Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 699 (6.1.1921)
- Date
- 1921-01-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis SB Kronen Pran»«erotßo«spreise: Wie»: Nm» Ott-Ie» « der «P»dl«o», 2. vezirk. Lader. Katze-oder t« einer , Bers»leitzsteve cTraflk»-. Slmatlfth. . »krönen so.— kertelfährtt» .. 1SO- S^kt Prstveriand rs? Die» tra* Ceftemidfi: Monatlich .. Nronen SO.- richecho-Slewaket: Monatlich .. Kronen H».~ Sterteljädrltch „ _ 45.- tschtche.sl-«akis»erWSk,rmts * Ungar« Monatitch . . Krone« 50.- iVierteliävrttch „ ISO.— in nvgarischer WSdnmg A«gosla«ie»: Monatlich .. Dinar Vlerieljcihrltch „ «4.- Einzelpreis SS Krönest Wiellrr PrSKumerattonsprelfeS 34 Monatlich .. Mark Söv «terieliabrltch ,. ISO, in polnischer Währung Deutschland: , Monatlich... Mark 10^0 __ ss-rmkrelch: > Monatlich . . KraneS OvH Mlie«: Monatlich . . Lire 0,-4 Rumänien: Monatlich . . Lei 15.-4 Schweiz: u. das übrige Auslands Monatlich . . . FranrS Redaktion«. Administration Wien.'2.Bez.,Taborstr.l-S Telephone: 440 K, 43810. ad 6 Uhr avendS Nr. I« -01 Poftsvartassentönto 150.698 Nr. 6SS Wien, Donnerstag de» 6. Ziinner 1921 3. Jahrgang Die große Fxage. - —y. W ' r n. 6. JSnner. ,, Der linke Flügel der russischen Bolschewiken läuft St«rm'gegen die Konzessionen Lenins und seiner Mit. Diktatoren an das ausländische Kapital. Lenin muß sich verteidigen. Das ist an-sich eine wenig passende Rolle für einen offensiven Geist, noch weniger, wenn er an die Geschichte von dem kleinen Finger und der ganzen Hand denkt. Am wenigsten aber, wenn er die unbedingte Not- Wendigkeit zugcstehen muß, mit Hilfe des bourgeoisen Kapitals die Entwicklung der russischen Wirtschaft zu beschleunigen. Der Weg zur Weltrevolution — so sagt Lenin ist nicht gerade, sondern verläuft im Zickzack. Dasselbe läßt sich von seinem Gedankengang feststeüen. in welchem er sich der harten Aufgabe unterzieht, vor leinen Mitarbeitern den menschewikischen Vorwurf vom Krach des Kommunismus abzuwehren. Die Konzession in Kamtschatka, die an den Amerikaner Vanderlip ge. geben wurde, sei der Preis für die Anerkennung der Sowjets durch Amerika (das eine Woche später den Sowjetgesandten Martens ausgewiesen hat). Sie. sei abör auch bestimmt, 'als Zankapfel.zwischen Amerika und Japan zu dienen. Kamtschatka könne von Rußland picht ausgenützt werden, es sei deshalb besser an Amerika verpachtet. Wenn wir uns nicht irren, hat man in der hamidischen Türkei, die Konzessioneniauch als Zankäpfel fäv die Mächte benützt und mit diesenhiibschen'Früchtew sölaüg^ Ball gespielt. bis das Ende kam. Mit.dön Waldkönzesiionen in Archangelsk verhält es sich anders. Dort wird -das Schachbrettsystem eingesühct, das nach Lenin, folgendermaßen aussieht: Zwischen die verpachteten Wälddistrikte werden. unverpachtete eingeschlossen,< auf treuen russische Arbeiter beschäftigt sein werden, die dann bei denfremden Arbeitern sich technisch ausbilden können.' Der unznfnsdene Menschenverstand fragt hier: Wenn aber die russischen-Arbeiter von den fremden auch etwas-anderes als technische Fertigkeiten lernen werden. e|föa politische Freiheit, Arbeit ohne Zwang, was dann? Lenin antwortet: Dann haben wir die Gewalt. Wenn das 'ausländische Kapital versuchen, wird, etwa den Freihandel einzuführen, dann werden wir — da wir im Wirtschaftskrieg stehen — vom.Kriegsrecht Gebrauch machen und das Kapital konfisziere^ Es ist anzunehmen, daß Lenin nicht vergessen wird, daß auch das Kapital nachzudenken vermag. Er würde den Prozeß des Konfiszierens nur einmal, und zwar das erste Mal. durchführen. Zu einer Wiederholung käme es nicht., Zumal oerartige Ankündigungen nur die Wirkung haben könnendas Kapital, das man heranziehen muß,'.zur äußer, sten Vorsicht zu veranlassen. Bei einem Vertrag gibt eS ja immer zwei Teile. Daß Lenin seinen Erlaß verteidigt, läßt zweierlei erkennen: Daß er einer starken Opposition gegenübersteht, deren Führer der aus den Berliner Sturmtagen her bekannte rücksichtslose Herr Radek ist; und daß Rußland nicht mehr die Kräfte zur Erlangung der wirtschaftlichen Aktivität besitzt. Das eine schwächt die politische Schlagkraft des Systems, das man bisher als geschlossene einheitliche Macht anznsehen gewöhnt war; das andere zeigt den Verfall des Reiches, das vom Stqdium der zaristischen Verwahrlosung durch die Kriegszeit hindurch nun in das letzte Drittel seines \ Niederganges eintntt. Die katastrophale Ernährung?- läge der Städte hat eine neue Form der Binnenwanderung herbeigeführt: Die Arbeiter gehen aus der Stadt in das Dorf. Dies atomisiert die Kraft der herrschenden Partei und liefert sie in noch höherem Grade dem Bureaukratismus aus, der sein innerstes Wesen, das einer in sich geschlossenen Kaste, aus der Zeit der Zaren behalten und nur hinter einem knallroten Mäntelchen versteckt hat. Wie dieses System wirkt, erkennen wir aus Lenins Rede selbst: „Die Menschewiken warfen uns ohne Grund vor, daß wir an eine Ueberwindung der Weltbourgeoisie durch militärische Kraft glauben. Wir stehen vor dem Kampf gegen unseren Bureaukratisiilrrs Dieser Kampf fordert unseren Zusammenschluß!" Diese beschwörenden, aus tiefer Angst herausklingenden Worte erhalten erst ihr Relief, wenn man aus der „Ekonomitscheskaja Schisn", der offiziellen Wirtschaftszeitung der Sowjets, vernimmt, daß der Arbeiterrückgang in den Fabriken von 46 Gouvernements am 1. Juli 1920 gegen das gleiche Datum des Jahres 1918 (wo die Produktion doch schon sehr stark reduziert war) 91 Prozent erreicht Matter siarl soll nach Ungarn zurück' Italienische Drohungen gegen die Budaprster Monarchisten. — Ungarn soll blockiert werden. M a r l a ir d, 5. Jänner. (Tel.-Komp.) Auf Grund von Informationen au maßgebender Stelle bestätigt der politische Mitarbeit r des „Corriere della Sera" in Rom» das sich Italien nicht auf den schon yerlautbavLen platonischen Einspruch gegetz eine etwaige Wieder» einsetzung der H ab sb nrg er Ln Budapest beschränken werde. Es treffen in Nom. hartnäckig Gerüchte ein, daß sich A n g a r n am Vorabend der Wiederherstellung d e r M o n a r ch i e befindet und die ungarisch n Politiker Exkönig Karl auf den Thron bcrttfcn wollen. Die Nachbarstaaten Ungarns «erden j doch keinesfalls dulden» daß Budapest das Zentrum neuer Verwick nnsen Ln Mitteleuropa werde» und daß ein besiegtes Volk» wie die Ungarn» sich herausnshme, die Früchts des Sieges Italiens und der Alliierten zunichte zu machen. Italien» Jugoslawien, die Tichecho-Slowakei und Rumänien wissen wohl, was die unter fremder Mitwirkung arbeitenden Verschwörer der Magyaren und der Habsburger im Schilde führen, nämlich die Wiederherstellung der zerstörten Donaumonarchie. Alle Nachbarstaaten werde« sich entschieden diesem Versuche widersetzen und mit der ÄlMreruyA artzworterr, die Ungarn jedes Gedeihen unmöglich mache« WürL«. -V.-’ . Beend!gmig des GSMahoerstrelks. Der Verkehr heute um MiLtersrrrcht ausgenommen. G r a z» 5. Jänner. Eine in der Hauptkaffenhalle des Hauptbahnhofes abgeyaltene Verfammlnnq der streikenden Sä bahne« beschloß auf Grund der günstigen Nachrichten d?r nach Wien entsend Leu Vrrtranensmänner, wonach die Forderung der Auszahlung eines Vorschusses von 1000 Kronen bewilligt wurde, de« Streik sofort zu beenden und den Verkehr um 12 Ahr Mitternacht wieder aufzunehmen. Auf »der S t a a L s b a h n p r e ck e wird der Verkehr morgen um 6 Ahr früh wieder ausgenommen werden. Rumänien will mit Rußland verhandeln. , Bukarest»^ Jänner. (Funkspruch.) Außenminister Take Joneseu hat an die russische Negierung eine Note gerichtet, in der er Bor« be prechun en für die endgülLLaen Verhandlungen vorschlägt. Er betont» daß die rumänische Regierung nach wie vor auf dem Standpunkte der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates stehe. Keine TeilnahmeAmerikas an einem politischen Völkerbund. Aardinas Wirtschaftsprogramm. Paris, S. Jänner. „Matin" veröffentlichteine» Arlikel des Präsidenten der Columbia-Universität Murray Butler, der sich nach Konferenzen mit Harding über dessen P ogramm folgendermaßen äußerte: Für die Vereinigten Staaten bilden die inneren und! die internationalen Probleme eine einzige Frage; denn» es würde zu nichts führen, Anshilfsmittel zur Be- Hebung b er-krisenhaften Lage der amerikanischen Land- ', wirte und Industriellen zu suchen, solange die wirtschaftliche Lage Europas die gleiche bleibt, wie gegenwärtig. Solange in dem weiten Gebiet zwischen Rhein unU Weichsel und auf dem Balkan ein Chaos herrscht, solange Europa nicht das wirtschafil che Gleichgewicht wiedergefunden hat, kann Amerika nicht erwarten^ Käufer für seine Rohstoffe zu finden. ES muß lang-, fristige Kredite einräumen. Sobald die deutsche Wicdergutmachungsschuld festgesetzt ist. und wenn diese Summ« vom deutschen Volke in einer gewissen Zahl von Jahre« abgetragen werden kann, wird sich die wirtschaftlich«, Maschine der Welt wieder in Gang setzen lassen. WaH das internationale Zusammenwirken zur Aufrechterhaltung des Friedens anlangt, sind die Vereinigte« Staaten bereit, an der Durchsetzung internationale« Gesetze im Wege eines Schiedsgerichtes mitzuwirken^ jedoch nicht an einem politischen Völkerbund teilzunehmen. hat. In der Moskauer Industrie waren die „Hände" in 20 Monaten um 40.8 Prozent weniger geworden. Hand in Hand damit geht, wie dasselbe Blatt klagt, der völlige Niedergang der Arbeitsdisziplin. Diese unheimlich düstere Situation erklärt vollauf die Vorsicht, ,mit der die Armee als wichtige Stütze dieses Systems behandelt wird. Sie ist noch ein Positivum. Der Armee verdanken die Diktatoren ihre politische Existenz; die Armee hat nach zwei geglückten Feldzügen Rußland aus dem Revier von Baku größere Mengen von Petroleum für die Eisenbahnen un«d äus der Krimdie gut gefüllten Magazine Wrangels verschafft. Aber was bebentet das gegenüber dein Magen des Riesenreiches! Die Armee muß bei guter Laune erhalten, gekleidet und gefüttert werden. Sie hat durchi ihre Erfolge, wie Lenin aus dem Sowjetkovgretz ausführte, die Erhöhung der Lcbensmittelrationen für. zwei Millioiren Arbeiter erzielt. Und wie werden die vielen anderen Millionen Rußlands ernährt, die auf die bevorzugten zwei Millionen als auf eine Art neuer Herrenkaste blicken müssen? Daß dieses System lebt und noch lebt, dankt eß neben seiner virtuos gehandhabten Ochrana, seiner 'apr die Kriegszeit erinnernden Zensur und feiner Arnkee nur noch, vielleicht sogar hauptsächlich, der französischen Hysterie, die noch immer an die in Rußland steckenden' Milliarden denkt. Ihre täppische Jnterventibnspölitit.^ die Geld und Menschen' in den russischen Schmelzöfen^ wirft, bringt immer wieder -den Herren des Kreml daS Rettungsseil des Nationalismus und des Hasses-gegen die auswärtigen^ Helfer, die die Demokratie vyrschützen und den Zarismus meinen. Koltschak, Jildenitsch, Machno, Denikin, Wrangel — wer wird der nächste sein, den die französische Bolschewikenangst -nach dem Osten sendet? Lenin -spricht vom Dereithalten der Armee gegen feindliche Angriffe. - In Frankmch ist die Rede von einem neuen Aufmarsch gegen Rußland (soll vielleicht, I das westungarische Geschenk an die Wiener Christlichsozialen die neue Aera einleiten?). Polen ist fast zw gründe gerichtet, Rumänien nervös, 'die französischen Sozialisten so wie die Sozialisten aller Länder gespalten -j und zerschlagen. Was wird der Frühling bringen?