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Wiener Morgenzeitung · 1921-01-05 · Heft 698 (5.1.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 698 (5.1.1921)
Date
1921-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V' - V i/'iAS' f Einzelpreis 25 K inen Pranumerationspreiser Wie«: Nmn fSbholeit ht »er fjrtrtiflow, 2. ®r,irt, Ta^or» penste» I bk» 2, oder in einer SerfAIeißftenc «Trafik»: SWonctUrfi. . Kronen «imeffrthrlirfi ,. ISO.— Mit Postnennnd Mir Dien »nfe Ccftcmirii: Monatlich . . Kronen 50.- Tschecho-Llowakei: Monatlich .. Kronen 1!» — Bierteliafirlich ,» 4*.—; in tschrcho.slawalMerWiilirnn> Ungarn Monatlich .. Kronen k»0.- lvtevteliakrlich ISO.— ■ in nnqarischer WSdnmg .^nqoilawien: Monatlich . . Dinar t'-.— Viertel iälirlich .» «4.— lener Einzelpreis 25 Krone« Pvnnnmerqtionspreise- Bolen:! Monatlich .. Mark W>.H Vier»eliftl»rltch „ 150^| in polnischer Währung Deutschland: Monatlich. . . Mark 10.-, Frankreich: \ Monatlich . . franko (IH Italien: :i Monatlich . Are a.«h Rumänien: ] Monatlich . . Lei la.-^ Schweiz: «. das übrige Antzlandr Monatlich. . Francs »i—< Redaktion n. Administration 8Lien.L.Bez..Tab»rftr.I-8 Telephone: 440'H, 43319. ad 6 llijr adendS Nr. 19 Ä Vostsvartaffentoni» lS0.<S9 Nr. «S8 Wien» MittWych den S. ZLnner 1S21 3. Zahrpimg Der Staat. W i e n, 5. Jänner. In seiner Nenjahrsrede hat de^ Präsident der kschecho-slowakischen Republik einen Gedanken, der heute freilich nicht mehr den Anspruch erheben kann, neu zu sein,,mit.einer in Anbetracht desjenigen, der ihn,äußerte, erfreulichen Deutlichkeit und in prägnanter. Weise znm Ausdruck gebracht. Präsident Masaryk spricht davon, daß auch die Friedensverträge das nationale Problem nicht völlig gelöst haben. Aber es sei eine Wendung zum Besseren erzielt worden, da die nationalen Fragen in ' ruhigerer Weise behandelt werden können, und er fährt fb.ft: „Der Staat ist kein.geheiligtes Ziel, sondern bloß' demokratische Mittel im Interesse der Nation und , der-BeMkernng." Diese heute als Selbstverständlichkeit, anmutende Reduktion - des Stäatsbegriffes, auf , sein ihm gebührendes Matz bedeutet einen auch praktisch' ungeheuer ins Gewicht fallenden ' Fortschrittgegenüber, früheren , Auffassungen, wie jsie-' gerade - in 'Mitteleuropa durch-die längste Zeit die Mentalität der-herrschenden Klassen formten und in deren Geist die nachlvachsende Jugend erzogen wurde, um wieder in gläubiger -Ehc° furcht einen - geheiligten -Popanz anzubeten,^ hinchr dem sich letzten Endes nichts anderes verbarg als das Wohl- Verstandene Interesse jener Kasten, denen die Macht über! Wohl und Wehe von Millionen. Menschen anheim-e gegeben war. Nur eine solche geistige Einstellung hat es ermöglicht, datz ganze.Völker in einen Krieg, hineingehetzr werden konnten, dessen vorgebliche und wirkliche Ziele , Men ihre, vitalsten1 Interessen gerichtet waren, und 'datz . hät,^ MWhnen jener JnteresienlPiderstrNt ' erst 'augenfällig' ' Sstnr Bewußtsein kam, als es bereits zu spät war und öle - entfesselten Waffen nicht mehr zum Stillstand zu bringen waren. Lange Zeit'hindurch'war die Menschheit undühr mitteleuropäischer Teil bis zuletzt im Sinne einer Staatsaüffassung erzogen, welcher der Staat Selbstzweck bedeutet und in-deren System es gelegen war, Konflikte zwischen den Interessen eines einzelnen odep einergrößeren völkischen oder Klassenbesonderbeit stets! im Interesse des Staates gelöst zu-sehen. Das System des Staates, das seiner Natur nach zur größten Elastizität bestimmt ist, war zu einer starren Mechanik entartet, der jede Anpassungsfähigkeit an neue Verhältnisse und geänderte Bedürfnisse der Massen fehlte. Diese an Hegelscher Dialektik geschulte Staatsauffassung hat ihren höchsten Triumph in der preußischen Staatsidee gefunden, die stark genug war, sich auch das übrige Deutschland zu unterjochen und ihren Geist'auf. manche andere Staatengebilde ausstrahlen zu lassen. In dieser Lust konnte sich die geistige Ungebundenheit und Selbständigkeit der Einzelnation nur im Konflikt mit dem' Staatsganzen ausleben und dieser erreichte, im Kriege naturgemäß seinen Höhepunkt. ' Der Staat' galt diestr Auffassung nicht als das, was er in Wirklichkeit ist und lediglich zu sein hat, als das gefügige Instrument für Ne möglichst gut geregelte Funktion der Gemeinschaft, für das friedliche Zusammenleben der Nationen und damit für den menschlichen Fortschritt. Er stand da als eine um ihrer selbst willen nötige, absolute Kategorie, und. dieser Philosophie fiel es nicht schwer, den brutalen Zwang in geheiligte Notwendigkeit unrzulügen und den Moloch, der seine Kinder verschling^ als Gott anbeten zu lassen. - - - ■ Das Werk der Neuordnung und Pazifizierrrng der Welt. wird erst dann gedeihen könnenwenn der Gedanke von der Begrenztheit der staatlichen Macht und Men , wahren Zielen Gemeingut der europäischen Menschheit geworden ist und sich die politische Erziehung .an ihm zu orientieren beginnt: Unter solchem Gesichtswinket erst wird die Ueberspannung des nationalen Gedankens Nachlaßen und ein mehr gemeinwirtschaftlicheS Denken. Platz zu greifen vermögen.: Dieser Einstellung auf die Ueber Windung des Nationalismus wird über auch die richtige Idee, die dem Selbstbestimmungsrecht Wilsonszugrunde liegt, gedeihen und von ihren Schlacken gereinigt werden können. Nicht darum kann es sich handeln, daß die Welt unter dem Schlagwort der nationalen Selbstbestimmung in eine Menge von schwachen Kleinstaaten zerrissen und gewissermaßen unter ein rückwärts gerichtetes Ideal, das des 18. Jahrhunderts gestellt wird, sondern daß ein Zustand geschaffen wird, der es den einzelnen Völkern ermöglicht, ' M Währung ihM Eigenart und Selbständigkeit an dem Der Streik auf der Südbalm . i , Anschluß der Staatsbahirer. Graz, 4. Jänner. In-der Streiklage ist keine Aenderung eingetreten., Ter Verkehr ruht auf den Streckest Graz—Bruck—Leoben—Vovdernberg, Graz—Spielfeld— Radkersburg, Graz—Wien, und Graz—Köflach. Die- Staatsbahner, mit .Ausnahme der Beamten, haben beschlossen, sichrem Streik der Sjidbahner anzuschließen. Die Brücker Eisenbahner hüben sich gleichfalls dem Ausstand angeschlossen. Die Wiener-Neustädter erklärten sich solidarisch und haben für morgen nachmittags eine Sitzung sämtlicher Vertrauensmänner' nach Mürzzuschlag einberufen, in der'.die Entscheidung fallen wird. K'ünry je. zrvikch4n"$(?)* '.L-rerr rmd Streikenden. Graz, 4. Jänner. Der Personenzng 41, an welchen' der gestern abends vom Wien abgelassene Personenzng 35 in Bruck Anschluß erhielt,-sollte in der Station Gösting bei Graz nach Bruck .zurückgeleitet werden. In der Station Gösting zwangen jedoch einige Fahrgäste das Begleitpersonal unter Drohungen und mit - vor g e h a l t e n e n R e v o l v e r n, den Zug, nach Graz weitcnzu führen. Beim Eintreffen des Zuges in Graz Die französische Hilfe für Baris, 4. Jänner. (Havas.) Minister- Präsident Lehgnes unterrrchtets den Minifterrat über dis schwierige La^e Oesterreichs und Le-^ts dis Maßnahmen dar, die die französische Rs^rernng ergreifen werde, um Äbhilfe zu fchaffsn. - ' Patrser BLLLLersLrwmeu. Paris, 4. Jänner.-Die Pariser Presse beschäftigt sich andauernd . mit der kritischen Finanzlage Oesterreichs. „Figaro" betont, datz die ernste Lage die Anschlußpropaganda beschleunige. „Petit Journal" bespricht den verhängnisvollen Niedergang des Kronenkurf es, der Oesterreich in dw Gefahr einer Regierungs- .und sozialen Krise bringe, deren Folgen für ganz Mitteleuropa unabsehbar wären. „Ere Nouoelle" hebt hervor, datz alle diplomatischen und politischen Persönlichkeiten der Meinung seien, jeder Verzug in cher Hilfsaktion bringe Oesterreich in eine verzweifelte Lage. Eine offizielle Erklärung über die Absichten der Ententemächte sei unerläßlich, um die Gemüter zu beruhigen und eine schwere Regierungskrise zu vermeiden. Die polnisch-litauischen Verhandlungen ergebnislos. Warschau, 4. Jänner. (Funkspruch.) Die Litauische Abordnung hat im Aufträge ihrer Negierung drs Zustimmung zu einer Volksabstimmung im Gebiete von Wilna zurück ezogen und die Anetfennung der Grenzen, wie diese im Vertrage mit SswjeLrußland festgelegt worden siüd, verlangt. Polen, das auf gegen 6 Uhr vormittags kam eS zwischen den streikenden Eisenbahnern und den aussteigenden Fahrgästen zu, erregten Auseinandersetzungen und Tätlichkeiten. 'Es wurden einige Verhaftungen vörgenommen. Der Lsberrsrmttelvsrkehr wird auf 48 Stunden ausgenommen. Graz, 4. Jänner. In einer zahlreich besuchten gemeinsamen Versammlung der Staats- und Südbahnctz wurde beschlossen, von heute 12 Uhr nachts an den L e b e n s m i t t e l z u g s v e r k e h r auf die Dauer von 48 Stunden wieder aufznnehm.en. Der Personenzugsverkehr bleibt nach wie vor ein,gestellt. Auch auf, der Linie Bruck—Leoben ruht der, Verkehr. Um 8 Uhr abends wird der letzte Zug der Staatsbahnlinie in der hiesigen Station übernommen, worauf auch auf der Staatsbahnliuie der Verkehr eingestellt bleibt. Die Vertreter der Streikleitung fahren um 8 Uhr abends zu den V e r h a n d l u n g e n rm-H Wien. . dter Volksabstimmung besteht, über?ätzt vre Lösung der Frage dem Völkerbünde- Die litaurfcht, AhordnuM ist nach Köwny. abgpiit;;; r~ c:':' Moskau, 4. Jänner. (Funkspruch.) Die „Jswesüiä" meldet, daß.der Völkerbund-über Einspruch-der Sowjetregierung von seiner Absicht, die Abstimmung im Gebiet von Wilna unter dem Schutz internationaler- Truppen durchzuführen, abgekommen sei. Das Blatt weist weiters zu berichten, daß Mauen-Wilna auf keinen Fall herausgeben werde, und behauptet, daß Polen fortgesetzt Verstärkungen nach Wilna sende, aber nicht aktiv äuftrete, um Rußland nicht zum Einschreiten zu zwingen. Der Völkerbund an Paderewski. Genf, 4. Jänner. (Tel.-Komp.) Der Völkerbund richtete an Pcvderewski ein Schreiben, worin erklärt wird, der Völkerbund habe die Durchführung, einer VvlkZabstimmung auf den strittigen polnisch-litauischen Gebieten, den Wilna-Kreis einbezogen, beschlossen. Zwecks Sicherung der Abstimmungsfreiheit werde der Völkerbund dorthin alliierte Truppen schicken. Der Völkerbundrat fragt Paderewski, ob er namens der polnischen Regierung die bindende Erklärung abgeben könne, datz sie in die Entwaffnung der Zieligowski-Truppen und in die Aenderungder territorialen Verwaltung einwilligon werde. Einer, Volksabstimmung ohne Garantien der Abstimmungsfreiheit werde der Völkerbund nie seine Sanktion erteilen. __ Der deutsche Reichstag tritt nicht ' zusammen. ' Berlin, 4. Jänner. (Wolfs.) Der Aeltestenrat des Reichstages hat heute den von den Unabhängigen Sozialdemokraten eingebrachten Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstages abgelehnt, hingegen die möglichst baldige Einberufung des Ausschusses für äußere Angelegenheiten befürwortet. ökonomischen Fortschritt teilzilhaben, der nun einmal in einer wieder eingerenkten'Welt'an möglichst weite Einheitsgebiete stn chezug auf Wirtschaft, Warenaustausch itrib Verkehr geknüpft sein wird'. ,Der verstorbene deutsche Fortschritt^pölitlker Müumann hat die Tendenzen der Zeit richtig erfaßt, aber sein im,Kriege so vielverbreitetes Werk „Mitteleuropa"-leidet-darunter, daß eine an sich richtige Idee'vor ^den -Wagen des deutschen Imperialismus gespannt'und dadurch in ihr Gegenteil verkehrt werden -mußte, weil auch Naumann d.er 'allgemein herrschenden Psychose erlegen ist. . - ' Wenn die von- Masaryk verkündete Staatsidee zum allgemeinen Durchbruch kommen wird, dann erst wird eine wahrhafte Revision der - FriedenSverträgo möglich fein* denn dang werden die Völker erkennen, daß Staaten nicht durch den nationalen-Willen.allein am Leben zu erhalten sind, sondern daß sie einen Zweckverband darstellen, der sich den herrschenden Gesetzen der Oekonomik unterordnen und für das nationale „Sichausleben" der Döljker-Raum bieten muß., Staaten können nicht - gegen die Entwicklungstenidenzen, gegen die Antriebe der Wirtschaft und gegen die Geographie gedeihen: wird einmal dieser Gesichtspunkt in den Vordergrund gerück:. dann werden die heutigen Einzelstaaten. -die täglich mehr aufeinander angewiesen werden, den Zusammenschluß zu einem größeren Ganzen fmden, innerhalb dessen sie, uw beschadet ihrer nun einmal bestehenden Besonderheit, ge^ deihen können. Die Zukunft gehört den Vereiniaten Staaten von Mitteleuropa.,

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