Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 694 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seite 2 Wien Freitag Wiener Morgenzeitung 31. DezemÄee 1929 9tr. 694 hoxzimehmen, und d<ts Kabinett bat den Beschlütz gesoßt, answanderungstustmen Demobilisierten und ihren Angehörigen in begründeten Fällen freie Fahrt und Möbeltransport zu gewähren, und in der Tat haben sich bereits Tausende gemeldet und die Uebersiedlung von 40.000 Menschen konnte bereits ins Werk gesetzt werden. Der Plan für die wirtschaftliche Neichskonferenz sielst außerdem die Schaffung eines Systems vor, nach welchem -das bntische Weltreich zur vollen Selbstversorgung übergehen und sich von Amerika völlig unabhängig machen soll. Aber zur Ausführung eines solchen Niesenprogramms ist ein weiter Weg und inzwischen baben zum Beispiel die Webereien von Belfast auf fünf Wochen ihre Betriebe gesperrt und Zehntaufende von Arbeitern entlassen, und dies ist. nur ein Beispiel für viele. Hunger und Not wachsen auch in England, der Winter ist seh^ streng und man kann bekanntlich in Ländern mit hochstehender Valuta genau so Hunger seiden wie. in solchen mit schlechter. Die Ursachen dieser Weltkrise sind einleuchtend: Die Kaufkraft der Welt ist erschöpft und der lange vorhergesagte Augenblick naht, da die verelendeten Länder die Sieger mit in ihre Wirbel hineinznziehen drohen. Die Folgen sind unabsehbar, wenn nicht beizeiten ganze Arbeit gemacht wird. Die Staaten mit einer im.Vergleich zu den anderen «allzu günstigen Valuta" drohen an diesem Plus zu ersticken, welchem ein gewaltiges Miruks von verelendeten Massen ohne Arufkraft gegen» übersteht. ' Die Sachlage in den Westländern scheint allen jenen trübe Aussichten zu machen, welche sehnlich nach»HUfe aus dem Westen anslugen. Aber gerade diese neuesten Erscheinungen im Wirtschaftsleben der siegreichen Hochindustriestaaten legen ihnen die erhöhte Verpflichtung auf, mit aller Beschleunigung ans Werk der Sanierung der verelendeten mittel- und osteuropäischen Staaten zu gehen. Die Kluft mutz überbrückt, die valutarische Basis geschaffen und die Weltkaufkraft wieder hergestellt werden. Kredite allein sind ein Palliativmittel, solange nicht die Lebensmöglichkeit der Anzelstaaten gewährleistet ist. Tie Schaffung größerer einheitlicher Wirtfthastsverbände in Europas Mitte ist eine Forderung, die in den Tatsachen begründet ist und ü5er die'weder verbohrter Nationalismus noch Frankreichs hysterische Politik hinwegkommen werden. Hier muß ganze Arbeit getan werden, und je früher, desto besser für die gesamte Welt, die herrte trotz allem eine, einheitliche Familie darstellt, die nicht gedeihen kann, wenn einzelne ihrer Glieder dahinsiechen. _ Die Schuld am Weltkriegs Gras Szeesen über.die Intervention der Schweiz. Wir haben jüngst die aufsehenerregmde Mitteilung der französischen Gesellschaft zur Untersuchung der Schuldsrage veröffentlicht, wonach über Intervention des seinerzeitigen rumänischen Gesandten in Paris Lahovary der Schweizer Gesandte Lachy noch in letzter Sekunde, am 30. Juli 1914, den Versuch machte, in Paris den Frieden zu retten. Seine.Vermittlung scheiierte fedoch an der unnachgiebigen Haliung Frankreich-, das sich bereits Rußland gegenüber gebunden hathe. Der damalige Vertreter, der Monarchie, Graf Szeesen, besteigt in einer Zuschrift an den „Pester Lloyd" den Inhalt dieser Publikation, belastet aber gleichzeitig sehr stark den Grafen Verchlold. Er erzählt, dieser Habe, die' bekannte Erklärung, daß die Integrität Serbiens bei einer Lokalisierung des Konfliktes unangetastet bleiben. werde, nur an Rußland abgehen lassen. Den übrigen Kabinetten war sie nicht mitgeteilt worden. Auch Graf Szecsen habe auf wiederholtes Drangen die Ermächtig gung erhalten, Frankreich hievon Kenntnis zu geben. Es war aber schon zu spät. Kongreß der slowakischen Inden. Am 27. und 28. Dezember fand in Pistyän der Kongreß der Vereinigten jüdischen Parteien und des Volksverbandes der Juden für die Slowakei -statt, auf welchem sowohl orthodoxe wie ncologe Gemeinden sowie zahlreiche Ortsgruppen des Verbandes vertreten waren. Es waren über hundert Delegierte anwesend, darunter auch solche aus Karpathorußland. Es wurden Referate über die Tätigkeit des Volksverbanbes von Dr. Sa j>o und Dr. Eisler abgehalten, Di-ektor Markus Weiüfeld berichtete über soziale Fürsorge, die Arbeit der Hilfskommissionen und des Joint, Schuldirektor Re i ch e n t h a l über die Schulfrage, Bernhard t ß über wirtschaftliche Fragen und Dc. Sipos über das Verhältnis der Vereinigten jüdischen Parteien zu der jüdischnationalen Bewegung. lieber Antrag des Oberrabbiners Reich ^Verbo) wurde der Beschluß gefaßt; eine zehnglicdrige Kommission zu wählen, welche noch einmal versuchen soll, mit der im orthodoxen Landesverbände vereinigten Orthodoxie der Slowakei zu einer Einigung zu gelangen. Italien wünscht die Wiederaufnahme früherer Kulturdeziehungen. Mit der Ausgabe, die früheren freundschaftlichen Ke-.i'.'hungen zwischen Ungarn und Italien wiederheczust-.'llen, hat sich in Budapest unter d?m Präs'dium des Geheiinrates Albert v. Äerzevic z y e:ne italienischtzrngari.'che Gesellschaft mit dem Nomen Ma'.thias Cor- Vinus-Gcscttschast gegründet. Bor einigen Tauen fand. Die Abstimmung-in Oberfchlesten. B s a? 1i n, 30. Dezember. (Tel-Komp.) Dis Rste der BsLfcha^Ler"onseronZ über Sbexf <lj 1 c f i e n iffe nunmehr einqegangen, Dir Entscheidung der Dotfchafterkynfer nz geht dahin, daß die Abstimmung in zwei getrennten Zeitabschnitten siatlsin^et, und "3ioflc sollen die Reichs O erfchlester später abst'mmen als die in Olerfchiestea rvohrrhasterr Abstimmun sberechtigten. Die näheren Einzel eiten werden direkt von der interalliierte» Kommission in Oppeln geregelt werden. _ Die Lage i« Irland. London, 30. Dezember. (Tel.-Komp.) Gestern nachmittags hielt das Kabinett eine Sondersitzung über biß frische Frage ab,'General Mare Ready ist zur Teilnahme an dieser Sitzung in London angekommen. Vom i ischen Amt 'wird mitgeteilt, daß der Bericht -des Generals Slrickland. über die Brandstiftung in Cork noch nicht vorliegt. In Irland ist der Kriegszustand nunmehr in Uralt-getreten. Am letzten Montag hat die Frist für die Waf.euablieserung begonnen. Es wurden nur wenige Baffen abgeliesert..Dagegen wurden sehr viele Waffen aufgestapelt'aufgefunden. Es hat den Anschein, als ab es die Sinnfeiner vermeiden wollten, die Waffen di.ekt abzugeben, und sich ihrer lieber auf anderer Weise entledigten. Es wird auch vielfach von der Vergünstigung Gebrauch gemacht, wonach die. Waffen den Geistlichen abgeliefert werden können. Friedrich Adler darf nicht nach München. - München, 30. Dezember. (Del.-KornP.) Der/Polizeitzräsident- P ö h n e t hat Dr. Friedrich Adler die Einreise nach 'München verboten. Die U. S. P. München hat nämlich Dr. Adler eingeladen. vor den Münchner Arbeiiern über die Frage der Internationale zu sprechen. Adler sage zu. Der Polizeipräsident schickte jedoch der U. S. P. München 25 Tage nach Einreichung des Gesuches um Einreisebewilligung folgende Zuschrift: „Das Gesuch vom 2. Dezember 1920 um Genehmigung des Aufenthaltes von Dr. Friedrich Adler in München kann nicht berücksichtigt werden." wie uns aus Budapest berichtet wirb, die erste Veraizsdaltung dieser Gesellschaft statt, an welcher dir italienische Kolonie unter Führung des Leiters der italienischen Mission in Budapest, Fürsten Carraciola di Castagneto, teilnahmt Auf die Begrüßung^an-. spräche des Bor sitzenden antwortete Fürst Castagneto mit einer/Rede, welcher wir die folgenden Stellen entnehmen: „Die, italienische Negierung ist trotz der verschiedenen Käbinette, die einander gefolgt sind, ihrer liberalen Gesinnung sowohl in der inneren wie auch in ihrer auswärtigen Politik stets treu geblieben. Von dieser Ge sinnüng läßt sie sich leiten, wenn sie bestrebt ist, die alten kulturellen und geistigen Beziehungen wiederherzustellen und die, wirtschaftliche Entwicklung jener Völker zu fördern, welchen sie gestern noch ein geschichtliches Verhängnis und die nationale Notwendigkeit gegenübergestellt. Wir wünschen, daß, der Demobilisierung der W<Wn die Demobilisierung der Geister folgen möge, an Stelle des Hasses urch des Grolls.wünschen wir den Gedanken der gemeinsamen Arbeit zu stellen. Das ist die Auffassung des italienischen Ministers des Aeußern. des Grafen Sforza, und auch meine beschridene Meinung." Mit Anspielung auf den Vertrag von Rapallo jagte Fürst Castagneto: „Ich habe die Wahrnehmung gemacht, daß die jüngsten geschichtlichen Begebenheiten in Italien hier nicht nach ihrem richtigen. We.te beurteilt wurden. Italien wollte nur seinen Adria-Frieden haben und will sein Leben innerhalb seiner neuen Grenzen, die ihm die nötige Sicherheit geben, wieder auf den normalen Rhythmus des Lebens'einstellen. Die , Verhandlungen, die bis zum Winter des vergangenen, Jahres hätten abgeschlossen werden sollen, wurden jetzt glücklich überwunden, mit einem Einklang, der n'cht durch Zwang, erreicht wurde, sondern die Frucht des freien Einverständnisses zweier Kontrahenten ist " _ Die Mandate über die ehemaligen deütschen Kolonien. Bis der „Temps" meldet, haben die Vereinigten Staaten neuerlich die Anfrage an di: englische Negierung gerichtet, welch« Mandate Großbritannien in den ehemaligen deutschen» Kolonien in Afrika und auf gewils.n, der Türkei abgeliommene^ Gebieten auszuüben beabsichtigt. In dieser Note vertritt die amerikanische Regi'rung den Standpunkt, daß die Regelung dieser Frage durchaus nicht dem Bölkerbundrat, sondern den alliierten und assoziierten Mächten, zu deren Gunsten Deutschland und die Türkei ihre Rechte ausgegeben hatten,, zustehe. Das syrisch-palüfttnenstsche Abkommen, Die französische Presse ist trotz der vyn Frankreich erzielten Erfolge'in der Grenzfrage mit dem Abkommen mit England nicht zufrieden. So schreibt „Jonrucn": Das neue Abkommen über Syrien und Palästina ist für Frankreich sehr ungünstig. Die Vertagung der Zu» sammenknnft der verbündeten Ministerpräsidenten auf längere Zeit und die letzte Rede Lloyd Georges haben iv Paris beunruhigt, Niemals ist Englands Streben nach der Hegemonie im Ostens so deutlich gewesen.' „Eclair" äußert sich: Die neue französisch, englische Vereinbarung entzieht unserem .Einfluß di« fruchtbare Gegend des oberen Jordan, die nun einem unter britischem Protektorat stehenden Land einverleibt wird, und gibt den Engländern die Möglichkeit, sich nur 75 Kilometer von Damaskus festznsetzen. Uederdieß wurde die Eisenbahn Jarmuk vollständig den Engländern ausgeliefert, so daß die Franzosen in ihrer eigenen Zone auf eine englische Bahn angewiesen sein werden. L e y g u e 8, der Optimist, betrachtet 'diese Abo macht,ng vermutlich als einen neuen diplomatischen Erfolg. * Landtag von Wien. Lan^kaqsavgeordneter Robert Stricker. Unter Vorsitz des Präsidenten Dr. Danneber'g nahm gestern der Wiener Landtag die Wahl von 68 Mit> gliedern der Kurie „Stadt" des n(etwrösterreichlschen Landtages vor, Avelche von den einzelnen politischen Parteien nominiert worden waren. Die Wahl wurde en bloe angenommen. Unter den neuen Mitgliedern des niederösterreichischen Landtages befindet sich der Jüdischnationale Robert Stricker. Es ist mit Genugtuung zu begrüßen, daß dieser um die' Interessen deSi Judentums so hochverdiente Mann wieder seinen Einzug in einen öffentlichen Vertretungskörper hält- Auch im niederösterreichischen Landtag wird er. ebenso wie in der früheren Nationalversammlung, allein den Bor*> Posten beziehen. Aber wir wissen, wie unerschrocken und erfolgreich er seinen Mann gestellt hat, wenn es galt, nicht nur für jüdische, sondern auch für allgemein menschliche Interessen einzutreten. Der Landtag beschloß gestern hie bereits belannw Gesetzvorlage, betreffeich die Ergänzun g der Lustbar feit** ab gäbe, ferner jene, betreffend die Einhebung von Zuschlägen zu den festgesetzten staatlichen Gebühren von To talisat etu* und Buchm ach er wetten, und die Gesetzvorlage, betreffend die Festsetzung der LandeSznfchläge für das Jahr 1921. I Es gelangen folgende Landeszrrschläge zur Cinhebung: a) Bei der Grundsteuer: 10» Prozent; b) bei der HauSziuSsteuer: 28 Prozent; c) bei der fünfprozentigen Steuer vom »Ertrag häÜZ-, ziuZstenerfreier Gebäude: 33 Prozent; b) bei der allgemeiuen Erwerbsteuer, und zwar:' ' 1. bei den Erwerbsteuerpslich Ligen der ersten Klasse: 160 Prozent; . ': 2. bei den Erwerbflenerpslichtigerr der' zweiten Klasse-: 90 Prozent; f . tz. bei den Erwerbsteuerpslichtigen der dritten Klasse; ftO Prozent; 4. bei den Eriverbsteuerpslichtigen der vierten Klasse: 40 Prozent;! e) 1. bei der Erwerbsteuer von den nach 8 85 deÄ Personalsteuergesetzes vom 25. Oktober 1896, Neichsgesetzblatt Nr. 220,.begünstigten Erwerbs- und Wirtjchaftsgenossenschasten und LZorschußkasfen: 80 Prozent; 2. bei der Erwerbsteuer von den übrigen nach dem U. Hauptstück des Personalsteuergesetzes zu behandelnden Unternehmungen: 120 Prozent; f) bei der Rcnlensteuer auf Grund von Dekenntuissty.: 100 Prozent. Dieses Gesetz tritt am 1. Jänner 1921 tu Kraft. Vermögensabgabe u«L Steuerstreikl. Die Betriebsräte und die Vertrauensmänner der Wiener Betriebe der gewerkschaftlichen und po'.i'.ischen Organisationen traten Mittwoch abends im Ottakringer Arbeiterheim zusarnmen, «m die Durchführung der Gesetze über die Vermögensabgabe und die Einkommensteuer zu erörtern. Berichterstatter war Äbgeordnetrr Dr- Dan neber g, der unter anderem erklärte: Der Lohn muß um 20 Prozentkleiner für die Steuer berechnet werden, ^geordneter Doktor Adler erklärte: Wir stehen vor einer ernsten polistschen Entscheidung. Aber wir wollen utlS den geeigneten Zeitr- Punkt für unsere Kampfmittel Vorbehalten. Wir sind gegen den Steuerstreik. Heute sind zur Durchsetzung der Vermögensabgabe die äußersten.Mittel nicht, nötig. Wir haben damit zu rechnen, daß neue Lohnbe wegungett kommen werden. Die Entscheidung, die wir heute treffen, ist eine große, p o l.i t i s ch e E,ltscheidullg. Der Steuerstreik würde eine Notwehr, der gesamten Beamten und S.taatLbahner Hervorrusen, weil, die Staatskassen leer, würden.. Das Ware Wasser ans die Mühle der Neaktiou. Nach mehrstündiger Debatte wurde schließlich «ine Resolution angenommen, in der die Vertrauensmänner dev Wienvr Arbeiterschaft fordern, daß die Vermögensabgabe rücksichtslos eingetxieben wird, daß..mit allen zu Gebote stehende« Mitteln dafür Sorge getragett wird, daß die Schieber und die Wucherer webet der Zahlung der Vermögensabgabe noch der Entrichtiurg der ihnen fMst aufertegten Stenern entgehen. Die Vertrauert" männer erklären ferner, gegenwärtig einem Steuer streik der Arbeiter ktatse nicht das Wort reden zu können. Die B'.'rlrauensmänner meksn, die pl»«inpe D e m agogie der Kommunisten ui: Eat,'.hi:dettheit zurück. Schließlich fordert die Bersamullung. daß die Veriraucnsniänncr iin März wieder zusammcntreicu. um ctuen V-erichl über die bis dabin acieuteteu VorauLäab.uuuen aus but Wer- ,