Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 703 (10.1.1921)
- Date
- 1921-01-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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€f«ite J Men. Montag Keichenberg ausgesordert, eine Sitzung einzuberuien, in der der Versuch unternommen werden soll, die Grundige für eine Verständigung in den schwebenden Differenzen zwischen der gesamten Partei und der Kreisorganisation Reichenberg zu schaffen. Schließlich beschloß der Parteioorstand, beim Neichsausschuß den Antrag zu stellen, daß die Partei bei der Internationalen Sozialistenkynserenz in Wien vertreten werde. Praq, 9. Jänner. „Praoo Lidu" meldet, daß heute in Reichenberg eine Beratung von Vertretern der deutschen und tschechischen Kommunisten stattsinde, die über die Bedingungen für die Gründung einer gemeinsamen kommunistischen Partei in der Tschecho-Slowakei verhandeln soll. _ ' Eine Kundgebung der tschechischen Legionäre. Prag. 9. Jänner. (Tschecho-slow. Preßbur.) Heute wurde im Saale der Produktenbörse eine.Versammlung aller Legionäre abgehalten, in der eine Entschließung angenommen wurde, worin es unter anderem heißt: Die in den drei Vrrbänden. vereinigten tschecho-slowakischen Legionäre sowie die sachorganisierten Legionäre halten unerschütterlich an den Grundlagen und an der Taktik fest, welche in den die auswärtige Lage betreffenden Proklamationen des Präsidenten M a s a r y k, insbesondere in seiner Proklamation vom 18. Oktober 1918 und in seiner Botschaft an die Nation zum Ausdruck kommen und in erster Reihe in der Forderung einer in demokratischer und sozialer'Beziehung gerechten und in nationaler Beziehung verträglichen tschecho-slowakischen Republik gipfeln. Wir erklären, daß wir auch weiterhin in der Verwirklichung dieser Ideen fortsah ren und uns möglichst eifrig an dem weiteren Ausbau und der Sicherung der demokratischen tschecho-slowakischen Republik in diesem Geiste beteiligen wollen. Wir fordern, daß auf dem nächsten Kongreß sämtlicher Legionäre Grundsätze.für eine einheitliche. . alle Legionäre umfassende Organisation oorgelegt werden, die eine weitere Zersplitterung in den 'Reihen der Legionäre verhindern solk Wir protestieren gegen den Mißbrauch des Namens der Legionäre durch Elemente, die nicht den Gedanken eines" demokratischen tschecho-slowakischen Staates vertteten. Spaltungen unter de» Wiener Tschechen. Pr«z, 9. Jänner. „Cesk6 Slovo* meldet aus Wien: Der Vollzugsausschuß der tschechischen nationalsozialistischen Partei in Oesterreich hat dem Vollzugsausschuß der tschechischen Sozialdemokratie mitgcteilt. daß ein weiteres Zusammenarbeiten angesichts der bedrohlichen Haltung der Sozialdemokraten unmöglich fct. Durch bissen Entschluß sei die einheitliche Front der tschechischen sozialistischen Parteien zerstört. Auch der Weiterbestand des Wiener tschechischen Nationalcates sei in Frage gestellt. __ Der Streit um Westungarn. Eine französische Zurecht«rifrrng an die tzörthy- Chauvmisten. Paris, 9. Jänner. Der „TempS" schreibt: Einige Blatter Mitteleuropas haben das vollkommen falsche Gerücht in Umlauf gebracht, daß die Bonchasterkonserenz entgegen der bisher eingenommenen Haltung beschloffen hätte, Oesterreich vor Jnlraftsetzung des Vertrages von Trionon jene Teile Westungarns zu übertragen, die dprch den genannten Vertrag von Ungarn abgetreten und Oesterreich zugesprochen wurden. Erne derartige Entschließung, die die Wirkungen des Vertrages von Trianon ousheben würde, ist nie gefaßt worden. Das in Umlauf gesetzte Gerücht hat indessen eine. Störung des sich vorbereitenden Einvernehmens zwischen Oesterreich und Ungarn hervorgerulen, da die Ungarn den Nachbarstaat für den angeblichen Beschluß der Botschafterkonferenz verantwortlich machen. 'Die Botschafterkonferenz hat im Gegenteil folgendes beschlossen: ’ ’ T Sobald der Vertrag von Trianon in Wirksamkeit getreten sein wird, werde« die Angarn die in Frage kommenden Gebiete, ge- «ätz der ihnen obliegenden Verpflichtung, den alliierten und assoziierten Mächten zur Verfügung stellen. Diese werden dann die genannten Gebiete Oesterreich Übergeben. Diese Aebergabr, die ans Grundlage des Völkerrechts und der internationalen Gerechtigkeit Lnrchgeführtwerde«wird, kann kein.erlei Anlaß zu Meinungsverschiedenheit enbietsu, sondern ist die römische Folge des Inkrafttretens des Frievensverrrages, dessen Anordnungen nach seiner Annahme nicht bestritte« werde« kSttnen und dessen von den Möchte» gesicherte Durchführung die interessierten Teile nie daran hindern könnte, auf der tftm den Großmächten geschaffenen und gewährleisteten Grundlage zü freundschaftlichen Verhandlungen zu schreiten, um sich über Gr enzreguliernngen zu einigen. Wiener Mor<?enzerenng die den B e d u t fr. 5 ff 'e :j *' beide v Teile vielleicht b e s s er ent sp reche nd erscheinen könnten. Es muß daher allen böswilligen Gerüchten» die geelgn^t sind, die Vezie' ungen zwischen den beiden Ländern in pnho'Svoller Weise zu stör n, ein entschiedenes Dementi entgegengesetzt werden. ___ Tagesbericht. Krieg. Eine Kinderoeschichte von Jofne Rosenfelv.*) „Das muß etwas Schreckliches sein, der Krieg/ sinnt Schlojmke, ein Knabe von sieben Jahren, mit klugen, weichblauen Augen. Die Mutter hat gesagt, daß der Dater weggefahren ist, und seither hört sie nicht auf zu weinen. Den Krieg malt sich Schlojmke folgendermaßen aus: Ein großes, großes Feld. In der Mitte — eine große, große Grube. Und auf beiden Seiten stehen Soldaten mit Gewehren und einer schießt ans den anderen. Warum? Weshalb?, das. weiß Schlojmke nicht. Und er möchte es doch so gerne wissen. Klar ist ihm nur eines: daß man vom Schießen tot umfällt und wenn man tot umfällt, da kann man schon nicht mehr lebendig werden, man wirft einen schnell in die große, große Grube, und damit ist es aus!... Schlojmke begreift aber nicht, wer eigentlich den Dater an so einen gefährlichen Ort geschleppt hat. Er weiß auch nicht, wer eigentlich die sind, die auf die an« deren schießen, und wer die anderen sind, die auf sie schießen. So überschüttet Schlojmke Tag für Tag die Mutter mit Fragen. Die Mutter aber — was kann sie «hm antworten? Sie weiß ja selbst nichts, die Aermste! Doch wie dem auch sei, Schlojmke trägt einen vollen Sack Fragen stets mit sich herum. Er erinnert sich, noch bevdr der Vater weggefahren ist, hat man das schreckliche Wort oft ausgesprochen; doch er hat nicht kjingehört; was geht ihn an, was. die Großen sprechen? Sie reden ja so viel Dinge, die Großem die Schlojmkes Köpfchen nicht begreift! Außerdem war damals Sommer, draußen war es so gut warm, so hell, so schön! Jedesmal, wenn die Mutter geweint hat, hat Schlojmke gefragt: „Mama, wohin ist der Dater gefahren?" Sie hat geantwortet: „In den Krieg." Schlojmke aber hat nicht d a s mit seiner Frage erfahren wollen und ist unzufrieden mit der Antwort. Etwas anderes drückt ihn. Doch er weiß ' nicht,, wie er fragen soll, um KS zu erfahren, und das quält ihn. Er ärgert sich über die Mutter: Warum versteht; sie nicht, waS et wissen will? Er denkt, nach: Der Vater , ist doch groß, er tut immer, was er will. Und Schlojmke hat gesehen, daß er nicht in den Krieg gehen wollte. Und er ist doch gegangen r% er hat geweint und ist'doch gegangen, geradeso, wie Schlojmke manchmal nicht gehorchen will und doch muß! Der Vater urrv'ein pciär Juden haben sich auf einige Wagen gesetzt: die ganze Stadt hat geweint und draußen war es doch so warm und schön. Der Mohg hat geblüht und die Kartoffeln und die Gartenblumen; und die Bäume waren voll mit saftigen Weichseln und 'mit grünen Birnen; Vögel sangen, junge Hähne krähten und jeden Morgen brachten die Bauern von den Dörfern ringsum grüne Gurken und jungen Knoblauch mit seinen längen grünen Peitschcnschnüren... Aher die Mutter ist nicht auf den Markt gegangen. Ganze Tage;ifi sie im Bett gelegen und hat immerfort geweint. Schlojmke erkennt sie nicht wieder, die Mutter, so traurig ist sie geworden. Der liebe Sommer ist fort, mit ihm die lieben, schönen Feiertage und der Vater ist noch immer nickt zu nickgekommen. Das ist noch nie vorgekommen, daß der Vater so lange ausbleibt. Er ist ja manchmal^ auf eine i Woche weggefahren oder auf zwei, aber dann ist er geikommen und hat so viel schöne Sachen mitgebracht... Und Schlojmke fühlte, daß der Krieg keine so einfache Sache sei — man kommt nicht zurück von dort; und wenn ihn auch die Mutter beruhigt und von einem Tag auf den anderen vertröstet hat. Jeden Tag hat die Mutter ihm gesagt: „Morgen kommt der Vater!" Die Tage wurden immer kleiner, die Sonne kam immer seltener heraütz, es war grau, naß und düster, l Oft lagen bis spät in den Tag hinein dichte, feuchte Nebel hart am Ende der Stadt, zwischen Fluß und Waid, und es war, als sei jemand, ein sehr großer-Mann, ge-, storben. Und er liegt dort irgendwo, der große Tote, in grauen Nebel gehüllt. Oft-regnete es. Aber auch wenn eS nicht regnete, war es immer irgendwie feucht; eine Feuchtigkeit war da, die durch alle Glieder drang. Die halbgrünen und halbgelben Blätter auf den Ääumen glänzten vor Nässe und von Zeit gu Zeit fielen einige kalte Tropfen von ihnen nieder, wie Lotentränen... Und es war kqtt, eine traurigsülle, tote Kälte. In dias^ Zeit hat Schlojmkes Mutter immer schon geheizt; diesmal ist es ihr gar nicht eingefallen. Eint kalte, traurige Leere war zu spüren und Schlojmke schien es, als wäre die Stube irgendwie größer geworden, leerer, als sie früher war, obwohl doch gar nichts fehlte. * Wir bringen unseren Lesern eine kleine Geschichte von Jojne R o s e ti f e I d, welcher zu den begabtesten Erzählern der neueren irüdUckeo Literatur gehört. 10. Jänner 1921 Wx* 708 Die Mutter log immer im Bett, d!e Füßtz eiugehüllt in Vaters Pelz. „Mami. ist dir kalt?" starte Schlojmke oft und iah gang sonderbar, mit 'forschenden, geheimnisvollen Augen auf den Pelz, dm; so stumm auf Mutteps Füßen , lag und so an den Vatkw erinnerte . . . Eines Tages, als Schlojmke ganz früh aufwachte, sah er durchs Fenster, daß die Dächer mit weißem Schnee bedeckt waren und schwere Trauer sich über Gottes Welt ergossen hatte. Sä war es: Die Welt ist gestorben, hat sich in ein Totenlinnen «ingehüllt und blitzartig * durchschoß Schlojmke der'Gedanke: Der Vater ist ge« - storben! Er schluchzte laut auf und die Mutter, welche neben ihm lag. rief erschreckt: „Was ist dir, mein Kind? Gott schlitze dich, Kindlein mein!" Mrt ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit drückte sie ihn ans Herz und Schlojmke lcblnchzte done leise und gedampft. Noch me hatte er so etwas erlebt wie jetzt. Er fühlte, daß das Undeutliche und Sckreck-' liche, das ihn nicht hatte ruhen lassen, seit der Väter weggefahren war, daß das jetzt geschehen sei ... Der Dater war in seiner kindlichen Phantasie irgend/ wohin verschwunden, in ein phantastisch,trauriges, unendliches Weiß . . . Totenlinnepweiß . . . Unendl'H weit zieht sich dieses Weiß hin bis zum Himmel und es ist so traurig still, als lägen tausende, abertausende Leichname unter einem unendlich langen und breiten, weißen Linnen und unter diesen Tausenden einer, der Ähnlich ist Schlojmkes Vater ..... Fiebergeschüttelt schmiegte sich Schlojmke mit seinem ganzen kleinen Körperchen an die Mutter und schluchzte leise und unterdrückt ... „Kindlein.mein, du Vaters Ebenbild!" — rief die Mutter laut, als läge Schlojmke weit von ihr entfernt, und dann setzte sie mit gekünstelter Ruhe hinzu: „Nicht weinen, .mein Kind, der Dater wird kommen, er wird dir. viele schöne Sachen mitbringen! Einen frönen Mantel wird er dir bringen und ein' Paar Schuhe mit Lackspitzen, bald werden sie da sein, du wirst sehen!".' Diesmal glaubte es Schlojmke nicht mehr. Er weiß schon, er ftihlt schon, daß er den Vater nie mehr sehen wird. Vergebens bemüht sich die Mutter, ihn zu! beruhigen. Im ZimMr wird eine ftilljagende Wlte fühlbar und eS ist, aWwären hier gar keine Menschen mehr, als wäre daS ein verlassenes Zimmer, wo alles an feinem Platz geblieben ist, aber die Menschen fdrt sind. Und alle^ im Zimmer steht, ist itt falt-ftumme Sehnsucht gehüllt ... Es war, als fühlten die hölzernen Möbel, daß jemand im Zimmer fehle, und sehnten sich stumm-hölzern . . . Der große, stellenweise abbröckelnde Herd war in Stummheit und Trauer versunken und es schien^als fühlte er. noch mehr denn alle reglosen Gegen,, stände die Kälte. Deshalb sah er auch trauriger - und' kälter drein, als alles, was im Zimmer war, und deshalb sttömte die ganze Kälte, die ganze Trauer ins Zimmer.' Gegenüber dem Bett, in welchem Mutter und Kind lagen, stand sein Bett. Unter dem Bett!standen ein Paar alte, verstaubte Schuhe von ihm; und Bett und Schuhe erzählten, daß jemand dagewesen war und daß dieser Jemand jetzt ntdjt mehr da ist. . . Sobald die Mütter den Kleinen beruhigt hatte, stieg sie schnell aus dem Bett. Sie hatte schon vorher das Geklingel des Postwagens gehört, zog sich eilig an und lief auf die Post. , Schlojmke blieb, allein. Er verscharrte sich in die Zimmerdecke, sann über das lange Spinngewebe nach, welches von der Decke niederhing und sich langsam bin- und herwiegte. Solange der Dater dagewesen war. hatte er so etwas nie gesehen. Und er dachte; So etwas könne nur da sein, wenn ein Vater nicht hier ist. Deshalb machte das Spinnetz auf ihn einen so furchtbaren Eindruck. Jbm war, als winkte e§ ihm zu: Der Dater ist nicht da. der Vater ist nicht da! Kalter Schweiß brach ihm aus allen Poren und wie faltet, stechender Sand riefelte es über seinen Körper; er hatte solche Angst, allein im Zimmer zu sein! Nach langem, ungeduldigem Warten kam endlich die Mutter, einen Brief in . der Hand. Sie warf sich über Schlojmke und rief fröhlich: „Ein Brief vom Vater!" Sie konnte nicht lesen, deshalb klopfte sie an dis Wand zum Nachbar; nach einer Weile kam ein junger Mann herein, welcher jeden Tag zwei Zeitungen las. eine russische und eine jüdische. Dieser junge Mann begann der Mutter sofort im Stehen den Brief vorzulesen. Der Brief war ein paar Wochen unterwegs gew-ien, äus einer weiten, weiten, versteckten russischen Stadt, Wo Juden nicht' wohnen dürfen. , In dem Brief teilte der Schreiber seiner Frau und seinem Kinde, nckt. daß.er verwundet in einem Svita! liege, ipjt einer schweren Wunde wohl, doch er hoff« j zu Gott,^gesund zu werden. Ferner gab er Weib und Kind Nachricht, daß er an der deutschen Front das Georgskreuz" erhalten habe, weil er im Kriege etwas sehr Wichtiges getan habe. Dafür habe man ihsi mit vinem Kreuz belohnt. Als Schlojmke' hörte, daß der Vater ein Kreuz bekommen habe, .erbläßte er, seute Augen t»viicf-tcn Schreck und.)Verwimdöntng NuS, und ohne lange zu überlegen.-, fragte er: ,r „Ist der Vater schon ein Christ?" | Beide, die Mutter und der junge Mann wüsten, nicht sofort, WaS sie auf diese unerwartete Frage antworten sollten; endlich antwortete die Mutter: „Gott behüte, mein Kind, der Pater ist in Jude, i wie trüber."