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Wiener Morgenzeitung · 1920-12-19 · Heft 683 (19.12.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 683 (19.12.1920)
Date
1920-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der französische Ministerpräsident Leygues Hai vor wenigen Tagen in der französischen Kammer im Verlauf einer Debatte über die auswärtige Politik die polnische rage gestreift und hiebei folgendes gesagt: „Wir emvhlen Polen, auf seine ehrgeizigen Pläne zu verzichten. Mr mahnen seine Negierung zur Besonnenheit, wenn fie hem Mißgeschick entgehen will, welches einem neuerlichen Angriff auf Rußland unbedingt folgen muß. Die Regierenden in Warschau hätten Besseres zu tun, als einen neuen. Krieg zu beginnen. Sie sollten daran denken, ilfren'3. . s \o\it \i danach trachten, ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen und finanziellen Zerrüttung ein Ende zu machen." Diese Neiißerutig hat viel Aufsehen gemacht und man hat sich an vielen Stellen beeilt, sie abzuschwächen. Die Tonart -eö französischen Ministerpräsidenten klingt tatsächlich sihepraschend, da sie mit der von seinem Vorgänger befolgten Ostpolitik in scharfem Widerspruch steht. Sie rückt aber in die richtige Beleuchtung, wenn man sich daran erinnert, daß Herr Leygues kurze Zeit vorher an einer Entrevüe der Ententestaatsmänner in London teilgenommen hatte. Die Behandlung vettchiedenen die internationale Lage komplizierender fragen hot seither einen anderen Lauf genommen, als man in Paris gewünscht hätte. In der griechischen Königsfrage hatte Frankreich bereits mit der Sperrung aller Kredite für die obstinaten Griechen Vorgehen wollen, die von der venizeliftischen Orientierung zur reinen Friedenspolitik äbzuschtvenken im Begriffe stehen. Der^ englische Einfluß bethmderte eine solche'weitgehende Einmengung in die häuslichen Angelegenheiten Griechenlands: die gleiche Wirkung der vorsichtigen Staatskunst Englands zeigt sich nun in der Behand.ung der polnischen Frage. Cs ist unentschieden, ob die französische- Negierung sich nicht von Herzen gern dazu hat nötigen lassen, aus dex Sackgasse, in die sie fast hineingeraten wäre, dadurch herauszukommen, daß sie Polen plötzlich die kalte Schulter zeigt. An dem polnischen Staat ist es nun. aus dieser Erklärung der französischen Negierung die notwendigen Konsequenzen abzuleiten und sich einer Politik zuzuwenden, die die innere Entwicklung des Landes und seiner Wirtschaft besser - im Auge behält als die Tendenzen des französischen Generalstabs und dessxanzösischen Großkapitals, die beide mit polnischem Blut einen Kanal um Sowjetrnßland ziehen wollten. Polen ist in einen Krieg hineingehetzt worden, der ihm bestenfalls nicht mehr bringen konnte, als eS heute schon hat. Die Grenzen vom Jahre 1772 hätte es nur von einem bis zur Vernichtung geschlagenen Rußland erlangen können. Aber Rußland hat:sich von seiner Niederlage vor Warschau wieder erholt, es hat inzwischen den General Wrangel. auch so ein armes Protektionskino der französischen Bolschewikenangst, mit seiner Armee auS der Krim verjagt, und die Sprache der russischen Delegierten ans der Rigaer Konferenz, ist seither wieder schärfer geworden. Polen ist nicht geschlagen worden, ober sein Sieg ist nicht entscheidend gewesen. Ein neuer Krieg würde ihm neue Opfer und vielleicht auch schwere Verluste bringen. Als die Russen vor Warschau standen, hat Polen alle Kräfte seines Staates zusammenraffen müssen, um der Gefahr zu begegnen: die französische Hilfe kam nur zögernd und tropfenweise; wenn es gelang, die Sowjetarmee zurückzudrängen, so hat dies Polen nur sich selbst--- . t sprechen, um dem Lande die von ihm geforderten Dienste gegen den Bolschewismus mundgerecht zu machen; aber diese Versprechungen sind auf dem Papier geblieben und Polen steht heute mit einem geschwächten Budget und mit einer entkräfteten Volkswirtschaft zwischen dem Feind im Osten und dem unsicheren Nachbar im Westen vor einer Situation, die es hätte vermeiden können, wenn es den Einflüsterungen seiner Pariser Protektoren weniger vertrant hätte. ‘ Aber diese Behandlung durch Frankreich gibt den herrschenden Kreisen in Warschau wieder die Freiheit des Handelns. Sie können die Fehler, die im Krieg gemacht wurden, wieder korrigieren und die Hilfsquellen zur Belebung des Haushaltes dort aufsuchen, wo sie am reichsten und ergiebigsten fließen können. Polen ist reich an Bodenschätzen und Getreide. Wenn eS sich der friedlichen Entwicklung zuwendet, so kann es seine im WeMrisQ irrst vernichtete Industrie beben. Aber die „veMchlM wird zahlen Paris, 18. Dezember. (Havos.) In der gestrigen Sitzung der Kammer fragte Gras Castelnan die Negierung, o b D e n t s ch l a n d wirklich entwarfn e t s e i. Frankreich werde seine militärischen Lasten nur dann hcrabsetzen können, wenn Deutschland entmannet sein werde. Ministerpräsident Leygues erwiderte, Deutschland ist nicht vollkommen entwaffnet» wohl aber ans dem WegederEntwasfnung. ES hat W.000 Kanonen abgcliefert und 143.968 Maschinengewehre sowie 5 Millionen Gewehre zerstört. Frankreich verfügt über ein beträchtliches Kriegsmaterial mit 860.000 Mann. Dem,chland, das noch über 150.008 Mann verfügt, wird ferne Armee ans 100.900 Mann herabsetzenmüssen. Was den strategischen Gesichtspunkt betrisst, so halten wir die ganze Rheinlinie, sämtliche Brückenköpfe, Kanäle. Straßen und Eisenbahnen, die ernst gegen die Grenze zusammenlre'cn. Die Sicherheit Frankreichs ist in keiner Weise gefährdet. Die Negierung erfüllte ihre Pflicht, indem sie die Vorläge unterbreitete, die, ohne die nationale Verteidigung zn schwächen, drr Lage FrankrcM. das1.H00.000 Soldaten vexlorin - hat ihrer Existenz schwer geschädigt sind, Rechnung trägt. Unsere Pflicht ist es, die militärischen Streitkräste möglichst herabznsctzcn. Außerdem haben wir der Aufforderung der FinanZkommission Rechnung getragen, so weit als möglich die militärischen Auslagen herab zu setzen. Man könnte freilich Schwierigkeiten in Europa infolge des durch die gewaltige Erschütterung des Krieges hervorgernsencn Fiebers voranSschen. das nicht so bald, namentlich bei den jungen Nationalitäten, welche entstanden oder zu entstehen im Begriffe sind, der Beruhigung weichen dürfte. ES ist die Nolle Frankreichs fvwir der Großmächte, welche aus dem Kriege siegreich hervorgegangen sind, wachsame Schützer zu bleiben. Wir haben, schloß der Ministerpräsident, das Bewußtsein, mit dem Gesetzentwurf den Wünschen des Landes Rechnung getragen zu haben. In Beantwortung verschiedener Intervellat'vnen legte der Ministerpräsident dar, daß die Regierung gegenüber Deutschland nicht untätig geblieben sei. Er hebt hervor, daß, wenn die deutschen Bergarbeiter leiden, dies nicht die Schuld der Verbündeten, sondern der deutschen Regierung sei. Der Ministerpräsident stellt fest, daß den französischen Delegierten in Brüssel klare, dent- Voraussetzung hiefür istder innere Friede, der die Nutzbarmachung aller volkswirtschaflich aktiven Kräfte ermöglicht. In der vorigen Woche hat der Vizekanzler Daszynski in einem Exposee an die Vertreter der Warschauer Presse eine Aenderung der jüdischen Politik seiner Regierung signalisiert. Man müsse den Juden — sagte er — die Möglichkeit der kulturellen Entwicklung gewährleisten, was in den finanziellen Kreisen Amerikas gut wirken würde. Herr Daszynski hat diese Aeußcrung als Regierungsmann, aber nicht als Sozialdemokrat getan, dem es sein Programm der internationalen Versöhnung gebieten müßte, Gleichberechtigung und republikanische Freiheit nicht für Dollar anzubieten. Aber von Herrn Daszynski ist es bekannt, daß er die internationale Plattform des Sozialismus längst mit dem zur Regierung führenden Sprungbrett des Chauvinismus vertauscht hat. Wir nehmen aber seine Erklärung/'so wie sie ist, als ein gutes Zeichen.' Die polnische Gesellschaft mag sich zu den Juden stellen, wie sie will; aber hinsichtlich der Judenfrage, hinsichtlich der Existenz eines Dreimillionenvolkes, muß sie sich zu dem positiven Programm des Ausgleiches und der Verständigung bo qnemen, wenn sie die Interessen des polnischen Staates j richtig verstehen will. Die wirtschaftliche Lebenstüchtig- Fett und Lebrnsfrendigkeit der Juden in Polen kann für die Dauer nicht ausgeschaltet werden und die Zut friedenheii oder NicktLusriedenheit eines so ansehnlichen zahlen, weil es muss.“ flche und kategorische Weisungen gegeben wurden, Nutz bemerkt: Es handelt sich nicht darum, Deutschland zrt zwingen, alles in Goldmark zu zahlen, sondern die Durchführung des Vertrages zu verlangen. Frankreich will nur fördern, was vernünftig ist, und zwar, daß bre Schuld entweder in Goldmark oder in natura geleistet werde. Sie wird aber bezahlt werden müssen. Wir wollen nicht, daß Frankreich vor der Welt als.NaLimr erscheine, welche ihre Macht mißbraucht. Deutschland wird zahlen, weil es zahlen muß, / und wenn es nicht zahlt, besitzt Frankreich die nZtiM Mittel, «m Pfänder zn nch.men nnd sich bezahlt - zn machen. (Beifall.) In Besprechung. ferner jüngsten: Reise nach England erklärte der Ministerpräsident, mernalS, bestand ein festeres Einvernehmen zwischen , England und Frankreich. Dieses Einvernehmen müsse aufrechterhalten bleiben. Die beiden Nationen müssen Schulter an Schulter marschieren, nicht bloß zur Verteidigung dev eigenen Interessen, sonder» auch zum Schutze deL eutt-' patschen. Friedens, j Die Kammer nachm mit 4M gegen 63 SLimmen erste ' Lage^dpünckan, worin' d e r R,r g i e r u n'g d a § V e r L r a u e n a u S g e b*htf l wird, daß sie im Eiaveruehme« mit den Verbündeten die> Entwaffnung Deutschlands und die Durchführung der- Wiedergutmachungen gemäß den-Bestimmungen d?K. Versailler Vertrages sichern werde; die- Kammer rechnet-, ans' die Regierung,:daß sie die - Sicherheit des Vs-ier», landes nnd die-außenpolitischen Erfordernisse :»Ü, brn finanziellen Möglichkeiten vereinbaren werde. Das deutsche RetchsuoioMfer.! B e r l i tt, 18. Dezember. sWolff.) Ter Reichs«' tag nalm heute mit großer. itv, zweiter und dritter Lesung den vsn hetzt Negierunstsparteien eingebrsHten GefeKH errtwurf über die beschleunigte Brra«?A§rrKK. und Einhebung des Reichs n v L oyfsrs cm. HomerrrLr-ViA arrgeiwirmreir. L."N''on, 18. Dezember. (Reuter.) Das OL-erY-auZ'' hat die vom Unterhaus zurückgelangte, Homerule-BW öh genommen. Teiles der Bevölkerung ist ein sehr gewichtiges Element, für die innere und für die änße'L Politik des Landes. Der Chef der,französischen MUitärmission in Warschau, General Weygand, l-at während deS russisch-polnischett' Krieges einer jüdischen Abordnung erklärt, man Hab«' ihn informiert, daß die Juden ein Hindernis für deck Bestand eines starken und mächtigen Polen wären. deS-' halb müsse auch er. ohne Antisemit zu sein, über dü Juden hinweggehen. Die Geschichte deS Krieges, dch' noch nicht geschlossenen Friedens, wie nicht minder dm Eiseskälte, die aus Paris nach Warschau berüberweht^ zeigen deutlich, wie gut man den Genera! Weygand, in* formiert hat. Das Hindernis für den Bestand eiE freien und lebenskräftigen Polen sind diejenigen. M» daS Mark feines Volkes an die französischen Banket und Kriegshetzer verschachert haben. Eine NotwendiK-: keit aber für . Polen ist die Hebung der im jüdischen: Volke liegenden Kräfte. Wenn sich die Juden, entwickeln: können, wird sich auch Polen entwickeln. Um den Kredw: in Amerika braucht sich dann Herr Daszynski nicht zw sorgen. Kredit findet ein Staat, wenn er gut verwaltet' wird. Frieden hält nnd seinen Minoritäten, gleichgült'a ob sie deutsch oder jüdisch oder ukrainisch sind, die nationalkulturells Freiheit zuerkennt. Macht er aber Menfchrnreckst zu einem HandelsoÜjekt, dann begibt «6 sich auf eine schiefe Bahn. i

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