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Wiener Morgenzeitung · 1921-02-13 · Heft 737 (13.2.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 737 (13.2.1921)
Date
1921-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wren, 13. Februar. Die österreichische Regierung hat den Sektionschef Schüller nach Paris zur Teilnahme an den Kreditver* Handlungen entsendet. Das ist die erste Mitteilung, die die Regierung der Öffentlichkeit über die Kreditangelegenheit macht. Die Geheimtuerei in dieser, jeden einzelnen tief berührenden Frage wirkt geradezu lächerlich, wenn man sich daran erinnert, was uns in den zwei Wochen seit der Pariser Konferenz an tendenziösen Meldungen vorgesetzt worden ist. Am 29. Jänner wurde diese Konferenz geschlossen, am 10. Februar klagte der Finanzminister im Nationalrat über die spärlichen Mitteilungen, die kaum erkennen lassen, in welcher Richtung die Ententehilfe organisiert werden soll. Und jetzt, in diesen vierundzwanzig Stunden ist die Erleuchtung ge-, kommen? Jetzt ist die Regierung doch schon im Besitz des Protokolls der Pariser Verhandlungen und kann einen leitenden Beamten nach der Finanzzentrale delegieren? Ist sie es nicht, welche Instruktionen kann sie dein Sektionschef, geben? Hat sie aber mit freundlicher Unterstützung unserer Post den Brief aus Paris doch schon bekommen, weshalb teilt sie ihn denn dem Publikum nicht mit? Eine so wenig parlamentarische Regierung wie die des Herrn Mayr kann es doch. nicht auf ihre Verantwortung nehmen, daß derlei' wichtige Verhandln??- gen den Reservatstempel tragen! Sie entzieht, damit selbst. jeder vernünftigen öffentlichen Erörterung die Grund-, läge, macht die Bevölkerung ängstlich und öffnet breit alle Tore für die Gqrüchte,derch? Nutznießer, die Schieber UnöMalutengauner, sich nicht g^g^ Mrsn / 1 * Don einer Finanzkontrolle tchwchrdm Pariser.Tele? tzrammen die Rede. Unsere Regierung hat kein Wort darüber gesagt, wie sie sich zu einer solchen Maßregel stellen Miürde. Diese Finanzkontrolle soll sich — wir müssen -da leider wieder Pariser. Meldungen folgen —. auf sämtliche Einnahmen und Ausgaben des Stacües, auf die--staatlichen Betriebe und auf die Monopole erstrecken. Die Regierung hört auf diesem Ohr nicht. Minister Grimm am 10. Februar: „Erst in Äwa zehn Tagen wird man Gelegenheit haben, zu prüfen, ob diese anscheinend auf kommerzieller Basis gedachten Einrichtimgen mit den Bedürfnissen unserer Volkswirffchast, mitunserer Zukunst und mit der uns gewährleisteten Selbständigkeit vereinbar sind." Die Regierung ■ kann also, nichts darüber sagen, ob sie die Kontrollkommission ernennen, also die Verantwortung tragen wird oder ob yns.- hie Entente < für die am 20. Februar abreisende MWärmKon:eine -neue.- Körperschaft hersetzt. Man hat N-Maris -vom Abbau der Staatsbeamten, von. der raffonellen Ausnützung des Ackerbodens und von der Verbesserung des Eisenbahnbetriebes gesprochen. Die Gytk^tp ^at. sich also in die Teilprobleme der österreichi- Wn- Sorgen ^eingelassen und ist zu ganz bestimmten WchaiMgtzy,.'.zu präzisen Forderungen, gelangt,.von dßnen zsie-- hie -Kredithilfe abhängig macht. Die öfterxeichlsche Oeffentlichkeit erfährt darüber nichts, die . Regierüng hält ihre Kenntnisse in der Schlrblade verbor- Wr und.,—7. sendet den Sektiönschef zu .den Derhand-. langen. Jin^ Publikum agitieren die Geldhaie mit den Ausstreuungen chber Zwangsanleihe und NotenabstßnMlung, .die Regierung läßt .durch' den Minister .Grstnmlerklären, -er .müsse diese Maßnahmen.zur Ab-, schöpfuirg des Barrknotennmlaufes und Hchüng des GeldpMe'hrs'.eistenl Zeitpunkt Vorbehalten, in dem durch die. 6^HLH.e',.Sstuatio.n ein voller Erfolg nach menschlichem EWsipn'/alö verbürgt angesehen werden kann. Diese oMelKste Wendung, aus der man ebensogut Ja wie Nein' cheräuslesen kann, soll Beruhigung schaffen und den.zHprern das Mammutdefizit von zweiundbierzig MMÜrden'.ÄWüS schmackhafter machen!' ' "'i'N?lnsollen an: Dienstag die Sachverständigen der HHerten o.en Loücheurschen. Entwurf des Kredits von zlEhusidext Millionen Francs' in Anwesenheit von Befreiern'. ^ntzutraler- Banken'. besprechen. , Ein englisches Blatt will "wissen, daß Oestetreich. von dieser Summe selbst achtzig Millionen übernehmen wird. Das bedeutet Ksv eine Bankenaktion. Wer.hat.also. Herrn Schüller die Bänken oder - hie, Rxghöru.ng^?Dennen' die Banken' das Passer Protokoll? Wenn ja, weshalb, kennt cs das' österreichische Volk'nicht?'Wenn-nicht, wen vertritt Sektiönschef Schüller und wie weit gehen feine Vollmachten? In diesen: Fragenkreis redet die RegieiNW Mi KÄÄtzWH ^Reigen"« . . > k». 1ITU . Paris, 12. Februar. Vs« »vfrrem Korrespondenten. Die französischen Nationalisten lassen trotz aller Mißerfolge den Plan einer militärischen Niederringung Sowjetrußlands mit Hilfe exotischer' Söldnertruppen nicht fallen. -Rach dem Zusammenbruch der Wränget- Offensive, welchem die Niederlagen der in französischen Dienste?: stehenden u?w von Paris reichlich besoldeten Bandenfnhrer I u d e n it s ch,, Ko l t s cha k, D e n i k i n und S e m.e no w vorausgegangen waren, schien in Paris die Besonnenheit Oberhand gewonnen zu haben. Man schien resigniert und bereit, die Idee eines Krieges gegen Rußland falle?: zu lasse?:. Als dann noch die Berhandlungen zwischen England und den Sowjetleuten begonnen wurden und mit ihnen jede Aussicht schwand, England und die anderen Siege rm ächte für ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen Moskau zu gewinnen, befleißigten, sich auch die radikalsten Politiker und Zeitungen größter Zurückhaltung. Seit einigen Tagen macht sich aber ein Umschwung bemerkbar. Die Blätter beginnenwieder eine Kampagne zugunsten der geflüchteten und in Konstantinopel konzentrierten Wrängel-Arnree, Es ist nunmehr deutlich erkennbar, daß die französischen Nationalisten sich nur-deshalb gemäßigt. Verhalten haben, weil sie.mit einem Scheitern, der BerhandlunKrr Mischen Lonkwn / Nachbern sich' aber der Verlauf dieser Verhandlungenso gestaltet hat, daß ein naher und günstiger Abschluß tvahrscheinlich geworden ist,?nachen sie alle Anstrengungen, den Abschluß, im letzten Moment zu verhüten und durch ei?ren gewaltsan:e?r Vorstoß. dem mit friedlichen Mitteln arbeitenden England best Wind aus den Segeln z?l nehmen. 'Die Aktion gewinnt dadurch an Bedeutung, daß sich nicht nur die radikalsten Blätter^' wie „L'Eclair^^, sondern auch Organe wie „Le Demps", an i hr beteiligen. In seinen dieswöchentlichen Nummern briugt das letztge?:a?:nte Blatt spaltenlange Artikel über - die Leiden der in Konstantiuopel versammelten Wran^el- Leute,?:ennt sie .Helden, welche für- Frankreichs Ehre?:nd die Kettung der jveftlichen Kultur geblutet haben^ und fordert imverblümt die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Wrangel u?:d?:euerliche Ausrüstung seiner Armee auf Kosten Frankreichs.- Das Blatt erzählt,- daß sich Frankreich seinerzeit zur Lieferung von Munition und sonstiger Ausrüstrmg im Betrag von hundert Millionen Francs verpflichtete,-aber nur Waffen u?rd ' Lebensmittel im Betrag von neun Millioi^en übersendet hat. Es tritt für Erfüllung des'Vertrages, also für neuerliche Einleitung einer Wrairgel-Offe'nfive, ern. Daß dieses Abenteuer wieder - schlecht ausgehen??:üß, - ist klar, trotzdem scheint es nicht aüsgeschlosse?:, daß es ünteimommen werden lvird. - . - :&r Dar einigen Tagen haben wir i« einem - Bubape'ster Bericht u. a. auch erwähnt, daß die. Zensur dem jüdischen Blatt „Egyenlöseg". einen Artikel gestrichen hat, dessen - Aufschrift „Ein. halbes .Kilogramm Ekrasit" . stehengeblieben war. Wir fragte:: schon damals, in welchem Judenhaus - dieses halbe Kilogramm Ekrasit wohl explodiert sein mag. Wir sind nun in der Lage, die Frage zu beantworte?:. In der Nacht auf den Sonntag der-vorigen Woche explodierte im Fenster der Gassenwohnung des jüdischen Advokaten Dr. Zoltan Horvath in Czegled ein halbes Kilo Ekrasit. Im Umkreis von . sechzig Schritten wurden die Fenster sämtlicher Häuser zertrümmert. Auch sämtliche Fenster des Hotel Central und der reformierten Kirche sind aus dem Rahmen gesprungen. Infolge der weithin hörbaren Detorration liefen die Bewoh?rer der Stadt erschreckt auf die Straße. Menschenleben si?:d nicht zu beklagen, weil die Familie des Dr. Horvath ihr Schlafzim?ner i?r ein Hofzimmer verlegt hattet da schon vor einigen Wochen ein solches Bombenätientat gegen Horvath unternonrmen wurde. Auch' bainals entging die Familie des jüdischen Advokate?: nur durch den Zufall dein Tode, daß sie in jener Nacht bei einer befreundeten Familie, zu Besuch geweilt hatte. Dr. Horvath ist jehoch nicht der erste J?:de in Czegled, geg-n den Attentate mit Ekrasitboinben versucht lvurden. Innerhalb kurzer Zeit explodierten solche Bomben vor dem Fenster des greife?: jüdischen, Advokaten Isidor N e u m a n n und vor dem Hause des angesehenen Kaufmannes Sieginuich Beck. Diese Liste hat . jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Czegleder .Polizei hat es bisher unterlassen, gegen die Täter auch die formelle , Nachforschung einzuleiten. Sie scheint die Ansicht des antisemitischen: Lokalblattes zu teilen, baß diese Ekrasitbomben nichts anderes als ein Trick der Juden -selbst sind, welche auf-diese Weise die Aufmerksamkeit pes Ä?:slandes auf sich lenke?? wollen. . . Dasselbe Blatt durfte, ohne von der Zensur darin gehindert zu werde??, bei demselben Anlässe - ieinett» Lesern erzählen, daß auch die.Pogrome im Herbst des Jahres >1919 von den Juden selbst inszeniert wurden.. In. Czegled, einer Stadt, die eine> Stn??de weit von Budapest: liegt, passieren aber, auch' andere Dinge.. In diestr Stadt wurde vyr einige?? Woche?? ain hellichten Tage der jüdische > Arzt Doktor. Em?nerich B o k o r uiedergeschosieu, L-M« d« t« Xäbx «Mj« tombm »«ü«. M b«j« Stadt wurden sämtliche jüdischen öffentlichen Notare: gezwungen, auf ihr Notariat zu verzichten, die jüdischen; Trafikanten, ihre Konzession niederzulegen, und der jüdische Hotelier, sein Hotel ei??em von den „Erwachenden Ungarn" vorgeschlage,?en Christen zu übergeben. ' Aber auch a??dere Sehenstvürdigkeiten weift diese kernmagyarische Stadt auf. Seit Wochen' darf kein jüdischer Kaufmann seine Ware auf dem offenen Markte der Stadt' feilbieten. Die jüdischen Händler und Kaufleute halfen sich auf die Weise, daß sie alle in den'Tempelhvf zogen und dort einen Markt etablierten. Sp,kann man nun täglich und gapz besonders-am Woche??markttage im Hofe des Tempels - an die vierzig jüdische Händler sehen, die dort ihre Ware a??sb:eten; die jüdischen Kä??fer müssen sich hinstellen, um ihre in ihrer- Existenz bedrohten Brüder nicht völlig im Stich zu lassen. Wie das christlichnationale Ungarn den Patrivtisinus der Juden zu lohnen weiß, kann man gleichfalls in Czegled erfahren. Unter den voii? Marktplätze durch behördliches Verbot vertriebenen jüdischen Hä??dlern befindet sich zum Beispiel ein gewisser Bernhard' Stelescu, der nur deshalb gezwungen ist, 'jetzt im Teinpelhof von Czegled und nicht auf. dem Marktvlatz von Marosvasarhely, - woher er stammt, sei?:en Stand auiäuschlagen, weil er in Siebenbürgen sich geweigert hatte, den Rumänen den Treueid zu leisten.?:nter Berufung darauf, daß er ein überzeugter Magyar, sei. Neben Stelescu steht die Witwe Nuszmit-ihre??i kleinen Kram, die für acht Waisenkinder zu sotgew hat.- Dann kommt die Witwe Katzbürg, deren n drei Söhne ' für das ungarische Vaterland ihre, .geraden. Glieder ' geopfert haben u??d nur? als Ganzinvalide erwerbsunfähig sind. Ihre Mutter darf iit der magyarischen Stadt ihre, Ware nicht auf dem Haupt-Platze feilbieten. Erklärlich' wird diese Czegleder' Spezialität nur durch' den Umstand, daß ihr Abgeordneter jener Stephan Haller ''ist, der. in Budapest, ..wie?nan weiß, infolge seiner, Panamisten.umtriebe selbst in der Gesellschaft des christlichnationalen Kurses unrnöglich tvncde und alle öffentlichen Stellen niedeclegen lnutzte. In Czegled tobt er jetzt feine ganze Wut u??d feinen Judenhaß aus und» terrorisiert selbst auch diejenigen unter den!llicht^ -chM» bk rrüt iwn ftutä «M kjrwsrL«Äen Lind. :

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