Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 715 (22.1.1921)
- Date
- 1921-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis Sa Kronen BG^TysemmaammiPt Ppüxmerationvpreise r Vie«: Mk «bholr» in »er (ggprtlHMt, 2. Lezlrt. Tabor» Kratze I bis 3» oder i« einer Berschleihstcllr (Trafik,: Monatlich. . Kronen >*.— «i-rteltShrltch .. 150.- fiRil Postvcrsand 'ftt Wien und Oesterreich: Monatlich . . Kronen 50.- Tschecho-Slowakel: Monatlich .. Krone« LZ.- Vierteljährlich f1*- i» tsqechü.slowakischer-WLHrmrg Ungar«: Monatlich . ..Kronen »fc- VterteljÄrlich HO*— in ungarischer WLHruus . Jugoflawim: Monatltch .. Dinar «*- ivierteljahrlich n 84.— renrr Einzelpreis SS Sttomvl ' ' Pränumerationvpreif«; j . Polen: I Monatlich .. Mark NS-» - Bierteljahrltch .. ISOm in polnischer WÄNNtG Deutschland: Monatlich. .Marl 10^4 Frankreich: Monatlich . . Frone» •<•*« Jtallen: i Monatlich .... Lire 6*4 Rumänien: i Monatlich . . Lei 15.-J Schweiz u. das übrige Ausland- Monatlich. . . Franc» 8«-» 92 »dattisn u.Admin istratio» Wien, -s.Bez.» Tabor str.t—» Telephone: i'Tik’», ad «Uhr abendSNr. 1«S0» Postsparkasseatonto lfi&G99 ügg MvwjrawttnonnntdRafinmvifv^^ Nr. 715 Wien, Samstag den 22. Jänner 1921 m 3. Jahrgang 'ISmus :*.. 11Mt.\ xz+nm Mitteleuropa. —y. W i r i'. 22 3ännci In der kommenden Woche soll auf der Konferenz der alliierten Ministerpräsidenten die Entscheidung über die Existenz Oesterreichs fallen, die zu einem europäischeu Problem geworden ist. Die englische Regierung hat bereits erklärt, daß sie an einer Kreditaktion mit Staatsmitteln nicht teilnehmen könne. Frankeich dagegen, das den Anschluß Oesterreichs an Deutschland nüt allen Mitteln verhindern will, zeigt sich einer direkten Hilfe nicht abgeneigt, wird aber von Ne.iierungskrediten wegen seiner eigenen bndgetären Lasten alrsehen müssen. Präsident Millerand bemüht sich um drnriPlari; die Nachbarn der österreichischen Republik - Z'rir "Hilfeleistung zu bewegen, und außerdem soll das französische Privatkapital errnuntert werden, umfcmg- ' reiche.Investitionen in Oesterreich vorzunehmen. ^.:,D.er Gedanke, daß der Zusammenbruch Oesterreichs wD/ryehr wäre als ein lokales Ereignis an der Donau, baß^vielmhr die Ausstrahlungen dieses Erdbebens sich -inFganz Europa fühlbar machen würden, scheint seine logische, Kraft setzt auch der Entente aufzudrängen Sie hat' seit der Ratifizierung des Friedensvei'trages viel kostbare Zeit verloren. Oesterreich war in den Angen der.fern von den Ereignissen lebenden Weltrichter eine Geringfügigkeit, über die man aus den Berichten der Delegationen in Wien, aus den Hilferufen der Regierung sich unterrichten ließ, ohne der Angelegenheit so viel -Bedeutung beizulegen wie irgendeiner Hasenfrage am.Mittelmeer. Die Streitpunkte betreffs Deutschlands drückten zu. stark auf die Ansnahmsfähigkeit «der fran- Lebensmittel geben muß: die österreichische Industrie, die-Arbeiterschaft, die gesamte öffentliche Entwicklung Oesterreichs kam höchstens vom Gesichtspunkt der französischen Angst vor Deutschland in Betracht. Daß hier auch Menschen leben, denen das bloße Anschlnßverbot nach'kein Brot bringt, daß sie ihre natürlichen Sympathien und Antipathien, ihre politischen und wirtschaftlichen Ansprüche besitzen, die sich nicht hinwegverbieten lassen,, kam den Pariser Machthabern gar nicht zu Bewußtsein. Wien liegt nicht nur -geographisch,' sondern auch politisch m der Mitte zwischen West und Ost und seine Notige läßt es auf die Ereignisse in Deutschland ustd "Rußland viel lebhafter reagieren, altz wenn seine Bevölkerung saturiert wäre. Wenn man Oesterreich den Anschluß untersagt, wenn die Aufrichtung eines Äonaureichesin dieser older jener Form sich als unmöglich herausstellt und wenn gleichzeitig die Grenzblockade aufrecht bleibt, was soll Oesterreich tun? Es wird dazu genötigt, es entweder mit dem russischen System zu versuchen oder die Blicke in die Vergangenheit zu richten, die ganze Kette des Unglücks seit dem Kriegsausbruch SN vergessen und sich an dem Gedanken der Monarchie anzüklammern. Die Versuche der elfteren Art haben wir hüederholt gesehen und daß sie mißlungen sind, ist nur der/Geduld der Bevölkerung zu danken. Tie Strömungen der anderen Akt treten immer stärker auf und unsere gegenwärtige Negierung ist ein Exponent dreier Vstzweiflungspolitik, die eine Anlehnung an gleichartige Tendenzen in Deutschland, in Ungarn, in der Tschechö'Slowakei und in Jugoslawien sucht und dadurch Oesterreich in den Mittelpunkt eines balkamschcn Getriebes rückt. Auf solche Weise könnte Wien bald zu einem politischen Glntherd werden, zu einem Samwelzentrnm aller Unruhe in Europa und die Feuerwehr her Entente tonnte dann mehr zu tun bekommen, als ihr lieb sein kann. Denn die Staatengebilde, die sie in Mitteleuropa errichtet hat, tragen alle dasselbe L-üd wie Oesterreich, wenn es auch nicht so kraß sich auSdrückt, und sind außerdem noch mit der Nationalitätensorge belastet« Fällt Oesterreich in sich zusammen, dann ist die Katastrophe für Prag und für Warschau nur niehr eine Frage weniger Stunden. Daß die kleinen Nachbarstaaten dies erkennen, zeigen viele Symptome, vor allem aber ihr Bestreben zur Errichtung einer auf Verträgen ruhenden Wirtschaftsvereini'gung, die ihnen im Bereiche der geplanten Aktionsgebietes den Wgren- und Geldverkohr sowie die Freistigigkeit der Menschen garantiert. Hier wäre' die Möglichkeit der Konsolidierung der politischen und wirtschäfrlichen Verhältnisse gegeben und die EinanzipaUon ^vvn den.Großstaaten. deren Egoismus jede Gesundung DeMM$ UMMgen rm Russland Minister Simons fordert „Genngtnung" für Mirbach. Berlin, 21. Jänner. (Reichstag.) Auf eine An°A frage des sozialdemokratischen Abgeordneten Tauba^cl wegen Auffindung von von der Reichswehr versteckten Ge» wehren und Munition in Görlitz und Ilm^rbung gibt p»n Vertreter des Kriegsministeriums die Nichtigkeit des Tatbestandes zu nuh, erklärt, der betreffende verantwortliche Rcichswehrosfizier sei entlassen worden. Sodann wird der lc<ste Notctat für 1920 in dri1t'.r Lesung angenommen. Es folgt die Verhandlung der Interpellation der Unabhängigen, betreisend die Ausnah »ne der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland. Abgeordneter C r i s p i e» (Unabhängiger) begründet die Interpellation. Er betont den Wert Ruß. lands für Deutschland als Einfuhrland und schildert seine Entwicklrlngsmöglickikciten. Redner verlangt zur Erleichterung der Wicderarrknüpsung des Handels mit Rußland die Schaffung einer Zentralstelle, in der anch GewcrAchastcn und Angestellte Mitbcstimmungsrccht be. sitzen. Ueberall, bei der Entente und bei dem Stinnes» Kornern, mache sich eine sonst.'tfcindliche Strömung bemerkbar. Da dürfe die deutsche Regierung nicht mktmachen. Der Zar dürfe nicht wiedcrkchren, ebensowenig der sluchbeladene Hohenzoller. (Große Unruhe.) Reichsminlster des Aeußern Dr. SimonS erklärt, es handle sich allerdings hier um eine deutsche . LMnSsrgg^ ffs sei jedoch viM MEirtUGer deutschen j Regierung, wenn sich die diplomatischen Beziehungen! zu Rußland nicht günstiger entwickelt haben. Der Warenj austausch sei durch die Folgen der russischen Revolution unterbunden worden. Die neue Regierungswrm aber habe versagt. Sie habe einen aniokratischen Zug ange. nommen. Rußland konnte, fuhr der Minister fort, keine Gegenlei st ung mehrbieten, deswegen scheiterte jede Austauschpolitik. Die Ereignisse der letzte« Zeit haben erkennen lassen, daß von eine Verständigung noch keine Rede sein kann. Immerhin will ich zugebe», daß zurzeit Verhandlungen schweben. Das gleiche ist auch mit Litauen der Fall. Die größte Schwierigkeit liegt in dem Zwange, das kapitalistische System mit dem Sowjetstistem in einen gcwisien Ausgleich zu bringen. Der Friedensvertrag hindert uns nicht an dem Abschluß von Vertragen mit Rußland; wir wisse» aber nicht, ob ein solcher Vertrag allgemein Anerkennung finden würde, denn die Sowsrtrcgl-rung ist noch nicht allgemein anerkannt. Im übrigen ist es klar, daß, solange noch keine Genugtuung für die Ermordung Mirbachs gegeben ist, die Beziehungen nicht wieder ausgenommen werden können. (Zurufe; Unglaublich!) Meine Herren! Ich selbst habe mehrfach mit Herrn von Kopp (Exzellenz Kopp dürste gerührt sein! Die Red.) über diesen Punkt gesprochen, er hat aber meinen Standpunkt nicht als unglaublich angesehen. Wir haben keine bestimmten Forderungen an Rußland gestellt, sondern vielmehr Rußland die Festftellungen überlassen, damit die Mörder gefaßt werden^ Rußland hat hierauf nicht geantwortet. Wenn die ruMche Negierung 150 Menschen erschießen ließ, so waren das Feinde der Negierung, nicht aber die Mörder Mirbachs. Es ist verständlich, daß wir mit Rußland unter diesen Umständen nnr mit Hilfe besonderer Agenten verhandeln können. Ich würde einer Verständigung über die Ostsrage mit den West machten .gerne-bie. Wege ebnen; deshalb lege ich auf die Konzessionsjägerei gar keinen Wert. Sobald Europas obstruiert, würde jedem der augeschlossenen Teile die Lebensfähigkeit in der Unterstützung durch die anderen finden lasten. Eine Wirtschaftseinheit mit ' gleicher Währung, gleichem Maß find Gewicht, rait einer reichen Küstengliedernng würde ein 'achtn>'g^ gebietendes Elenwnt Sichernett in Erropa buden j und auch eine Klärung der Ostfraaen mit viel nrehr Rußland anshört, seine unerwünschte Propaganda r« Deutschland zu betreiben, läßt sich eine neue Verstäudk. gung anbahnen. < Minister Simons schließt mit der Mahnung keine Angst zu haben, daß wir etwa von den anderen Möchten überholt werden können. Keine frernde Macht könne ohne uns mit Rußland Abfchlüffc treffen. Wir haben keine Veranlassung, die Sowiet» Herrschaft zu stützen, und kein Recht, an ihre,y Sturz mitzuarbeiten. Wir wollen nicht Schauplatz eines neuen Krieges werden. Hieraus wird in die Besprechung der Interpellation cingetreten. Abgeordneter Wels (Sozialdemokrat) betont dre Notwendigkeit eines engeren Zusammenschlußes mit Rußland. Redner hält die Rote Armee nicht »nr so im* besiegbar. Jedenfalls gebe der Sieg Polens zu denken. Wir müssen ennnal mit Rußland Zusammenkonnnen; eS hat keinen Zweck, auf die dortigen schlechten Verhältnisse zu schimpfen. Nebrigens sei der Bolschewismus bereits auf dem Wege des Verfalles, lvas ans Lenins Bekenntnis hervorgehe, daß er znm Paktieren mit de» bürgerlichen Parteien bereit sei. Abgeordneter Fleischer (Zentmn) meint, wen« die Lösung de.s AnsgleicheS mit Rußland gelinge, fr .werde-daseineUbekrerendr ^at.-.sriyv---7,L'eidrr-habe tte; - Dkba'ttM^het'' 'kei«kU ' Weg 'Kezejtzt. wie das zu machensei. Mit Polen sei ein Zusammenarbeiten nicht möglich, denn es stehe unter dem Einfluß der Entente. Zurzeit würde kein Kausinann sein Kapital zu riskieren »vagen^ um in Rußland Handel zu treiben. > - die Entente von Deutschland verlangt. Preisgabe seiner chemischen Fabrikationsgeheimnisse. H a a q. 21. Jänner. (Tel.-Komp.) In seine» nächsten Sitzung w rd sich der Oberste Rat mit der Fra^e beschäftigen, ob man von Deutschland die Preisgabe, seiner chemischen Mdrikationsgeheimnisse Merlau zen könne. Churchill setzt sich bereits eifrig für die Durchsetzung dieser Forderung ein. ' Hoover fordert langfristige Kredite für Zentraleuropa. London. 21. Jänner. (Wolff.) „Pall Mall Gazette" berichtet ans New-Pork: Hoover - rklärte in einer im Kaufmannsverband gehauenen Nede, die Welt leide an Hebet?« Produktion und Anterverdranch. Eine Erholung könne nur sta^tfinden, wenn Amerika Europa auf emsr ord-uMcken und -zeeigneten GefchäftSgrundlage Anterstützung teihe. Es handle sich nicht um di« Frage der Schaffung von Kred'ten als solchen, sondern r:m di« Frage des C a r d h t e r s der vo r Amerika gewährten Kredits. Nichts sei für ^i« gesamte Wirtschaftslage der W^lt ^efährli-^er als d e w it^r? GetvLhruna von kurzfristigen K r e d i t e n. Die einzige L'S ung feien langfristige K apitalsaula» g e n im Auslands. Aussicht auf Erfolg versucbrn können, an 'deren. Brr* Wirrung durch den französischen Imperialismus Rl:h* lond und die Ukraine ebenso zugrunde gebt wie Oestev» r:ich. Wenn sich die Kleinen zusammcnschlietzen. können sie ein eigenes Leben führen. Ihr gegenwärtiges Verbältnitz ist das kreisender Satelliten ohne eigenen Willen. ' ' ■ ‘ a ■*