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Wiener Morgenzeitung · 1921-02-12 · Heft 736 (12.2.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 736 (12.2.1921)
Date
1921-02-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelpreis 23 Kronen Einzelpreis 23 Kronen PrLnnnrerattonsvrei-er Vte»; flwm Ktbolni t» Kt Sxprdtti»«, L ®r*lrf, Tadsv» Mike I bis ü, ober in einer BerkLleMrae <Tn»str>: . . Kenne« «Irrleltiihrltch >S«.- »Nr »sftversa«» «r Wie» «» Oesterreich: M««rttich .. Kronen 50.- Tschrcho^r-wekei: Monntltch .. Kronen 15vlerteljLhriich .. ' k« tscheche-flowaNschreWahru»- Ungar«: Moibttich,.. Krone» 5«*- Vterteljährltch .. *30«— ta mrgarischrr «Ainmg J»gsslawie»: Monnilich .. Dinar Vierteljährlich * 24.- VrS»«»e»chti«»»p»ersez - Volrn: Monatlich .. Mar» so^ »te-teliShrklch - I59rt nt »olnischer WahnrnG «onatttchE! Mar» _ Frankreich: _ Monaklkch . . AraneS C^4 M-natUch .... Llre Sri WiunS»Jm: Monatlich . . . jfei 15^ Schweiz n. da» übrige Auriaadr Monatlich. . .Francs 2.-. «edak« ion «.Administration SLteu,2.B ez., TaborstrL—9 Telephone.: /««»S8.4?.8L»' ,l» « Utir abends Nr. t«S*Ä PostlparkaNenwat« 150.682 « Nr.?36 Wien, Samstag den 12. Februar 1921 3. Jahrgang PUsudski in Paris. 'Wie n, 12, Februar. ■ Der polnische Landtag - hat an die Pariser Kammer ine. Adresse gerichtet, in welcher er den Dank für die freundliche Aufnahme - des Staatschefs Pilsftdski in Paris -ausspricht. Herr Pilsudski ist mit den Ehren eines Souveräns -begrüßt worden und' die offiziellen Funktionäre Lepfranzösischen Regierung wetteiferten in SympathiebeweiM-für den Gast, d ssen ursprüngliches politisches Programm/ das' des Sozialiswirs, hinter seine großen Dienste für den französischen' Häß. gegen Sotvjetrüßland zurückgerreten ist. Herr Pilsudski iftauch jetzt auf diose'r'./ Linie -'geöli-ebe'n'- und bringt.nach Warschau eine Art Milit'.rkonven iön mit, die nicht aus einem formellen Vertrag basiert und nur in Gestalt einer d ip .o inan s che n Nst' ft st ste ll, daß die beiden Negierungen in der gemeinsam?n Sorge für bdn/ europäischen Frieden unst in der Gemeinsamkeit rhrtzr' Jnstressetr darin Übereinkommen, für die.' Verteibjjping' ihrer Interessen.. in engerer . Fühlung, mit' eHand.er^n. bleiben. PoN einer ch'and-rlsprliiijchen UnterstHüng 'Polens oder' vbN'einem HanbelSver/rag iff in dieser Note keine Rede. "Es' 'svävs' aber, dvch nötig getpefen/auf diese Frage mehr' Gewicht zu legen. Die polnische Jndust ie b f!/det sich nach's.'chs K nog/jahren daß s'ch die' englische 'Oes cntlichstit mit' der Läge Polens seht -rege' beschäs/igt tryd 'dies..ÄufMrks'anEt?qüf'' den pstblizst: t, habensicherlich den Untergrund des.'menschlichen' D^i'empsinde'.'.s.' Zweife/o'.aber schwingen auch ''Mitit'chs''Motive'mit und'es söÜi darauf ansmerksam gemach/ we den. daß Polen w'.tlenlos' und mit offenen Äugen nn einen n'uen Krieg hineingetrirben wird., der seine''-ge schwächst sinastziekte-,K 'aft ist'.st cxjchiU'.ern kann. s 'In/den 'Besprechu'gen des Marschalls Pi^'sstski ützd des ihn öegLiten-'en Außenministers Sapieha mit'"den' französischen' Mini'strn. haben die äußeren Sprgen Polens den breitesten Raum eingenommen. Eine - ame i.'a/rische Zeitung,, die für gewöhnlich gut unterrichte ie .„Ct/ieago Tribüne", teilt mit, Fränkrelch habe 'seine militärische Unterstützung'' nur für den- Fall Zeines - deutschen oder russischen1 Angriffes. . aus Polen, zugesagt. , Dagegen würde es sich -in..einem .tsch.chijch-polnischen. Konflikt neutral M. halten. ,.Da.rau,Z würde, .h?rvorgehen, - baß P'len mit Konflikten an allen seinen G enzen rechn-'t. W.'nn ein Maat in solche,Lage gerät' dann ist gewöhnlich:.seine äußere. Politik nicht. frei von Schuld. Esli.'gt weder im Inte, esse. der, Tschecho-Slowakei noch in jenem D-eu ich.lands, mit Polen K.i 'g zu stgi men.-Die Tschecho- Slowakei muß F irden halten, weil ihre geographische Lage zu ungünM. ist nid weil ihre inneren Verhältnisse die Probe des Kriege; nicht vertragen würden. D-ru'ichland riSki'rt s'-ine -Existenz. W-st'er rührt also die, Angst: P'-lens vor derar'istn -Bedrohungen? Polen hätte im L^nue n genug zu tu;,, um g-ordne'e Verhältnissen schaffrn. Der Warschauer Zentralismus kann sich nicht, durchsetzen und kämpft ununterbrochen gegen , die Au onomiebest ebu gen Posens und Galizi ns. Zu diesen Schwieriglei en kommt noch die große und schwe-e.Frage der Ukraine mit ihrer für Ostgaä'ien und damitsstr Polen--.peinlichen. An-ie"'ung?kraft. Das sind P obleme. die nur mit äußerster Vorsicht und nur im vollsten. F ieden' geheilt werden können. Der ewige. Kriegs'ustand.- der Polen: heute die Rolle der französi-- sch-eir Fremdenlegion 'uweist., verhindert es. daß das. unglückliche Land zur. Ruhe koniml und sich der Ordnungseiner Wirtschaft zuwenden kann.. Der. Krieg. gegen. Rußland toyr.ppp.ulär ^und es"!würde, wahrscheinliche her Regierung nicht schwer, fallen, den eventu.llen Abhrüch.Hr,.Rigaer Verhandlungen, pairionsch. zu um9 fd/ und das Vaterland für bedroht zu erklären., Es. fragt -ich. sehr, ob selbst der .siegreiche Ausgang, echos nrnerlichen Feldzuges Polens eine Milderung sehr.'r. äus. reu Schwierigkeiten bringen könnte. -Sich-rr. abpr ist. daß «ich die innere Si Nation nicht en'spannen kann und daß die mittta istiichr Urberhitzung der allgemeiu.en Sttmmung wi l,ch fttich für Polen Eiubußrn bringt, die nur sehr schwer grUg-ernacht werden könnten. .Polen braucht, den Frieden. ,Keigett"-UWÄ!e im Parlament int Reumann gestattet die Aufführung, der Minister Glanz vervietet sie. — Die Polizei schützt das Gesetz. — Lärm und Ohrfeigen im Parlament. -— Tumult > im Gemeinderat. ‘ Den öffentlichen Anffiiyrnngen des „Neigen" war, wie geineldet, eine Probe für die Zensur voräusgegangen. Da sich hiebei kein Grund ergeben hatte, die Vorstellung zuverbieten, hatte ' Bütg'chineister .^P.eu'mühn-; in seiner Eigenschaft als Landssshanptmann den „Reigen" für die^Kammerfpiele freigegeben.- Einer Vorstellung wohnte nun eine christlichsöz'iale Gräfin, be.il -Sie -nahm das ihrer- Weltanschauung entsprechende Aergernis und bearbeitete die gesinnungsverwandte Presse so lange. ch,s die „Reichspost" offen mit Ruhestönm'gen drohte/ Ein. Paar junge Mitglieder der Orel-Partei fühlten sich ver° anlatzt, die Moral zu retten. Sie hatten, wie sie selbst bei der Polizei angabcn, das Stück'nicht gesehen, nicht gelesen aber da es die Partei so^ wollte/, versuchten sie im Theater Lärm zu mack)en. wurden aber verhaftet. Jetzt war für die Ehnstlichsozialen der Moment gegeben, offiziell, parteiamtlich aufzutreten und aus der Eleschichte so viel Kapital zu schlagen als nur möglich. Sie haben ia in der letzten Zeit viel Pech gehabt. West- Regierung, keinen Erfolg. gehabt - /Mfo-- -her mit. den Inden! Das hat noch immer genützt. 'Die Regrernng fürchtete sich zuerst, grob aufzutreten, und der Master Glanz' schrieb ’mt best Pylizeipräsrdenten Schober einen Brief, er möge doch so gut fein-nnd-den ..Neigen" einstellan. Herr Schober wollte nicht, denn das -Gesetz spricht da zu deutlich. Also mußte der Kab'mettsrat. da die i.Reichspost". und die übngen Blättlein! die das „Fensterln" auf dem flachen Land als gemütstwse Aeußerüng rustikalen Wesens lieben Und -den Operetien» schünd' als höchste Blüte' „weanerischen''^amnrs" verehren,- eine Sitzung halten und den /.Reigen" - verdammen. Wenn-man schon kein Geld hat und der Finanzm'mister' von einem 4?Milliärden-Desizit erzählt, dann - will man doch wenigstens die Sittlichkeit retten. Es erging das Verbot. Der Oeffentlichkeit. die wahrlich anderes zu bedenkenhat, teilte man durch die „Staats- ' körrespondenz" folgendes mit: ' „Bereits vor Zulassung der Aufführung des „Neigen" durch den Magistrat Vien al§^ politische Ländsbebvrde bat der. Po.Ii^eivrnsident den Bürgermeister von Wien auf die schweren Bedenken, aufmerksam gemacht, die^der Aufführung des Stückes entgegenstehen. Der Magistrat erteile jedoch nach Anhörung de? Zensurbcirntes mit Be- - scheid vom l2. Männer die. AufführunaSbewilligung Die. nun erkowten Aufführungen des Stuckes 'gaben zu lebhaften Erör^ernnien in der ^effents'dckeit Anlaß, .^'edei stwach s'ch die weitaus üb^rwielende - Mehrzahl der LPent- -lichon Stimmen dadin au?, sah die' Aufführung nach ihrem Gesamteindruck eine arge Berlednng der Sittlichkeit bedeute. Kundaebnngen aus der Bevölkerung und zahlreiche Artikel der Bretse verschiedener Richtung ließen erkennen, daß diese Vorführung mit dem sittlichen Emvstnden weiter Kreise der Miager Bevölkerung in schariem Gegensatz, steht. Der Dnnd'eSminister für Inneres und Unterricht richwte daher.an den zunächst.zur'Benrtei^irng de? Falles berufenen Vüraermeister von Vien die Ein» . ladung. ' zu der durch die öffKntlichen Aufführung-"- gegebenen Sa-chlaae Stellung zu nehmen. Der Bürgermeister erklärte -jedoch, daß er nicht in der Laae sei. feine erste Entscheidung j abuinndern. - - Aus Mückstcksten - der - öffentlichen Sittlichkeit, sah sich nun die . -Bunde S°- .'-regier.« ng veranlaßt, die weiteren Aufführungen des «Neigen^ zu untersagen. Eie glaubt, sich hiebei mit der öffentlichen Meinung,, abgesehen von einem kleinen;- für; das Wiener Volksempfinden wohl nicht matz- . gebenden ZühörerkreiS, in voller.Uebereipstimmung zu ' . befinöen.7 ' - - ' ' - ':• ';;• Nun ergibt sich folgende hübsche» Situation: Das Stück, ist auf Grund .des Verfassungsgesetzes gestattet, ober von der Negierung auf Grund einer kaiserlichen Verordnung aus dem Jabre 18r>0 untersagt. Die Polizei steht auf dem Standpunkt, daß für sie die Verfassung maßgebender sei als eine verschimmelte Verordnung, und. Präsident Schober erklärte dem Thaterdirektor: „Das Stück ist freigegeb-en. Ich war dagegen. Jetzt schütze ich das Stück!" Das ist nun die wundervollste Gelegenheit für die Sozialdemokraten, die sonst aus Vorsassung und ähnliche Dinge pfeifen (stehe die Freizügigkeitserlässe des Herrn Sever gegen die Flüüstlinge). für das bedrohte Gesetz auszutreren. Sie schlugen also im Parlament Lärm, die. Christlichsozialen replizierten -mit „Judl- Jüd! Jud!", Herr -Seyer erhielt-eine Ohrfeige, man trommelte mit Pultdeckeln,. Fäusten, Aktenstößen.! Im Gemeinderat-dasselbe- Schauspiel. Und am- Abend stand, die 'Polizei' vop und im Theater.und. schützte das Gesetz. ..Allen-, ist geholseu. Der^ Theaterdirektor hat eine prachtvolle. ReKame, -die ihst ksenen-Hellerkostet,-bis> Myntag-: sindalle- Kartem vsr7 griffen, .Chrl stlichsoziale - und - .Sozialdemokraton stehen/ vor ihrer, Wählerschaft als verfluchte Kerle /da. ,So istder Reigen geschlossen. - - - - :'//? \ . c'rV' .Vr.::'/ - . ' > Unsere, Ansicht, übffr die Bühnenauffülsturrg -.des/ „Reigen" haben-wir. bereits nach-der, Premiere in best. Kammerspielen unzweideutig - zum Ausdruck ., gebracht Schnitzlex hat. diese/Dialogreihe^^ nicht. fürdie Bühne ge-- schrieben,hat -sich churchL.lange.-Jahre-.. gegen , die In-.' szenesetzung' .des, „AeiIen"', gewährtja.. eine i /im,Jr:hrs"' -19Vr^mnstaltete /Alnfführnng-' Hst/^-lWest'/ÄligerMck// iWMrt^ '-§8^'-^^. iÄk Wgestellt, Laß' der." Dichter .sich ^selbst rmtrest-- geworden ist, - wenn - er ' dieagühnenaufführrrntz t uldet,- und ' halten ' die : v'ost Schnitzler'-'so lange-Zeit geäußerLe und bewiesene Nabers ze.ügung anfrcht, daß - die Inszenierung ' dieser-Mälöge unlünftlernch,'ja-geschmacklos ist. Auch die Art," tvie dev Reigen"-Rinnmel begann, wost uns.nicht gerade / sc-mpathiW--Füreine 'Sensationsmache' mit.Tausondkronen«" sitzen habest wir nichts' übrig. Auch' für das'Publikum nicht, das sich' lüstern'um..die teuren- Plätze balgte. - '? Deshalb ist aber der christlichsoziäle Feldzug gegen den „Neigest" nicht minder verlogen'und läckserlich. Dieselben Herren, welche gegen die Verderbnng des Wiener Kunstgeschmacks durch'die OpereLtenseuche nichts einzuwenden ' hatten, - laufen jetzt gegen / eine Auffü-bcung Sturm, in welcher doch ein wirkliches Kunstwerk vermittelt ,wird. Und. das Manöver, aus der „Reigen"- Affäre;citi, Politikum zu machen,. - .ist doch zu durchsichtig und schäbig. - . . , . . . ..>1 . Die gestrige Vorstellung..vollzog sich hinter einem grandiosen Polizeiaufgebot. Alle- .Zugänge, zum Theatep in der RotentnrmstLaße waren durch Polizei besetzt,.nur Kartenbesitzer erhielten Zutritt. Auch' im Theaterraum befanden sich Detektivs. Das Publikum zeigte zum Nnterschich 'von"den Sch-ansvielern starke Nervosität und geriet'in llnrühe. so oft ein Programmzettel raschelte. Di" A"ffiitzri'na selbst ging ungestört und unter starkem Beifall des Auditoriums, das sich Mut klatschte, vor sich. Die „Reigen^-AMre im Wiener Landtag. Es / war voranSZusehen, daß das „Reigen"-Vepbo^ ebenso wie/m .der Nationalversammlung auch in der. gestrigen Sitzung des Wiener Dandtuges starken /Widerhall finden werde. Und in' der Tat kam eS 'anläßlich eines, von Sozialdemokraten - gestellten Dri nglichkeitZantrages. inwelchem dev Landeshauptmann, als. Bürgermeister von.Wien/ äufg-efordert wird, ' die Autonomie und Freiheit' Wiens aüfs' energischeste zu wahren, zu wüsten' Tumültszenen.' ' Von.den.Gemeinderäten Speiser und Genoffen lag folgeii-der Antrag' vor: /Dem Vernehmen, nach hat der Bun» - desmimster für Inneres und Unterricht die weitere Aufführung des Theaterstückes von Schnitzler „Neigen" verboten.'Nach der Theäterverordnu'ng vom 14. November 1850 bedarfjede Bühnenproduktion. vor ihrer ersten Darstellung der, Aussühru-ngsbewilligung Von seiten des Statthalters. Nach § 5 kann die erteilte Bewilligung aus Beweggründe« d.e.r öffentlichen Ordnung jederzeit: zurückgenommen werden Zuständig zur Erteilung einer AufführungSbewilligung und zur Zurücknahme der Bewilligung ist somit der Stattbalter. Nach dr.n; :reuen BundeSversaffungSgejetz an Stelle d«A

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