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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-24 · Heft 688 (24.12.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 688 (24.12.1920)
Date
1920-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aahrgang Die Tschecho - Slowakei und Oesterreich. Don Iimmimr Robert Striche». Anläßlich der Debatte über das österreichische Gesuch um Aufnahme in Len Völkecbnnd ist der Der« tretet der Tschecho-Slowakei in Genf für eine günstige Erledigung eingetreten und hat dann auch für die Zulassung Oesterreichs gestimmt. Er hat durch diese Holtung die Erwartungen der deutschnationalen Chauvinisten in Oesterreich enttäuscht, die mit einer "Absage gerechnet hatten. Er hat aber gewiß auch den Wünschen und Bestrebungen seiner radikalnationalen Landsleute in Prag zuwider gehandelt, .welche die Hetze gegen- Oesterreich und speziell Wien, als eisernen Bestand ihres politischen Programms betrachten. Der tschechoslowakische. Vertreter hat aber zur Zufriedenheit der gutgesinnten Elemente in beiden Republiken, welche alle vom friedlichen Uebereinkommen leben und nichts vom beständigen Kampf erhoffen, gehandelt. Und das kann ihm und dem tschechischen Volke als ausreichender Beweis gelten, daß er in Genf gute Politik betrieben hat. - Wenige Tage nach der freundlichen Aeußerung des tschecho-slowakischen Vertreters, beim Völkerbund ist aber eine Erklärung der Prager Negierung veröffentlicht worden, welche eine gegensätzliche Tendenz auflveist. Das Prager Handelsministerium hat, so besagte liie bisher unwidersprochen gebliebene. Meldung der tschechö-slowakischen Kommission, für Außenhandel, mitgeteilt, daß es grundsätzlich gegen alle Maßnahmen Stellung-mehmM müsse, ' welche, die Warenausfuhr über Wien erleichtern. Fm Interesse der Tschecho-SIowakei' sei es'. gelegen, daß Händel und Gewerbe sich nach und nach vom Wiener Zwischenhandel befreien. Aus dein Vergleich'der Kundgebungen in Genf und Prag kann nur geschlossen werden, daß innerhalb der tschecho-slowakischen Regierung keine einheitliche Auffassung in der Frage des Verhältnisses zur Republik Oesterreich herrsch! oder aber, daß die Genfer Erklärungen nicht ernstzunehmen sind, nicht als ehrlicher Ausdruck wirklich bestehenden Willens zur Freundschaft, sondern nur als unverbindliche. nichtssagende Redensarten gewertet werden können. Tenn politische Freundschaft, gepaart mit der Absicht, den lieben Freund wirtschaftlich zu erdrosseln, ist ein Artikel, mit welchem Diplomaten von anno dazumal schieben und schachern konnten, der aber heute nirgends anzubringen ist. Oesterreich verlangt von der Tschecho-SIowakei keine Waffenhilfe und kann ihr auch keine anbicten. Freundliche Beziehungen können derzeit nur im Wirtschaftsleben ihren reellen Ausdruck finden/ Eine Kampfansage auf wirtschaftlichem Gebiete bedeutet den Kämpf auf der ganzen Linie. Diese Feststellung ist notwendig, sie muß jedem Versuche, das Verhältnis zwischen beiden Republiken gedeihlich und klar zu gestalten, vorangehen. Nach dem Umsturz haben die Tschechen den Wirtschaftskrieg gegen Oesterreich begonnen und gründlich geführt. Die Grenzen wurden gesperrt. Ein- und ANSfuhtverbote erlassen und streng gehandhabt. Man hat das Reisen zur Oual gemacht und jede Neigung, mit Wien zu verkehren, als antipatriötisch gebrandmarkt. Der Eisenbahnverkehr wurde nach dem Prinzip der Ausschaltung Wiens umgestaltct, jeder direkte Verkehr mit Wien eingestellt. Die Strecken, welche zur österreichischen Grenze führen, wurden künstlich verödet. Man. kann diese Maßregeln vom österreichischen Standpunkt aufs tiefste bedauern, aber maß muß anerkennen, daß sie zur Zeit des Umsturzes, also zu einer Zeit, da die Tschechen ihre neue Selbständigkeit noch nicht genügend gesichert wußten, einem politischen Bedürfnisse der neu-, ge'grühd-eten Republik entsprochen Hüben. Noch lag den Tschechen der Wiener KriegsäbsolntiswuS-in den Knochen, noch. brannten die Wunden, welche der von Berlin geförderte aätislawlsche Wiener- Kurs dein Volke geschlagen hatte. Der Abbruch der Beziehungen zu Wien war unter diesem Umstande natürliche Reaktion. Heute, aber fallen diese Beweggründe fort. In den zwei Jahren, welche seit dem Umsturz verflossen sind, haben sich die Verhältnisse so geklärt, daß kein ein-ichtiger Tscheche von einer Wiener politischen Gefahr ernstlich sprechen kann. Der Wille der überwiegenden Majorität der österreichischen Bevölkerung ist dahin orientiert, ruhig zu leben, und schließt jede gegen die Tschechen Mrs ller Entente. Vor dem Abschluß des Handelsvertrages mit Rußland. — Revision des Vertrages von Sevres. London, 23. Dezember. (Reuter.) Im Unterhause erklärte der Vorsitzende des Handelsamtes Sir Robert Horne, die Regierung bemühe sich seit einigen W-'chen, zu einem Handelsübereinkommen mit Rußland zu gelangen. Die Regierung hege keine Sympathie für den Bolschewismus. Die Unterdrückung wäre eine große Wohltat für die Welt, aber man wird ihn nicht vernichten, indem man Rußland isoliert. Redner erklärte weiters, es sei unmöglich, das Handelsabkommen in den nächsten Tagen dem Hause zu unterbreiten, wie die Negierung gehofft hatte, da einige von 'Großbritannien für dieses Abkommen gestellte Bedingungen nicht erfüllt worden seien. Wenn die Verhandlungen nicht zum Ziele führten, würde es den britischen Geschäftsleuten frei stehen, auf ihre Gefahr mit Rußland Handel zu treiben. Er gab schließlich der Hoffnung Ausdruck, daß das Handelsabkommen abgeschlossen werde. Walter Gn.ineß verlangte die Revision des Vertrages von Sevres und die Rückgabe der Gebiete, auf die Griechenland keinen Anspruch habe, an die Türkei. Er sagte. England müsse als mohammedanische Großmacht zn vernünftigen Z u g e st ä n d n i s s en bereit sein, um die Einheit der Türkei wieder herzustellen. Er halte es-für. notwendig, sich Mit dep Negierung in An g o r a ins Einvernehmen zu' setzen. r. i..,- - n . > . General Townshend, der Verteidiger von Kütel-Amara, erklärte, Großbritannien müsse mit Frankreich Hand in Hand gehen und sich mit. Mustafa K e m a l z u v e r st a n d i g e n trachten. Redner erklärte sich bereit, diese Mission zu übernehmen. Premierminister Lloyd George erklärte, er gebe zu, daß es wünschenswert sei, mit der Regierung' von Angora ein Abkommen zu treffen, aber es sei unmoggerichtete Aktion aus. Wer es heute unternehmen wollte, von Prag aus die Kunde von der „österreichischen. Gefahr" in die Welt zu schreien, würde nirgends emsigeuommen rverden..Eine politische Rechtfertigung der Absperrmatzregeln des gegen Wien gerichteten Boykotts kann nicht mehr erbracht werden. Die Tschechy-Stow'ckei aber hält an ihrer Politik der Isolierung Wiens fest und will, das geht ous den Erklärungen des Prager Handelsministers deutlich bervör, in dieser Richtung systematisch fortfahren. Sie führt also einen retnen Wirtschaftskrieg gegen uns, Daran kann nichts gedeutelt und beschönigt werden Dieser Wirtschaftskrieg schädigt Oesterreich aufs schweifte, er macht seine ökonomische Aufrichtung unmöglich. Oesterreich muß und wird daher mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf die Beseitigung dieses Kriegszustandes hinarbeiten müssen. Die tschechische Negierung soll im eigenen Interesse mit dieser Tat'.rche rechnen und nicht in den Fehler verfallen, die Mittel, welche dem armen, verelendeten Oesterreich zur. Verfügung stehen, zu unterschätzen. Das mächtigste Mittel ist, die bei den Westmächten zum Turchhruch gelangte Erkenntnis, daß Wien im Interesse der europäischen Ordnung erhalten werden muß und nur erhalten werden kann, wenn seine Stellung als Welthandelsplatz geschützt wird. Am ehrlichen Willen der Westmächte. Wien ökonomisch zu schützen, kann heute nicht mehr gezweifelt werden -und ebensowenig daran, daß sie über kurz oder lang größere Kredite erteilen und beträchtliche Kapitalien in Oesterreich investieren werden. Die Prager Regierung wird dann'mit ihren ans die wirtschaftliche Ausschaltung Wiens gerichteten Plänen isoliert dastehen. Sie wird in ihrem wirtschaftlichen Kampfe gegen Wien auf Gegner stoßen, denen sie nicht gewachsen, ist. Ihr Bestreben, Wien ausznschalten, wird als Versuch, die Pazifizierung und ökonomische Wiederaufrichtung Mitteleuropas ernstlich zn behindern, von ausschlaggebenden Faktoren bekämpft worden. Die Prager Regierung wird auch nicht in der Lage fein, ihr Vorgehen gegen Wien mit dem Hinweis auf zwingende ökonomische Gründe zn rechtfertigen. Es wird ihr nie gelingen, zu beweisen, daß Prag nur auf den Trümmern Wiens leben kann oder daß P.'-g lich, dies ohne Zustimmung der Konstantinopler Ne-! gierung zu tun, mit welcher er bisher verhandelt habe.! Der Einfluß, den General Townshend in Anatolien! haben würde, sei gewiß sehr groß, aber es sei notwendig,! daß England vorher einer Regierung gegenüberstehe,! die die gesamte Türkei vertrete. j London. 23. Dezember. In der heutigen Sitzung> des Unterhauses erklärte Premierminister Lloyd George! am Schlüsse seiner Rede, es . sei notwendig, daß der! Friede in Kleinasien hergestellt werde, und' gab! seine Bereitwilligkeit kund, in Verhandlungen über die! türkische Frage einzutreten, richtete jedoch an die Kam-! mer das inständige Ersuchen, die ganze Orientpo'itik noch' wegen einiger Widerwärtigkeiten an der Küste von' Erzerum und wgen der griechischen Wahlen, deren Aus-; gang er beklage, zu ändern.' j In Besprechung des bisherigen Wirkens des Völ-z kerbundes berichtete Balfour über den vom Völkerbundrat genehmigten Plan, betreffend die Gewäh-i r u n g v o n Ha ndelskrediten, welche den Staaten,! die diese Kredite beanspruchen, unter der Bedingung ge«! währt werden sollen, daß ihre nationalen Aktivem vom Völkerbund geschätzt werden und daß sie zur Be-s Zahlung der. Einfuhr Sch u l d s ch eine a u s g eb e n,! die durch-diese Aktiven sichergestellt wären. Balfour gab' dieser unter dem Schutz des. Vöskerbündes stehmios Plan sich als nütz l i ch erweisen' werde, doch hänge alles von der Bereitwilligkeit der! Exporteure ab, solche Schuldscheine anzunehmen. Die britische ^Regierung ziehe daher eine g e w i s s e F o r nt! der Versicherung in Erwägung, welche den Umlauf und die Verwendbarkeit, solcher Schatzscheine sicherer, gestalten, jedenfalls aber einen ziemlichen Erfolg dieses Planes verbürgen soll. - - ] ■’ ' - ■ i Wiens als Handelszentrale für den Osten, die Suk- - zessionsstaaten und den Balkan wird übernehmen können. Die Bedeutung Wiens, durch seine geographische Lage und eine jahrhundertealte wirtschaftliche und! kulturelle Tradition bedingt, kann durch Grenzgendar-,- men und Zollwächter wohl zum Schaden Mittel- und Osteuropas, also auch der Tschecho-Slowakei, beeinträchtigt, aber nicht auf andere übertragen werden. Bei dem Versuche, den obenerwähnten Beweis zu führen, wür« den die Vertreter der eigenen Industrie und des eigenen Han d-els gegen die Prager Politiker als Zeugen auf» treten-müssen. Sie alle, von wenigen augenblicklichen Nutznießern der Grenzsperre abgesehen, wollen auf Wien als Absatzgebiet und Umschlagplatz nicht verzichten. Die Prager Wirtschaftspolitiker sollten sich von momentanen Stimmungen nicht leiten lassen und daran denken, daß die durch den Krieg und den Umsturz geschaffene günstige Konjunktur vorübergehend ist. Der Besitz an Produkten und Waren, welche heute noch Monopolartikel sind, sollte sie nicht in einen Machtrausch verfallen und verächtlich auf das Absatzgebiet Oesterreich und den Vermittler Wien herabblicken lassen. Schon häufen sich die Vorräte in den tsä)echischen Zückerlagern, schon gibt es Krisen auf dem Textilmarkte. Bald wird man nicht mehr den Käufern als Gnäöenspendern gegem'iberftehen. sonder» nach Vermittlern Umschau halten und freundliche Wirt«, schaftsbeziehungen suchen müssen. Glauben die Vrager Herren wirklich, daß sie dann in Wärschän, Budapest/ Agram, Laibach usw. gar so stürmisch begrüßt würdpn, daß sie Wien links liegen lassen könnten?'Die Prägen Herren haben alle Ursache, mit Wien in Frieden zu leben. Ihr ^Plan. Wien wirtschaftlich.zu ruinieren, nnderstrebt Len Plänen zur Wiederanfrichtung Europas, läuft ihren eigenen Interessen zuwider. Diese Politik solltefreiwillig und endgültig aüfgegeben werden. Denn die politische und wirtschaftliche Entwicklung - Mitteleuropas.» deren Umrisse sich trotz der augenblicklichen Notlage' Wiens am politischen Horizont abzeichnen, schlägt ÄNen Weg ein, der es für die Tschecho-Slowakei ratsam er-' scheinen läßt, rechtzeitig ihren Wirtschaftskrteg eruzu» stcllen und die Tatsachen, wie sie nun einmal gelben sind, anzuerkenuen.

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