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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-25 · Heft 689 (25.12.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 689 (25.12.1920)
Date
1920-12-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Neichsverwefer H o r t h y erläßt eine Amnestte- Verordnung, wonach alle Personen, die unter der Nateregierung Zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt wurden, amnestiert «erden. Die Gnade erstreckt sich auch auf Personen, die in der Zeit vout Sturz Kuns b!s zum Zusammentritt der Nationalversammlung Wege« Delikten verurteilt «urdeu, die sie aus Erbitterung gegen daS RSteshstem begangen haben. Der Erlaß ist also eine Belohnung aller Verbreche«, die im Namen der Gegenrevolution begangen wurden. Die Nächste Nummer der „Wiener Morgenzeitung" erscheint Montag den 27. L M. mittags. Der Wiederaufbau der Welt. —7. W l r n. 45. Dezember. Ein Führer der amerikanischen Republikaner, der Senator Cormick, weilt gegenwärtig in Mitteleuropa, dessen bedeutendste Zentren er von London und Paris ans aufgesucht hat. Er hat, wie die Pariser „Liberte" jüngst mitteilte, den Auftrag, sich möglichst eingehend über den. FAnnsch der europäischen Großmächte und Mitteleuropas nach wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit den Vereinigen Staaten zu ertnndigen. Weiter bezieht sich seine Mission auf den Völkerbnnd. Harding wünscht, bevor er über sein Vorgehen endgültig schlüssig wird,. zu erfahren, inwieweit Abänderungen am Völkerbundvertrag von Englynd und Frankreich angenoinmen werden können. Tie persönliche Meinung Hardings und . seiner Umgebung geht dahin, daß für den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Völkerbund wenigstens eine Abänderung in folgenden Punkten erforderlich wäre: Aufhebung aller politischen Befugnisse des -Völkerbundrates, beträchtliche Verminderung der Agenden des Sekretariats., dem nür eine rein administrative Rolle znkomme, insbesondere die Auflassung seiner politischen, wirtschaftlichen und propagandistischen Dienstzwe'ige. Aste Entscheidnngen über den Abbruch. diplamatifcher Deziehnngey. eine - wirtschaftliche BlWde' Wer ein gemeinsamÄ bewafsi netes Einschreiten sollten vom Völkerbundrat auf den Internationalen Gerichtshof übergehen. Amerika spricht also nicht mehr von der vollständigen Verwerfung des Völkerbundeses verlangt vielmehr eine prinzipielle Umformung der Grundlagen dieser Vereinigung und die Uebertragung ihrer politischen Befugnisse, aut den bisher nur als fakultative Instanz gedachten Jnternationalen Gerichtshof. Diese Forderung steht im striktesten Gegensatz zu den bisherigen Absichten Englands, den Völkerbund zu einer neutralen, über den Staaten stehenden Körperschaft auszubaucn. Frankreich wieder wünscht aus'dem Völkerbund ein seinen politischen und materiellen Zielen gefügiges Instrument zu formen. Die auf der nün beendigten Genfer Tagung der Völkerbunddelegierten durchgeführtc Debatte zwischen dem Schweizer Motta und dem Franzosen Viviani hat klar die Verschiedenheit. der Auffassungen über Wesen und Ziel des Bundes'gezeigt, wie sie zwischen den Ententemächten besteht. Aber die Debatte stand noch stärker unter dem Truck, der Abwesenheit Amerikas, das seinen Einstichs indirekt durch den von Washington aus. befürworteten Schritt Argentiniens wirken ließ, das sehr eindringlich für die Zulassung aller selbständigen Staaten demonstriete. Wenngleich diese. Demonstration ohne weitere Folgen blieb, so mutz man doch die Gründe suchen, die einerseits für Amerikas Haltung, andererseits für das Einlenken seiner. gewesenen Bundesgenossen, sprechen.- Politische Notwendigkeiten führen immer zu politischer' Einsicht und da unsere Welt nicht durch ethische Triebkräfte bewegt wird, so müssen es sehr reale Anlässe sein, denen wir das — wenn auch kümmerliche — Gedeihen des Pflänzchens Völkerbund verdanken. Dieser realen Anlässe gibt es viele: Tie Schwierigkeiten der französischen Valuta, die sich nach einer boshasten, aber amüsanten Vermutung dey „Eclair" immer dann pünktlich einstellen, wenn es einen Krach mit England gegeben bat; dann ist eine arge Kohlennot über Frankreichs Industrie gekommen, die man ebenfalls auf LiebeZakte des ..cher confrere" jenseits des Kanalszurllckführen will; ' die Arbeitslosigkeit und die grandiose Wohnungsnot in den englischen Städten, der Niedergang der amerikanischen Konjunktur^ die fundamentalen Dkfferen-en zwischen den Mächten in bezug ans. die große Liniensübrnng in der Weltpolitik. Alle diese Realitäten lassen sich in einer einfachen Formel znsammenfassen: Dis Friedensverträge halten nicht mehr dicht und auf allen Seiten besteht die Gefahr des Dm chbrucheS. England, das dem Gedanken der Entente heute, nach dem Sieg, bereits kalt gegenübersteht, lätzt eS an handgreif, lichen Beweisen seiner Sinnesänderung nicht fehlen Es betont mit auffallender Scl-arfe sein Desinteressement in Serien (wo Frankreich in einer argen Klemme sttzt) redet freundlich zu Rußland (wo Frankreich in einer noch ärgeren Klemme sitzt) und hat jedwede materielle und . moralische .Unterstützung Hardlngs Frledensprogramm. London,. 24 Dezember. (Wolff.) Nach einer Meldung der „<£ tca 0 Ttzi une*' aus Marion im Staate Ohio sagte Präsident H a r h iitn, er f)offe in erster L nie auf die Z u st i intnu«g Englands^ Frankreich s» Japans mrd I t a I: e tt 0 zu feiirsin Plan e'nsr Gefrflschrft der Nationen. Harting erklärte ferner, er glaube, daß werktätig Bedacht darauf g nomm n werden müsse, die 'Möglichkeit eitrsodr Oe ensivdündnisses unter Vieren fünf Großmächten auszuschatten. ,, y EowMruAands ‘ MomPromitz. Moslran, 24. Dezember (Funkspruch.) Auf dem achten allru fischen SowseLkongvetz vLrteislgte L e n i n die GrteNung von Konzessionen an A n n l 8n - e r und entwickelte ein großzü i-eS Projekt zur Verwendung ele-trischLr Kraft in ganz Nuß'and. Snglisch-amerManischer PeLroleumkonflikt. Genf, 24. Dezember. (Tel. - Komp.) Der ^Matiu" meldet aus Southampton, das; dort eine errglifcke Petro leum-Studienkommifsion aus Amerika ei^getroffen ist. Die Kommission behauptet, die Gesa r eines Konflikts zwischen Amerika und En land bei gera^ e w?gen d^sPetroleums derart in die N r e gerückt, daß jede ösient- Uchs Ve'prechung d .rüher gefährlich wäre. Das Blatt erfährt, daß England in Mexiko ungesetzliche PeLroleumkon^essionen erzielte, welche die Rechte der Vereinigten Staaten zu schmälern geeignet sind. Dermogensa-gabs Ln PsLen. Prag, 24. Dezember. (Tel.-Komp.) „Republica" meldet aus Warschau: Der Abschluß der' Kämpfe mit Sowjctrußland brachte für Polen eine große mirtschaftliche Kalamität, den plötzlichen Sturz der polnischen Valuta. Die ständige Entwertung des Geldes verursacht eine immer wachsende Teuerung, die die gesamte innere Lage kompliziert und mit einem vollständigen wirtschaftlichen Zusammenbruch droht. Die polnische Pr-esse erklärt einstimmig, daß die traurige wirtschaftliche Lage auch die polnische auswärtige Politik ungünstig beeinflußt ttrtb unter anderem auf das Ergebnis der Volksabstimmung in Oberschlesien und in Mittel-Litauen Wrangels abgelehut. In Brüssel stützt die englische Vertretung Deutschlands Einwände gegen die französische 2I6-M:lliarden^Fordernng imb verhilst Deutschland drei Tage nach Leygues' Siegerwort „Deutschland wird zahlen, weil es zahlen muß" zu einem hochwertigen politiichen Erfolg. Und nun kommt Llovd Georges Erklänmg iw Unterhaus: Alle Völker müßten im Völkerbnnd sitzen, die Rüstungen müßten anfhören. die Arbeitslosigkeit, die keine englische Erscheinung sei, werde erst sch,r.iadew wenn die Besiegten vollwertige Produktion werden leisten kö'.uien. Ta3 ist der gedankliche Paralle'isnms der engsisthen und amci UaitijcQcn Anschaurmgen über das Werl von einen verderblichen Einfluß ausuben kann. Die i^aupt»st schuld an den wirtschaftlichen Schwierigkeiten Polens wird Deutschland zugeschrieben,..welches die' Welrmärkte niit polnischer Valuta^ überschwemmt hat, nicht mindep jedoch auch dem-gewesenen Finanzminister Grabski»! Die hohen Gehälter und Zulagen sind eine Fiktion gegen-, über der ständig wächsentzen Teuerung und der Bank-: noteninflation, deren Emission bereits 40 Milliarden überschritten hat. Die Bedürfnisse des Staates, sind so > groß, daß.itn Laufe der Zeichnung der letzten inneren ö-Milliarden-Anleihe die Staatsdruckerei gezwungen' war, neue Banknoten in doppelter Höhe z u e m i t t r e r e n. Der polnische Staat schuldet den Vereinigten Staaten und der Firmü Grayn Cs rp 0r.a tj onzirka. lM Millzonen Dollar, also un- "gefähr 40 Milliarden polnische Mark.. Außerdem schuldet die polnisäie Regierung 70 Millionen Dollar. verschiedenen privaten amerikanischen Firmen und 13 Milliqnen Dollar den amerikanischen Polen für die Zeichnung der D0llaranleihe. die übrigens mit einem Mißerfolg geendet hat. Die polnische Presse fordert mit Rücksicht 'darauf die Durchführung eines Gesetzes. über eine e i nmalige große Vermögensabgabe. Die englische Thronrede. BotiStm, 84. Dezember. (Weiltet.) In bet Thront rede, mit der die Se ssion des Parlaments ge schlossen ' wurde, betont der König, daß die fortdauernde Uebepeinstimmun-z der auswärtigen Politik Englands mit den Alliierten sich in Spa gezeigt habe und hinsichtlich der Regelung der gricchischen F age w^ilerb.'stch:n bleiben^ werde. Der König halt die Lage in Rußland nachimmer für u n s i ch e r und hofft, daß die W i e d e r a u ß». n a h m e der Handelsbeziehungen eine Awa des FricdenZst für Osteuropa werde eröffnen können. Die anderen Staaten in diesem Teile Europas müßten bloß auf ihre innere Zkonsolsdierung und wirtschaftliche Wieder-- aufrichtung bedacht sein. England werde s^ch bemühen,, seine Mandate in Kleinasien und nt den früheren deutschen Kolonien zum größten Wohle der Bcvöllerungen auszuüben. Der König spricht seine Besriedigung über*die vom Völkerbund in Genf bekundeten Absich'en, die für dieses Organ des allgemeinen Friedens eine gute Zukunft in Aussicht stellen. Di« fiskalische Anspannung Englands sei beträchtlich, doch habe kein Landbesser. als England den finanziellen Schwierigkeiten^- die auf der ganzen Welt lasten, begegnet. Der König beklagt die Gewalttaten in Irland und spricht den' Dienern der Krone, die unter gefährlichen Bedingungen die Ordnung aufrcch erhalten, seine Te'lnahme ans; er hosfe,. daß dos Homer ule-Gesetz eine Beruhigung, bewirken werde. Schließlich bedauert der König die durch die Arbeitslosigkeit hervorgerüsene Krise und fordert die Bevölkerung auf, die Bemühungen der Regierung,-' eine Besserung der Lage, herbeizuführen, zu unterstützen. —winTi mi, raafflgMgMXCTsrie^ iwr+vwinHfli Versailles, die Erkenntnis, daß zu viel und zu weit . gesiegt worden ist. Man hat Elemenceau walten und dis Mittelmächte zerschlagen lassen. Aber er hat den Sdfr markt getroffen. Die Militärmonarchien zwischen Rhein und Dona« wurden aufgelöst und mit ihnen die Kaufkraft ihres Geldesi Das trifft die Wirtschaft der Sieger., Amerika hat dies schon lange gesehen. Nun mr-rlt: e* auch England. Frankreich wird folgen müssen. Der Tag,' an dem eS dies ausspricht, mag noch hinausg'.zögertz werden. Aber er kommt und mit ihm der wahre Völkerbund und die Umstotzung der Säbeldiktatur von Verstiillcs. Tie gestern angekündigte Revision des Ver«! j träges von SevreS jjt der Beginn dieser. Entwicklung

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