Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 675 (11.12.1920)
- Date
- 1920-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Der Pröstdent. , ' —7. Wien. 1^. Dezember. Ein vornehmer und redlicher Mann ist an die Spitze dB Bundesstaates gestellt worden. Michael Hämisch gehörte zu den Sozialpolitikern,-die in den Neunzigerfahren den Versuch machten, das Bürgertum der lähmenden Wirkung des mit dem Großkapitaliswus verschwägerten Nationalismus zu entreißen und Oesterreich durch die Aufwerfung ' eines, weitgehenden sozialen Programms aus den ■ Wirrnissen der Sprachenkämpfe, herauszuführen. Ein Teil dieser Gesellschaft ist in die Sozialdemokratie abgeschwenkt, Menger ist im Ausland verbittert gestorben, Hainisch hat - sich aus - der Tqgespositik zurückgezogen und ist erst wieder auf dem. Plan erschienen, als die Not der Kriegsfolgen - die Monarchie zertrümmert hatte. Die Generation von heute kennt ihn . kaum ltnb es mor tatsächlich eine lieber» mschung, als die Christlichsozialen gerade diesen Mann, der ihnen bis in die Seele fremd gegenübersteht, präsentierten. Daß sie gerade ihn Vorschlägen mußten, der nach Bildung und Ueberzeugung in das freisinnige Bürgertum gehört, dem die Monarchie nebst der Verfassung auch den Eintritt in die europäische Kulturwett Sankt, ist das schlimmste Armutszeugnis, das die Partei sich, aber auch dem Staat ausstellen konnte.- So erstarrt in dem Eis der Parteiformen ist unser Leben, daß eine Einigung auf eine parlamentarische Persönlichkeitunmöglich wurde, so arm an geistigen, führenden Persönlichkeiten ist die Siegerp-artei, daß.sie aus ihrer Mitte keinen Kandidaten durchsetzen konnte; so weit.entpolstisieri ist dys Bürgertum» -atz es seinen Präsidenten üu^öer stillen" Stube desGelehrtenholen mußte, daß es den in allen sangen wankenden Staat einem Manne anvertrauen muß, der mit seiner ganzen Vorstellungswelt, nicht, mehr in der Zeit von heute leben kann. '. - In seiner.Antrittsrede — es rst ein höchst symptomatischer Zug, daß der neue Präsident von Kimschak eingeführt wurde und dem christlichsozialen'Demagogen Weiskirchner erwidern mußte — hat 'Dr. Hainisch Töne angeschlagen, die merkwürdig klingen, die man aber doch gerne boren mag. Er stellt sich auf den Boden der Menschlichkeit. In diesen zerrissenen Tagen, wo Pöbel- Heftigkeit und Hetze für Politik gilt und wo das gegensmki'ge Mißtrauen förmlich zum Stäatsprinzip geworden ist, wirkt ein solches Bekenntnis noch überraschender, weil e8 von einem hoben persönlichen Mut zeugt der sich auch in seinem Optimismus ansdrückt. Ob er daznkömmen wird, in der Trostlosigkeit des TageS versöhnend, ansgleichend und beruhigend zu wirken, müssen wir aber bezweifeln. Der Präsident hat konstitutionell gar nicht die Möglichkeit, als VordergruuLfigur auf der Bühne zu stehen und in die Entwicklung handelnd einzugreifcn. Wäre ihm aber diese Kompetenz auch geboten, so könnte er von ihr keinen Gebrauch machen inmitten von Parteien, denen ihr Parteidogma Selbstzweck geworden ist und die die Zerfleischung des Staatswesens ans Rache-oder Schadenfreude betreiben. Es ist ein quälendes, schmerzliches-Bild, das Oesterreich bietet, ein Staat, der zwischen Leben und Sterben schwankt, - der. sich auf den Trümmern einer großen, aber schuldbeladenen- Vergangenheit ausbauen will und nicht die Kraft dazu' findet, die allein aus dem Mut zur entschlossenen , Demokratie" geschöpft . werden kann. . Dhne Freundeohne Vertrauen, ohne'Individualitätenschleppen Staat und iDolk ihr Leben fort, werden sich selbst und ihren -Gläubigern zur Verlegenheit. Die Vereintwgrtuugslosigkeit, die sich hier breitmacht, wag ja von kommenden Geschlechtern als Zeichen der Zersetzung, pines lebensunfähigen Gebildes gewertet werden. Der Heutigen-Zeit ist sie ein Maßstab für die Verlotterung, die ein'verldrener Krieg im Gefolge hat. und für die Einschätzung,-derer sich eine Wählerschaft erfreut, die der qn dem Unglück, an der Hetze.. an dem; Tiefstand. der Kultur schuldigen, Partei ihr Votumgibt.. Dr. .Hainisch; hat in seiner Programmrede das eiserne Pflichtgefühl angerufcn. Wir wollen hoffen, daß er wenigstens den Versuch machen wird, alle Klassen der Bevölkerung zu dieser strengen Anschauung emvorzurMen? Sollte es ihm gelingen, seinen Einfluß nach den von ihm in seiner Antrittsrede betauten Gesichtspunkten der Menschlichkeit erfolgreich zu betätigen und die Politik der Instinkte einzndämmen, so könnte seine Wahl dazu bettragen, die Wunden Oesterreichs, die ein auf die Spike getriebener Parteienkampf noch aukreikt. einigermaßen zu Merle Ostjudenaebatie im Wiener vememmai Das Elend der OstflÄchtlinge in Wien. — Wie sie drangsaliert werdend — Die Gemeinderäte Dr. Ehrlich und Dr. Plafchkes gegen die AusiveifrmgSPrakLikem , Was Bürgermeister Neumann verspricht. Ein Referat des^ StadtratS Siegel über die Mehrkosten für den Vau der Kriegswohnhäuser auf-der, Siedlung Schmelz gab gestern wider alles Erwarten Anlaß, eine mehrstündige Ostjudendebatte. abzuführen,, in welcher ganz besonders die Gemeinderäte Dr. Jakob Ehrlich und Dr. P l a s ch k e s an der Hand eines reichen statistischen Materials das Elend der armen Flüchtlinge und die furchtbaren Drangsalierungen schilderten, mit welchen diese Aermsten unter den Armen verfolgt .wenden. Ihre Ausführungen wurden mit' größtem Interesse angehört, aber auch" häufig von den Christlichsozialen, welche von den beiden Rednern hart angepackt wurden, durch laute Zwischenrufe . unterbrochen. Auch Bürgermeister Reumann ergriff in längerer Ausführung zu dieser Frage das Wort. Er erklärte, daß diese Frage nicht mit dem Schlagworte „Ostjuden hinaus!" erlebet werden könne. . Wo ehrliche Arbeit geleistet werde, dort müsse mit größter Rücksicht vorgegangen werden. Gegen die Schieber und Schleichhändler ohne Unterschied der Konfession und Nation Müsse. gleichmäßig energisch vorgegangen werden, denn diese seien die Geißel der Bevölkerung, aber nicht der arme, arbeitswillige Mensch.?! . GertteinderMMüM iiten?hemoQfldfiäien Weise *- auf : die? AusfühvuNgen Dr. Ehrlichs. -? ' Nach Begründung des Referats durch Gemeinde rat Sieget befaßt sich Gemeindec<rt Natter (christlichsozial) mit den Ursachen der Wohmmgsnot und kommt hiebei. auf die Ostjudenfrage zu sprechen, wobei er den Bürgermeister an sein Versprechen in, dieser. Angelegenheit anläßlich oer Uabevnahme der Geschäfte der Laudesrcgierung erinnert. " /- Gemeinderat Bermann (Sozialdenrolrat) erklärt die. Angriffe Notters gegen die Zuweisungskommissiouen als un- . gerechtfertigt. Die von. ihm vorgebrachten Fälle von Wohnungsanweisungen seien auf Grund von Berichten der „Reichs p o st" vorgabrächt und von' Anfang bis zum Ende erlogen. Me Ausführungen Dr. Ehrlicßs. Dr. Ehrlich: Wir werden selbstverständlich für den Antrag des Herrn Referenten stimmen, wie wir überhaupt für jeden Antrag gestimmt haben - und auch in Zukunft. stimmen werden,, der geeignet ist, die in Wien herrschende Wohnungsnot zu lindern. Das Thema war natürlich, wie auch bei früheren Anlässen, für Herrn Gemeinderat Natter sehr verlockend, wieder einmal die Flüchtlingsfrage aufs Tapet zu bringen und-die ganze Wohnungsnot auf dre einfache Formel zurückzuführen, daß diese Frage gelöst sein wird, wenn die Flüchtlinge Wien verlassen haben, werden. Ec hat bloß eine sachliche Bemerkung gemachtindem'er uns - Ziffern.aus dem, Jahre, 1917 vorführte, aus denen ersichtlichist, daß die -Wohnungsnot in Wien im Jwhre 1917 nicht' drückend war, wiewohl, damals, mehr Flüchtlinge in Wien wohnten als heute. Es ist also wirklich - eine D e m a g o g i e, - wenn man für die Wohnungsnot die Flüchtlinge verantwort-' lich macht. (Zwischenrufe.) Natürlich, von Herrn Nikolaus von S z e m s z ö, - einem Gesinnungsgenossen ' von Ihnen, einem magyarischen Christlichsozmlen (Zwischenrufe), er-' zählen Sie nichts und doch hat er in der Czerningasse ein ganzes „Kastell" bewohnt und hat doch Stallungen mit elektrischen Lickst, Zentralheizung und persischen Teppichm. A ber . . arme Leute, aus EleudSquartieren werden massenweise delogiersi (Zwischenrufe.) Das weiß ich besser als Sie, denn wenn ein armer Jude delogiert wird, kommt er nicht zu den Christlichsozia-l-n, sondern ^zu , den zionistischen Gemeinde raten. Ich werde Ihnen .also Falle aus den letzten, Tagen erzählen Ich röerde die Namen und Adressen angcben» damit. Sie sich selbst durch einen Lokal» Augenschein überzeugen können. Da-ist zuin Beispiel ern E l i a s S ch l o ß, 9. - Vcz.. Hahngasse 31/, der sich ein; miserables Hofmagazin zu einer sogenannten „Wohnung". adaptiert hat. Das Stodtphysikathat die Wohnung als un* benützbar erklärt und hat den 98jährigen Mann m't seiner zahl rücken Familie dennoch aus Barmherzigkeit dort gelassen. Es ist eine Elendswohnunq, die keinen Schutz vor Scbnee und Regen gewährt. Aber das Wohnungsamt bedroht den Mann fortwährend, mrt Delogierungen. Eine andere „lästige Ausländerin" ist me kVlickschneiderin Etel Nadel, die mit ihrer Tochter in der Taborstwße 11 ein kleines Kabinett als Untermieterm bewohnt. Ein weiterer Fall betrifftden Jakob 20. Bezirk, Karl Meißlstraße 14. Seine Frau ist nach Konstatierung des Oberbczirl§i>rzteS Dr. Steuer im neunten M onat der S ch w a n g e r s ch a i t. Auch sie soll aut btt G ■: | f c ge ’ic r f c n werbe 7-cl> kann Ihnen heute mein alb Fälle aufzähleuihre ZaA rjt außerovdentlich groß. (Zwischenrufe.) Ich bin überzeugt, daß, wenn sich diese arme« Teufel an einen Angehörigen der christlichsozialen Partei um Hilfe wenden würden, S.ie eS als Ihre Menschenpfticht ansehen würden, Ihre Hilfe nicht zu versagen. (Züstimmungl). Die Delogierungspraxis wendet sich fast ausschließlich gegen arme? arbeitend-e Leute/ wie überhaupt die ganze Äuswei« süngs- und Albschaffungspraxis. Man hat uns immer^ versprochen. daß einem - ordentlichen Beruf nachgehende Personen nicht auSqewi-esen werden sollen. Diese Zusage wuroe nicht gehalten. Ich kann der 'ftoz ia ld e m o k ra ti sch en Panel den Vorwurf nicht ersparen, daß sie mit der sogenannten p'roletarischen' -Solidäri tät vor j.üdifche« a r b e r te n d..e n. Menschen .Halt, m a ch t. - Es wevden Leute abgeschafft, die seit Jahren in derselben ArbeitSstcllung sind und soaar n e w e r k sck> a ft li ch organisiert sind. Die Comptoiristin Elsa Berger, seit Iahten bei der Speüiturnssirma Leinkauf,' die bei einer SckWestec wobntt die, sckon lange - österreichische Staatsangehörige-' ist - und somit niemandem eine Wohnung nimmt, wird von der. Polizei aufs rücksichtsloseste verfolgt. Die Polizei ist nachts in ihr^ Wohnung eingedrungen, um sie ins Schub Haus zu bringen» und es bedurfte vie'er Bemühungen, um ihr Ruhe zuverschaffen. Der- Herr - Bürgermeister hat als Landeshauptmannerklärt, daß man auf jene Leute - Rücksicht nehmen wird/ dis arbeiten und die-Wohnungsnot nicht vergrößern. Wenn auch der Wille des Herrn Bürgermeisters gut sein mag, seine Wwiiif ‘ foTir. ait: fpiTI. tvPTtlt IßbCT d iesen Brut-ali täten abfinden und w'er-ds.n lamax, daß auch jüdischen Flüchtlingen gegenüber die Ge» : böte der Menschlichkeit ' eingehalten werden. (Zwischenrufs- Wenn Sie sich über die Anwesrnheit der Flüchtlinge te--- schweren, -vergessen Sie nicht, daß die Leute nicht als Ber-- anügungs-'-Liseu^e nach Wien-aek-ommen sind, sondern vorder Kriegswelle hiehergeworfen wurden. (Zwischenrufe.) perr Nummelhardt, wenn Ihre Partei Nickt, den Krieg gemacht hätte/wären die - Flücht'inge nicht in Wien. Es ist Tatsache» daß viele Tausende von Flücktlingen abrersen wollen, bei der polnischen GeZandtsckatt gemeldet sind, daß es aber an Trans» : portmitteln fehlt, um sie zu befördern. An den, Herrn, 'Bürgermeister als Landeshauptmann muß ick aber dre Ausforderuna richten, dem Drängen einiger 'chnstlichf-ozia'ler Politiker nicht nackzugeben und die. Flüchtlingsfrage-so lösen zu . helfen, wie es eines sozialdemokratischen Bürgermeisters würdig ist. (Beifall.) Bürgermeister Reumann: , Gs gehört seit einer ae»: raumen Zeit zum eisernen Beständner' einiger - Parteiender - Ruf: „Ostjuden hinaus Vr Das wird in einer ganzen » von Versammlungen und in der Prcs'r propagiert. Ich habe -- meinen Standpunkt in bi fer Frage wiederholt gekennzeichnet > Ich vertrete die Äussassung, daß diejenigen, welche rn e Y rlicher Arbeit ihre Existenz suchen und nah re- . lang in Wien wohnen, d a ßd r e s e n \ d) t tu 11 e inet. - solchen Härte zu versolgen sind. wne in dew- Ausweisungsverordnungen v o r ge s ehen rst. -Lse allem darf kein Unterschied gemacht werden, ob-brr Fremde guSr Gasigien, aus der Tsihecho-S'owav r oder aus einem ändere» Staate stammt; alle Fremden.müssen gleich behandelt werden. - Der Dürgermer^er verliest -dre diesbezügliche Kundmachung-dev. - niederösterreichrschrn Landesregierung vom 9.-September 192Q über, die Ausweisung der Fremdländischen und bemerkt, auchhttr sei-der Gedanke zum Ausdruck gebrächt, - daß Menschen, - die schon jahr''ang in ci nr selten Ste lnng hier arbeiten, ' nicht ansgewicsen werden sollen. um Aus: staaten e...».—• —~ - » galt zische F lüch tlin ge, die knapp nach Kwr.egS^ aus brüch nach Wien-gekommen sind und-li: die ganze Zerr . nicht heimbesärdert werden koiinten, w.it Westga-izien zuerst von den Russen beseht war und späterhin die^Flüchl.rng» zu Hause nur zerstörte Wohnstätten angetrosfen hätten.^ - . Gemeinderat Dr. Plafchkes: Und derzert rstGa>rzie,n daS Kampfgebiet der Polen und Bo'schswiken^ erteilten und bespricht großen Harten der Durchführung... ' - Aber., auch uireud.rche Schwr rigk. r eu - ste..en sich 8e«r . Verfahren-'entgegen, so daß in vielen Fällen urcht mrt der - .. —“ kann. Ich Habs. notwendigen.Raschheit vorgegangen weroeu wrlcken sozialen Drrhaltnissen sie sich besinderr. -Der Emblrck in dir Ab chassungSerkenntnisse ergab, daß von dieser Maß-, regel gewöhnlich arme Teufel betroffen wurden, du:! sich schon seit vielen Jahren in Wien redlich: fortbringen. Man hat eine Razzia .veraustaltet, aber nicht-, nach den Schiebern und Schleichhändlern.! Angesichts dieses Tatsache muß ich neuerlich aus-rihttg D-itehen, daß ich aus dem Grundsatz unverrückbar verharre, gegen, s^rllch SUBttlejtoe