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Wiener Morgenzeitung · 1921-02-19 · Heft 743 (19.2.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 743 (19.2.1921)
Date
1921-02-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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*1Se!1e TT Wien, Samstaf Wk-ner IS. Februar 1921 Rr. 743 .. ..!.■■" .’"! ' .. « '■lO-l—- . > — ... i >' I. .- --...»-.I"*‘" ' 0 Telegramme. Politische^Run-schau. \ Lrlester Brief. Öon intfctem Korrespondenten. ,> . der Faschingdtenstagnacht wurde ein Kgradiniere ermordet. In der folgenden Nacht zünd-.L.m die nationalistischen Faszisten'? in der ^damals Noch Nicht gewiesenen Annahme, daß die Tai. von Kommunisten begangen worden sei. das Geöiuoe' des „HaborHore eommunista" an, welches man bi^ auf' zwei Manern' niederbrennen ließ. Bei dtesex Gelegenheit wurden auch einige Handgranaten mnd Bomben geworfen. Am nächsten Morg.'n traten v'.e fast du chwegS kommunistischen Tramwayer und die.Bauarbeiter in den Streik und forderten auch die anderen Arbeiter -zur Arbeitseinstellung auf. welcher Aufforderung man jedoch nur teilweise nachkam. > Diese Tatsachen beleuchten grell diech!estgött pölitft schen Zustände; denn so tolerant der Italiener Fremden gegenüber ist, so scharf wird dev Kümgf, tpenn es sich um das eigene V-lk handelte Hier prallen die Gegensätze der Nationalisten und Sozialisten itt et blutiger Weise, wie das eingangs erwähnte Bet? zeigt, ausrinander. Während nun in der leLteN Z-ttin der sozialistischen Fraktion eine Spaltung in.KoMMU» giften und Rechtssozialisten eingetreton ist, die aüch züt Gründung zweier getrennter Zeitungen geführt hat, haben die Faszisten einen gewaltigen Zuwachs vufzuwrisen.. Nicht nur durch die -Spaltung im sozialistischen Lager, sondern mehr nvch durch das Fiume-Abenteuer d'AnnUttzios.» Eine veak.ionät-chauvinistische Strömung hat sich von RoM aus über ganz Italien verbreitet. Bevor bee jetzige Ministerpräsident Giolitti wieder ans RMreV gekommen war, waden die Sozialisten in sta kor Uebekzahl. Giolitti hatte ötfast zu jeinem inneren Ausgleich gebracht, als das Fiume Ab^n» teuer den Kampf neu entfachte; denn während es unter dem Einfluß der damals noch vereinigen sozialistischen Fraktion zur Stellungnahme des Krtegsministers Dorr o n i gegen d'Annunzio kam. führte Gwlittis abwarteude Haltung dazu, daß jetzt von den Faszisten nicht tzrür gegen Bononi, sondern aüch gegen ihn Stuim gelaufen wird. Die Regierung ist gegen die Nationalisten, die unter Giolitti in vielem freie Hand hatten und gegen die Sozialisten ausgespielt worden waren, ziemlich machtlos. 1 Im übrigen gemahnen die politischen Verhältnisse hier nur mehr wenig an den Weltkrieg. In der Politik ist eine Rückkehr zum L-okalparlamentarismus zu bemerken, der sich allerdings manchmal auf eine etwas kriegsmäßige Weise ausbebt. - Der Italiener war nie Chauvinist, und wenn er es im Kriege war, so ist.das eine vorübergehende, Erscheinung gewesen. Aus bemf selben Grund«, auA dem der Italiener heute anstandslos im Geschäftswie auch im Privatleben mit Deutschen und Slowenen verkehrt, aus demselben Grunde war er nie Antisemit. Er ist von. Na^uraus tolerant, sowohl in religiöser, als auch in nationaler Hinsicht. Jeder, der sich als Italiener fühlt, gilt ihm als solcher, j Die vorerwähnte Spaltung im sozialistischen Lager tt«d die Fiumaner Ereignisse haben das politische Bild tm Lause der lebten Wochen gewaltig verschöben. So sicher noch vor kurzer Zeit mit einem Sieg der damals noch vereinigten sozialistischen Parteien bei den kommenden Gemeindewahlen gerechnet wurde, so ungewiß ist der Ausgang jetzt und die Meinungen darüber sind ziemlich geteilt. Daß die Wählers nicht ganz ruhig verlausen werden, wird als'.selbstverständlich hingenommen und man rechnet für die nächste Zeit überhaupt.nicht mit allzugroßer Kühe. Der folgende Ausspruch eines Italieners kennzeichnet die hiesigen Verhältnisse am tr'sf.ndsten: „In Italien wird es nie eine Revolution geben, denn es gibt immer welche." H. A. Ein politischer „Emissär" der Juden in Wilna. LuS Warschau wird uns geschrieben; Wie bereits be-. nchtet wurde, hat der gegenwärtige polnische Gesandte in Amerika, Graf Pulaski seinerzeit erklärt, tm Namen der Juden von Wilna werde Herr Alexander Haftka nach Amerika kommen, um dort die Judenheit darüber aufzuklären, wie gut die Lage der Juden in Polen sei. und um in ihrem Namen für die Vereinigung WilnaS mit Polen^Gtimmung zu machen. Diese Erklärung des polnischen Gesandten hat unter der Judenschaft WilnaS und Polen- Erstaunen hervorgerufeck» da den Studenten Haftka nicht ein einziger Jude zu irgendemer Vertretung der Juden WilnaS oder irgendeiner anderen Stadt bevollmächtigt hatte. Nun ist Herr Haftka, welcher in Parts gewesen war und sich dort in jüdisch-politischen Kreisen den gebührende» Hinauswurf geholt hatte, in London angekockmen, und. vorsichtiger geworden, hat er sich nun an das Jüdische Karresponüenzbureau mit der Bitte gewendet, in seiner Sache folgende Erklärung zu veröffentlichen, die vom 2. Februar datiert ist: »Auf die Erklärung des.bevollmächtigten Ministers der polnischen Republik in deck Vereinigten Staaten Herrn Franciczek Pulaski über meine geplärrte Reise nach Amerika, um als Vertreter der Juden WilnaS die amerikanisch-jüdischen politischen Kreise von den angeblich ausgezeichneten jüdisch-polnischen Beziehungen, die in Mittellitauen herrschen sollen, zu überzeugen, erklärt , ich folgender: Ich habe nicht die jlldjicht gehabt, aackz Amerika zu jahce^ i<§ habe .niemals au( die Stellung eines Vertreters der Juden überhaupt oder irgend, eipcr politischen oder sozialen Gruppe Anspruch erhoben. Meine mehrjährige Tätigkeit -in jüdischen Dingen in Litauen bestand darin, den maßgebenden polnischen Faktoren in Litauen die Notwendigkeit' einer Befriedigung der jüdischnationalen Wünsche, die Notwendigkeit der faktischen Realisierung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung für die Juden zu vdweiftn. Äkeine Tätigtet in Paris und London hat den Zweck, als Vertreter der Nattonalitätenabtrilung des Döparte- 1 tncnts, für äußere. Angelegenheiten in Mittellitauen, die t dortigen Nationalitqtenvorhältniffe zu. beleuchten uyd gleich» zeitig mit deN Anschauungen der jüdischen Politiker im Ausland' über die jüdisch-polnischen Beziehungen in Mittellitauen be« kannt zu werden." ' Wie man sieht, schränkt Herr Haftka den ihm vom Grafen Pulaski zugeschriebenen Wirkungskreis erheblich ein. Auch nach dieser Erklärung wird eS diesem merkwürdigen »Emissär" nicht, gelingen, in der jüdisch-poliüschen OeffeNtÜch' seit des Auslandes erNst genommen, zu werden. Die Sitzung -es Völkervundrates. Aus - P a r j s wird gömeldett Der VölterbUndrat,! dev am 21. Februür zusamMentritt. wird, tote die Blätter mittei-len, ein umfangreiches Programm zu bewältigen habM In. erster Linie werde sich der Rat mit den Abänderungen am Völftrbundvertrag befassen. Der Völkerbundrat werde sich sodann mit der Frage der Weltabrüstung beschäftigen und einen Unterausschuß einsetzen, der die Militärbudgets der einzelnen Mächte einem eingehenden Studium Unterziehen soll. Weitere Punkte des BeratüNgsprograttims bilden die Hilft» leistung für die Kinder in den durch den Krieg verarmten. Staatenferner "die internationale Organisation der intellektuellen Arbeit und die armenische Frage. Schließ» lich werden die .pölnisch.Mauischen Angelegenheiten, die Volksabstimmung in Wilüa ünd-die Verfassung Danzigs beraten und die Regierungdkommission für das Sa'argebiet ernannt werden. Dem Rat liegt ferner auch eine K^age der polnischen Regierung wegen Ausweisung -galizischer Juden aus Wien vor, zu der die österreichische Regierung ihren Pariser Vertreter Eichhofs delegierte. . . . Ein Uebersetznnqsfrhler im Friedens« vertrag. Die „Daily News" werden von gut unterrichteter' Seite darauf aitemerksam gemacht, daß sich.der Ueber» fttz?r des offiziellen französischen Textes des Versailler Frie^ensvertrages bei der Uebertragung aus dem englischen Original einer Nachlässigkeit schuldig ' gemacht hat, die ganz dazu angetan ist, eine Quelle unliebsamer Verwicklungen zu 'werden. Artikel. 296 des Vertrags, der von. den feindlichen.Schulden handelt, spricht von Ansprüchen, die sich aus „Transactions and contracts", wte es im englischen Text heißt, und „TransactionS et contrats", wie der französische Text lautet, ergeben. Nun bedeutet aber im französischen Transaktion genau wie das lateinische Ttansactio eine gütliche Vereinbarung oder einen Vergleich, während das gleiche Wort im englischen Geschäft bezeichnet, genau wie auch die Engländer von Transaktionen, im geschäftlichen Leben sprechen. Die ausländischen Schuldner, so sagen „Daily News", würden bei Erhebung von Ansprüchen diese auf Grund des französischen Textes mit der Begründung zurückweisen können, daß ein Kontrakt und eine Vereinbarung nicht in Frage komme. Es liegt auf der Hand, daß.ein geschickter Jurist aus dieser Doppelbebeutung des Wortes Transaction in der französischen und englischen Sprach« einen Rechts fall konstruieren kann. Wenn, man bedenkt, daß die in dem erwähnten Artikel behandelten Schulden weiter in Goldmark odex Goldkronen entsprechend dem Münzwert der Vorkriegszeit zu zahlen sind, so bedarf es nicht erst der Erwähnung, daß hier recht bedeutungsvolle Streitfragen rm Spiele sind. Bor dem Generalstreik 1« Budapest? Die Budapester Arbeiterschaft hat in vertraulichen Versammlungen die allgemeine Erhöhung.der Löhne von 2200 bis 2800 Kronen um 100 Prozent zu fordern beschlossen. Für den Fall der Nichterfüllung soll mit dem Generalstreik vorgegangen werden. Der RPchsverweser Horthy hat den Arbeitern gedroht, ein Blutbad anrichten zu lassen, „wie es Europa noch nicht gesehen hat". In den letzten Tagen sind 300.Arbeiter unter den verschiedensten Anklagen verhaftet worben. .. Eine Früu soll Minister in den Bereinigte« Staaten werde». Aus New-York wird berichtet: In den Kreisen der republikanischen Politiker wird davon gesprochen^ daß Fräülein. Lilian Wald, eine j ü d i s ch e S p i t a l Soberin, Mitglied in Hardings künftigem Kabinett werden soll. Sie wäre der erste weibliche Minister ln Amerika. Fräulein Wald hat in New-Dork eine Schule für Wöchnerinnenpslege absolviert, hat dann mit außerordentlichem Organisationstalent die Schule reorgatüsteri und durchgesetzt, daß sie von der Stadt übernommen wurde. Sie ist Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für Dolksgesunbheit und wird in New-Nork unter dem Beinamen „Die Mutter der VolkSgesundhe^ bekannt, welcher ißv infolge ihrer umfassenden vrganttatorischen. LätiLteit auf. diesem Gebiete aearhe» wird. Dr. Weitzmann in Paris. Parts, Iß. Februar. (Jüd. Korr.-Bur.) In einer Unterredung mit dem Pariser Vertreter des Jewish CorrespottdencelBureau, drückte Dr. Weitzmann seine Zufriedenheit Mit den Ergebnissen seiner Palästina- R«ift aus. Es gibt in Palästina — sagte Dr. Weitzmann — große Möglichftiten fürikonstruktive Arbeit,' was aber be nö ti'g t wird, ist Geld, damit das jüdi.-. sche Volk imstande sei, die Möglichkeiten zu realtsieren.' Dieses Geld wird nach der Ueberze'ugung Dr. Weitzmanns aufgebracht werden. Ein „Oberster Deth-Din" in Jerusalem. ' Jerusalem, 15. Februar. (Jüd. Korr.-Bur^) Auf Veranlassung der.Regierung findet hier vom 20. bis 25. d. M.^ eine Konferenz von 71 Rabbinern und! 35 Laien, statt, um einen „Obersten Beth-Ditt" (jüdischer GertchtsW) Und einen acks Mitgliedern der Konferenzteilnehmer besteheEten Appellations-Hof zu wählen.'— Die legale Macht dieser Körperschaften wird von der Anpassung des jüdischen Gerichtes an die modernen Bedingungen, insbesondere in bezug auf die Frauenfrage, abhängig sein.. Letztere bildet jetzt den Hauptgegenstend jeder öfftntlich^n Diskussion. Antisemittsmns in ber Wahlkampagne. K«lw, 14. Febru»r. Mb. Kott.-Bür.) Bei de« Wahlen zur preußischen Lckndesversammlung wird von den rechtsstehenden Parteien wieder mit außerordentllcher Rohheit mit dem Mittel Antiftmitis-" mus gekämpft. Besonders die deutschnationalen Studenken treiben wüste.antisemitische Agitation. Ein Haupt» objekt ihrer Hetze ist der gegenwärtige sozialistische Unter» ' richtsmtnister HLnisch, dem züm Vorwurf gemacht wirb, daß er die Ostjuden nicht von den Hochschulen ausgeschlossen hat. Ein deulschnationales Blatt sagt von ihm in einem Gchmähartikel: „Seinen Lieblingen, den Juden, ist Herr Hänisch an Zudringlichkeit und Unverfrorenheit noch um eine hebräische Nasenlänge voraus."- ES ist wahrscheinlich, daß die Wahlen am 20. Februar eine reaktionär-antisemitische Mehrheit oder doch ein außerordentliches Anschwellen des. real» tionären Blocks bringen werden. Prinz Sixtus in Italien «nanffindbar. Rom, 18. Februar. (Tel.-Komp.) Die römische Polizei hat die Ausweisung des Prinzen Sixtus v. Bourbon , noch nicht vollziehen können, weil der Prinz plötzlich un-, auffindbar ist. Er war in Rom Gast der Mönche von - San Basilio beim Vatikan, wo'man von seinem gegen-. wärtigen Aufenthalt!angeblich nichts weiß. Es verlautet, daß er entweder in katholischen 5kreiftn Zuflucht , ge» , fanden, ober sich nach seinem Landsitz in Biareggio begeben hat. . . ' Auseinandersetzungen im Prager Parlament. Pratz, 18. Februar. (Tschecho-slow. Preßbur.) Das, Abgeordnetenhaus nahm in erster und zweiter Lesung in Abwesenheit der deutschbürgerlichen Parftien die Anträge, betresftnd die Baubewegung, an. Sodann zog das Haus das Ansuchen der Regierung, betreffend di« Erhöhung des Budgetkapitels „Oberster Verwaltungsgerichtshof" in Verhandlung. Die Regierung begründet- , ihr' Ansuchen mit der infolge der Ueberlastung gebotenen , Erhöhung der systemisierten Stellen. In der Debatte sprachen die deutschen Abgeordneten Dr. Beran, Doktor: Kas^a, Dr. Luschka und. Jung,.welche sämtlich über die Vorgänge bei der Volkszählung Beschwerde führten. Jry Verlauf ihrer Ausführungen kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den deutschen und den tschechischen Parteien, wobei die deutschen Abgeordneten mehrfach zur Ordnung gerufen wurden. Abgeordneter Pittinger, der infolge der Wahl der Generalredner -.das . Wort verlor, hielt sein« Rede im engen Kreise an die deutschen Abgeordneten und wurde dafür vom Präsidenten dreimal zur Ordnung gerufen. Unter dem stürmischen Widerspruch der deutschbürgerlichen Parteien'^ wurde sodann daS Ansuchen der Regierung genehmigt. Bildung eines liberale» Blocks in . Ungarn. Dnhapcst, 18. Februar. Me bis BlStter melbeu, würde in einer Konferenz, an der Stephan Barezy, Sandor, Kerekes, außerhalb des Parlaments stehende Politiker wie Graf Theodor Batthyauy und Desiüer Abraham sowie Vertreter der sozialdemokratischen Partei teilnahmen, die Bildung eines liberalen Blocks unter dem Titel „Bürger- und'Arbeiterbund" beschlossen, in ' welchem jedoch jede Partei ihre eigene Organisation weiter ' aufrechterhalten ' wird. Das Programm des Bunde-, bas morgen veröfftntlicht werden soll, betont, vor allem die Notwendigkeit ber Wiederherstellung der ~ öffentlichen Freiheit und tritt für ein« mit allen gesetzlichen Mitteln anzustrebende Revision des Friedens» ' Vertrages von Trianon ein, Wie „Nepszava" meldet, hat der Ausschuß der sozialdemokratischen Partei mit allen gegen ein« Stimme ' beschlossen, daß die fozialbemok'-atische Partei sich dem Bürger- und .Arbeiterbund, anichlteße.^

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