Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 674 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis ■£. I.äO Einzelpreis LL 1.20 P«a»»meratti»«spreti»r Wie»: An» »»»ini w M «rvetzt«»», 8. vezirk, L«»«- p»«tzr I »t» 3» oder « «t«e . Serschleißsteite «rrafikl: g!on«ettch.. fttnta »»«— terteljÄrNch .. «0- Mit Postverran» »Sr «ir» wch Oesterreich: 0b>nitltd> •. Krone» 30.» £li!iefla*Cl»ie*fel: Monatlich .. Kronen W.- «vtertelküSrlt» „ »v.^ l» tschechd-ilowaklfchnWihnrn» Ungam: Monatlich .. Kronen J’».- jvterteljasrltch „ 90^* in n»,arische, Sichen», Aasoslawien: Monatlich.. Dar« •<- VimcIjMtltdi » iarener ' r, 9t&R«ntrati»ti«MH|t, Polen: _j. Monaeltch .. Mar, ivteri'eijährlich n ««M . i» polnischer Sah«», Senlschlan»: - Monatlich. . . Mark Mr*\ _ Nrankeeichr ' „ _ Monatlich. . .Krane- KioNj' _ Ftatten:' .;, Monatlich .... Lire ff»«- Echivelz: > Monettitch. . . Franev &r*, Redaktion n. Skdmlniftratto» W teu,!S.B ez.,Taborstr»1'-K Selchchone: Avnrinistratlon 440 Redatlio« cfe «K»ra»endsR».LaLÄl OoMdnriaKeniontO ISOAf Sir. 674 Wien. Freitag, den 10. Dezember 1820 2. Jahrgang «tft < ♦♦ Sit der gestrigen Bundesversammlung wurde beim fünften Wahlgang Dr. Michael Hainisch zum Bundespräsidenten der Republik Oesterreich gewählt. Abgegeben wurden 217 Stimmzettel, davon l?er, daher dngiilt g 3; es verblieben somit 214 gülti e Stimmen, die absolute Majorität betrug IW. Es entfielen auf Dr. Michael Hainifch 129, duf Abgeordneten Karl Seitz 85 Stimme«. Der Wahlakt. Bo» unserem Parlamentrderichlerstatter. , Ohne weitwendige Aufmachungen und pompöse Zeremonien wurde gestern von der Bmchesversammlung her erste freigewählte Bundeäpiäsident der Republik Oesterreich, Dr. Michael H a i n i s ch, in sein Amt eingeführt Die Grotz'deutschen und die Deutsche Bauernpartei gingen mittags von ihrem im ersten Wahlgang Angenommenen Standpunkte ab. auf. der Kandidatllr Dr n g h o f e-r s. unbedingt zu bestehen, und beschlossen, dem von den Christlichsozialen vorgeschlagenen Kompromitzkandidcüen Dr. Harnisch ihre Stimmen, zp geben.. Sie. Christlichsozialen lirden, nunmehr amb hip Sozialdemokraten ein, mit den anderen Parteien, er n h e l li g Dr. p o i n i | ch zu wählen, der soziald^mokratWe Perband lehnte die^ .jedoch ab. Jmnierkrin war aber die.einfache Mehrheit, für Dr. Hmni^ch vorhanden uM^ke^MtWEWMurlg' kvnme um" halb Ä Uhr nachmittags zur Bundespräsidentenivuhl schreiten. , ..... Der neue Vundespräsident ist eine.professorale Ers^eipung mit stark.ergrautem Vollbart.. Bei seinem Einzug in den Sitzungssaal tauschte er zunächst mit den sozialdemöklatischen Mitgliedern der BundesveriLmm-.. luyg, die er von . seiner Tätigkeit im Arbeitsbeirate und anderen Körperschaften herkennt, Händedrücke und schritt-trotz seiner 62 Jahre elastischen Schrittes die Stufen zum Halbrund vor die Miyisterbank hinab, wo er m'ü volltönender. Stimme das Gejöbnis äblegte. . . Der Wahlakt sanrt der Angelobung hatte kaum eine halbe Stunde beansprucht. . Nachstehend der'.Sitzungsbericht: Präsident Dr. Weiskirchner eröffnet« die vorgestern unterbrochene Sitzung der Bundesversammlung. um halb 5 Uhr und leitete den fünfte» Wahlgang zur Wahl des BundeSprästdenien ein. Abgegeben wurden 217 Stimmzettel, davon., leer, daher ungülttg, 8; es verblieben somit 214 gültige Stimmen; die ckbsolute Majorität betrug daher 108. Es entfielen auf Dr..Michael Häinisch,129, oaif Abgeordneten Karl Seitz 8b Stimmen. Präsident ^Dr. Weiskirchner: Es. erscheint. somit Dr. Michael Hainisch zum Bundcsvräsidenten der Republik Oesterreich gewählt. ' , , Ich ersuche den Herrn Kanzleidirektor des National« rfltes, sich zu dem . Gewählten zu begeben, chn von dem Er« gfbyisse der Wahl ,zu verständigen, und ferne' Schlutzfassung etnzccholen, ob,er die Wahl anrummt. " . i.. .. Nach kurzer. Unterbrechung der Sitzung teilte Präsident Dr. Weiskirchner mit, -atz Dr. Michael Harnisch erklärte.-die - auf ihn gefallene Wahl dankend anzunohmen, und' setzte -fort: - r Der Dank an Seitz. i s Es obliegt mir nun die Pflicht, in diesem Augenblick dem Manne zu danken, in dem bisher die oberste Exekutivgewalt der Repübljk verkörpert war, dem Präsidenten Hertz der konstituierenden Nationalversammlung. - Präsident Seitz hat in di.'ftr Funktion durch mehr als eineinhalb Jahre seine besten Kräfte zur Lösung der ihn» gestellten Aufgaben auf gewendet,'wir anerkennen seine stete Umsicht, seisie unermüdliche, hingebungsvolle Tätigkeit und insbesondere seine grasten Verdienste aufdem - Gebiete *der für unser -armes Oesterreich so wich izrn auswärtigen Hilssakliouen. Jy einem Augenblick, da un^:r crzeneS- Dolk und das Ausland aus uns blicken, -dürfen Parteigegensätze u ns nicht ab halten» stieser Anerkennung auch offenen, vollen Ausdruck zu leihen. (Lebhafter Beilall und Händeklatschen.) Ich glaube daher, tnt Sinne aller zu sprechen, wenn ich Herrn Präsidenten Sertz den wärmsten Dank der BmtdLZverjLMNtlunL tiem.it übermittle. (Lebhafter, anhaltender» allgemeiner Beifall unhHände- Natschen.) / ' . Der neugewahkte Bunbespräsident wurde. nun von den Mitgliedern der Hündesregierung fererlich emgeholt. Präsident Dr. Weiskirchner: Ich , begrüße den Herrn Bundesprä,'identen. in .ber höhen Bundesversammlung. Ich' richte an Sie, hochverehrter Herr Bundespräsident, das Ersuchen, das in der Verfassung vorgeschriebene Gelöbnis zu leisten,' .indem--Gi« .tzit^e.' 'W$ Gelöbnisformel, dte ich verlestn nterde, «achzusprechen. . Bundespräsident Dr. Michael Hai nt sch leistet-hierauf vor der Versammlung, die . sich erhoben hat, daS. GekSbniSr ' „Ich gelobe, .daß ich , die- Verfassung und .alle Gesetze der Republik getreulich beobachten und meine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen werdet - Präsident Dr. Weiski,rchner richtete sodann an den- Dundespräsidcnten f.llgende Ansprache: Herr Bundespräsident! Gestatten Sie mir. Sie zu der aus Sie gefallenen Wahl zu beglückwünschen unp Sie rm Namen der Bundesversammlung feierlich zu begrüßen. . Sie treten mit dem heutigen Tage -vor die Reihe Ihrer Mitbürger, um ein hohes, schweres,» e r a n tw o r« tung § vd l 1 es A m t zu übernehmen. Die kleine und arme Republik ist nicht in der Lage» Ihr Amt mit. äußerem Glanze ' zu umgeben. Ich meine aber, daß Ihr. Amt, Herr Bandes-i -tzMsidept, Aoußetlichkeites, nicht mehr das durch die Wahl selbst in versa/sungsmästrster Form zum Ausdruck gebrachte Vertrauen der Bokksvertrettzns bezeichnen. ' ' * Ich bin dessen gewiß, daß Sie dieses Vertrauen rechtfertigen .werden. ' Die -wichtigste und dringendste Aufgabe unserer Ne-ubli? . ist, die Sy mpathien der fr emden S taaten und Völker zu gewinnen und, wo wir pns schmciheln dürsrn, di:se Sympathien schon gewonnen zy haben, sie zu befestigen. Ich rechne darauf, daß Ihre Amtsführung, Herr Präsidents dazu beitragdn wird, dieses für unsere Lebensexistenz so notwendige, ja, unentbehrliche Kapital internationalen Ver- . trauens zu mehren. Nach ünven gilt für uns alle der unverrückbare oberste Grundsatz unseres DersassungsgesetzeS: ^Oesterreich ist eine demokratische stkepubUk. Ihr Recht geht vom Volk aus." Unterem Volke zu dienen und seine Rechte zu wahren, ist unser aller und Ihre vornehmste Pflicht. Groß ist di: Vercurtwortung, die Ihnen, Herr Präsident, der heutige Tag aufbürdet, Ihr redlicher Manneswille bürgt uns, daß Sie mit Aufbietung all Ihres Wissens und Könnens an die Erfüllung Ihrer Ausgaben schreiten werden. Ein stolzer Tag für^ Sir, Herr Präsident, möge er stets ein Ehrentag für Staat und Volk fein. In diesem Sinne fordere ich die hohe Dündesversammlüug 'auf, mit mir einzustimmenin den Rüs: E S'lebe die Republik! Die Versammlung brachte, ein dretmaliges begeistertes Hoch aus die Republik aus, woraus dir Sitzung geschlossen; wurde. Proarammre^e d^s neuen Vun-es^rLfidenten. Nach Schkütz! der . Dundesverfammluntz fand im Sitzm^sSsaale des Budgetausschuffcs ein Empfang der Negierung' und. der Mitglieder der Bundesversammlung durch den neugewählten Bundespräsidenten statt. Hlebei hielt Bundeskanzler Dr. Mayr eine Ansprache, in-welcher er namenS der Regierung den Dundespräsidenten auf das ehrerbietigste begvützte. Hierauf erwiderte Dundespräsident -Dr. Harnisch: Wenn ich irgendeine'Eigenschaft mit in dre Wiege bekommen habe, so ist es die Eigen schaft voller Objektivität» Ich bin mir der Grenzen meiner Begabung uttd memeö Wissens voll bewutzt; aber eines'kann ich mit'gutem Gewissen behaupten: Es kann mich niemand über« treffen in selbstloser Hingabe an unser«GRepublik und in der Liebe zu unserem de ntschen Volke. (Lebhafte Zustimmung.) Ich habe mein ganzes Leben hindurch mich mit wissenschaftlich'en' Arbeiten befaßt. Wer wissen schaftlich arberten will» mutz vor» aussehunglos arbeiten. Er darf sich nicht durch Neigur^en. Wünsche und vorLeratztL Meinvlmen beirren lasse« mch muß strenge Kritik und SelbstdiSzi-» plin üben. Er mutz.auch dem Gegner gerecht zu werde» versuchen. Ich glaube, daß ich es diesen Eigenschaften verdankedaß ich hier stehe. Ich gehöre keiner politischen Partei an, v aber sehr vsiele gemeinsame Ideen verbinde»' michE'm.iit den Mitgliedern der drei gratzen. Gruppen.des.Hauses pnd ich.freue mich, feststellen, zu können, daß ich in jeder der Gruppen viele persönliche. : Freunde, habe.. . Ich -kann meine Aufgabe nur darin erblicksn — die' Funktionen des BundeSpräsidenten sind ja durch die Verfassung enge umschrieben — Gegensätze auSzug l eiche n untz, zu m i l d e t n. Ich will mir da gerne die grotzen Worte vor'Dugen halten, die der griechische Tragiker. - seine Heldin sägen läßt:; „Nicht mitzuhasiea» mitznlieben Li» ich da/' Ach werdealso auszügleichen trachten, umsomehr, alSunsere heuchze Zeit, wie ich glaube, danach angetan ist»' uns zur Einkehr zu mahnen; denn wenn irgendje einmal' ein Zusammenhalten notwendig war, so ist dies heute' dess,- Fall. . Wir befinde« mnin einer geradezu.verzweiselte« Lag^ und nur eisernes Pflichtgefühl hat mir die Kraft gegeöe»^ mein Amt zu übernehmen. Der Friede von Sainsick Germain hat Millionen unserer- Stammesangehörige» , von uns abgetrennt, . selbst, aus den geschlossenen Sprach«., gebletsn hcchöni wrr. wichtige Eisenhahnkiwtenpunkte Verlars^' Zch glanbe, daß die Mächte, hie dicfe unsere La^e ge» < schaffen haben, nun auch die moralische Verpflichtung haben,^ u«S zit fjeifett* Gewiß empfinden wir es danDar, daß chu^ dem Gebiete-der Wohltätigkeit alle Kulturvölker uns. . zu Hilfe eilten. Das allein aber kann uns nicht dauernd helfe», Denn ohne Kohle können wir die Industrie nicht alimen«. .tieren ^uich . unser Nahrungsspielraium ist, wie Sie alle wifsrn^. -outzewchentlich/beschxsinkt. /Immerhin, gebietet es die Objeik«' ttvitat, züzugestxhen.. daß wir bei v o l l st' e r A u S n ü tz u n K. .unserer eigenen Kraft unsere Lage wenigstens teilweise bessern könnten. I Es ist auffallend, ^tzatz Deutschöstereeich Sei detz^ .großen Stückzahl seiner Rinder zu wenig Milch fst* die Säuglinge und Kranken hat. Ich glaube, daß nsiss, 'ganz energisch.darangehen müsien, die landwrrtschaft« liche Produktion zu heben, und der Erfolg kann -nicht äüsbleiben. Ein werterer, Punkt betrifft . die Banknoteninftatio«. Während wir im März 16lg einen Banknotenumlauf von nicht ganz b Milliarden hatten, beträgt er heute nahezu. 30 Milliarden. Ich habe im Generalrat der Bank die A n» flat i o n i mm er beklagt. j So sehr wir darauf angewiesen sind, frembe Hilfe zu erbitten, so glaube ich doch, datz die Genesung für Volk und Staat.nur von innen heraus kommen kann. Ich bin' der Meinung, daß die Worts, die letzthin in fa nächdrücklicher Weise vom Finänzminister gesprochen wurden,, unsere De«, vife müsse sein: Arbeit und Spare», . ' . unbedingt richtig sind. Wir haben alle die heilige Verpflichtung. zurückzukehren zur einfachen Lebensweise unserer Väter. Unsere Klassiker haben dieft- Lebensweise eingehalten und das einfache Leben hat sie nicht daran-gehindert.'Werke z» schaffen, die der deutschen Nation zur Ehre gereichen werden kür ewige Zeiten. Auch wir müssen zur Einfachheit zurückkehren und mit Bedauern mutz ich konstatieren, daß leider weite Kreise unseres Volkes sich den Ernst der Csituatiön n i ch t v o r Augen führen. Ich verweise nur auf dis noch immer bemerkbare .. ' Seuche des AlkoholitzmüS. Die heiitige Zeit birgt, schwere Gefahren in sich, deren noch viele sich nicht bewußt sind. Am gefährd elften ist der Mittelstand, dann kommt gleich die industrielle Arbeiterschaft. Mir scheint die Gefahr,zu bestehen, wir könnten uns bei dem Mangel an Kohle und ' Rohstoffen in eine schon lange überwundene Stufe der Volkswirtschaft zurückentwickeln. Ach sehe also für dte nächste Zukunft schwarz, nicht aber für die fernere Zukunft. Die Geschichte lehrt «n-«- daß noch nie ein großes Volk zugrunde gegangen ist. ed hätttz fick, denn selbst aufgegeben oder es hätte seine sittliche Ante-« grüßt verloren. Darum lassen Sie mich heute hoffen^ datzj