Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 702 (9.1.1921)
- Date
- 1921-01-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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6ette 4 Men, Sonntag ' Inland. Die ErsparungskoMArMon. < ' Nach einer Verlautbarung der StaaLskorrespondenz hat die Regierung .das Statut für die Ersparungs- Kommission bereits ftrtiggestellt und wird es demnächst dem Hauptausschuß vorlegen. Die Aommiss'on soll aus fünfzehn Mitgliedern, Fachleuten aus der Verwaltung iuno anderen Berufökreisen, bestehen und wird dem Ministerrat zur Seite gestellt. Die Tätigkeit dieser Kommission soll in der Erstattung von Vorschlägen bestehen. i Dieses Statut scheint uns nicht den Zweck zu erilfüllen. der der Reparationskommission, aber auch der Bevölkerung bei dem Vorschlag einer solchen Körpersschaft vorgeschwebt hatte. Abhilfe in der wilden P:eisvnarchie und den damit zusammenhängenden Ausartungen unseres wirtschaftlichen Lebens könnte nur eine mit aller Autorität ausgestattete Stelle schassen, die auf den Applomb einer Behörde verzichtet und durch ßhre Zusammensetzung das Berk auen der. konsumierenden Schichten in sich trägt. Eine Fachmännerkommission, die nur das Recht zu Vorschlägen an den Mittisterrat besitzt, wird dadurch allein den parteipolitischen Einflüssen ausgeliefert. Sie toird zu einer der vielen Kommissionen, zu einem bureaukcatisch a.'beitenden Amt und erhält nicht die Unabhängigkeit, die sie braucht. Die Einrichtung, die nicht als Kontrollorgan funktionieren kann, wird zu einer herrlichen Gelegenheit zu Kompetenzstreitigkeiten und Konflikten zwischen den von Hren Ratschlägen betroffenen Aem.ern. i Was aber das wichtigste ist: Wann wird diese Kommission, die vor einem Monat gefordert wurde, endlich das Licht der Aktenwelt erblicken? Jetzt ist daS Statut fertig, demnächst soll es dem Hauptausschuß vorgelegt werden. Wann wird die Kommission mit ihren Vorschlägen beginnen? _ Novellierung des HanLluugsgehttfeugesetzes. In fortgesetzter Enquete wurden gestern die Telle der Gesetzentwürfe besprochen, ruft denen das Provisions- Verhältnis, das Recht auf Abfertigungen, der gesetzliche Urlaub, die Konkurrenzklausel neugeregelt werden sollen. Die Vertreter der Unternehmer, sowohl der Wiener als auch der auswärtigen Organisationen, haben manche vorgeschlagene Bestimmung im Prinzip gr'tgeheißen, widersprachen aber hn allgemeinen dem Gesetze. Hingegen haben die Vertreter der Angestellten kn allen Fällen die Notwendigkit der gesetzlichen Neuregelung eindringlich dargelegt. Insbesondere wurden die vorgeschlagenen Bestimmungen, die sich im Wesen mit den schon jetzt im Verordnungsweg in Kraft gesetzten Normen decken, als für die dauernde gesetzliche Festlegung reif erklärt. Finanzminister HegedAs itt Wie«. Budapest, .8. Jänner. Wie die Blätter melden, wird sich Finanzminister He ge düs morgen nach Wien begeben, um mit der Leitungher Oesterveichischungarischen Bank eine Neihe schwebender Fragen zu besprechen. Der Kampf um das Land. Bon Nauden Fahn:') > In einem der Sonne entrückten Schaar der Stabil Jerusalem befindet sich der vereinsamte Winkel, wo die. Karaiten in dem nach ihnen benannten „Chartil Karaim" shr Heim besitzen. Die Gassen Jerusalems sind von Juden und Arabern. übervölkert. Moscheen, Kirchen und Synagogen wetteifern untereinander. In den Lüften verspürt man ein Ringen um das historische Erbe des den Nachkommen Abrahams verheißenen Landes. Und die Bne Mikra, die Kinder der Schrift, machen einzig in diesem winzigen Winkel, den sie seit Generationen bewohnen, den Anspruch ' auf die heilige Erde geltend. * Ein Kampf auf dem Gebiete des Geistes wird seit Jahrhunderten zwischen Alt- und - Neu-Jsrael ausgefochten. Tie ersteren sprechen sich das Vorrecht zu aus Grund ihrer Treue zur Urlehre und zeihen die Juden der Pseudolehre. Die letzteren nehmen für sich das Verdienst der Wahrung der gesamten Tradition in Anspruch und sehen in den Karaiten einen vom Stamme loSgekösten Zweig. So währt das Ringen in der Zeit des langen Exils und wälzt sich über Länder und Erdteile der Diaspora hm. Anan und Gaonim in Babylon. Saadja Gaon und Karäer in Spanien, Siedlungen in der Türket, Krim, Rußland, Polen — ein langer Wettbewerb im Deuten der Schrift, ein mit den Waffen des Geistes ansgetragener Kampf um das Erbrecht der Lehre. In die! uralte Vergangenheit reicht das Ringen um die Vor-! Machtstellung zurück und in eine weite, unsichtbare Zukunft greift es hinüber. Und bis auf das Reich der! heiligen Erbschaft, bis auf den Anspruch auf die Ver- *) Auö einem demnächst im Vertan „HatechijL" cr- JÄuöacnbeu Ößeric -2cacnbcn fccc Karaiten". ♦•* *4 v {w5$t► BerMrdEMg der Armee. Düs hiesige Organ der Kommunisten meldet: Die Pariser Botschosteckonferenz hat einem vor längerer Zeit überreichten offiziellen Ansuchen Oesterreichs auf Bewilligung der Vermehrung unserer Gendarmerie- und Polizeitruppen mit der Beschränkung Folge gegeben, daß in dem gleichen Ausmaß die Wehrmacht vermindert werde. Dieser Vorschlag, der Bolschasterkonferenz wird neuerlich in der Antwort auf die Demarche des Bundeskanzlers wegen der F.üjjigmachung der L^landskredile wiederholt. . - ™ Tagesbericht. Die destsche Schule. Kunschak hat ene neue Gefahr für das österreichische Deutschtum entdeckt:' Er zweifelt nicht daran, daß es den Ostjuden, die für Oesterreich optieren wollen, gelingen wir-d, den Nachweis deutschen Schulbesuches zu erbringen, obwohl es in ganz Polen nur zwei bis drei deutsche Schulen gegeben hat. Eine besondere Ironie des Zufalls fügt es nun, daß dieselben Blätter, die die Rede des christlichsozialen Parteiobmannes reproduzierten, gleichzeitig den Aufruf eines aus lauter waschechtem Ariern bestehenden Komitees zur Hebung des deutschen Sprachunterrichts veröffentlichen, in dem es wörtlich heißt: „Schon seit langem führen Freunde der deutschen Sprache Klage darüber, daß der öffentliche Unterricht im Deutschen viel zu wünschen übrig lasse. Nicht bloß Personen mit geringer Schulbildung stehen der unabsehbaren Menge, zweifelhafter Sprachfälle ratlos gegenüber, haben keinen Sinn für Schönheit des Ausdrucks..."Es wirktesehr -drollig, geradhin den Organen, die von der deutschen Mittel- 'und Hochschul, jugend bevorzugt werden, der „Deutschen Tageszeitung" (früher „Ostdeutsche Rundschau") und „Reichspost", das Geständnis zu lesen, daß die schwarz-rotgoldenen Jünglinge, die so wacker mit dem Schläger und mit dem Knüttel für das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen soll, kämpfen, sich als die durch sorgsamste Stammbaumprobe geeichten Repräsentanten des Deutschtums aufspielen — nicht Deutsch können. Unbefangene Beobachterdes deutschen Hochschullcbens, beziehungsweise dessen, was die couleurgeschmückte deutsche Burschenschaft in den letzten Jahrzehnten so nannte, erfahren da freilich nichts Neues; sie konnten sich schon längst ihr Urteil über eine „nationale" Bewegung bilden, bei der, das Geistige vorwiegend in flüssiger Form vertreten ist. ^Schauen die berufenen „geistigen.^FDrer" der- Nation so aus, so kann men sich leicht ein Bild von dem Deutschtum — das Wort nicht in Politischem. sSudern in kulturellem Sinne gebraucht — der übrigen Volksschichten machen. Sehr lehrreich in dieser Beziehung war ein Spaziergang durch die Straßen Wiens in den jüngst verflossenen Tagen, als ein Arbeiterausstand gerade solche Betriebe zur Sperre, zwang, deren Inhaber sich zum gebildeten Mittelstand zählen. Von der äußersten Vorstadt bis zum Stadtzentrum waren diese Lokale durch ausgehängte Zettel kenntlich und in allen Schnstnüancen von der ungelenken Zitier-/bis zur vollendeten Rondschnft stand da in wunderbarer Übereinstimmung zu lesen: „Wegen Streik (!) geschlossen! Nirgends las man die grammatikalisch einzig richtige Form: Wegen Streiks... Steigt man die soziale Leiter noch etwas tiefer hinab, so gekjeißrrng des Landes, bis auf den Besitz von Erez Israel erstreckt es sich.. * * Noch ist die heilige Stätte in schwarzen Witwenflor gehüllt und fremde Eindringlinge werfen sich zu Herren auf. Doch der einzig rechtmäßige Anspruch gebührt nur denen, .die die Lehre vom Sinai wortgetreu in ihrem echten Ursprung vor jedweder Aenderung bewahren. Eines Tages wird der sehnsüchtig erwartete Vorbote des Messias, Elijahu, mit der frohen Botschaft der Erlösung auf den Bergen Jerusalems erscheinen. Da wird die rechte Deutung der Thora — -dem Texte nach — aller Welt offenbar werden Und die Verheißung des Landes in Erfüllung gehen. Die Mikra-Juden wahren daher ihr unverjährbares Erbrecht durch Besitz und festen Aufenthalt an Ort und Stelle. Im Chark il Karaim führen die Nachkommen von Anan und dessen Anhängerschaft ihr freudloses, nur vom Bewußtsein der Seßhaftigkeit auf der heiligen Erde erhelltes Leben. Schwer lastet das Los der Vereinsamung aufihren Schultern. Die Tragik der „Wenigsten der Wenigen", mit dem Fluche ..Fremdsein in der Heimat" gepaart, umdüsiert ihre Existenz. Hart fristen sie ihr Dasein in den Gassen Jeruscholajims, wo einst Priester und Propheten wandelten und dereinst das wahre Wort-vom Sinai über die ganze Welt triumphieren wird. In den Wohnungen, die ihren Tempel umgeben, wird das Tagewerk mühevoll verrichtet und im tief in die Erde gesenkten Vethaus sucht die Seele Trost und Erbauung. Mehrere Stufen führen znm unterirdischen Bau hinunter. Halbdunkel beherrscht den Ort, ebenso wie es die Genrüter seiner Besuche?- und Verehrer umhüllt. Nur ein matter Schimmer, der durch dnd am Plafond qüadratförmig gemeißelte Loch eindrmgt, und die Oelflamme einer herunterhängenden Menorah erhellen teilweise die Dämmerung. Alle Düsterheit und aller Groll der Verstoßenen und Enterbten, der Senf- Lenden und Gedrückten, der Trauernden um Zion, aber?■. Iknner 1321 *v. 7R H tB S r U aller Art liefern rucli ttn I KISTEN rfÄRp nügt bet Hinweis auf die Tatsache, daß die dienstlicher Meldungen untergeordneter Amtsorgane eine ständig« Rubrik — der Witzblätter bilden, obwohl Versüw digungen gegen den Geist der Muttersprache eigentlich ein tragisches Kapitel im Leben einer Nation btt« den. ES wäre einer Untersuchung wert, .welchen Anteil der mangelhafte Unterricht der Deutschen in ihrer nationalen Sprache und Literatur an der friedlichen ZuMckdrängung des Deutschtums in den letzten Jahrzehnten hat. Uns interessiert die Sache nur im Zusammenhang mit der Furcht der.ChristNchsozialen, die Ostjuden könnten sich den Nachweis deutschen Schulbesuches fälschlich erschleichen. Wir fragen, welches Risiko dem österreichischen Deutschtum als solchem daraus erwüchsen ' würde, wenn ein paar hundert Leute die Staatsbürgerschaft erwerben, deren Deutsch vielleicht auch nicht ganz einwandfrei, ist — nicht weil, sondern obwohl sie keine deutsche Schule besucht haben... Dr. H. Sp. Herr Kunschak ««d die deutsche« Schule« in Galizie«. Man schreibt uns: Gestatten Sie mir, eine Entstellung des christlichsozialen Wortführers Kunschak seftzunageln. Herr Kunschak, der ^tnen Anlaß außeracht laßt, um gegen die Ostjüden zu hetzen, hat letztens im Zusammenhang mit der Erörterung der leidigen Optionsfrage behauptet, es habe in Galizien fast keine Schulen mit deutscher Unterrichtssprache gegeben. Demgegenüber sei festgestellt: - i Schulen mit deutscher Unterrichtssprache gab es' in Galizien bis zum Zusammeübruch in einer ganzep Reihe von Städten. So in Stryj, Stanislau,. K o l o m e a (Vorstadt Mariahilf). B r o d y (Gymnasium), Reu-Sandez, Zablotow usw. Außerdem in den Gemeinden mit deutscher Bevölkerung und m den Kolonien, deren Zahl hundert übersteigt. Bloß in dem Winkel Stryj—Drohobycz—Dolina, wo ich früher beruflich tätig war, gibt es solche Schulen in Brigidaü, Gelsendorf, Komarow, Malmanstal, Annaberg, Feliziental. Engelsberg, Dublany-Kranzbyrg, Josefsberg usw. In den letzten 20 bis 25 Jahren wurde iü Galizien eine große Zahl Schulen mit deutscher Untere richtssprache aufgelöst. Da der größte 'Teil de« Optanten über 30 Jahre alt ist, ist jedoch diese Tatsache völlig irrelevant. - i Deutsche Schulen wurden mit Vorliebe von Judetr besucht, und zwar aus dem Grunde, da der Unterricht besser war und die polnischen und ruthenischen'Volksschulen der kleinen Gemeinden kaum Namen Schuleverdienten. , Die Bewegung unter den Postangestellten. Der Vollzugsausschuß der Sektion der öffentlichen Angestellten innerhalb der Gewerkschaftskommission hat in seiner gestrigen Sitzung die Forderungen des GewerkschastsverbandeS der Postangestellten gutgehe'ßen und seine Solidarität erklärt. Die Sektion der öffcot« lichen Angestellten verlangt für alle pragmatischen Staotsangestellten und die Wehrmänner die gleiche auch alle Hoffnung der auf ihren Besitz Beharrenden ist hier vereinigt. * Oberhalb des Tempels geht das Leben weiter, ohne von alldem Notiz zu nehmen. Der Araber treibt sein Kamel mit der festen Ruhe des Seßhaften. Der Jude bekundet seine Aufmerksamkeit nur durch eine.absichtliche Ignorierung. Nicht beachtenswert erscheinen ihm die da drunten. Nicht einmal „Minjan" zählen sie ja. Wo aber kein „Minjan" (Zehn) vorbanden ist, dort ist keine Gemeinschaft. Der einzelne bedeutet nichts, nur die Gemeinschaft hat Geltung. Ist es doch bekannt, daß die Karaiten in Jerusalem sich nicht vermehren und die von Religions wegen zur Begründung einer Gemeütde erforderliche Zehn-Zahl niemals erreichen. Vom Vater auf den Sohn übergeht die Erzählung vom fürchterlichen Fluch, welcher auf dem Haupte der Karaiten lastet: Noch vor vielen, vielen Jahren, als sie in Jerusalem ihre festgefügte Gemeinschaft hatten und in übermütiger Ueberhebung das Judentum verhöhnten, hat sie die Vergeltung erreicht. . Also geschah es: Es waren einmal Zeiten der bittersten Bedrückung über das Haupt der Juden Jerusalems hereingebrochen. Zum Schutze war eine gemeinsame Rücksprache un5 Beratung notwendig. Doch durften sich.die Juden der Gefahr einer öffentlichen Versammlung nicht aussetzen. Da nahm man zu den „Brüdern" Zuflucht.' Im unterirdischen Tempel der Karaiten versammelten sich also die jüdischen Familienhaupter zur Besprechung. Alle erwarteten in stummer Angst und Spannung den Einberufer, den, Chacha'm Baschi. ’ Endlich zeigte 'sich dessen, altebrwürdlge Gestalt, die Stufen hinunscrsteigend. Als er aber seinen Fuß.auf dio letzte . Stufe setzte,, umnebelte sich sein Verstand und er fiel in Ohnmacht. Böse Geister bemächtigten .sich des heiligen ManneS und. trieben ihr böses Spiel mit ihm. Bestürzung entstand. Mit Mühe wurde, der Rabbi rol-'t>cu hergestellt. Und als mau nach, der Ursache sichich-'w, wurde diese unter der Schwelle, entdeckt. Dort laa;. icifc