Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 765 (13.3.1921)
- Date
- 1921-03-13
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Sta. 7135 Men. Sonntag Abteilung V^ien Vom Juli 1919 bis Ende Dezember 1.920 Bureau des Regionaldirektors kür Oesterreich und Zentralbureau:, I, Seilerstätte 15, 3. Stock. Sektion „Fürsorge für Einzelpersonen4: IX. Berggasse 7. Mezzanin und i. Stock. Lebensmittel' und Bekleidttngsstelle: III. Esteplatz 3. DOGGG(DGGVV<D(DLD(DLDO(DVLD(D(DG(DOOG (S> O (§> © @©©©©®©(©@©©©(©©©(©(§>@(§>(e>(§)(e>(§> Der Jahresbericht des Joint. Der Jahresbericht des Joint, den wir heute veröffentlichen, ist ein Dokument jüdischer Nächstenliebe und jüdischen Solidaritätsgesühls. Die Hilfeleistung der amerikanischen Judenschaft für die vom Kriege betroffen Ostjuden imponiert nicht nur durch ihre Großzügigkeit, sondern sie ist beispielgebend durch den Geist, der' sie beseelt. Bisnun wurden von diesem Komitee nicht weniger als vie rzig,M illiynen Dollar in Geld, Lebensmitteln, Kleidern, Maschinen und Werkzeugen zur Verteilung gebracht. Mit Genugtuung darf, die Judenh^it andere Völker auf dieses leuchtende Beispiel warmherziger und tatkräftiger Hilfsbereitschaft Hinweisen. Von den bisher aufgewandtcn Summen entfällt auf Wien der stattliche Betrag von 1,750.000 Dollar. Großartiges hat die Wiener Abteilung des Joint f ü t; das jüdische Kind geleistet. 5000 unterernährte jüdische Kinder, überdies 600 erkmnkte Kinder werden von ihm - fortdauernd betreut und in 21 Kinderm i l ch t r i n k h a l l e n ist für sie täglich Milch bereitgestellt. Seine Krankenfürsorge ließ der Joint in Wien im verflossenen Jahre über 18.000 Personen angedeihen und er hat bisher im ganzen 32.000 erkrankte Personen mit Medikamenten, Nahrungsmitteln und ärztlicher Behandlung gefördert. Nund 1000 Fälle monatlich kommen im Ambulatorium des Wiener Joint zttr Behandlung und es wurden bisher mehr als 800 Kranke der dauernden Behandlung durch die Lüberkulosenfürsorge des Joint teilhaftig. Ganz besonders imponierend ist aber die Anzahl der Wiener Flüchtlinge, welche der st ä n d i g e n Lebensmittel unter st ützungen teilhaftig werden- Sie ' beträgt 23.352 Personen. Wenn wir noch hervorheben, daß der Joint in Wien' 1000 jüdische H 0 ch s'ch ü l e r mit 'Mittagmahl und Abendessen versorgt, so haben wir nur einige Ziffern des Berichtes hervorgehoben, soweit er die'chäntative Tätigkeit betrifft und verweisen im übrigen auf die hier folgenden Aus- Führungen. - - Weit wichtiger noch als. das charitative Werk erscheint uns aber das Streben des Joint, den Wieder- Maufbau des zerstörtenjüdischen Volkes mit seinen ' ^Mitteln zu fördern, die jüdische Arbeit zu stützen und der so dringend nötigen Umschichtung dienlich zu sein. Er hat bisher in Wien die Errichtung und Erhaltung folgender j ü d i s ch e r Arbeitsstätten AMöglicht: Die Schlosserwerkstätte des Jüdischen Nationalrates, eine Spängler- und eine K l e i d e r p r 0 d u k t i v g e n 0 s s e n s ch a f t, die Schuhreparatur we r k st ä t t e. die Konsumgenosscnsclwft für jüdische Arbeiter, und Angestellte, die jüdische Bürstenbindergenossenschaft und andere mehr. Ein Nilhmesblatt in der Geschichte des Joint ist feine führende Teilnahme an den Aktionen, betreffend die Heim befördern ng der Kriegsgefangenen aus Sibirien, und es ist bezeichnend, daß er den ansehnlichen Betrag von 250.000 Dollar ftir die Mrkbeförderung sibirischer Gefangener ohne Unterschied der Konfession widmete. Auch hat der Joint in Sibirien selbst durch eine dorthin entsendete Kommission eine überaus segensreiche Tätigkeit entfaltet und hiebei ebenfalls keinen Unterschied in bezug auf Konfession und Nation gemacht, wie auch mit Genugtuung hervorzuheben ist. daß dieses jüdische Fürsoraeinstitut dem Wiener stadtisch e n I u g e n d a m t, dem Spital der Barmh e r z i g e n Br ü d e r und anderen verdienstvollen Wiener Instituten ansehnliche.Beihilfe leistete. An seine Menschcnpslicht hat der Joint auch sonst nicht vergessen. So hat er einen aus 891 Personen bestehenden lettischen Hei in k ehrertran Sport, der nicht aus Juden b e st a n d. während seines mehrtägigen Wiener Aufenthaltes vollkommen verpflegt und für die Weiterfahrt mih Proviant und Geldmitteln versehen und hat erst in der jüngsten Zeit wieder einen au? N i ch t j n d c n bestehenden Kriegsgefangenentransport vollkonunen vcrpflegt, - In einer Tabelle des Jahresberichtes sind diejenigen Wiener F ü r s 0 r g e a n st a N e n anfg 'zählt, welche der Joint fortlaufend subventioniert, und ymn wird dieser Zusaimuenstelluna entnehmen daß dieses amerikanische Hilssw -rk für jeden wichtigen Fürsorgezweck eine offene Hand hat. Dieser Jahresbericht ist aber gleichzeitig eine Widerlegung der von g 'wissmlosen Demagogen immer wieder vcrbrei'.eten Behauptung, daß die ostsüdischen Flüchtl uge den Wzener«. das Brsj vom Mmdr veaeüen. Tatsache ist, daß der Joint die in Wien lebenden bedürftigen Ostjuden vollk0mmen mit ausländischen Nahrungsmitt eln versorgt. Und wer dem Märchen Glauben schenkte, haß kein Ostjude Wien verläßt, und daß der ystjlidischen Zuwanderer immer mehr statt weniger würden, erfährt jetzt aus dem Jahresbericht des Joint, daß an H e i m r e i s e unterst ü tz u n g e n für diejenigen jüdischen Kriegsbetroffenen, welche Wien bereits verlassen haben, bis Dezember 1920 der Betrag von 1,420.000 Kronen ausbezahlt wurde. Die Arbeit des Joint ist ein Ansporn für alle diejenigen. in welchen das Gefühl der Nächstenliebe und der Verantwortung für das Schicksal der Mitrnenschen noch nicht erstorben ist. Sein Werk ist eine Kulturtat und der Jahresbericht, den wir nun folgen lassen, nicht nur ein Denkmal für die Gründer des Joint, sondern für das jüdische Volk selbst. Organisation des America« Joint Distribution Committee. Das American Joint Distribution Committee ist in N e v- Aork von Vertretern der bedeutendsten Hilfsorganisationen der Vereinigten Saaten von Nordamerika bald nach Ausbruch des Krieges gegründet worden, mst der Bestimmung, die Not der jüdischen Kriegsopfer zu lindern. Präsident des A. I. D. C. in New-Aork ist Mr. Felix M. Marburg. Die Tätigkeit des A. I. D. C. erstreckt sich aus alle Länder in Europa und Asien, welche durch den Krieg betroffen wurden. - Die Zentrale hat ihren Sitz in New-Dork. Das Welthilfswerk des A. I. D. C. wird von einem Direktorium geleitet, bestehend aus dem vom A. I. D. C. in New-Aork gewählten Direktorium für die einzelnen Staaten unter dem Vorsitz eines Exekutivrates in Paris. Der Direktor für Oesterreich, Herr Leon Wechsler, ist zugleich Direktor für die Tschecho-Slowakei. Die Tätigkeit in den einzelnen Gebieten wird von für diese Gebiete erwählten Komitees durchgeführt. In Wien haben Delegierte aus New-Aork im Juni 1919 ein Komitee des A. I. D. C., Abteilung Wien, gegründet. welchem 36 Vertreter der wesentlichen Schichten und Gruppen der Wiener Mischen Bevölkerung angehöcen. Präsident des A. I. D. C., Abteilung Wien, ist Doktor Artur K u r a n d a, Vizepräsidenten sind Olerrabbiner Dr. H. P. Chajes, Dr. Karl Orn stein und Landtagsabgeordnctcr Ing. Robert Stricker. Die Mittel. Das A. I. D. C. hat bisher in der ganzen Welt über 40,000.000 D0 l la r.in Geld, Lebensmitteln, KleidcAi, Schuhen, Wäsche/ Maschinen und Werkzeugen zur Verteilung gebra ch t Auf die Wiener Abteilung des A. I. D. C. entfielen seit Juli 1019 für diese Zwecke an Geld und Waren insgesamt 1,750.000 Dollar.. Zweck. Die Hilfstätigkeit des A. I. >D. C. erstreckt sich auf bedürftige jüdische, unm ittelbare Kriegsopfer, das ist auf Witwen und Waisennach im Kr'cge Gefallenen, auf KriegSiuvalide. deren Gattinnen und Kruder und die von ihnen früher erhaltenen Familienmitglieder, auf Kriegsgefangene und Heimkehrer, schließlich auf alle diejenigen bedürftigen Personen, welche zufolge des Krieges oder sonstiger mit dem Kriege un'mttelbar zusammenhängender Ereignisse beinüssigt waren, ihren früheren Wohnsitz unter Zurücklassung von Hab und Gut aufzügeben und in fremden Orten Au-fcnthalt zu uchrnen. AuS dem so bedeutenden und umfangreichen HttsSwerk sollen hier wenigstens die wichtigsten Zweige, angedeutet werden. Für das Kind. SLuglingSfürsorge. In der Säuglingsfürsorgestelle werden die Mütter beraten, die - Säuglinge im eigenen Ambulatorium ärztlich nntcrsncht, von geschulten Fürsorgerinnen regelmäßig gebadet, gewogen und für sie Milch. Wci-.engrieh. Waschseife, Streupulver, Kindcrwäsche (Hemdchen, Jäckchen, Häubchen. Flanell-, Wollgarniluren, WUrdeln und dergleichen) Angewiesen, n. mm mr__«v» r»s Kranke und einer ^sonderen Behandlung dedürfUgj Säuglinge werden teils ohne, teils mtt der Mutt«; ftf) Kosten des A. I. D. £. in Anstalten »ntergebracht. I Insgesamt stehen zirka 806 Säugliuge dauernder Fürsorge des A. I. D. C. Kinberfürsorge. Für 350 Kinder im Alter von 2 bis 14 Jcchren Dich die Wiener Abteilung des A. I. D. C. in Hietzing-BanMß garten ein eigenes Heim errichtet, in welchem vornehmlich. KriegSwaisen oder verlassene sowie verwahrloste Kinder nntykq gebracht sind. Kostkinder. An. Pflegemütter, bei welchen 32 Kinder untergcbrachß sind, werden Verpflcgsbeiträge gezahlt und außerdem ..KlHtz kinderzubußen" in Lebensmitteln ausgcfolgt. Kranke Kinder werden ärztlich behandelt und erhalte«; die vom Arzte verordneten Medikamente und Lebensmittelz-u-bußen vollkommen unentgeltlich. I Im Bedarfsfälle werden Kinder in Spitalern mW Spezialanstalten auf Kosten des A. I. D. C. untergebracht. So wurde eine große Anzahl Kinder in Bad HaT (216 Kinder) und in der Heilanstalt Alland placiert. j. Eine beträchtliche Anzahl von knochentuber« kn losen und rachitischen Kindern wiÄ» turnus» weise für eine durchschnittliche Dauer von vier Monat tut an das Adriatische Meer (Tr iest, Sanatorien in Baldoltra und San Pelagio usw.) zur Kur geschickt. Erholungsbedürftige Kinder werden teils in Heime«, teils auf dem Lande untergebracht. Auch die Aktionen „Kinder ins Ausland" werden vom A. I. D. C. subventioniert. } j Die Kinderfürsorge und die regelmäßig alle 14 Tage erfolgenden Zuwendungen von Lebensmittelzubußen erstrecken sich auf ungefähr 600 kranke und 5000 unterernährte Kinder. Kindermilchtrinkhalle». Außerdem erhalt die Wiener Abteilung des A. J.D.C. 21 Kindermilchtrinkhallen, in denen an 5190 unterernährte Knrder täglich ein gewiffeS Quantum warmer Milch unentgeltlich verabfolgt wird. j Die Milchtrinfhgllen gruppieren sich nach Bezirke« wich folgt: - - t Nr. Bezirk Adresse Zahl der Kind« 1 II. Wilhelmskaserne 300 2 II. Obere Donaustraße 91 270 3 II. Malzgäffe 16 900 4 m Sck ffämtSgaffe 15 220 5 m. NudosiSgaffe 85 8 in. Untere Viaduktgaffe 18 220 i VI. AmerlingÜraße 19 200 8 IX. Rossalierkaserne 200 S IX. Grünetorgaffe 90 10 X. Hasengaffe 7 260 11 XV. Herklotzgaffe 260 12 XVI. Wmlitzergaffe 200 13 XVII. H^rnalser Hauptstraße 78 290 14 XIX. Rudolfinergaffe 12 220 ' 15 XIX. ^uthgaffe 72 16 XIX. Probusgaffe 60 17 XIX. Bauern^eldgaffe 49 63 18 XX. Kluckygaffe 7 400 19 XX. Bäuerlegaffe 36 360 20 XX. Otbmaraaffe 285 21 XXI. Holzmeistergaffe 12 235 Zusammen. . . 5190 KintP Kinderküchen. In drei rituellen Kmderkücheir, 9. Bezirk, Rosiauerkaserne, 2. Bezirk. Wilhelmskaserne, 20. Bezirk, Denisgaffe 11, lverden gemeinsam mit der American Relief Administration 1 2500 Kinder orthodoxer Eltern täglich ausgespeist. Für die Kranken. WSchnerinnenfütsorge. Schwangere Frauen werden wahrend der Schwangerschaft ärztlich behandelt, von den Fürsorgerinnen de- A. I. D. C. beraten und mit Lelensmittelzübußen beieilt. Zur Entbindung werden sie entweder auf Kosten des A. I. D. C. in biebäranftältcn abgeciehen oder wrrd ihnen Hebammcnbeistand gewährt, falls sie eine HauSentbindung vorzichen. Bei^ dieser Aktion kommen durchschnittlich 35 Frauen pro Monat in Betracht. Krankenfürsorge. Besonders segensreich wirkt die Krankenfürsorgc. dere« wichtigste Zivcigc folgende sind: a) A m b-u l a 10 r i s ch t Behandlung. Im Durchschnitt werden monatlich 1000 Personen im eigenen Ainbulatornun behandelt, wobei Medikamente, chirurgische urtd orthopädlsche Behelfe nnentgelUich verabsolat werden. d) Häusliche Behandlung. Außerdem werden von.den. Aeczten des. A. I. D. T. inanatlich durchschrnttsich..100. Kraukeul>eiuchk gemacht. Auch diesen Patienten Yverdon alle r-csorderlichcn Herlbehelfe unentgeltlich gewährt. . Beiden Kategorien werden ferner die von den Aerzte« ve-wrdneten Krankenz,rb,,ßen. vornehmlich Milch, füd, iLittch. f Mehl Md DerLbjvlA.