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Wiener Morgenzeitung · 1921-01-01 · Heft 695 (1.1.1921) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 695 (1.1.1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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1% M. 695 Wien, Samstag , aller Art liefern rasch und billi* Wien, li.^raterstrasM 56 J Tagesbericht. ■ j. * Kinder. ■ ■| Straßen sind wie Manschen? Haben ein Gesicht, in dem ihr Leben steht, ihre Geschichte. So gibt es frohe, sonnumleuchtete Gesichter, die fle'ckWloS rein gewaschen sind und die glücklichen Menschen gehören. Und wiederum Gesichter, über die immerwährend düstere Schatten huschen, die dunkel, traurig sind und vor denen sich sogar die Sonne fürchtet. Die sind stumm, elend. Hier in Wien, diesseits der Donau, gibt es solche, ' stumme, elende Gassen. Sie grenzen hart aneinander, . uuiarmen sich in Manchen Teilen und bieten täglich dasselbe tvöstlöse Jammerbild. r In diesen dunklen Stadtteilen aber lebt die Straße mit den Menschen. Fast sieht es so aus. als ob unsich'b- Zare Geister über ihnen schwebten, die tätig sind und die sh re Menschen lieben. Hier kommt die primtivste Eigenschaft des Menschen zum Vorschein: Er lebt auf der Gasse. Den ganzen Tag über spielen schmutzige, verwahrloste Kinder vor den Häusern, raufen, balgen sich herum in quellendem Uebermut ihrer KirAheit, ohne . Aufsicht und doch wunderbar geschützt von den Straßengeistern. « Meine Fenster sehen direkt hin auf die spielenden Kinder. Ich unterscheide zwei Gruppen: Christenkmdrr und Iudenkinder. Jetzt als Kinder spielen sie noch miteinander. Harmlos, lachend, scherzend. Nur manchmal, wenn der blonde, hagere Knabe sich zu der Gcupe gesellt, entsteht ein Mißton in dem schönen Frieden. Da kommen die Scheidungen, der scharfe. Kontrast beider Gruppen zum Durchbruch. Der angeborene, an. erzogene und fortgepflanzte Rassenhaß, der unversöhnlich vielleicht noch im Unterbewußrsein dieses Jungen brütet. So oft er auftaucht, verstummen die Sckierze und . der kleine, fünfjährige - Knabe mit dem schwarzen Haar und den ttaurfgen Augen zieht sich rasch m scheuer Angst mit dem kleinen Mädchen zurück. Diese Angst hat er geradeso geerbt wie jener seinen unverstandenen 'Haß. . ■, * So sehen sie sich hin auf die Schwelle des schmutzigen HauseS und sehen stumm dem Treiben der anderen zu. Noch ein kleines Mädchen ist unter der Gruppe, baS sich auch mit hen beiden auf die Steinstuft setzt und . lieber zusieht. Und da erzählen die drei Kinder einander Geschichten, Geschichten vom Leben, wie alte, Zerfahrene Leute mit gescheiten Gesichtern. ' Eines h ört gespannt dem anderen zu, aber es scheinen nicht frohe,, glückliche Erzählungen zu sein, denn der Knabe-mit den, traurigen Augen stützt immer nachdenklich den Kopf und' der Blick, der gewöhnlich, hinauftvandert zum Himmel, ist ein stummes Gebet um Hilfe. ' Solch ein Gebet ist den anderen fremd. Reliquien zu erwerben. Die Sache hat Eile. Mes Wertvolle an jüdischen Altertümern wird hei jeder neuen Katastrophe ruiniert, verschleppt oder fällt in fremde Hände. Upd mit jedem Tage, mit jedem Ableben eines aus der alten Generation oder ermK bewußten Juden der Tradition gehen die schönsten Erinnerungen, Legenden und Gesänge, die.ganze Folklore verloren. Was wäre von dem heute ruinierten Städtchen in Wolhynien geblieben, hätte ich nicht beizeiten dort die wenigen Ma-! terialien egsammelt, deren, ich habhast werden konnte. Und wer weitz^waS Litauen noch bevorsteht... Als Organisator der ganzen Tätigkeit und' Ehrenpräsident der Gesellschaft wende ich mich im Namen der Gesellschaft an Sie, teurer Freund, mit der inständigen Bitte, Sie mögen trachten, für die Gesellschaft eine Summe von etwa vier- bis fünftausend Dollar zu beschaffen. welche ihr die Möglichkeit geben würde, eine große, wichtige Arbeit zu leisten, nämlich deü künftigen Geschiechten die Schönheit, den Adel, die Kunst und die Seele des alten jüdischen Lebens in Litauen und besonders in Wilwi zu erhallen und zu hinterlassen, das nun schon vergangen ist. Tun Sie, teurer Frermd, etwas für die Sachet Ich . nehme die ganze Verantwortung auf mich, und so krank und schwach ich bin, will ich mll Freuden meine letzten Jahre dieser großen, heiligen Arbeit widmen. Nun denn — seien Sie mir nicht böse,, daß ich Ihre Schultern mll meinen vielfachen Bittey belaste. Ich hoffe, daß Sie mir sie nicht abschlagen werden. Ich wünsche sehr, von Ihnen auch einen persönlichen Brjef zu erhalten, welcher mir sagt, was Sie tun und wie Sie leben. Vielleicht könnten Sie mir etwas von Ihren neuen Werken - guschicken. Außer „Motke der Dreb", von dem einmal wöchentlich' einige Zeilen erscheinen, ist nichts zu bekommen. Ich grüße Tie sehr herzlich in inniger Liebe Ihr Ä. An-kkv. telbphcm aa-a-as 1**111 Wiener MorgenzeitnnF Entfernt sich dann bqr blonde, hager« Knabe, kommt 'Wiederum der Anschiüß zustande. Das kann man sehr schön beobachten. V Zuerst nähert sich einer verlegen den Dreien, die erzählen, und. hört zu, dann kommen, die anderen und gleich, als. hätte sie nie etwas geschieden, vereinigt wiederum" das leichte Band der Geselligkeit ihre versöhnliche Kindheit zum Spiel, über dem sie alles vergessen. Nur einer spielt nicht, dem gibt der blonde, hagere ldnabe zu denken, das ist der Reine fünfjährige Junge mit dem schwarzen Haar und den traurigen Augen. Ignaz Kurt NosenHeld. KonMrnerrmg der Agramrr KulLrrsgrmrmde. Agram. 86. Dezember. Die so glänzend ausgefallenen Wahlen m die Jirarlüischs KültuZgememde in Zagreb, dir einen vollen Sieg des jüdischen GedaykcnS bedentrn, fanden ihre Fortsetzung bei dm heule stattssefundenm Wahlen des Gemeinde- Präsidiums.'- Obwohl d>e von ' den Zionißen und' Jüdischnationalen kandidierte Liste, von allen jungen und «Hechten Inden' getragen, alle M a «Da t.e des BvistandrS und des KnUusrates erobert batte, zeigte die «me Rickürmg gleich am ersten Tage, daß rS' ihr nicht um-die Partei, sondern «m die Grsamtuitercflfn des Judentums gehe. - Bon unserer Seite, wurden unter den 36 Kandidaten für dm Borstand auch sechs Anhänger der b.Zheug n Majorität »andldiert, weil man vorausfctzte - daß d-ese als gute Juden, woin auch anderer Richtung, am Gedeihen der Gemeinde Mitwirken werden.; Auf zionistischen Antrag wurde zum Gemeindepräsidenten einstimmig der altb wäbrte Ziomst Rechtsanwalt Dr. Hugo K o n v a, zn Vizepräsidenten ein zweiter Zionistenführcr Rechtsanwalt Dr. Luvoslav S ch i ck und ein Anhänger der bisherigen Gegenpartei. Banaltafeirat Dr. Ivo Hirschl. gewählt. Der dre Wahl Wittibe. AlierSpräsidcnt Sandor d. Alexa n d e r, d.'r bisher ebenfalls nicht unseren Reihe« angeh?rte, hob die bei der Wa^l dcs Präsidiums bekundete Smnchsigkeit hervor. Unter großem Bei-all bcS zahlreichen Auditoriums ent* wickelte dazionistische Präsidium sein Programm: Einführung eines allgemeinen, gleichen, proportionalen Wahlrechtes. Steuerreform sowie Berückncht gung der rckigiöirn Bldmfnisseder Orthodoxen uyh. Sevdardim. Die Kolouisatis« Palä st i n a §, die Pflege der hebratschen Sprache leien ebenso G.mndpostulate .einer jüdischen Gcmeindepolitck wie der Ausbau der sorialcn und charirativeu Anstalten, der Kampf um die volle Glc chderechtigung 'ur Staate. . , - Herbert Hsovers Ki»berhtlfs«krto«. Eine Depesche mit Michtl-en Mitteitmese« über die Fortdauer, der amerikanilche» Adtio«. Die Leitung -der Amerikanischen Kinderhilfsaktion für Oesterreich hat soeben folgende Depesche von Mr. Herbert Hoover, dem Chef der American Relief Administration, erhalten: New-Fork, 28. Dezember 1920.' Ueber die Zu,, kunft der Amerikanischen Kinderhilfsaktion für Oesterreich mußte ich Sie bisher sin unklaren lassen. Die definitive Nachricht, ob wir die tägliche Ausspeisung von 3,500.000 Kindern, die zurzeit von unserer Wohlfahrtsaktion erfaßt sind, fortzuführen in der Lage-sind, mußte zurückgehalten werden. Es -wäre, allzu schmerzlich Und betrübend gewesen, Versprechungen in die Welt zu setzen, die vielleicht nicht Erfüllung finden können. .Nun aber ist mir die Herzensfreude beschieden, Ihnen mitteilen zn können, daß bereits 10 Millionen Dollar' in bar und in vorliegenden Zusagen von der benötigten Summe ^im Betrage von 33 Millionen Dollar aufgebracht sind. Der erhebende Anfangserfolg der Sammlung in Amerika für die notleidenden Kinder in Europa läßt mich frohbewegt, hoffen, die edelgesinnte Bevölkerung Amerikas werde den noch verbleibenden-Rest der Summe spenden, um .die Durchführung unseres Minimalpwgrammes zu sichern. Ich bilde, diese Nachricht als Amerikas WeihnachLs- Botschaft an die Kinder in Oesterreich entgcgenzunehmen. gez. Herbert H o o v e r. ZÄdrfche RqbelpMstrNzer. Alfred Nobel, der Erfinder «des Dynamits, jenes Sprengmittels, das ütt Frieden viel Segen, im Krieg unermeßliches Unglück über die- Menschheit-gebrächt hat, hat mit feiner Erfindung ein kolossales Vermögen, erworben. Als er im Jahre 1897 starb, hinterließ er fünft »»dreißig Millionen schwedische Kronen.. Den größten Teil dieses Vermögens vermachte Nobel, der als verbitterter Mann starb, der Stockholmer Universität und traf -die Verfügung, daß von den Zinsen des Kapitals alljährlich Preise an diejenigen verteilt werden, die wichtige Forschungen auf Lern Gebiet der Physik, Therme, Physiologie mnd Medizin gemacht haberr. Als fünften Preis bestimmte Nobel einen Preis für Literatur und Kunst und.den sechsten (welch eigenartiges Paradoxon«!) setzte der Erfinder des Dynamits für diejenigen ans, welche Mitwirken, daß auf der Adelt-ewig er Friede herrsche. Seit 1901 verteilt die schwedische.Akademie diese Nobelpreise alljährlich, nur während dreier Kriegsjahre wurde die DerLeilm^ ausgesetzt. Bisher, gab es hu std e r t z w e i Nobelpreisträger. D^.e Preise werden ohne jeden Unterichidd von Geschlecht, Rasse und Nation verlichen. Unter den PreiSttäaenl bMndck sich unter «n- Illimer BevfA 5' " „Clavis“ Wien, VI., ßiimpndorferstrasse 67 Ecke Esterhazygasse ~~ Telephon Nr« 4411 Gosse Auswahl in »ämffiühen guten Strapazstiefein sowie «in den allerfeinaten Luxus-, Strassen- und Abendschuhen * zn konkurreaxlos billigen Preisen iow deren ein.Inder, der Dichter Rabindränat^ Tagore. Natürlich sind auch Frauen die Nobelpreis zugänglich und bisher haben drei Frauen den Preis erhalten: Baronin S u t t n e r für ihr Werk ^Diß Waffen nieder^, Madame Curie, die Entdeckerin des Radiums, und die schwedische Dichterin Selma Ldgerlöst Eine Zusammenstellung über die Dolkszugehörigkell der Nobelpreisträger, welche kürzlich gemacht würde, ergab, daß der Nobelpreis an 36 Deutsche und 34 Engländer verliehen wurde. Die übrigen Nationen stehen in der Zähl der Nobelpreisträger well zurück. An Juden wurde der Nobelpreis achtmal verliehen, das erste Mal im Jahre 1906 an Prof. Albert Abraham M ichelf o n von der Universität. Chicago für seine Untere suchungen über die Lichtgeschwindigkeit. Zwei Jahre später wurde der jüdische Physiker GabriÄ L i p m a n ft. welcher an der Sorbonne wirkt, mll dem Preise ausgezeichnet. Den Preis für Chemie erhielt damals Professor E h r l i ch, der Entdecker deS. Salvarfan. Im Jahrs 1911 wurde der Friedenspreis an zwei Juden, Professor Ascher, den Gründer des Haager Schiedsgerichtes, eine der größten Autoritäten auf dem'Gebiete des internationalen Rechtes, und Aisred H. Fried, den Wiener Vorkämpfer der Friedenshewe- . gung, verteilt. Knapp vor dem Kriege wurde der jüdi- ' sche Gelehrte Richard Wil fielt er für seine Forschungen über die Pflanzenfarbstoffe preisgekrönte Den Kunstpreis erhielt damals der russische Jude Leon Bakst, der ungefähr zu gleicher Zeit aus Petersburg aüsgeÄiesen worden war, da er als Jude kein- Wohnrecht hatte. Bakst ist einer der^Meutendsten Maler Rußlands und insbesondere durch seine dekorativen Entwürfe berrihmt. Der letzte jüdische Nobelpreisträger ist der Arzt Dr. Robert Bärany, welcher für seine Forschungen.über den Mechanismus des menschlichen Ohres den Preis erhielt; .die Lehrkanzel für Ohrenheilkunde an-der Wiener Universität konnte er jödoch nicht erhalten. i Bemerkt fei noch, haß zwei Nobelpreisträger, und' zwar Elje Metschnikow, dessen Forschungen über die Bakterien grundlegend sind, und der Novellist Paul H e y f e müLterlicherseits ' jüdischer, Abstammung sind. Die Tatsache, daß 8 Juden sich unter den 102 Nobelpreisträgern befinden, zeigt den bedeutenden Anteil der ' Juden am kulturellen Leben Europas. Vielleicht ist dis .Zeit nicht mehr fern, wo Juden für eigene kulturelle Schöpfungen mit deyr Nobelpreis gekrönt werden. Vvr einiger Zeit ging die Nachricht durch die Blätter, daß der hebräische Dichter Chaim Nachman B i a I i f $ als Kandidat für den Llleraturpreis gelte. Er wäre gewiß würdig. __ . ,. _ •;‘ De»tsch«atto«ale »Z«ge«derziehu«g"^ Wir lesen im ^Vorwärts": »SS gibt einen Jugendbutzll, dessen höchstes Ziel und Streben ist, öffentliches Aergernig - zu erregen. Unter der Firma »Deutfchnationaler Jugendlnnd^ versucht er die Jugend für die alldeutsche »Volkse-Partei zu ' gewinnen, füreinen Rachekrieg zu begeistern Und gegen diq Juden zu Hetzen. Seine Jünger — eingebildete Penäler^ . dumme, fünfzehnjährige Gecken und freche Dreikäsehochs dringen in wissenschaftliche Versammlungen ein, in denen ' über die EinsteiUsche NelativitätStheorie diskutiert wird, stören durch Lärm und kindische Zwischenrufe den Vortragenden und ziehen mit lautem Gebrüll von «Deutschland, Deutschland über alles* (!) hochbefriedigt ab, sobald ihr Platt! gelungen ist Diese Jugend scheute sich nicht/in-München den bekannten Dr. MagnuS Hirschfeld nach einem Vortrag zu mißhandeln, so daß er lebensgefährliche PerlehÜngen davontrug. Und eins «deutschnationale Jugendzeitung" wirft sich zum Schützer dieser' Rohlinge auf. Sie, die als Motto die . Worte: «Mit Gott für Kaiser und Reich! Für aufrecht« völkische Jugend!* führt, bringt es .fertig, in bezug'auf jenen Mordversuch .zu schreiten r' „Unkraut vergeht nichtig Der bekannte Dr. MagnuS Hirschfeld wurde nach einem Vortrag in München lebensgefährlich verletzt. Nunmehr erfährt man, daß er sich von der Verwundung wieder erholt. Wir scheuen uns nicht, zn; bedauern, daß dieser schamloseste und gemeinste VolkSvergifi ter nicht endlich sein verdientes Ende gefunden hat." Das ist geschmacklos und frech zugleich. Der größte Freu Senker in ErziehungSfragen wird uns ohncweiterS zustimmen,< und mit ihm die gefcnnte anstädige Menschenwelt, wenn wir diesen Lünnnels gegenüber eine derbe Tracht Prügel auft Hosenledcr für angemessen.erachten. Dieselbe Zeitung schretüs in-einer anderen Nummenr: n . . , „Und sagen wir der deutschen Jugend ii^mer wleders.. "Ihr habt nicht die nündcste Verpflichtung gegenüber dies« Verfassmrg. Jedes Mittel ist gut und edel im Kampfe gegeq die Verfassung dsr Nepublikt* r' Unsere Zitate genügen, um Lar und durdringlich vos . Augen zu führen, daß Kampf gegen den Deutschnationaleq Jugonddünd dringendes Gebot der Stunde ist!/ . . i? 6357

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