel, eupopas eingefreffen. Der Oesterreicher zeichnete sich niemals durch Eharakterstärks au-, pendelte daher immer schon zwischen Extremen, aber moralffch so tief stand er .auch «och den ZeMthwUM. des DrechMahrrgen Kciogez L». ÄÄi.